Manfred Günther (Psychologe)

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Manfred Günther, Berlin 2020

Manfred Günther (* 1948 in Bochum) ist ein deutscher Sozialarbeitswissenschaftler sowie Notfall-Schulpsychologe a. D. und Lehrer, der heute als Autor, Berater und Coach arbeitet; er lebt in Berlin-Lichterfelde sowie auf La Palma.

Leben und Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Günther entstammt einer Bergleute-Familie aus dem Ruhrgebiet und machte 1968 am Wittener Jungengymnasium Abitur. Nach dem Studium der Philosophie, Publizistik bei Kurt Koszyk und Psychologie in Bochum sowie mit Abschluss bei Klaus Holzkamp und Eva Jaeggi in Berlin ergänzte er ein Lehramtsstudium (Arbeitslehre/Wirtschaft) mit Abschluss an der PH Berlin. Berufsbegleitend eignete er sich ab 1977 zunächst VT an sowie Self Management bei Frederick Kanfer, studierte von 1985 bis 1987 „Psychosoziale Versorgung“ beim Team um Dieter Kleiber und ergänzte von 1999 bis 2001 eine Ausbildung zum Mediator.[1][2]

Berufspraxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1977 wurde Günther Therapeutischer Leiter in einem heilpädagogischen Heim der Diakonie. In den Jahren 1977 bis 1980 errichteten Grundschulrektor Hugdietrich Schroeder und Manfred Günther in Lichterfelde eines der ersten Schulersatzprojekte West-Berlins. 1979 tauschte sich der Schulpsychologe (der praxisbezogen Schüler der prominenten Schulpsychologen Klaus Schüttler-Janikulla und Erich Perlwitz war)[3] mit Howard W. Polsky aus, entdeckte Sam Ferrainolas Glen Mills Schools nahe Philadelphia[4] und hospitierte 1980 in der Bridge Over Troubled Waters sowie in der Robert White School, Boston.[5] Im Rahmen von Dienstreisen erkundete er weitere psychosoziale Projekte in verschiedenen Ländern.

Ab 1982 gestaltete Günther 17 Jahre lang im Hauptberuf mit JOKER eine psychosoziale Konzept-Jugend(rechts)beratung mit Wohnprojekt für junge Volljährige im Zentrum West-Berlins.[6] 1986/87 prägte er in seinem „Psychodschungel“-Buch den Begriff Jugendhilfestation, gründete und leitete bis 1997 den Landesarbeitskreis Jugendberatung und Wohnen, um nach einer Weiterbildung in Kosten- und Leistungsrechnung kurzzeitig Co-Chair des Leistungszentrums für Psychologische und Medizinische Dienste zu werden.

Als Interessenvertreter von Heranwachsenden lieferte Manfred Günther 1989 einen Entwurf zum § 41 des Achten Buches Sozialgesetzbuch sowie 1994 weitere Rechtspositionen, die in das von Thomas Krüger politisch verantwortete Berliner Ausführungsgesetz zum KJHG eingingen. Er publizierte neben einigen kleinen Monografien mehr als 20 Fachzeitschriften-Aufsätze, zahlreiche Buchrezensionen – zuletzt die fachöffentlich kontrovers diskutierte Polemik gegen Andreas Müllers Schluss mit der Sozialromantik,[7] Interviews, Glossen und bis 2020 auch jährlich die schulbezogene Liste Taschengeld für Kinder und Jugendliche.[8][9] In Medien wie dem SFB, FAB (Hallo Berlin), dem Blog "Väterzeit" und dem ZDF-Morgenmagazin[10] trat und tritt er als Experte auf.

Zum nebenberuflichen Engagement gehören Vorträge, Moderationen, Coachings sowie Workshops – so für die BAG-Katholische Jugendsozialarbeit, für das Bündnis Demokratie Jetzt, auf dem Deutschen Jugendhilfetag 2004 in Osnabrück, für die Friedrich-Ebert-Stiftung, für das Haus Schweinfurthstraße, für die DPWV-Büroleiter der fünf neuen Bundesländer, das LISUM B.-B., für NeUhland, UnderstandingBus DVJJ und Tönstör (Schweiz) sowie z. B. 2015 beim Kinderschutztag der Caritas-Erziehungs- und Familienberatungsstellen Württembergs; von 2012 bis 2014 wirkte Günther auch in der psychologischen Online-Beratung. Im Oktober 2014 zeigte er im Tagesspiegel die aktuelle Rechtslage im deutschen Kinderschutz.[11] 2021 beriet er die Familien- und Lebensberatungsstellen der Caritas Württembergs zu Fragen des KJSG per Online-Konferenz.

Das Kultusministerium Brandenburg beauftragte Manfred Günther mit der Entwicklung des Curriculums Zertifikatskurse Jugendsozialarbeit[12]

Nach der Amoktat von Erfurt wechselte Günther wegen eines Expertisenauftrags der Ministerpräsidentenkonferenz in das zwischen Bundesjustiz- und Innenministerium wirkende Deutsche Forum für Kriminalprävention, gewann Herbert Scheithauer für die Mitarbeit, war dort auch Redenschreiber von Rudolf Egg und Gesprächsleiter des Bundes-AK Jugendsozialarbeit – Polizei[13] sowie der Bund-Länder-AG Häusliche Gewalt und Schule.

