Rojava

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Föderation Nordsyrien – Rojava

Federasyona Bakurê Sûriyê – Rojava (kurd.)
اتحاد شمال سوريا و روج آفا (arab.)
Federation of Northern Syria – Rojava (engl.)

Flag of Syrian Kurdistan.svg
Coat of Arms of Rojava.png
De‑facto‑Regime, Gebiet
ist völkerrechtlich Teil von
Syrien
Amtssprache Kurdisch, Arabisch, Assyrisch
Hauptstadt Qamischli
Regierungsform Demokratischer Konföderalismus
Einwohnerzahl 4,6 Millionen (Schätzung 2014)[1]
Währung Syrisches Pfund
Gründung 17. März 2016: Föderation Nordsyrien – Rojava[2]
Nationalhymne Ey Reqîb

Als Rojava (Aussprache: j = [ʒ]; kurdisch رۆژاڤایا کوردستانێ, Rojavaya Kurdistanê; arabisch كردستان السورية, DMG Kurdistān as-sūriyya), auf Deutsch Westkurdistan, werden von kurdischen Organisationen die de facto autonomen kurdischen Siedlungsgebiete in Syrien bezeichnet. Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten die autonome Föderation Nordsyrien – Rojava aus, bestehend aus den drei Kantonen Rojavas.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Westkurdistan“ (Rojava):
Gebietsansprüche und kontrollierte Kantone der PYD
Rojava cities.png
Rojava als „Westkurdistan“, wie es auf einer Website der Partei der Demokratischen Union (PYD) im Oktober 2013 umrissen wurde[3]
Rojava february2014.png
De facto-Kantone „Westkurdistans“ (Rojavas) und beanspruchtes, aber nicht von Kurden kontrolliertes Territorium (Februar 2014)

Rojava entspricht in etwa den überwiegend kurdisch bewohnten Regionen im Norden Syriens entlang der Grenze zur Türkei, die durch überwiegend arabisch besiedelte Gebiete voneinander getrennt sind. Aufgrund dieser territorialen Trennung sprachen ältere kurdische Autoren nicht von einem „Syrisch-Kurdistan“, sondern lediglich von „kurdischen Gebieten in Syrien“[4]

Rojava ist in 4 Kantone untergliedert. Die Kantone sind (von West nach Ost): Efrîn, Şehba, Kobanê und Cizîrê (die syrische Provinz al-Hasaka mit Qamischli als Hauptort). Der Kanton Cizîrê grenzt direkt an die Autonome Region Kurdistan im Irak.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kurdische Minderheit in Syrien wurde unter dem arabisch-nationalistischen Baath-Regime jahrzehntelang diskriminiert.[5][6] Im Verlauf des Bürgerkriegs in Syrien gab die syrische Regierung gegen Ende des Jahres 2013 die Kontrolle über die Regionen an der Nordgrenze auf. Lokale kurdische Kräfte übernahmen vielerorts die Kontrolle. Am 12. November 2013 beschloss die „Partei der Demokratischen Union“ (Partiya Yekitîya Demokrat, PYD) gemeinsam mit der christlichen Suryoye Einheitspartei (einer Assyrisch/Aramäischen Partei) und weiteren Kleinparteien im Norden Syriens eine Übergangsverwaltung aufzustellen, um den durch den Krieg entstandenen Missständen in Verwaltung und Versorgung der Bevölkerung zu begegnen.[7] Am 21. Januar 2014 folgte die Etablierung der Verwaltung in Cizîrê, am 27. Januar in Kobanê und einige Tage später auch in Efrîn.

Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten in Rumaylan eine autonome Föderation Nordsyrien – Rojava aus, bestehend aus den drei Kantonen Rojavas.[8][9] Weder die USA und Russland, noch das Assad-Regime und die syrische Opposition unterstützen die Autonomiebestrebungen.[10]

Die Föderation Nordsyrien – Rojava unterhält diplomatische Vertretungen in Moskau,[11] in Stockholm[12] und seit Mai 2016 auch in Berlin.[13] Ziel der Vertretung sei es, diplomatische Beziehungen mit dem deutschen Staat aufzunehmen und die Öffentlichkeit über die Entwicklungen in Rojava zu informieren, erklärte der Repräsentant der Autonomieregion, Sipan Ibrahim. "Wir wollen den Menschen in Deutschland deutlich machen, dass in Rojava Kurden, Araber und andere Bevölkerungsgruppen geschwisterlich zusammenleben."[14] Ebenfalls im Mai 2016 öffnete eine Vertretung in Paris.[15] Ferner gibt es eine Vertretung der Selbstverteidigungs-Streitkräfte YPG in Prag.[16]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei Kantone Rojavas: Efrîn (gelb), Kobanê (orange) und Cizîrê (türkis).

