Piła

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Piła
Wappen von Piła
Piła (Polen)
Piła
Piła
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Großpolen
Landkreis: Piła
Fläche: 102,71 km²
Geographische Lage: 53° 9′ N, 16° 44′ O53.1516.733333333333Koordinaten: 53° 9′ 0″ N, 16° 44′ 0″ O
Höhe: 60 m n.p.m
Einwohner: 74.802
(30. Jun. 2013)[1]
Postleitzahl: 64-920
Telefonvorwahl: (+48) 67
Kfz-Kennzeichen: PP
Wirtschaft und Verkehr
Straße: DK 10: StettinBydgoszcz
DK 11: KołobrzegPosen
DW 179: Piła–Rusinowo
Schienenweg: PKP-Linie 203: Kostrzyn nad Odrą–Chojnice
PKP-Linien 403: Piła-Ulikowo und 405: Piła-Ustka
Nächster int. Flughafen: Posen-Ławica
Gemeinde
Gemeindeart: Stadtgemeinde
Fläche: 102,71 km²
Einwohner: 74.802
(30. Jun. 2013)[2]
Bevölkerungsdichte: 728 Einw./km²
Gemeindenummer (GUS): 3019011
Verwaltung (Stand: 2007)
Bürgermeister: Piotr Głowski
Adresse: pl. Staszica 10
64-920 Piła
Webpräsenz: www.pila.pl

Piła [ˈpiu̯ a] (deutsch Schneidemühl) ist eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Großpolen. Mit ihren zahlreichen Industrieanlagen und Großbetrieben in den Fachbereichen Chemie, Metall- und Holzverarbeitung, Landwirtschaft sowie als Bahnknotenpunkt und als Sitz eines großen Eisenbahn-Ausbesserungswerks ist die Stadt überregional bedeutend.

In der Zeit der Weimarer Republik hatte Schneidemühl als Hauptstadt der neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen wichtige Verwaltungsfunktionen anstelle der 1920 an Polen gefallenen Großstädte Posen und Bromberg übernommen. In der bis dahin eher unbedeutenden Stadt entstanden während dieser Periode in kurzer Zeit zahlreiche repräsentative öffentliche Gebäude in architektonisch anspruchsvollem zeitgenössischen Baustil. Trotz anschließender schwerer Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs blieben einige hochwertige Architekturbeispiele der deutschen Frühmoderne der 1920er Jahre bis zur Gegenwart erhalten.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Piła liegt – auch in historischem Sinne – in Großpolen, etwa 80 km nördlich von Poznań (Posen) und 60 km südlich von Szczecinek (Neustettin), 30 km südlich der historischen Grenze Hinterpommerns und 50 km östlich der ehemaligen Neumark. Es liegt in waldreicher Umgebung knapp 10 km nördlich der Netze (Notec) beiderseits des Flusses Küddow (Gwda). Der ältere und größere Teil des Stadtgebiets befindet sich auf der rechten (westlichen) Flussseite. Durch das enge Stadtgebiet verlaufen weitere, kleinere Gewässer, etwa das Mühlenfließ im Norden oder das Färberfließ im Süden der Altstadt.

Rathaus
Stadtkirche
Ehemaliger Regierungssitz der 1922 neu gebildeten Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen (1938–1945 Sitz der Verwaltung des gleichnamigen Regierungsbezirks) am ehemaligen Pferdemarkt, dem Danziger Platz.
Grenzstein an der Deutsch-Polnischen Grenze bei Königsblick (poln.: Kalina)
Gebietszentrum der Telekomunikacja Polska, ehemals Postamt der Reichspost.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge[Bearbeiten]

Die Ortschaft wurde in einem Dokument des Jahres 1456 als Stadt erwähnt und war vermutlich 1380 gegründet worden. Am 4. März 1513 erhielt sie vom polnischen König Sigismund I. das Magdeburger Stadtrecht.[3]