Von 2007 bis zum Erreichen der Altersrente 2013 arbeitete Günther in Berlin als Notfallpsychologe[14] – zuständig für den Brennpunkt-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Manfred Günther ist weiterhin tätig vor allem als Fachbuch-Autor sowie Coach.

Lehrtätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Günther erhielt bislang etwa 50 Dozentenaufträge; seit 1975 ist er regelmäßig Lehrbeauftragter an verschiedenen Fachhochschulen, Universitäten und Akademien, darunter Pädagogische Hochschule Berlin und Technische Universität Berlin, von 1979 bis 1995 Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik/Alice-Salomon-Hochschule Berlin, Burckhardthaus der Caritas, CJD-Akademie, von 1991 bis 2016 Häuser Schweinfurthstraße und Am Rupenhorn, Sozialpädagogisches Fortbildungswerk Brandenburg (heute fusioniert: SFBB im Jagdschloss Glienicke); JAW-Referat Qualifizierung; 1999 bis 2002 Freie Universität Berlin, Akademie für Sozialberufe Berlin, Verwaltungsakademie Berlin, Humboldt-Universität Berlin (Institut für Rehabilitationswissenschaften) und von 2011 bis 2014 Hochschule Magdeburg-Stendal.

Zu seinen Themen gehören Handlungskompetenz, therapeutische Konzepte und Techniken, Pädagogisches Rollenspiel, Versorgungsstrukturen, Gewaltpräventions- und Kriseninterventions-Methoden an Schulen sowie vor allem berufspraxisbezogenes Jugendhilferecht.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Günther hatte als 17-Jähriger 1966 den Kriegsdienst verweigert; 1969 war er Fahrer der Band Franz K. und Texter von „Blues und Politik in einem Guß“ sowie Gründungsmitglied des u. a. von Christa und Detlef Thierig organisierten „Republikanischen Clubs“ in seiner Heimatstadt Witten. Nach der Umsiedlung nach West-Berlin wurde er zunächst Mitglied der „RotZePs“; später wandte er sich aus Protest gegen den Putsch in Chile[15] dem Realsozialismus zu. Verantwortlich organisierte er von 1974 bis 1977 im Lehrkörper der PH Berlin die Kampagne gegen den Radikalenerlass, die Regelanfrage, den Extremistenbeschluss – also gegen die sogenannten Berufsverbote.

Seine eurokommunistischen Positionen sowie die Wolf-Biermann-Ausbürgerung brachten ihn zur sozialistischen Oppositionsgruppe „Die Klarheit“. In Folge suchte er sich wie Annette Schwarzenau eine neue politische Heimat, wurde 1983 Mitglied der Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz und gründete dort u. a. mit Jasenka Villbrandt den „Jugendhilfebereich“. Im Rahmen eines achtmonatigen Sonderurlaubs arbeitete er 1990 u. a. mit Susanne Stumpenhusen in einer Solidar-Brigade der ÖTV in Massaya/Nicaragua. Wegen zunehmender Differenzen mit Funktionsträgern der Bewegung Bündnis 90/Die Grünen ist der Psychologe seit 2005 nicht mehr parteipolitisch unterwegs.

Mitgliedschaften und Funktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze (Auswahl)

  • Disziplinierte Schüler durch Verhaltensmodifikation? In: Demokratische Erziehung. 3. Jg. Heft 1, 1977.
  • Alternative Konzepte für „nichtbeschulbare“ und delinquente Jugendliche in den USA. In: Sozialpädagogik. 23, 1981, ISSN 0038-6189.
  • Psychosoziale Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Jugendliche. In: Jugend – Beruf – Gesellschaft. 4/1981.
  • Hilfen für junge Volljährige nach SGB VIII § 41. In: Jugendhilfe. 8/ 1993.
  • Prävention durch Sport. In: Forum Kriminalprävention. 2/ 2006 (kriminalpraevention.de PDF) abgerufen am 3. Juni 2019.

Erhebungen

  • (mit Kurt Kersten): Jugend in Wilmersdorf 1984. Eine empirische Studie zum Zeitbewußtsein, Freizeit- und Problemverhalten der Jugendlichen im Bezirk. BA Wilmersdorf v. Berlin, Abt. Jugend, 1985.
  • Psychodiagnostik, ambulante Therapie und Unterbringung in heilpädagogischen oder klinischen Einrichtungen. Eine Untersuchung über Indikationsprobleme bei Jugendlichen mit psychischen Störungen in psychosozialen Diensten. Berlin 1986.
  • (mit Sebastian Braunert): Zur Situation der Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Deutschland. Rahmenbedingungen, Prävention, Kooperation. Bonn 2005 (Erhebung zur Situation der Erziehungs- und Familienberatungsstellen (PDF; 2,5 MB) DFK, abgerufen am 20. März 2016).

Monografien

Zitate zu "Hilfe! Jugendhilfe."
aus dem Vorwort von Jörg Fegert

"Es sind engagierte Lehrtexte, die stets auch eine Haltung reflektieren, das Empowerment der Schwächeren und häufig Zu-kurz-Kommenden, die Entlarvung der Institutionen und des Establishments, die Kritik am Dschungel der sogenannten Hilfe-Angebote in der Psychoszene mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten"

aus der PaperPress-Rezension von Ed Koch

"Lesen Sie Manfred Günthers Buch und Sie erfahren, was zu tun ist, damit Kinder und Jugendliche eine Zukunft haben"

Literatur (Rezensionen)

  • zum Buch Jugendliche im Berliner Psychodschungel siehe: Britta Grashorn Odysse für ‚Auffällige‘, in Blickpunkt 1/2 1989 oder Manfred Liebel in: Sozial Extra, September 1989 oder Albrecht Müller-Schöll in: Sozialpädagogik H 5, 1988 sowie Ursula Lang in: Berliner Lehrerzeitung H. 10, 1988 und Ed Koch in: Paper Press v. 19. September 1988
  • zur Broschüre Rechte junger Menschen siehe: Annebel Ugrinsky, in: Jugendhilfe, 35 (1997) oder Paper Press vom 16. Juni 1997
  • zum Buch Fast alles was Jugendlichen Recht ist siehe: Astrid Bache, Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe / www.jugendhilfeportal.de
  • zum Aufsatz Primärprävention und Erziehungskompetenz siehe: Comenius-Institut, FIS www.fachportal-paedagogik.de
  • zum Aufsatz Beziehungen zwischen Jugendsozialarbeit und Polizei siehe: DJI, FIS (2006/1) www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?
  • zum Lexikon Wörterbuch Jugend – Alter siehe: Peter F. Appenheimer Erziehung zur Demokratie ist Gewaltprävention in: Forum Kriminalprävention 1/ 2011 oder Buch-Tipp des Monats in: Jugendhilfe H. 6/ 2010 sowie Dorothea Dohms in: 'socialnet.’ Rezensionen, 15. April 2011[16]
  • zum Essential Pädagogisches Rollenspiel: Peter F. Appenheimer in Trialog 17, 2018 sowie Peter Schröder in 'socialnet Rezensionen'[17]
  • zum Buch Hilfe! Jugendhilfe. siehe Ed Koch in paperpress (newsletter & print) 14. Oktober 2018 online; print 111/2018; 2. siehe La Palma Kurier Nr. 12/2018, S. 26; 3. siehe Google Books "Was andere dazu sagen"[18]
  • zum Buch Alles was jungen Menschen Recht ist siehe P. F. Appenheimer in: Trialog 18, 2019

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ausbildung bei Mechthild Eisfeld im Freiburger Projekt Mediation
  2. Günther im Berliner Bündnis für außergerichtliche Konfliktbeilegung
  3. das „Westberliner Modell“ Schulpsychologie besagte von 1968 bis 2008, dass dieser Beruf grundsätzlich nur mit Doppel-Abschluss Lehramt plus Dipl.-Psych. ausgeübt werden konnte
  4. Alternative Konzepte für 'nichtbeschulbare' und delinquente Jugendliche in den USA. In: Sozialpädagogik. 23, 1981, S. 184 ff.
  5. Manfred Günther/Thomas Ulbrich: Die Robert-White-School. In: Sozialpädagogik. 23, 1981S. 210 ff.
  6. Die historischen „Joker“-Konzeptionen abgerufen am 27. Februar 2011 (PDF 174 kB).
  7. Schluss mit der Sozialromantik In: Jugendhilfe. Heft 6/ 2013, S. 470 ff. (Artikel. PDF).
  8. väterzeit.de: Wofür ist das Taschengeld?, abgerufen am 14. Februar 2012.
  9. Taschengeld …. In: Berliner Morgenpost. 14. Februar 2012 (morgenpost.de).
  10. Suche nach ZDF-Interview: Bar oder mit Karte (20. September 2012) in der ZDFmediathek, abgerufen am 31. Januar 2013. (offline)
  11. Kinderschutz ohne Gesetz. In: Der Tagesspiegel. 8. Oktober 2014.
  12. Curriculum „Jugendsozialarbeit“. (PDF; 90 kB) manfred.guenther.de; abgerufen am 2. Juni 2010.
  13. Bericht des Arbeitskreises ’Förderung von Vernetzung und Kooperation insbesondere durch Aus-, Fort- und Weiterbildung am Beispiel von Polizei und Jugendsozialarbeit in der Gewaltprävention’, kriminalpraevention.de am 16. Mai 2017 (PDF; 160 kB).
  14. Angst vor möglichem Amoklauf In: Die Welt. (welt.de).
  15. Manfred Günther, Johannes Jahn und Karin Röhrbein: Chile – revolutionärer Prozess und Imperialismus in: Konsequent 14, 1973
  16. Dohms rezensiert das Wörterbuch Socialnet, abgerufen 9. Januar 2012
  17. Schröder rezensiert Günthers "Rollenspiel-Buch", abgerufen am 15. Juli 2021
  18. Günthers "Jugendhilfe" in Google Books