Christian von Boetticher

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Christian von Boetticher (2010)

Christian von Boetticher (* 24. Dezember 1970 in Hannover) ist ehemaliger deutscher Politiker der CDU und heute Geschäftsführer der Firma Peter Kölln sowie Bundesvorsitzender der Deutsch-Baltischen Gesellschaft.

Er war von 1999 bis 2004 Abgeordneter des Europäischen Parlaments, von 2005 bis 2009 Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume in Schleswig-Holstein, von 2009 bis 2011 Fraktionsvorsitzender der CDU-Landtagsfraktion und von 2010 bis 2011 auch CDU-Parteivorsitzender und Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012. Am 14. und 15. August 2011 ist er von diesen politischen Ämtern als Folge einer veröffentlichten früheren Beziehung zu einer 16-jährigen Schülerin zurückgetreten.

Herkunft und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boetticher stammt aus der kurländischen Linie der Familie Boetticher. Er wuchs bei Adoptiveltern in Unterglinde im Kreis Pinneberg auf und besuchte das Theodor Heuss-Gymnasium in Pinneberg.[1] Nach dem Abitur im Jahre 1990 diente er zwei Jahre bei der Luftwaffe. Er ist Oberleutnant d. R. Ab 1992 studierte er Rechtswissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Universität Hamburg. 1997 bestand er das Referendarexamen und 2001 die Assessorprüfung. Im selben Jahr promovierte er in Hamburg zum Dr. iur.[2] Während seiner Studienzeit in Kiel trat er der Landsmannschaft Slesvico-Holsatia v. m. L! Cheruscia zu Kiel im Coburger Convent bei. Heute ist er Alter Herr der Studentenverbindung. Seit 2002 als Rechtsanwalt zugelassen, arbeitet er zunächst bis 2005 als Partner in einer Pinneberger Rechtsanwaltskanzlei. Von 2005 bis 2012 ruhte seine Zulassung. Ab dem 1. Juni 2012 war er zunächst in einer Hamburger Wirtschaftskanzlei tätig[3], wurde jedoch am 16. September 2015 zum Geschäftsführer des Elmshorner Lebensmittelherstellers Peter Kölln berufen und ersetzte damit in der Geschäftsleitung Hans Heinrich Driftmann, der in den Aufsichtsrat wechselte.[4]

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boetticher trat 1986 in die Junge Union ein und wurde 1987 Mitglied der CDU. Von 1992 bis 1996 war er Mitglied im CDU-Ortsvorstand in Appen, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender. Seit 1993 gehört er dem CDU-Kreisvorstand Pinneberg, von 1995 bis 1999 und seit 2001 als stellvertretender Vorsitzender, an. Von 2003 bis 2005 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Pinneberg. Seit 2006 ist er Mitglied im Vorstand der Europäischen Volkspartei (EVP). Von 2008 bis 2010 war er stellvertretender Vorsitzender des Bundesfachausschusses Ernährung und Landwirtschaft der CDU Deutschland.[5] Im selben Jahr kam er als Beisitzer in den Landesvorstand der CDU Schleswig-Holstein. Am 18. September 2010 wurde er auf dem 63. Landesparteitag der CDU Schleswig-Holstein als Nachfolger von Peter Harry Carstensen zum Landesvorsitzenden gewählt. Nachdem der amtierende Ministerpräsident Carstensen auf eine weitere Kandidatur verzichtet hatte, wurde von Boetticher am 6. Mai 2011 auf dem Parteitag in Norderstedt mit 209 von 240 Stimmen zum Spitzenkandidaten der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012 gewählt.[6] Drei Monate später, am 14. August 2011, trat er von Parteivorsitz und Spitzenkandidatur zurück.

Seit 2010 ist von Boetticher Mitglied im Landesvorstand Schleswig-Holstein des Wirtschaftsrates der CDU, in den er am 30. März 2012[7] und am 6. November 2014[8] erneut gewählt wurde. Boetticher war von März 2011 bis zu seinem Rücktritt am 14. August 2011 Vorsitzender des Medienpolitischen Expertenkreises der CDU Deutschlands.[9]

Abgeordneter in Pinneberg, Brüssel und Kiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1994 bis 1999 war von Boetticher Mitglied des Kreistages des Kreises Pinneberg und dort von 1998 bis 1999 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion. Ebenfalls von 1998 bis 1999 war er Gemeindevertreter von Appen.