1626 wurde Schneidemühl durch ein Großfeuer, das in der Nähe der alten katholischen Kirche zu lodern begonnen und sich schnell ausgebreitet hatte, dermaßen stark zerstört, dass die Grundherrin der Stadt, Königin Constanze, ihren Sekretär Samuel Tarjowski beauftragte, eine Neuvermessung der Stadt durchzuführen. Der Wiederaufbau-Plan sah vor, dass der Stadtkern vom Alten Markt zum nun neu zu errichtenden Neuen Markt verschoben wurde. Der Neue Markt hatte eine fast quadratische Form, und von ihm gingen fünf Straßen aus. In seiner Mitte sollte das Rathaus entstehen. Diese Umgestaltung prägt bis heute weitgehend das Stadtbild. Anlässlich dieses Wiederaufbaus wurde den Juden, deren Wohnplätze bisher in der Stadt verstreut gelegen hatten, ein separater Wohnbezirk zugewiesen, ein Judenviertel.[4]

Nach einer Pestepidemie 1709/10 war Schneidemühl nur noch von sieben Einwohnern bevölkert.

Mit der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 kam die Stadt von Polen an Preußen. Ein weiterer großer Brand vernichtete 1781 die halbe Stadt.

Noch im Jahre 1774 stellten die Polen fast die Hälfte aller Einwohner (620 von 1322), jedoch sank der Anteil der polnischen Bevölkerung bis 1900 unter fünf Prozent.

Ufer der Gwda

Schneidemühl im 19. und frühen 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Mit der Errichtung des Herzogtums Warschau 1807 kam Schneidemühl vorübergehend wieder unter polnische Herrschaft. Der Stadtberg blieb preußisch. Im Gefolge der Grenzziehung von 1807 gehörten die nördlich der Stadt gelegenen Grenzgebiete Großpolens nach dem Wiener Kongress nicht zur preußischen Provinz Posen, sondern zur Provinz Westpreußen, bzw. 1829–1878 Provinz Preußen.

Nach dem Wiener Kongress gehörte Schneidemühl in der preußischen Provinz Posen zum Regierungsbezirk Bromberg und zum Kreis Chodziesen, (später eingedeutscht zu Kolmar).

Einen bedeutenden Aufschwung erlebte die Stadt durch die Eröffnung der Preußischen Ostbahn 1851. Hier verzweigte sich die zunächst aus Lukatz (erst ab 1866 aus Berlin) kommende Hauptstrecke in den zuerst (Juli 1851) fertiggestellten Ast nach Bromberg (Bydgoszcz), der später über Thorn (Toruń) nach Ostpreußen verlängert wurde, und die ein Jahr später (August 1852) eröffnete Hauptstrecke über Dirschau (bei Danzig) nach Königsberg. Aufgrund der zentralen Lage im nordostdeutschen Schienennetz wurde der Eisenbahnknotenpunkt Schneidemühl Standort eines Ausbesserungswerks der Ostbahn und später der Deutschen Reichsbahn.

In der Folge der guten Eisenbahnverbindungen siedelten sich auch zahlreiche Industriebetriebe hier an. 1913 bis 1914 wurde eine der damals größten Flugzeug-Fabriken in Deutschland gebaut, ein Zweigwerk der Albatros Flugzeugwerke. Die Stadt befand sich im beständigem wirtschaftlichen Wachstum.

Als die Einwohnerzahl im Jahr 1914 auf 25.000 angestiegen war, schied Schneidemühl aus dem Landkreis Kolmar in Posen und bildete seit dem 1. April 1914 einen eigenen Stadtkreis.

Schneidemühl als neue Provinzhauptstadt[Bearbeiten]

Preußische Kaserne der Fliegerersatzabteilung 2 in Schneidemühl 1915
Ehemaliges Offizierskasino

Aufgrund der Abtretung der des größten Teils der Provinzen Posen und Westpreußen an Polen als Folge des Versailler Vertrages verlegte der Regierungspräsident in Bromberg seinen Sitz 1919 nach Schneidemühl und nahm dort am 20. November seine neue Tätigkeit als Regierungsstelle für den Verwaltungsbezirk Grenzmark Westpreußen-Posen auf. Diese verwaltete alle bei Deutschland verbliebenen Gebiete der Provinzen Posen und Westpreußen westlich der Weichsel. Die Regierungsstelle in Schneidemühl trug ab 11. Januar 1921 den Namen Posen-Westpreußen. Seit dem 1. Juli 1922 war Schneidemühl Hauptstadt der neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen. Zugleich wurde der Bahnhof von Schneidemühl Grenzbahnhof im Verkehr nach Polen und im Transitverkehr nach Ostpreußen.

Die neue Provinzhauptstadt wurde mit großem Aufwand ausgebaut. Schneidemühl war bisher eine Kleinstadt und sollte nun das Zentrum für alle deutsch gebliebenen Gebiete zwischen Pommern, Brandenburg und Schlesien einerseits und Ostpreußen andererseits bilden. Die neue Reichsgrenze verlief nur wenige Kilometer östlich der Stadt, durch die der Verkehr zwischen dem zur deutschen Exklave gewordenen Ostpreußen und dem restlichen Deutschland rollte.

Schwerpunkt der Bautätigkeit war der neue Danziger Platz, bisher das Gelände eines Pferdemarkts und einer Rennbahn.[5] Hier, zwischen Hauptbahnhof, Innenstadt und dem Küddow, entstand ein Forum, ein rechteckiger Platz, mit dem Regierungsgebäude (1925–29), flankiert vom Behördenhaus (Finanz- und Zollamt, heute Rathaus) und dem „Reichsdankhaus“ (Paul Bonatz, 1927–29) auf der rechten, bestehend aus dem Landestheater und dem Landesmuseum.

Die geschaffenen Strukturen waren in Erwartung weiteren Wachstums der sich im Eiltempo industrialisierenden Stadt geplant worden. So hatte das im Reichsdankhaus ansässige Landestheater einen Großen Saal mit einem Fassungsvermögen von 1200 Zuschauern und ein eigenes Symphonieorchester.

Hintergrund dieser teuren Maßnahmen war der politische Wille, die Abwanderung aus den durch die Einrichtung des Polnischen Korridors wirtschaftlich stark geschwächten Ostprovinzen zu bremsen und nach dem Verlust wichtiger kultureller Zentren wie Danzig und Posen, Bromberg und Thorn an Polen im Osten ein neues attraktives deutsches Kulturzentrum zu schaffen. Die damalige Zweite Polnische Republik verfolgte in den zurückgewonnenen Gebieten die Politik der Rückgängigmachung der nach der ersten Teilung Polens 1772 stattgefundenen Germanisierung der Gebiete.[6]

Die Folge war ein großer Zustrom von Vertriebenen[7] und Flüchtlingen aus dem Gebiet des Polnischen Korridors sowie aus anderen nun unter polnische Hoheit gekommenen oder polnisch besetzten Gebieten. Die Einwohnerzahl stieg auf 43.000 an. In Räumen der Albatroswerke und in anderen Gebäuden in der Stadt wurden Zwischenlager eingerichtet. Von den etwa 168.000 über Schneidemühl geleiteten Flüchtlingen wurden rund 50.000 durch die Flüchtlingslager in Schneidemühl geschleust. Besonders groß war der Zustrom, als 1925 die sogenannten Optantenausweisungen aus Polen erfolgten.[8] Auf deutscher Seite sprach man von der „brennenden Grenze im Osten“; der Begriff bezog sich sowohl auf den Trennungsschmerz und revanchistische Gelüste bezüglich der verlorenen Gebiete auf der eigenen Seite als auch auf die zahlreichen und von den alliierten Weltkriegs-Siegermächten meist geduldeten Übertretungen des Versailler Vertrags von polnischer Seite. Der Ausbau Schneidemühls zu einem administrativen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Grenzregion sollte die dortigen Verhältnisse stabilisieren.

Auch andernorts in der Stadt entstanden in dieser Zeit Schulen, Kirchen und andere öffentliche Gebäude. Schneidemühl erlebte während der Zwischenkriegszeit ein rasantes Wachstum. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs hatte sie 26.000 Einwohner, vor Beginn des Zweiten über 45.000.

Historisches Gebäude
Gebäude des ehemaligen Polnischen Konsulats

Um 1930 hatte die Stadt Schneidemühl eine Fläche von 72,2 km² und 34 Wohnorte, in denen zusammen 1.817 Wohngebäude standen; die Wohnorte waren:[9]

  1. Albertsruh
  2. Altes Schützenhaus
  3. Bahnhof Königsblick
  4. Bergenhorst
  5. Eichberg
  6. Eichkatzenkrug
  7. Eisenbahnhaltepunkt Friedrichstein
  8. Elisenau
  9. Flüchtlingsheim
  10. Forsthaus Dreisee
  11. Forsthaus Grünthal
  12. Forsthaus Kleine Heide
  13. Forsthaus Königsblick
  14. Fridasthal
  15. Glubczyner Weg
  16. Heidekrug
  17. Karlsberg
  18. Kiebitzbruch
  19. Kossenwerder
  20. Königsblick
  21. Lehnsruh
  22. Margaretenhof
  23. Neu Kamerun
  24. Neufier
  25. Plöttke
  26. Restaurant Königsblick
  27. Restaurant Schweizerhaus
  28. Schneidemühl
  29. Stadtziegelei
  30. Vorwerk Grünthal
  31. Walkmühle
  32. Weidenbruch
  33. Weidmannsruh
  34. Wiesenthal

Im Jahr 1925 wurden in der Stadt Schneidemühl 37.520 Einwohner gezählt, die auf 9.261 Haushaltungen verteilt waren.[9]

Stadtpanorama

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Die Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen, deren Hauptstadt Schneidemühl geworden war, wurde schon seit 1933 vom Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg in Personalunion mitverwaltet, dann aber am 1. Oktober 1938 aufgehoben und (mit veränderten Grenzen) als Regierungsbezirk der Provinz Pommern angegliedert. Schneidemühl blieb als Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks weiterhin Verwaltungszentrum. Die Bundesstaaten und ihre Provinzialverwaltungen hatten allerdings seit der „Gleichschaltung“ der Länder 1933 den Großteil ihrer Bedeutung verloren; die tatsächliche Macht lag stattdessen beim NS-Gauleiter.

Von der Auflösung der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen 1. Oktober 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Schneidemühl zur Provinz Pommern, als Sitz eines Regierungsbezirks.

Der Polenfeldzug 1939 hatte auf Schneidemühl keine beträchtlichen Auswirkungen, da sich die Kämpfe sofort auf Gebiete außerhalb der Reichsgrenzen verlagerten.[10] Der Russlandfeldzug 1941 dagegen führte in Schneidemühls Fabriken bald zur Knappheit von Arbeitskräften, da immer mehr Männer eingezogen wurden.

Im Jahr 1940 wurde ein Teil der jüdischen Bürger Schneidemühls, etwa 160 Personen, vom NS-Regime in Richtung Osten deportiert; die Vertriebenen sollten ursprünglich im „Reservat Lublin“ untergebracht werden, wurden dann jedoch in Ghettos in der Nähe untergebracht.[11] Die Jüdische Gemeinde der Stadt, die Mitte des 19. Jahrhunderts 20 % der Bevölkerung ausmachte, Ende der 1920er Jahre 625 Personen umfasste, existierte gegen Kriegsende nicht mehr.[12] Heute gibt es in der Stadt kein jüdisches Leben mehr.[13]

1944 wurden 6.000 Personen aus dem westfälischen Industriegebiet nach Schneidemühl evakuiert.[10] Die Vierte Gemeindeschule nahm eine Volksschule aus Lünen auf, die Handelsschule eine Volksschule aus Castrop-Rauxel. Eine Oberschule aus Bochum erhielt im Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Unterricht. 1944 erfolgte ein Luftangriff auf Schneidemühl, der vermutlich den Flugzeugwerken galt, jedoch keinen großen Schaden anrichtete. Seit dem 11. August 1944 wurde die Bevölkerung Schneidemühls in den Wäldern am südlichen und östlichen Stadtrand bei Albertsruh, Königsblick und Küddowtal zum Ausbau von Verteidigungsanlagen herangezogen. Zum Bau von Panzergräben wurden Teile der Organisation Todt und Tausende von Bauarbeitern aus Pommern eingesetzt. Das Reichsschülerheim wurde als Lazarett der Organisation Todt eingerichtet. Der Festungsbaustab logierte in der Vierten Gemeindeschule. Nachdem Schneidemühl zur Festung erklärt war, wurden Notbrunnen zur Trinkwasserversorgung gebohrt und Lebensmittel eingelagert, die für 25.000 bis 30.000 Menschen für etwa ein Vierteljahr ausreichen konnten. Das Reservelazarett wurde auf 3.000 Betten erweitert.[10]

Am 24. Januar lagen die Nachbardörfer Königsblick und Plöttke unter Beschuss durch die Rote Armee.[10] Die Zivilbevölkerung in Schneidemühl hatte bis dahin keinen Räumungsbefehl erhalten, und die Menschen versuchten nun, die Stadt zu Fuß, mit Pferdegespannen, auf Lastkraftwagen und in überfüllten Zügen zu verlassen. In den Zügen durfte nur Handgepäck mitgenommen werden, aus Platzmangel musste aber auch dieses oft zurückgelassen werden. Am 26. Januar 1945 nahmen sowjetische Truppen von den Uscher Höhen aus mit Stalinorgeln und Artillerie die Innenstadt und den Bahnhof unter Beschuss. Nachdem am 26. Januar der letzte Zug Schneidemühl verlassen hatte, entbrannte bald nach der Unterbrechung der Eisenbahnlinie der Kampf um die Stadt. Am 31. Januar gelang es den sowjetischen Truppen, Schneidemühl einzukesseln. Bis zum 10. Februar konnte noch an jedem Abend eine Ju 52 auf dem Flugplatz der ehemaligen Albatroswerke an der Krojanker Straße landen und Verwundete und Zivilisten ausfliegen. Dann fiel auch diese Verbindung zur Außenwelt aus. Zur Verteidigung der Stadt standen etwa 22.000 Mann zur Verfügung, die zum Teil jedoch nur notdürftig ausgebildet waren und denen schwere Waffen fehlten, darunter Einheiten des Volkssturms. Nach schweren Kämpfen zogen sich die deutschen Truppen in Stärke von etwa 15.000 Mann über die Küddow zurück, um zu versuchen, aus dem Kessel auszubrechen. Nach ihrer Überquerung wurden die Brücken der Küddow gesprengt. Nur 350 Verwundete konnten in städtischen Omnibussen mitgenommen werden. Einige tausend Verwundete mussten zurückbleiben. Zu ihrer Betreuung blieben 25 Sanitäter und sechs Ärzte freiwillig zurück. Der Ausbruchsversuch scheiterte, und mit dem Tagesanbruch des 14. Februar begann der Endkampf um die Stadt. Drei der freiwillig zurückgebliebenen Ärzte fanden bei der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee den Tod.[10]

Bei den Kampfhandlungen im Umfeld des Pommernwalls am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 75 % der Stadt, im Zentrum etwa 90 % aller Gebäude, zerstört.

Nach Kriegsende wurde Schneidemühl unter polnische Verwaltung gestellt, die deutschen Einwohner wurden größtenteils vertrieben.

Gegenwart[Bearbeiten]

Stadtbild mit Architektur aus dem 20. Jahrhundert
Fluss Gwda in der Innenstadt

Die weitgehend zerstörte Stadt wurde modern und mit stellenweise stark verändertem Straßennetz wiederaufgebaut. 1975 bis 1998 war Piła die Hauptstadt der Woiwodschaft Piła, seitdem gehört es zur Woiwodschaft Großpolen, die von Posen aus regiert wird. 1999 wurde die Stadt Sitz des Powiats Pilski. Heute ist die Stadt mit ihren vielen Industriezweigen (Chemie, Metall- und Holzverarbeitung, Landwirtschaft), als Bahnknotenpunkt und als Sitz eines großen Eisenbahn-Ausbesserungswerks überregional bedeutend.

Heute leben in Piła noch ungefähr 800 Deutsche, die sich zu einem Freundeskreis (Deutsche Sozial-Kulturelle Gesellschaft in Schneidemühl) zusammengeschlossen haben. Die Heimatvertriebenen und einige ihrer Nachkommen sind im Heimatkreis Schneidemühl e.V. mit Sitz in Cuxhaven organisiert und auf diese Weise ihrem ursprünglichen Lebensumfeld weiterhin verbunden.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

Jahr Einwohnerzahl
1677 1.823[14]
1772 1.392 (nach anderer Zählung 1.361), davon 1.043 Christen und 318 Juden[14]
1774 1.342, davon 1.017 Christen und 312 Juden[14]
1783 1.509 in 286 Wohnhäusern, davon 758 Katholiken, 510 protestantische Deutsche und 241 Juden[15]
1804 2.521, davon 2.036 Christen und 483 Juden[14]
1816 1.992
1834 2.999, etwa gleich großer Prozentsatz von Protestanten und Katholiken, 404 Juden[14]
1837 3.385[14], davon 688 Juden[16]
1843 4.111
1856 6.060
1867 7.516
1875 9.724
Jahr Einwohnerzahl
1880 11.623, davon 805 Juden[14]
1885 12.406, davon 802 Juden[14]
1890 14.443, davon 798 Juden[14]
1900 19.655
1905 21.624, davon 7.674 Katholiken und 653 Juden[17]
1910 26.126
1925 37.518, davon 11.262 Katholiken und 586 Juden[18]
1933 43.180
1939 45.791
1945 ca. 56.000, einschließlich ca. 6.000 Evakuierter aus dem Ruhrgebiet
Jahr Einwohnerzahl
1948 10.700
1960 33.800
1970 43.700
1980 58.900
1990 71.100
1995 75.700
2006 75.044

Stadtteile[Bearbeiten]

Zur Gemeinde gehören folgende Stadtteile:

Gładyszewo
Górne
Jadwiżyn
Koszyce
Motylewo
Podlasie
Staszyce
Śródmieście
Zamoście
Polnischer Name Deutscher Name Bevölkerung
2006
Gładyszewo Neufier 434
Górne Berliner Vorstadt
Kośno Kossenwerder
Łęgi Weidenbruch
Zdroje Dreiers Kolonie
Czajki Kiebitzbruch
Mały Borek Kleine Heide
Jadwiżyn Elisenau 4928
Koszyce Koschütz 3854
Kuźnica Pilska Schneidemühler Hammer
Zielona Dolina Grünthal
Motylewo Küddowtal 740
Kolonia Motylewo, Motylewski Most, Motyczyn Lengut Küddowtal
Podlasie (Teil der Bromberger Vorstadt)
Płotki Albertsruh
Bydgoskie Przedmieście  
Lisikierz Bergenhorst
Śródmieście Stadtmitte
Staszyce Karlsberg 6597
Sosnówka Waldschlößchen
Zamość Bromberger Vorstadt 21236
Kalina Königsblick
Leszków Plöttke

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Straßen und Plätze[Bearbeiten]

  • Alter Markt, später Hindenburgplatz, historisches Zentrum der Stadt, nicht erhalten
  • Neuer Markt / Plac Zwycięstwa, hier standen Rathaus und ev. Stadtkirche, heute ein Denkmal
  • Friedrichstraße / Bohaterów Stalingradu, wichtige Innenstadtstraße und Standort öffentlicher Institutionen, nach Kriegszerstörung vollständig neu mit Wohnhäusern bebaut
  • Posener Straße / ul. Śródmiejska, Haupteinkaufstraße, teilweise Fußgängerzone
  • Wilhelmsplatz, Innenstadtplatz, Standort von Hauptpost und Synagoge, nicht erhalten; an der Ostseite die Kirchstraße / Aleja Piastów mit der ehemaligen Hauptpost
  • Breite Straße / ul. 11 Listopada, Innenstadtstraße der Alten Bahnhofstraße / ulica 14 Lutego zur Brücke über den Küddow, vollständig neubebaut
  • Poststraße / ulica Pocztowa (gleichbedeutend), auf der Nordseite der Hauptpost (heute Telekom-Zentrale) von der Kirchstraße / Aleja Piastów am Wilhelmsplatz zur Breiten Straße / ul. 11 Listopada
  • Alte Bahnhofstraße / ul. 14 Lutego, Verbindung zwischen Bahnhof und Stadtzentrum
  • Danziger Platz / Plac Stanisława Staszica, in den 1920er Jahren als repräsentatives „Forum“ der neuen Provinz Posen-Westpreußen angelegt, Großbauten für Behörden und Kultur
  • Berliner Straße / Aleja Wojska Polskiego, Ausfallstraße nach Westen (Stadtpark, Städtisches Krankenhaus, Oberrealschule, Friedhöfe)
  • Bromberger Straße / Aleja Jana Pawla II. und ul. Bydgoska, Ausfallstraße nach Osten, beginnt an der ehem. Alten Brücke, Standort zahlreicher Gewerbebetriebe
  • Jastrower Allee / Aleja Niepodległości, Ausfallstraße nach Norden am rechten (westlichen) Ufer des Küddow
  • Bromberger Platz / Plac Powstanców Warszawy, Zentrum der Bromberger Vorstadt auf dem östlichen Flussufer

Bauwerke[Bearbeiten]

In der Altstadt[Bearbeiten]

  • Rathaus, Neuer Markt / Hasselstraße (Plac Zwycięstwa / ul. Budowlanych), nicht erhalten
  • Evangelische Stadtkirche, Neuer Markt, nicht erhalten
  • Hauptpost, Wilhelmsplatz, erhalten
  • Synagoge, Wilhelmsplatz, erbaut 1841, zerstört 9. November 1938
  • Katholische Kirche St. Johannes, Kirchstraße / Aleja Piastów, nicht erhalten
  • Hotel Rodło, Hochhaus an der Stelle der ehem. kath. Kirche
  • Landeshaus (heute Kreisverwaltung), Jastrower Allee

Westliche Innenstadt und Berliner Vorstadt[Bearbeiten]

  • Katholische Kirche Zur Heiligen Familie (ehemals Konkathedrale der Prälatur Schneidemühl), Propsteistraße / ul. Świętego Jana Bosko
  • Amts- und Landgericht, Friedrichstraße, nicht erhalten
  • Städtisches Krankenhaus, Berliner Straße
  • Evangelische Johanniskirche, Bismarkstraße/ul. Mariana Buczka, Ecke Albrechtstraße/ul. Stefana Okrzei, 1909–1911 nach den Plänen des Berliner Architekten Oskar Hossfeld erbaut, 1945 beschädigt, 1950 auf Druck der staatlichen Behörden gesprengt. Am 25. April 2011 wurde in unmittelbarer Nähe der Neubau einer evangelischen Kirche geweiht, die den gleichen Namen (polnisch: Św. Jana) trägt und deren Innenausstattung Professor Władysław Wróblewski, Kunstakademie Polen, schuf, Hantkestraße/ul. Wincentego Pola
  • Freiherr-vom-Stein-Gymnasium (heute Liceum Ogólnokształcące), Hantkestraße / ul. Wincentego Pola
  • Städtisches Stadion, Schmiedestraße / ul. Stefana Żeromskiego

Bromberger Vorstadt, östlich des Küddow[Bearbeiten]

Pfarrkirche St. Antonius
  • Pfarrkirche St. Antonius, Königstraße/Ackerstraße (Bromberger Vorstadt), 1928–30, Arch.: Hans Herkommer
  • Polnisches Konsulat (heute Museum), Bromberger Platz / Plac Powstanców Warszawy
  • Lutherkirche / Kirche Stanislawa Kostki, Brauerstraße / ul. Browarna

Südlich des Färberfließ[Bearbeiten]

Hauptbahnhof

Verkehr[Bearbeiten]

Piła liegt am Kreuzungspunkt zweier bedeutender polnischer Landesstraßen: der Landesstraße 10, die von der deutschen Grenze bei Stettin über Stargard Szczeciński (Stargard in Pommern) und Wałcz (Deutsch Krone) kommt und weiter über Bydgoszcz (Bromberg) bis nach Płońsk (Plöhnen) führt, und der Landesstraße 11, die die Ostseestadt Kołobrzeg (Kolberg) sowie Koszalin (Köslin) und Szczecinek (Neustettin) mit Posen und Bytom (Beuthen/OS) verbindet. Beide Straßen verlaufen auf Trassen der früheren deutschen Reichsstraßen: die Reichsstraße 104 (Lübeck–Stettin–Stargard in Pommern–Deutsch Krone–Schneidemühl) und der Reichsstraße 160 (Kolberg–Köslin–Neustettin–Schneidemühl–Kolmar).

Von Piła aus nehmen drei Woiwodschaftsstraßen ihren Weg: Die Woiwodschaftsstraße 179 nach Rusinowo (Ruschendorf, Trasse der ehemaligen Reichsstraße 123), die Woiwodschaftsstraße 180 nach Trzcianka (Schönlanke) und Kocień Wielki (Groß Kotten), und die Woiwodschaftsstraße 188 nach Złotów (Flatow) und Człuchów (Schlochau).

Auf dem Schienenwege ist Piła über die Staatsbahn (PKP)-Linie 203 zu erreichen, die von Kostrzyn nad Odrą (Küstrin) bis nach Tczew (Dirschau) auf einer Teilstrecke der früheren Preußischen Ostbahn von Berlin nach Königsberg (Preußen) verläuft. Von Piła aus führen zwei weitere Bahnstrecken nach Wałcz (Deutsch Krone) und weiter nach Ulikowo (Wulkow) (= PKP-Linie 403) und über Szczecinek (Neustettin) sowie Słupsk (Stolp) bis nach Ustka (Stolpmünde) (= PKP-Linie 405).

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Sonstige Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Der spätere Bischof Maximilian Kaller war mehrere Jahre als Apostolischer Administrator in Schneidemühl tätig.
  • Heinrich Maria Janssen, der spätere Bischof von Hildesheim, war von 1934 bis zur Vertreibung 1945 als Vikar und Kuratus an St. Antonius in der Freien Prälatur Schneidemühl tätig.
  • Ilse Kleberger (1921–2012), deutsche Schriftstellerin, absolvierte in Schneidemühl ihr Abitur.
  • Werner Kriesel (*1941), der spätere deutsche Professor für Automatisierungstechnik in Leipzig und Merseburg, Pionier der Industriellen Kommunikation, wurde bei Schneidemühl im kleinen Dorf Kappe, heute Kępa (Trzcianka) geboren und lebte hier bis Ende 1945.

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Verweise[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Egon Lange: Grenz- und Regierungsstadt Schneidemühl – Zeittafel zur Geschichte der Stadt Schneidemühl. Herausgegeben vom Heimatkreis Schneidemühl e.V., Bielefeld 1998.
  • Karl Boese: Geschichte der Stadt Schneidemühl. 2. Auflage, Holzner, Würzburg 1965 (1. Auflage: Schneidemühl 1935).
  • Magistrat [Schneidemühl] (Hrsg.): Schneidemühl, die Hauptstadt der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen. Mit einem Vorwort des stellvertretenden Oberbürgermeisters Max Reichardt. Das Archiv, Berlin 1930.
  • W. Hildt: Schneidemühl, Deutsche Architektur-Bücherei, Berlin 1929 [Fotoband].
  • Markus Brann: Geschichte des Rabbinats in Schneidemühl. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Breslau 1894.
  • Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte Provinz Pommern – Stadtkreis Schneidemühl (2006).
  • Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil II: Topographie von Westpreußen, Marienwerder 1789, S. 108-109, Nr. 2.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Piła – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Population. Size and Structure by Territorial Division. As of June 30, 2010. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF), abgerufen am 9. November 2013.
  2. Population. Size and Structure by Territorial Division. As of June 30, 2010. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF), abgerufen am 9. November 2013.
  3. Karl Boese: Geschichte der Stadt Schneidemühl. 2. Auflage, Holzner, Würzburg 1965, S. 13–14.
  4. Boese, S. 31–33.
  5. Boese, S. 192–197.
  6. Christian Raitz von Frentz: A Lesson Forgotten: Minority Protection under the League of Nations. The Case of the German Minority in Poland, 1920–1934. LIT Verlag, Münster 1999, S. 8 (eingeschränkte Vorschau)
  7. Boese, S. 192
  8. Boese, S. 196.
  9. a b Gunthard Stübs und Pommersche Forschungsgemeinschaft: Die Stadt Schneidemühl im ehemaligen Stadt Schneidemühl in der Provinz Pommern (2011)
  10. a b c d e Boese, S. 203-208
  11. Esriel Hildesheimer: Jüdische Selbstverwaltung unter dem NS-Regime. Mohr, Tübingen 1994, ISBN 3-16-146179-7, S. 181 ff.
  12. Vgl. Peter Simonstein Cullman: History of the Jewish community of Schneidemühl. 1641 to the Holocaust. Bergenfield NJ 2006, ISBN 978-1-886223-27-1; zum Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Holocaust dort ausführlich S. 133–173.
  13. Peter Simonstein Cullman: Memorial website dedicated to the history of the former Jewish community of Schneidemühl
  14. a b c d e f g h i Boese, S. 209-210
  15. Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil II, Marienwerder 1789, S. 108-109, Nr. 2.)
  16. Boese, S. 107
  17. Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Siebzehnter Band, Leipzig/Wien 1909, S. 623–624.
  18. Der Große Brockhaus. 15. Auflage, Sechzehnter Band, Leipzig 1933, S. 745.