Die im Frühjahr 2016 von der Verwaltung Rojavas kontrollierten Gebiete entsprechen etwa den syrischen Verwaltungseinheiten Distrikt Afrin, Distrikt Ain al-Arab und Distrikt Tall Abyad sowie dem Gouvernement al-Hasaka. Diese vier Verwaltungseinheiten hatten nach der Volkszählung aus dem Jahr 2004 eine Einwohnerzahl von rund 1.900.000 Menschen. Die Bevölkerung bestand überwiegend aus Kurden, Arabern und Assyrern. Durch den Bürgerkrieg gab es sowohl Abwanderung als auch Zuwanderung von Flüchtlingen. Im Jahr 2014 wurde die Bevölkerung auf rund 4,6 Millionen geschätzt.[17]

Diese Liste enthält alle Städte in Rojava mit mehr als 10.000 Einwohnern gemäß Zensus von 2004.[18] Städte in grau sind zu einem großen Teil auch unter der Kontrolle der syrischen Zentralregierung. Die Hauptstädte der drei Kantone sind in Fettschrift.

Name (Kurdisch) (Arabisch) (Assyrisch) Einwohner 2004 Kanton
al-Hasaka Hesîçe الحسكة ܚܣܟܗ 188,160 Cizîrê
Qamischli Qamişlo القامشلي ܩܡܫܠܐ 184,231 Cizîrê
Kobane Kobanî عين العرب 44,821 Kobanê
Afrin Efrîn عفرين 36,562 Efrîn
Raʾs al-ʿAin Serêkaniyê رأس العين ܪܝܫ ܥܝܢܐ 29,347 Cizîrê
Amude Amûdê عامودا 26,821 Cizîrê
al-Malikiya Dêrika Hemko المالكية ܕܪܝܟ 26,311 Cizîrê
Tall Rifaat Arpêt تل رفعت 20,514 Efrîn
al-Qahtaniyya Tirbespî القحطانية ܩܒܪ̈ܐ ܚܘܪ̈ܐ 16,946 Cizîrê
asch-Schaddadi Şeddadê الشدادي 15,806 Cizîrê
al-Mu'abbada Girkê Legê المعبدة 15,759 Cizîrê
Tall Abyad Girê Spî تل أبيض 14,825 Kobanê
as-Sab'a wa Arba'in السبعة وأربعين 14,177 Cizîrê
Jindires Cindarêsê جنديرس 13,661 Efrîn
al-Manadschir Menacîr المناجير 12,156 Cizîrê

Politisches System[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verwaltung soll die multiethnische und -religiöse Situation in Nordsyrien widerspiegeln und besteht jeweils aus einem kurdischen, arabischen und christlichen-assyrischen Minister pro Ressort. Insgesamt wird der Plan verfolgt, ein demokratisches System aufzubauen im Sinne des selbstverwalteten demokratischen Konföderalismus nach Arbeiten von Abdullah Öcalan, so wird beispielsweise auch eine Frauenquote von 40 % in der Verwaltung angepeilt.[19] Laut PYD ist der längerfristige Plan, alle drei Kantone unter einer Verwaltung zu vereinen.[20]

Die PYD stieß mit diesem Schritt jedoch sowohl innerhalb Syriens als auch international auf Kritik. Ein Kritikpunkt ist, dass die PYD für den angestrebten zusammenhängenden Landstrich „Rojava“ in Nord-Syrien auch überwiegend nicht-kurdisch besiedelte Gebiete beansprucht, was v.a. bei der arabisch-sunnitischen Mehrheit in diesen Gebieten auf Widerstand stößt.[21][22]

In dem Gesellschaftsvertrag von Rojava[23] verpflichtet sich die Verwaltung der de facto autonomen Gebiete zur Einhaltung der Menschenrechte. Insbesondere werden zur Abgrenzung von der Regierung Syriens und dem IS genannt:

  • Gleichberechtigung von Frauen
  • Religionsfreiheit
  • Verbot der Todesstrafe

Gesetze Syriens gelten nur, soweit sie den Grundsätzen des Gesellschaftsvertrags nicht widersprechen.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirtschaftsordnung in Rojava ist an den Prinzipien des demokratischen Konföderalismus nach Arbeiten von Abdullah Öcalan orientiert. Privateigentum und Unternehmertum sind geschützt nach dem Prinzip des "Eigentum durch Gebrauch". Dara Kurdaxi, ein Ökonom aus Rojava, formulierte das Prinzip so: "Die Methode in Rojava ist weniger gegen Privateigentum gerichtet, hat vielmehr das Ziel, Privateigentum in den Dienst aller Bürger von Rojava zu stellen."[24] Der Fokus der Wirtschaftspolitik ist auf einer Ausweitung gemeinwirtschaftlicher und genossenschaftlicher Wirtschaftsaktivität; mehrere hundert Genossenschaften mit meist zwischen 20 und 35 Mitgliedern wurden seit 2012 gegründet.[25] Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums standen Anfang 2015 rund drei Viertel des Grund und Bodens unter gemeinwirtschaftlicher Verwaltung und ein Drittel der Industrieproduktion wurde durch Betriebe erbracht, die von Arbeiterräten verwaltet werden.[26] Es werden in Rojava keine Steuern erhoben; die Einnahmen der Verwaltung erfolgen aus Zöllen sowie dem Verkauf von gefördertem Erdöl und anderen natürlichen Ressourcen.[27] Angestellte der öffentlichen Verwaltung werden teilweise von der syrischen Zentralregierung bezahlt.[28][29]

Die Wirtschaft in Rojava hat vergleichsweise weniger Zerstörung im Bürgerkrieg erlebt als andere Teile von Syrien, und hat die Umstände vergleichsweise gut gemeistert. Im Mai 2016 schätzte Ahmed Yousef, Wirtschaftsminister und Präsident der Universität Afrin, Rojavas Wirtschaftsleistung zu jenem Zeitpunkt als 55 Prozent des Bruttosozialprodukts von Syrien.[30]

Infrastruktur und Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die öffentliche Infrastruktur im Gebiet des heutigen Rojava war vor dem Bürgerkrieg durch das arabisch-nationalistische Baath-Regime bewusst vernachlässigt worden. Im Kanton Kobanê hat der Bürgerkrieg auch zu erheblichen Zerstörungen im Kampf um Kobanê geführt. Der Aufbau öffentlicher Infrastruktur quer durch alle Bereiche ist die Priorität der Verwaltung von Rojava, exemplarische Projekte werden seit 2016 auf der Webseite "Rojavaplan" dargestellt.[31]

Das Straßennetz im Gebiet des heutigen Rojava war im Gegensatz zu sonstiger öffentlicher Infrastrukturgut gut ausgebaut. Der einzige Flughafen auf dem Gebiet von Rojava ist der Flughafen Qamischli, er wird von der syrischen Zentralregierung kontrolliert und betrieben. Unter kurdischer Kontrolle befinden sich die Militärflugplätze Rimelan und Minakh.

Handel und Investitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Produktion an Erdöl und an Agrargütern in Rojava übersteigt den Bedarf,[32] Exportgüter sind insbesondere Erdöl, Baumwolle und Nahrungsmittel (Weizen, Schafprodukte, im Kanton Afrin auch Olivenölprodukte); Importgüter sind insbesondere industrielle Konsumartikel und Autoteile.[33] Außenhandel und humanitäre Unterstützung von außen ist erschwert durch das totale Embargo der Türkei gegen Rojava.[34] Allgemein wirbt Rojava um internationale Investitionen, sowohl als Spenden für den Aufbau gemeinwirtschaftlicher Projekte wie auch als klassische Investitionen.[35]

Schulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Baath-Regime war das Schulwesen geprägt von rein arabischsprachigen öffentlichen Schulen, ergänzt von assyrischen kirchlichen Privatschulen.[36] Die Verwaltung von Rojava hat im Sommer 2015 an den öffentlichen Schulen eine zweisprachige Unterrichtung in kurdisch[37] und arabisch eingeführt.[38][39][40] Das Bestreben, schrittweise die von Baath-Ideologie geprägten Lehrpläne an den öffentlichen Schulen zu überarbeiten, ist geprägt von komplexen Verhandlungen zwischen der syrischen Zentralregierung welche grundsätzlich weiterhin das Gehalt der Lehrer bezahlt, der Rojava-Verwaltung welche die Baath-Ideologie verdrängen will, und der assyrischen Gemeinschaft, auf deren kirchliche Privatschulen jetzt auch kurdische und arabische Eltern ihre Kinder senden wollen.[41]

Keine der bei Beginn des Bürgerkrieges im Jahre 2011 bestehenden Hochschulen in Syrien befindet sich auf dem Territorium des heutigen Rojava.[42] Im September 2014 nahm als neue Hochschule die Mesopotamische Akademie für Sozialwissenschaften in Qamischli ihren Lehrbetrieb auf.[43] Weitere derartige Akademien mit unterschiedlicher fachlicher Ausrichtung befinden sich im Stadium der Gründung oder Planung. Im August 2015 nahm die als klassische Universität konzipierte Universität von Afrin in Afrin den Lehrbetrieb auf.[44]

Milizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

YPJ-Kämpferin im Kampf gegen ISIS

Streitkräfte Rojavas sind die PYD-nahen Volksverteidigungseinheiten (YPG / YPJ). Im Gesellschaftsvertrag werden sie als nationale Institution aller drei Kantone bezeichnet. Ihr Verhältnis zur Armee der Zentralregierung Syriens soll demnach durch Gesetze Rojavas bestimmt werden. Eng unterstützt werden sie von den verbündeten christlichen syrisch-aramäischen Sutoro-Milizen und FSA-Brigaden wie ua. Liwa Thuwwar al-Raqqa im Rahmen des Burkān al-Furāt Bündnis sowie durch die PKK und MLKP. Wichtigster Bürgerkriegsgegner ist die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Seit der Verteidigung von Kobanê im September 2014 werden die YPG unterstützt durch Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition und durch Peschmerga aus der autonomen Region Kurdistan im Irak.

Am 10. Oktober 2015 bildeten die YPG mit der sunnitisch-arabischen Armee der Revolutionäre (Dschaisch ath-Thuwwar), der sunnitisch-arabischen Schammar-Stammesmiliz Quwat as-Sanadid und dem assyrisch-aramäischen Militärrat der Suryoye (MFS) ein Militärbündnis, das unter dem Namen Demokratische Kräfte Syriens (SDF) gemeinsam mit der US-geführten internationalen Koalition gegen den IS in Syrien vorgeht.[45][46]

Menschenrechtslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die unabhängige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erhebt in einem Bericht aus dem Jahr 2014 gegen die in Rojava herrschenden PYD und die YPG schwere Vorwürfe wie willkürliche Festnahmen von politischen Gegnern, Misshandlung von Häftlingen, ungeklärte Entführungs- und Mordfälle, sowie den Einsatz von Kindersoldaten als Kriegsverbrechen.[47] Allerdings stellt HRW in dem Bericht auch klar, dass die der PYD nachgewiesenen Menschenrechtsverletzungen weitaus weniger eklatant und verbreitet seien als die seit 2011 der syrischen Regierung und den übrigen Rebellengruppen nachgewiesenen.

Im August 2015 mahnte der kurdische Fernsehsender Rudaw Media Network von der PYD die Unterlassung von Einschränkungen der Pressefreiheit an, nachdem ihm der Kanton Cizîrê die Lizenz entzogen hatte.[48]

Im Oktober 2015 veröffentlichte Amnesty International einen 38 Seiten langen Bericht über Kriegsverbrechen der YPG an Syrern in Rojava.[49][50] Darin ist die Rede von Vertreibungen und absichtlichen Zerstörungen von Häusern oder sogar ganzen Dörfern. Demnach ergaben Untersuchungen in 14 Städten und Dörfern der Governments al-Hasaka und ar-Raqqa, dass vor allem arabische und turkmenische Syrer kollektiv bestraft wurden und wie auf Satellitenbildern erkenntlich, ein Dorf innerhalb eines Jahres bis zu 93,8 % zerstört wurde.[51]

Ein YPG-Sprecher hat die Vorwürfe zurückgewiesen und sie als "willkürlich", "parteiisch" und "unprofessionell" bezeichnet und Amnesty International ferner vorgeworfen, ethnische Spannungen zwischen Kurden und Arabern zu schüren. Er behauptete, dass viele der untersuchten Ortschaften vom IS und anderen terroristischen Organisationen mit Minen und Sprengfallen zerstört wurden. Zudem verdächtigte er Amnestys Zeugen Komplizen des IS zu sein. Schließlich wies er auf Allianzen mit arabischen Milizen in den Ortschaften hin.[52] Beweise für die Präsenz dieser arabischen Milizen v.a. in den besonders schwer betroffenen Dörfern Husseiniya und Suluk konnte der YPG-Sprecher aber nicht anführen, entsprechende Anfragen von AI mit der Bitte um Erklärung der Zerstörungen in Suluk ließ die YPG unbeantwortet.[53]

Kriegsverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurdisch kontrollierte Gebiete im Bürgerkrieg in Syrien
  • von Kurden kontrolliertes Gebiet
  • von den IS-Milizen kontrolliertes Gebiet
  • von syrischen Rebellen kontrolliertes Gebiet
  • von der syrischen Regierung kontrolliertes Gebiet

Der mittlere Kanton wurde im Laufe der Schlacht um Kobanê im September 2014 durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) fast komplett zerschlagen, wurde aber nach monatelangen Kämpfen doch gehalten und der IS wurde zurückgedrängt.

Im Februar 2015 begannen die YPG mit ihren Verbündeten unterstützt durch Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition eine Gegenoffensive mit dem Ziel, die Stadt Tall Abyad einzunehmen, um die Versorgungsroute des IS aus der türkischen Grenzstadt Akçakale in die syrische IS-Hauptstadt Rakka zu unterbrechen sowie die beiden Kantone Kobanê und Cizîrê miteinander zu verbinden.[54] Am 16. Juni 2015 meldeten die YPG die Übernahme der Kontrolle in Tall Abyad[55][56].

Aufgrund der im Juni 2015 ausgebrochenen Kämpfe in Nordsyrien waren laut UNHCR über 23.000 Menschen aus dem syrischen Gouvernement Ar-Raqqa in die Türkei geflohen, wovon über 70 % Frauen und Kinder seien.[57] Kurz nach der vollständigen Vertreibung des IS aus Tall Abyad und Umgebung waren Tausende Flüchtlinge zurückgekehrt.[58][59]

Ende Dezember 2015 befreiten die SDF, ein Bündnis der kurdischen YPG mit arabischen Milizen, den Tishrin-Staudamm vom IS und übernahmen die Kontrolle im Vorland des Dammes am Westufer des Euphrat.[60] Dadurch wurde eine wichtige Nachschubroute des IS zwischen Rakka und der Türkei unterbrochen.

Am 13. Februar 2016 fing die Türkei an, kurdische Stellungen nahe der Stadt Azaz sowie die Kantonshauptstadt Efrîn mit schwerer Artillerie zu beschießen, nachdem die SDF auch gegen von der Türkei unterstützte arabische Rebellengruppen zu kämpfen begann und Geländegewinne verbuchte.[61][62] Die US-Regierung forderte sowohl die Türkei als auch die Kurden mehrfach zur Einstellung der Feindseligkeiten auf.[63]

Im Osten Syriens befreiten die SDF unterstützt durch Luftangriffe der US-geführten Koalition am 19. Februar 2016 die Stadt asch-Schaddadi mit Umland südlich von al-Hasaka von der Besatzung durch den IS.[64]

Spannungen zur Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Türkische Regierungsvertreter bis hin zu Präsident Erdoğan werfen der in Rojava herrschenden PYD ethnische Säuberungen an Arabern und Turkmenen vor.[65] Sie greifen damit Vorwürfe syrischer (unter anderem islamistischer) Rebellengruppen auf.[66] Diese Vorwürfe wurden von Rami Abdulrahman, dem Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, bei einem von der Gesellschaft für bedrohte Völker geführten Interview als haltlos eingestuft.[67] Hintergrund der Vorwürfe sei vor allem der türkisch-kurdische Konflikt, in dem die Türkei seit Jahrzehnten gegen die mit der PYD verbündete PKK kämpft. Die Türkei befürchte eine Stärkung der kurdischen Position in der Region.

Im syrischen Bürgerkrieg ist die türkische Regierung zwar keine direkte Kriegspartei, betreibt aber als wichtigstes politisches Ziel den Sturz der syrischen Regierung. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte wirft der Türkei vor, den IS und andere islamistische Gruppen zu unterstützen, die neben der syrischen Regierung auch die von der PYD eingerichtete Verwaltung von Rojava bekämpfen.

Die Türkei fordert seit längerem die Bildung einer „Schutzzone“ in den syrischen Grenzgebieten und steht damit im direkten Interessenkonflikt zur PYD und ihren als „Rojava“ bezeichneten Gebietsansprüchen in Nord-Syrien.[68] Zwei Wochen nach der Einnahme von Tall Abyad durch die Kurden verstärkte die Türkei ihre militärische Präsenz entlang der Grenze.[69] Spekulationen, die Türkei werde eine bis zu 40 Kilometer tiefe Pufferzone in den bisher vom IS gehaltenen Gebieten zwischen Dscharabulus und Azaz einrichten, wurden von Präsident Erdoğan ausgelöst, als dieser unmittelbar zuvor das Ziel ausgab, einen kurdischen Staat in Nord-Syrien verhindern zu wollen, „koste es was es wolle“. Der IS begann daraufhin, seine Grenze zur Türkei zu verminen und Schützengräben zu graben. Obwohl in dem fraglichen Gebiet nicht Kurden, sondern Araber und Turkmenen die größten ethnischen Gruppen darstellen,[70] kündigte die PYD an, türkische Truppen auch in diesen bisher vom IS gehaltenen Gebieten als Besatzungstruppen zu betrachten und bekämpfen zu wollen, sofern diese ohne UN-Mandat eingreifen.[71] Ferner drohte die PKK-Führung der Türkei, auf ihrem gesamten Staatsgebiet Krieg zu führen, sollte die Türkei in Rojava intervenieren.[72][73] Der US-Botschafter in Ankara John Bass stellte die Position der USA klar, wonach der IS der gemeinsame Feind sei und jeder, der eine Grenze zum IS hat, gegen diese kämpfen müsse.[74]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rojava – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Terry Glavin: „In Iraq and Syria, it’s too little, too late“, http://ottawacitizen.com,/ 14. November 2014. Abfragedatum: 19. März 2016.
  2. Kurden rufen Autonomiegebiet aus, tagesschau.de, 17. März 2016
  3. Parties, Youth Movements and Coordinating Committees in Western Kurdistan (Memento vom 9. September 2014 auf WebCite) (englisch). www.pydrojava.net, The Democratic Union Party, 15. Oktober 2013, archiviert vom Original am 9. September 2014.
  4. Mustafa Nazdar (Pseud.), Die Kurden in Syrien, in: Gérard Chaliand (Hrg.), Kurdistan und die Kurden, Bd. 1, Göttingen 1988, ISBN 3-922197-24-8 S. 400 f.
  5. Syria: The silenced kurds Bericht der HRW vom Oktober 2006
  6. Syria: End persecution of human rights defenders and human rights activists Artikel vom 7. Dezember 2004 von der Seite amnestyusa.org
  7. "Kurds declare an interim administration in Syria", Meldung auf www.reuters.com vom 12. November 2013
  8. "Kurdische Autonomiepläne", Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2016.
  9. Rojava: Ausrufung einer kurdisch-syrischen "Demokratischen Föderation", Telepolis, 20. März 2016.
  10. "Autonomiepläne isolieren Kurden", tagesschau.de, 17. März 2016.
  11. "Syrian Kurds open diplomatic mission in Moscow", The Telegraph, 10. Februar 2016
  12. Syrian Kurds inaugurate representation office in Sweden, Ara News, 18. April 2016
  13. [1], Evrensel, 7. Mai 2016.
  14. "Rojava-Vertretung in Deutschland", Junge Welt, 9. Mai 2016.
  15. Syrian Kurds open unofficial representative mission in Paris. Al Arabiya. 24. Mai 2016.
  16. [2], Prague Monitor, 3. April 2016.
  17. Terry Glavin: „In Iraq and Syria, it’s too little, too late“, http://ottawacitizen.com,/ 14. November 2014. Abfragedatum: 19. März 2016.
  18. http://www.cbssyr.org/General%20census/census%202004/pop-man.pdf
  19. Onur Burçak Belli: Traurige Gewinner. Zeit Online vom 22. März 2014, abgerufen am 22. März 2014
  20. Rojava artık özerk, Artikel der Radikal vom 31. Januar 2014 (türkisch)
  21. The Siege Of Kobani: Obama’s Syrian Fiasco In Motion, Analyse von US-Politologe David Stockman vom 11. Oktober 2014 (englisch)
  22. Will Syria’s Kurds benefit from the crisis?, BBC-Analyse vom diplomatischen Korrespondenten Jonathan Marcus vom 10. August 2012 (englisch)
  23. http://civaka-azad.org/wp-content/uploads/2014/03/info7.pdf Gesellschaftsvertrag von Rojava
  24. Michael Knapp, 'Rojava – the formation of an economic alternative: Private property in the service of all'.
  25. http://sange.fi/kvsolidaarisuustyo/wp-content/uploads/Dr.-Ahmad-Yousef-Social-economy-in-Rojava.pdf
  26. A Small Key Can Open a Large Door: The Rojava Revolution, 1st, Strangers In A Tangled Wilderness, 4. März 2015: „According to Dr. Ahmad Yousef, an economic co-minister, three-quarters of traditional private property is being used as commons and one quarter is still being owned by use of individuals...According to the Ministry of Economics, worker councils have only been set up for about one third of the enterprises in Rojava so far.“
  27. Efrîn Economy Minister Yousef: Rojava challenging norms of class, gender and power. Abgerufen am 18. Februar 2015.
  28. Flight of Icarus? The PYD’s Precarious Rise in Syria (PDF) International Crisis Group.
  29. Zamana LWSL.
  30. Will Syria's Kurds succeed at self-sufficiency?. Abgerufen am 9. Mai 2016.
  31. Rojavaplan. Rojava administration. Abgerufen am 10. Mai 2016.
  32. Striking out on their own. In: The Economist. 
  33. Kurds Fight Islamic State to Claim a Piece of Syria. In: The Wall Street Journal. 
  34. Syrian Kurds risk their lives crossing into Turkey. Middle East Eye. 29. Dezember 2014. Abgerufen am 11. Januar 2015.
  35. Poor in means but rich in spirit. In: Ecology or Catastrophe. Abgerufen am 21. Februar 2015.
  36. David Commins, David W. Lesch: Historical Dictionary of Syria. Scarecrow Press, 2013, ISBN 978-0-8108-7966-9, S. 239 (google.com [abgerufen am 10. Mai 2016]).
  37. After 52-year ban, Syrian Kurds now taught Kurdish in schools. In: Al-Monitor. 6. November 2015, abgerufen am 10. Mai 2016 (amerikanisches englisch).
  38. Rojava schools to re-open with PYD-approved curriculum. Rudaw. Abgerufen am 10. Mai 2016.
  39. Kurds introduce own curriculum at schools of Rojava. Ara News. Abgerufen am 10. Mai 2016.
  40. Hassakeh Schools Switch to Kurdish Language Education. In: www.newsdeeply.com. Abgerufen am 10. Mai 2016.
  41. Ein Krieg um Schulbücher bestimmt Syriens Zukunft. Die Welt. 20. Mai 2016. Abgerufen am 22. Mai 2016.
  42. Wikipedia: Universities in Syria
  43. A Dream of Secular Utopia in ISIS’ Backyard. New York Times. 29. November 2015. Abgerufen am 10. Mai 2016.
  44. Syria's first Kurdish university attracts controversy as well as students. Al-Monitor. 18. Mai 2016. Abgerufen am 19. Mai 2016.
  45. Declaration of Establishment by Democratic Syria Forces. 15. Oktober 2015, abgerufen am 4. November 2015.
  46. Kampf gegen Terrormiliz: Syrische Kurden und Araber verbünden sich gegen IS. In: Die Welt. 12. Oktober 2015, abgerufen am 4. November 2015.
  47. Human Rights Watch: Under Kurdish Rule – Abuses in PYD-Run Enclaves of Syria, Jahresbericht vom 19. Juni 2014 (englisch), abgerufen am 7. Juli 2015
  48. http://rudaw.net/NewsDetails.aspx?pageid=149081
  49. 'Syria: US ally’s razing of villages amounts to war crimes', Amnesty International, Bericht vom 13. Oktober 2015 (englisch), abgerufen am 14. Oktober 2015
  50. '"We had nowhere else to go": Forced displacement and demolitions in northern Syria', Amnesty International, Video vom 13. Oktober 2015 (englisch), abgerufen am 14. Oktober 2015
  51. 'Amnesty International accuses Kurdish YPG of war crimes', Al Monitor, 13. Oktober 2015, (englisch), abgerufen am 16. Oktober 2015
  52. Syria Kurds denounce Amnesty 'war crimes’ report, AFP, 16. Oktober 2015
  53. '"We had nowhere else to go": Forced displacement and demolitions in northern Syria', Amnesty International, siehe Video Posistion 7:29 vom 13. Oktober 2015 (englisch), abgerufen am 19. Oktober 2015
  54. Casper Schliephack: Entscheidungsschlacht zwischen Kurden und IS um die Lebensader Tall Abyad. In: Deutsch Türkisches Journal, 9. März 2015, abgerufen am 14. Juni 2015.
  55. Peter Mühlbauer: Kurdenkommandant meldet Kontrolle von Tall Abyad. heise online vom 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juni 2015
  56. Le groupe EI perd Tall Abyad, son plus grand revers en Syrie. Libération vom 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juni 2015
  57. Kämpfe in Nordsyrien: 23.000 fliehen in die Türkei.: Bericht vom UNHCR, 16. Juni 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015.
  58. Syria: Thousands of refugees return home as Kurds capture more territory from Isis
  59. Syrian Refugees Return to Tal Abyad
  60. Erfolg der Kurden gegen den IS stört türkische Interessen heise online vom 27. Dezember 2016, abgerufen am 21. Februar 2016
  61. In der Kurdenpolitik bleibt die Türkei stur
  62. Türkische Armee bombardiert syrisch-kurdische Enklave Afrin. Heise.de vom 20. Februar 2016, abgerufen am 21. Februar 2016
  63. Obama ruft Türkei und Kurden zur Zurückhaltung auf. Deutschlandfunk vom 20. Februar 2016, abgerufen am 21. Februar 2016
  64. YPG erobert IS-Bastion in Syrien. Euronews vom 19. Februar 2016, abgerufen am 21. Februar 2016
  65. Ethnic cleansing claims as Kurds take fight to Islamic State in Syria.: Artikel auf The Sydney Morning Herald, 14. Juni 2015 (englisch), abgerufen am 7. Juli 2015.
  66. Syria: Kurdish YPG accused of 'ethnic cleansing' of Arabs in battle for Tel Abyad, International Business Times, 15. Juni 2015 (englisch)
  67. "Von 'ethnischen Säuberungen’ in Til Abyad gegen die Araber oder Turkmenen kann keine Rede sein.", Gesellschaft für bedrohte Völker, 26. Juni 2015
  68. Türkei und USA uneins über Schutzzonen an der Grenze, Tagesspiegel, 23. November 2014, abgerufen am 7. Juli 2015
  69. Türkei zieht Panzer an der Grenze zusammen, Tagesspiegel, 3. Juli 2015, abgerufen am 7. Juli 2015
  70. Jordi Tejel: Syria’s kurds history, politics and society, 1. publ., Routledge, London 2009, ISBN 0-203-89211-9, S. XIII-XIV,S.10.
  71. Marschieren türkische Truppen in Syrien ein?: Welt.de, 30. Juni 2015, abgerufen am 8. Juli 2015
  72. Karayılan: ‘Rojava’ya müdahale ederlerse biz de onlara müdahale ederiz’ Rojeva Kurdistan, 29. Juni 2015, abgerufen am 8. Juli 2015
  73. Bayık: Rojava’ya müdahale olursa Türkiye’de savaş başlar Yüksekova Haber, 3. Juli 2015, abgerufen am 8. Juli 2015
  74. US committed to ‘unified’ Syria, in communication with PYD Hürriyet Daily News, 3. Juli 2015, abgerufen am 8. Juli 2015