Von 1999 bis 2004 war er Mitglied des Europäischen Parlaments.[10] Er arbeitete als Mitglied im Ausschuss für Freiheiten und Rechte der Bürger, Justiz und Inneres sowie im Petitionsausschuss. Er gehörte der Delegation zu Japan und dem gemischt-parlamentarischen Ausschuss EU/Lettland an, der den Beitritt des Landes 2004 in die EU vorbereitete. 2000/2001 fungierte er als Obmann der EVP/ED-Fraktion im Ad-hoc-Ausschuss Echelon, der amerikanische Geheimdiensttätigkeiten gegen europäische Unternehmen und Bürger untersuchte. Die Wiederwahl ins Europäische Parlament hatte er bei der Europawahl 2004 knapp verpasst.

Für die CDU erstmals nach 26 Jahren gewann er bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2009 ein Direktmandat im Wahlkreis 28 (Pinneberg, Halstenbek, Schenefeld). Die CDU-Fraktion wählte ihn zum Fraktionsvorsitzenden als Nachfolger von Johann Wadephul, der in den Deutschen Bundestag wechselte. Am 15. August 2011, einen Tag nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der CDU Schleswig-Holstein, trat er auch vom Fraktionsvorsitz zurück, behielt aber sein Mandat als Landtagsabgeordneter bis zum Ende der Wahlperiode am 5. Juni 2012 und fungierte als stellvertretender Vorsitzender des Europaausschusses.[11]. Von 2010 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Landtag am 5. Juni 2012 war er Vorsitzender der AG Medien der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzendenkonferenz.[12]

Öffentliche Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 27. April 2005 bis zum 27. Oktober 2009 gehörte er dem von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) geführten Kabinett der Großen Koalition als Minister für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein an.

Nach dem Bruch der Großen Koalition im Juli 2009 wurden alle SPD-Minister zum Ablauf des 21. Juli 2009 von Ministerpräsident Carstensen aus ihren Ämtern in der Landesregierung entlassen. Die Leitung der betroffenen Ministerien wurde unter den verbliebenen Kabinettsmitgliedern aufgeteilt; von Boetticher wurde dabei als Nachfolger von Gitta Trauernicht die Zuständigkeit für das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren übertragen.[13] Am 23. Juli 2009 wurde er als Nachfolger von Ute Erdsiek-Rave zum stellvertretenden Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein berufen.

Rücktritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 11. September 2010 Landesvorsitzender der CDU, galt von Boetticher als kommender Spitzenkandidat für die vorgezogene Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012.[14] Anfang August 2011 wurde eine frühere Beziehung von Boettichers zu einer 16-jährigen Schülerin bekannt. Nach Kritik aus der eigenen Partei trat er am 14. August 2011 als Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl und als CDU-Landesvorsitzender zurück. Er gab am nächsten Tag auch den Fraktionsvorsitz auf. Bereits am 16. August 2011 wurde bekannt, dass der Landesvorstand und Kreisvorsitzende der CDU sich für Jost de Jager als Nachfolger von Boettichers entschieden hatten.

Die persönlichen und parteipolitischen Hintergründe, die zum Rücktritt führten, wurden umfangreich in dem Dossier Christian von Boetticher: Feind, Todfeind, Parteifreund aufgearbeitet, welches die Journalisten Ulf B. Christen, Volker ter Haseborg, Karsten Kammholz und Lars-Marten Nagel am 29. Dezember 2011 im Hamburger Abendblatt veröffentlichten.[15] Die Journalisten wurden für diesen Beitrag am 27. Februar 2013 mit dem Medienpreis des Deutschen Bundestages 2012 ausgezeichnet.[16].

Der scheidende Ministerpräsident Carstensen erfuhr nach eigenen Angaben am 13. Juli 2011 von Gerüchten über eine Beziehung seines Zöglings mit einer Minderjährigen, die von Boetticher ihm gegenüber am 28. Juli 2011 bestätigt habe.[17] Am 20. August 2011 wurde über Kontakte der jungen Frau zu weiteren Mitgliedern der schleswig-holsteinischen CDU berichtet. Diese habe sich am 8. Juli 2011 mit einem Mann aus dem Umfeld des Landesgeschäftsführers Daniel Günther getroffen, der als parteiinterner Gegner von Boettichers galt. Die Kontaktaufnahme soll über einen Alias-Namen ebenfalls auf Facebook stattgefunden haben.[18]

Eine Woche nach seinem Rücktritt äußerte sich von Boetticher vom Landesverband und der Landtagsfraktion seiner Partei enttäuscht und beklagte ein „großes Maß an Illoyalität“. So habe seine Partei auch seinen Rücktritt vom CDU-Fraktionsvorsitz bestätigt, ohne dies vorher mit ihm abzustimmen.[19] Insbesondere von seinem früheren Mentor Carstensen fühlte er sich diskreditiert. Auf dem Parteitag des CDU-Kreisverbandes Pinneberg gab er am 17. September 2011 bekannt, nicht wieder für den Landtag Schleswig-Holstein kandidieren und in der Wirtschaft arbeiten zu wollen. Die Delegierten wählten ihn anschließend zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden.[20]

