Nationalgarde der Vereinigten Staaten

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Logo der US-Nationalgarde
Frank J. Grass, Chief of the National Guard Bureau

Die im Jahr 1903 aufgestellte Nationalgarde der Vereinigten Staaten (englisch United States National Guard, kurz National Guard, akronymisiert USNG) ist als Nationalgarde die zweite Instanz der militärischen Reserve der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

Die Mitglieder der Nationalgarde sind freiwillig Dienst leistende Milizsoldaten. Jeder Bundesstaat, jedes Territorium (beispielsweise Amerikanisch-Samoa) sowie der District of Columbia unterhält eine dem jeweiligen Vorsitzenden der Exekutive, meist dem Gouverneur unterstehende eigene Nationalgarde. Diese ist seit 1903 bundesgesetzlich und institutionell eng mit der regulären Armee und Luftwaffe verbunden, so dass unter bestimmten Umständen mit Einverständnis des Kongresses die Bundesebene auf sie zurückgreifen kann. Davon zu trennen ist die Staatsgarde, die sogenannten state defense forces, die allein ihrem Bundesstaat verpflichtet sind.

Organisation[Bearbeiten]

Die National Guard besteht aus den beiden Teilstreitkraftgattungen des Heeres und der Luftstreitkräfte, namentlich der Army National Guard und der Air National Guard. Die Nationalgarde untersteht dem National Guard Bureau (Arlington, VA), einer semi-unabhängigen Organisationseinheit des Verteidigungsministeriums. Derzeitiger Kommandeur des National Guard Bureau (Chief of the National Guard Bureau) ist General Frank J. Grass.[1]

Historisch bedingt gibt es keine Nationalgardeeinheiten mit Kriegsschiffen, jedoch besitzen die Nationalgarde-Einheiten der Staaten New York und Maryland Marineeinheiten. Die so genannten Army National Guards aller Staaten zusammen umfassen etwa 350.000 Soldaten, alle Air National Guards haben eine Stärke von rund 106.000 Personen (2001).

Geschichte[Bearbeiten]

Gardist, 1917

Die Nationalgarde entstand ursprünglich aus den Milizen des Unabhängigkeitskrieges. Die reguläre Armee war während des ganzen 19. Jahrhunderts schwach. Durch diese Regelung sollte verhindert werden, dass die einzelnen Bundesstaaten von der US-Bundesexekutive oder dem Kongress mit Einsatz von Gewalt unter Druck gesetzt werden.

So stellten die Milizen im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg, zu Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges und im Spanisch-Amerikanischen Krieg den größten Anteil aller amerikanischen Soldaten.

Seit 1903 tragen sie die Bezeichnung National Guard und wurden in jedem größeren Konflikt eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg waren zwei Fünftel der in Frankreich kämpfenden Truppen Nationalgardisten; im Zweiten Weltkrieg wurden etwa 190.000, im Koreakrieg 140.000 von ihnen eingesetzt.

Während des Vietnamkrieges weigerten sich die Präsidenten Johnson und Nixon, die Nationalgarde in den Kampf zu senden. Johnson wollte möglichst lange den Anschein bewahren, dass der (bereits unpopulär gewordene) Vietnamkrieg kein echter Krieg wäre, und die Mobilisierung der Nationalgarden hätte diesen Anschein zerstört. Von Vietnamveteranen werden deshalb gelegentlich Vorwürfe gegen Nationalgardisten laut. Diese hätten sich nur freiwillig gemeldet, um einer Einberufung und damit einem Einsatz in Vietnam zu entgehen. Prominentes Ziel solcher Vorwürfe war George W. Bush, der bei der Air National Guard gedient hatte.

Bei einer Demonstration nach dem Ausbruch des Vietnamkrieges vor der Kent State University erschoss die Nationalgarde von Ohio am 4. Mai 1970 vier Studenten und verletzte neun weitere zum Teil schwer. Die Tat ging als Kent-State-Massaker in die Geschichte ein und löste internationale Proteste aus.

Hubschrauber der Nationalgarde während der Hilfsaktionen nach dem Hurrikan Katrina, 2005

Seit Januar 2005 können Einheiten der Nationalgarde bis zu 24 Monate lang in Übersee eingesetzt werden. Unter dem früheren Präsidenten Bill Clinton betrug die Zeitspanne noch sechs Monate; George W. Bush verlängerte sie kurz nach seiner Vereidigung für seine zweite Amtsperiode um 18 Monate.

2005 wurde infolge des Hurrikan Katrina die Nationalgarde zu Hilfe gerufen und 125.000 Nationalgardisten eingesetzt. Da aber der größte Teil der Nationalgarde und besonders die gut ausgerüsteten Kampftruppen mit eigener Ausrüstung im Irak-Einsatz waren, wurde die Lage mit dem Begriff Katrinagate kritisiert.

In der Operation Jump Start ist die Nationalgarde des Heeres seit Mai 2006 mit der vorübergehenden Bewachung der Grenze zu Mexiko betraut, bis der Ausbau des Grenzzauns sowie die Aufstockung der United States Border Patrol abgeschlossen sind.

Dienst[Bearbeiten]

Nach einer mehrwöchigen Grundausbildung sind mehrere Jahre Dienst und weitere Ausbildungsgänge zu absolvieren. Der Dienst umfasst in Friedenszeiten normalerweise „zwei Tage pro Monat und zwei Wochen pro Jahr“ (Two days a month, two weeks a year). Dies war bis zum Irakkrieg ein offizieller Slogan der Rekrutierungsämter. Nationalgardisten erhalten unter anderem 200 US-Dollar Dienstsold pro Monat. Viele Bundesstaaten bezahlen jungen Mitgliedern auch die Kosten für eine Universitätsausbildung. Seit Nationalgarde-Einheiten im Irak verwendet wurden, hatten Rekrutierungsstellen oft Mühe, Leute für den Dienst zu finden. Da während des Irak-Kriegs zeitweise mehr als 50 Prozent der Gardisten in den Irak entsandt wurden, fehlten bei großen Waldbränden in der Heimat, die zum großen Teil von der Nationalgarde bekämpft werden, Mannschaften und Löschhubschrauber.

Ausrüstung[Bearbeiten]

Die Ausrüstung der US-Nationalgarde entspricht im Wesentlichen derjenigen der regulären Streitkräfte, allerdings besitzen Nationalgardeeinheiten in der Regel nicht das modernste Material. Der Gouverneur jedes Bundesstaates setzt bei Naturkatastrophen und ähnlichen Ereignissen die Nationalgarde seines Bundesstaates ein; jedoch kann der Präsident der Vereinigten Staaten das Heer sowie die Luftwaffe mit Einheiten der Nationalgarde jederzeit unterstützen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Homepage der Nationalgarde[1].

Literatur[Bearbeiten]

  • John K. Mahon: History of the militia and the National Guard, New York (Macmillan u.a.) 1983. ISBN 0-02-919750-3
  • Jerry M. Cooper: The rise of the National Guard. The evolution of the American militia, 1865-1920, Lincoln (University of Nebraska Press) 1997. ISBN 0-8032-1486-3
  • Jim Dan Hill: THE NATIONAL GUARD IN CIVIL DISORDERS: Historical Precedents, in: Robin Higham (Hg.): Bayonets in the streets. The use of troops in civil disturbances, Lawrence, KA (University Press of Kansas) 1969, S. 61-83.
  • Clarence C. Clendenen: SUPER POLICE: The National Guard as a Law-Enforcement Agency in the Twentieth Century, in: Higham, Bayonets, S. 85-111.
  • Henry A. Bellows: A treatise on riot duty for the national guard, Washington DC, United States Government Printing Office, 1920.
  • Charles A. Peckham: The Ohio National Guard and Its Police Duties, 1894, in: Ohio History, Vol. 83, Winter 1974, S. 51-67, onlineversion: [2]
  • Paul A. Gilje: Rioting in America, Bloomington, IND (Indiana University Press) 1999. ISBN 0-253-32988-4

Weblinks[Bearbeiten]