Julia Jäger

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Julia Jäger und Oliver Stokowski bei der Verleihung des Grimme-Preises 2014

Julia Jäger (* 28. Januar[1] 1970 in Angermünde) ist eine deutsche Schauspielerin. Die frühere Theaterdarstellerin erschien seit Anfang der 1990er-Jahre in mehr als 70 Film- und Fernsehproduktionen. Bekanntheit erlangte sie vor allem durch ihre zahlreichen Auftritte in Kriminalfilmserien, darunter seit 2003 Donna Leon, und ihre Rolle in dem Oscar-prämierten Kurzfilm Spielzeugland (2007). Häufig verkörpert sie melancholische Frauenfiguren.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten]

Julia Jäger ist die Tochter des Theaterschauspielers Dieter Jäger und kam so schon früh mit der Schauspielerei in Berührung. Sie wuchs in Frankfurt (Oder) auf und besuchte dort die Erweiterte Oberschule „Karl Liebknecht“. Ihr Vater spielte am dortigen Kleist-Theater. Bereits als Kind erhielt sie einen kleinen Part in Rolf Losanskys Kinderfilm Moritz in der Litfaßsäule (1983).

Schon als Neuntklässlerin bewarb sich Jäger an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“. 1988, drei Jahre später, wurde sie für ein Schauspielstudium angenommen. Jäger, die sich in ihrer Jugend rückblickend als „unsteter, unruhiger“ beschrieb,[2] hatte die zunächst nicht bestandene Aufnahmeprüfung ausnahmsweise wiederholen dürfen. An ihr Studium schloss sich von 1991 bis 1995 ein erstes Engagement am Leipziger Schauspielhaus an. Dort debütierte sie mit der Rolle der Hedwig in Henrik Ibsens Die Wildente. Danach sollte sie sich an keine Bühne mehr fest binden.[3]

Erste Filmrollen[Bearbeiten]

Noch als Schauspielstudentin erhielt Julia Jäger die weibliche Hauptrolle in Maxim Dessaus Historienfilm Erster Verlust (1990), der zur Zeit des Mauerfalls 1989 in Jena abgedreht wurde.[2] Für ihre Darstellung einer jungen verheirateten Kleinbauersfrau, die sich während des Zweiten Weltkriegs in einen ihr als Knecht zugeteilten russischen Kriegsgefangenen (dargestellt von Pawel Sanajew) verliebt, erhielt sie 1991 den Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Nach dem ZDF-Fernsehfilm Hund und Katz (1991) wurde Jäger einem breiten deutschen Kinopublikum durch Detlev Bucks Karniggels (1991) bekannt. In der preisgekrönten „Land-Krimi“-Komödie[4] war sie an der Seite von Bernd Michael Lade als Polizeikollegin Nina Steenhagen zu sehen, die sich beide auf die Jagd nach einem mysteriösen „Kuh-Schlitzer“ in der schleswig-holsteinischen Provinz begeben.

Ihren bislang größten Erfolg im Kino erlangte Jäger durch die weibliche Hauptrolle in Andreas Kleinerts Wende-Drama Neben der Zeit (1995) mit Rosel Zech und Sylvester Groth. Darin war sie als junge Bahnhofsvorsteherin aus einer ostdeutschen Kleinstadt zu sehen, die sich in einen desertierten russischen Soldaten (gespielt von Michail Poretschenkow) verliebt. Die Süddeutsche Zeitung beschrieb Jäger als „sehr kraftvoll und frisch“,[5] die tageszeitung als „bezaubernd“.[6] Ihre Leistung als Sophie wurde 1996 mit einer Nominierung für den Deutschen Filmpreis als beste Darstellerin belohnt.[7] Im selben Jahr gewann Jäger den Darstellerpreis des Internationalen Filmfestivals Kairo.

Fernseharbeit und verwehrte Hauptrolle in „Jahrestage“[Bearbeiten]

Ab Mitte der 1990er Jahre wandte sich Jäger vermehrt der Arbeit im deutschen Fernsehen zu. Nach mehreren Auftritten in der Krimiserie Polizeiruf 110 spielte sie die weibliche Hauptrolle eines Stalking-Opfers in der Sat.1-Produktion Terror im Namen der Liebe und war als mordverdächtige Krankenschwester in dem ARD-Film Sanfte Morde (beide 1997) zu sehen. Im selben Jahr beeindruckte Jäger die Kritiker mit ihrer Darstellung einer alleinerziehenden Mutter und Schiffsbauingenieurin, die mit der Diagnose AIDS konfrontiert wird (Woanders scheint nachts die Sonne, 1997). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobte die „konzentrierte Darstellerin“,[8] während die taz den Part als „unprätentiös eindringlich“ gemeistert ansah.[9]

Zu einer beruflichen und persönlichen Enttäuschung dagegen gestaltete sich 1998 das Fernsehprojekt Jahrestage, nach dem gleichnamigen Romanzyklus von Uwe Johnson. Ursprünglich hatte der 15 Millionen Mark teure Vierteiler für die ARD von Frank Beyer inszeniert werden sollen. Der Regisseur hatte persönlich Julia Jäger für die Hauptrolle der Gesine Cresspahl ausgewählt, nachdem er mit ihr schon an dem Fernsehfilm Nikolaikirche (1995) zusammengearbeitet hatte. Beyer zufolge hätte die Produktionsfirma Eikon wenige Wochen vor Drehbeginn jedoch darauf bestanden, Jäger auszuwechseln sowie sich von seiner langjährigen Regieassistentin zu trennen, was dieser verweigerte. Daraufhin sei er laut eigenen Angaben aus dem Projekt herausgedrängt worden, während der WDR von einem freiwilligen Ausscheiden sprach. Trotz einer von Volker Schlöndorff initiierten Solidaritätserklärung für Beyer, die 26 namhafte Künstler unterstützten,[10][11] wurde Jahrestage von Margarethe von Trotta mit Suzanne von Borsody in der Hauptrolle verfilmt, die dafür die Goldene Kamera erhielt. Julia Jäger kam noch Jahre später nicht über das gescheiterte Fernsehprojekt hinweg. „Ich fand das menschlich so enttäuschend“, so die Schauspielerin im Jahr 2004 in einem Porträt der Berliner Zeitung.[12]

Wiederkehrende Rolle als Paola Brunetti und Oscar-Erfolg mit „Spielzeugland“[Bearbeiten]

Nach dem Misserfolg war Jäger weiterhin überwiegend für das deutsche Fernsehen tätig. Erneut mit Andreas Kleinert arbeitete sie 1999 an dem Mehrteiler Klemperer – Ein Leben in Deutschland zusammen, der Verfilmung der Tagebücher Victor Klemperers. Im Jahr 2000 folgte die weibliche Hauptrolle in Torsten C. Fischers Drama Der gerechte Richter neben Frank Giering, das auf der gleichnamigen Erzählung von Anna Seghers basierte. Eine weitere Zusammenarbeit mit Richter folgte an dem Psychothriller Der Anwalt und sein Gast mit Heino Ferch und Götz George in den Titelrollen. Für ihre Nebenrolle der zur Schadenfreude neigenden Staatsanwältin Wachleitner wurde Jäger 2003 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahr 2003 bedauerte Jäger dennoch, dass sie noch nie zu einer kontinuierlichen Arbeitsbeziehung mit einem Regisseur gefunden hätte.[3]

Im selben Jahr rief sie sich einem breiten deutschen Fernsehpublikum durch die Krimiserie Donna Leon in Erinnerung, die auf den erfolgreichen in Venedig spielenden Commissario-Brunetti-Romanen der gleichnamigen Autorin basieren. Dabei ersetzte sie gemeinsam mit Uwe Kockisch als Ehepaar Brunetti die in den ersten vier Folgen aufspielenden Joachim Król und Barbara Auer. Hans-Dieter Seidel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bemerkte, dass Kockisch und Jäger im Gegensatz zur vorangegangenen Besetzung „konturengenau“ den Figuren entsprächen, wie sie die „Leselaune“ herbeiphantasiert hätte. „Schon die zwar modische, aber auch strenge Brille, die Paola Brunetti neuerdings trägt und die raffiniert eingeschlagenen Haare zieren und charakterisieren zugleich die Literaturdozentin, ergänzt von einer auffallend selbstbewußten Haltung feinster Noblesse.“, so Seidel.[3] Ebenfalls gute Kritiken erhielt Jäger im selben Jahr für die Hauptrolle der Katja in Friedemann Fromms WDR-Thriller Zeit der Rache. In diesem war sie als Medizinjournalistin zu sehen, die nach dem Tod ihres Vaters herausfindet, dass dieser als „Staatsfeind“ in der DDR radioaktiven Strahlen ausgesetzt wurde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobte Jäger für ihre intensiv ausgespielte Figur,[13] das vom Hamburger Abendblatt wiederum als kühl und zurückgenommen interpretiert wurde.[14] Die Berliner Zeitung sah eine glaubwürdige Wandlung der weiblichen Hauptfigur.[15] Laut General-Anzeiger trage die „Schauspielerin für die leisen Töne“ den Film. Jäger selbst äußerte, sie habe mit der Katja noch nie eine Figur über einen so langen Zeitraum erfasst und gespielt.[16] Sowohl für Donna Leon und Zeit der Rache als auch ihre Auftritte in den Krimiserien Bella Block, Polizeiruf 110 sowie dem Wirtschaftskrimi Das Konto (als Ehefrau von Heino Ferch) wurde sie 2004 für den Adolf-Grimme-Preis nominiert.

Bis 2012 erschien Jäger in 14 weiteren Folgen als Paola Brunetti. Neben weiteren Auftritten in Fernsehfilmen und Krimiserien, darunter die wiederkehrende Rolle der Ärztin Leilah Berg in Der letzte Zeuge (2002–2003), übernahm die Schauspielerin auch Gastrollen in Serien wie Allein gegen die Zeit, Der Bergdoktor, In aller Freundschaft oder Löwenzahn sowie den Kinofilmen Die Einsamkeit der Krokodile (2000), Berlin is in Germany (2001) und Schöne Frauen (2004). Einem weltweiten Kinopublikum wurde Jäger durch ihren Part als aufopferungsvolle Mutter in Jochen Alexander Freydank Kurzfilm Spielzeugland (2007) bekannt, die ein jüdisches Nachbarskind zufällig vor der Deportation in den Osten bewahrt. Der Film, für den die Schauspielerin auf ihre Gage verzichtet hatte,[17] wurde 2009 mit dem Oscar preisgekrönt. Mit Freydank arbeitete Jäger 2011 noch einmal an der Tatort-Folge Heimatfront zusammen.

2008 war Jäger an der Komödie am Kurfürstendamm in Agnès Jaouis und Jean-Pierre Bacris Konversationskomödie Und abends Gäste unter der Regie von Andreas Schmidt neben Steffen Münster, Götz Otto, Tim Wilde und Bettina Lamprecht zu sehen.[18]

Privatleben[Bearbeiten]

Julia Jäger ist mit Thomas Förster verheiratet und lebt in Berlin.[19] Aus der Beziehung stammen ein Sohn (* 2001) und Zwillingstöchter (* 2004).

In einem Porträt der Berliner Zeitung im Jahr 2004 beschrieb sich die ernsthafte Schauspielerin als öffentlichkeitsscheu und von Selbstzweifeln geplagt. „Ich wünsche mir, manche Dinge leichter nehmen zu können“, so Jäger, die bereits nach dem gewonnenen Max-Ophüls-Preis Einladungen zu Fernsehinterviews aus Angst ausgeschlagen hatte. „In Talkshows kann ich mich nicht mit gelernten Texten hinter meiner Figur verstecken. Denn nur da kann ich überwältigende Energie freisetzen.“[20] Ursprünglich auf schwer beladene Figuren abonniert, versuchte sie sich in ihrer Karriere auch an leichten Stoffen, um wegzukommen „von diesem ewig stillen Gesicht, wortlos und die Kamera hält und hält und hält“, so Jäger.[12] „Es ist nun mal so, dass mir alle möglichen Probleme Sorgen bereiten. Daher kann ich so etwas auch spielen.“[20]

2009 wurde sie neben ihrem Schauspielkollegen Matthias Brandt Patin in dem Verein „Berliner Herz“, ein ambulantes Kinderhospiz, das ehrenamtlich in Familien und Kliniken schwer- und todkranke Kinder begleitet.[2]

Filmografie[Bearbeiten]

Kino[Bearbeiten]

Fernsehen (Auswahl)[Bearbeiten]

als Paola Brunetti in den folgenden Fernsehfilmen der Krimiserie Donna Leon, Regie: Sigi Rothemund:

  • 2003: Venezianisches Finale
  • 2003: Feine Freunde
  • 2003: Acqua alta
  • 2004: Sanft entschlafen
  • 2005: Beweise, dass es böse ist
  • 2005: Verschwiegene Kanäle
  • 2006: Endstation Venedig
  • 2006: Das Gesetz der Lagune
  • 2008: Die dunkle Stunde der Serenissima
  • 2008: Blutige Steine
  • 2009: Wie durch ein dunkles Glas
  • 2010: Lasset die Kinder zu mir kommen
  • 2011: Das Mädchen seiner Träume
  • 2012: Schöner Schein
  • 2012: Die sechs Schwäne
  • 2013: Die letzte Fahrt
  • 2014: Reiches Erbe

außerdem:

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Barbara Jänichen: LeuteNews: Geburtstagsüberraschung für Schauspielerin Julia Jäger. In: Berliner Morgenpost, 29. Januar 2008, S. 30.
  2. a b c Dirk Westphal: Es war wie in einem schönen Traum. In: Berliner Morgenpost, 8. März 2009, S. 28.
  3. a b c Hans-Dieter Seidel: Vollkommen gelassen. In: FAZ, 31. Oktober 2003, S. 40.
  4. Lutz Gräfe: Karniggels. In: film-dienst 22/1991 (abgerufen via Munzinger Online).
  5. Martina Knoben: Jeder Blick öffnet die Welt. In: Süddeutsche Zeitung, 31. Januar 1996, S. 14.
  6. Andreas Becker: Oststuben – bedroht durch Aldimärkte. In: taz, 9. Mai 1996, S. 16.
  7. Nacht der Komödianten: Nominierungen für den Bundesfilmpreis. In: Süddeutsche Zeitung, 28. März 1996, S. 15.
  8. Patrick Bahners: Tagbuch: Der großen Freiheit Glück. In: FAZ, 22. Oktober 1997, S. 44.
  9. Ulla Küspert: Ohne jede Sentimentalität. In: taz, 11. Juli 1997, S. 18.
  10. Absurder Vorwurf. In: Focus, Nr. 37/1998, S. 228–229.
  11. Tagebuch: Abgedrängt. In: FAZ, 9. Dezember 1998, S. 42.
  12. a b Dann eben nicht. In: Berliner Zeitung, 2. Januar 2004; Porträt.
  13. Hans-Dieter Seidel: Mit Röntgen gegen die Staatsfeinde. In: FAZ, 26. März 2003, S. 45.
  14. Barbara Möller: Tödliche Strahlen für Dissidenten? In: Hamburger Abendblatt, 26. März 2003.
  15. Von der Stasi verseucht. In: Berliner Zeitung, 26. März 2003.
  16. Rainer Tittelbach: Auf der Suche nach „Vater Staat“. In: General-Anzeiger, 26. März 2003.
  17. Anne Vorbringer: Zurück aus dem Märchenland. In: Berliner Zeitung, 26. Februar 2009, S. 28.
  18. Bettina Göcmener: Essen mit Hindernissen. In: Berliner Morgenpost, 21. Februar 2008, S. 18.
  19. Dirk Westphal: Zur Person. In: Berliner Morgenpost, 8. März 2009, S. 28.
  20. a b Julia Jäger: Frau Brunetti aus Angermünde. In: Berliner Kurier, 28. Oktober 2005, S. 29.