Deutschbaltisches Engagement und Ehrenämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als 22-Jähriger war Boetticher dem Deutschbaltischen Jugend- und Studentenring beigetreten und hat später zwischen 1999 und 2004 als Abgeordneter im Europäischen Parlament im zuständigen gemischt-parlamentarischen Ausschuss „EU/Lettland“ intensiv die Beitrittsverhandlungen des Landes zur Europäischen Union begleitet. Als Minister für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Schleswig-Holstein schloss er in den Jahren 2006 und 2007 mit Estland, Lettland und Litauen Kooperationsverträge zum Verwaltungs- und Jugendaustausch ab. Seit 2012 ist er Mitglied im Vorstand der Carl-Schirren-Gesellschaft und seit 2013 stellvertretender Vorsitzender der Deutschbaltischen Kulturstiftung in Lüneburg. Am 31. Oktober 2015 wurde er als Nachfolger von Frank von Auer zum Bundesvorsitzenden der Deutsch-Baltischen Gesellschaft in Darmstadt gewählt, der Vereinigung der 1939 zunächst umgesiedelten und dann zum Kriegsende vertriebenen Deutschbalten aus Estland und Lettland.[21]

Weitere Ehrenämter Boettichers sind:

  • Seit 1997 Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger Primaner des Theodor-Heuss-Gymnasiums zu Pinneberg e. V.[22]
  • Seit 1999 Vorsitzender der Paneuropa-Union, Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg [23]
  • Seit 2002 Ehrenritter des Johanniterordens, Schleswig-Holsteinische Genossenschaft [24]
  • Seit 2009 stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Bürgerstiftung Pinneberg e. V.[25]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „SO WURDE ICH ZUM APPEL(MANN)!“. In: ths-pressident.de vom 23. April 2011
  2. Dissertation: Parlamentsverwaltung und parlamentarische Kontrolle
  3. Wirtschaftsrat Recht
  4. Elmshorn - Christian von Boetticher leitet künftig Kölln Flocken - Hamburger Abendblatt, 19. September 2015
  5. Bericht der Bundesgeschäftsstelle der CDU (PDF; 5,0 MB)
  6. Boetticher wird CDU-Spitzenkandidat. auf: FocusOnline. abgerufen am 7. Mai 2011
  7. Pressemitteilung Wirtschaftsrat Deutschland (PDF; 42 kB)
  8. http://www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/9B5C3C38204DC769C1257D8A0047D58D/$file/pm_LAVOR_2014b.pdf
  9. CDU-Archiv
  10. Dr. von Boetticher, Christian (Europäisches Parlament) (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  11. http://lissh.lvn.parlanet.de/cgi-bin/starfinder/0?path=samtflmore.txt&id=fastlink&pass=&search=ID%3D2745&format=WEBVOLLLANG
  12. CDU-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz
  13. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen entlässt sozialdemokratische Ministerinnen und Minister, Pressemitteilung vom 20. Juli 2009
  14. Ein Nachfolger für Peter Harry Carstensen. In: Stern vom 18. September 2010
  15. http://www.abendblatt.de/hamburg/article108213915/Christian-von-Boetticher-Feind-Todfeind-Parteifreund.html
  16. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/43013428_kw09_medienpreis_politik/210990
  17. Ulrich Exner: „Pass auf, Christian, die Geschichte geht schief“. Auf: welt.de am 18. August 2011
  18. Welt-Online: Pseudonyme, geheime Treffen und der Fall Boetticher. Auf: welt-online.de 20. August 2011
  19. kuz: Teenager-Affäre: Boetticher will Schleswig-Holstein verlassen In: Der spiegel.de vom 21. August 2011.
  20. Wolfgang Schmidt: Boetticher zum Ausstieg: „Sag' niemals nie“ In: shz.de vom 17. September 2011
  21. http://www.deutsch-balten.de/index.php/99-neuer-bundesvorstand-der-deutsch-baltischen-gesellschaft-2
  22. Primaner THG
  23. Paneuropa
  24. Hamburger Abendblatt
  25. Bürgerstiftung Pinneberg

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Pörksen/Wolfgang Krischke (Hrsg.): Christian von Boetticher. Die Meute in Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte, Halem-Verlag, Köln 2013, S. 54 - 65.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Christian von Boetticher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien