Campione d’Italia

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Campione d'Italia
Wappen
Campione d'Italia (Italien)
Campione d'Italia
Staat: Italien
Region: Lombardei
Provinz: Como (CO)
Koordinaten: 45° 58′ N, 8° 58′ O45.9708333333338.9708333333333273Koordinaten: 45° 58′ 15″ N, 8° 58′ 15″ O
Höhe: 273 m s.l.m.
Fläche: 2,6 km²
Einwohner: 2.126 (31. Dez. 2012)[1]
Bevölkerungsdichte: 818 Einw./km²
Stadtviertel Capernago, Castello, Cottima, Fornace, Fornaci, Ori, Posero, Sasso del Cane, Scirèe, Scigogna, Valdancio
Angrenzende Gemeinden Arogno (CH-TI), Bissone (CH-TI), Lugano (CH-TI), Melide (CH-TI), Paradiso (CH-TI)
Postleitzahl: 22060 (Italien)
6911 (Schweiz)
Vorwahl: +41 91 (Schweiz)
ISTAT-Nummer: 013040
Volksbezeichnung: Campionesi
Schutzpatron: San Zenone
Website: Campione d’Italia
Lage von Campione

Campione d'Italia (meist kurz Campione) ist eine italienische Exklave mit 2126 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2012), vom Schweizer Kanton Tessin umgeben, die vom Rest Italiens durch den Luganersee, Siedlungen (Bissone, Caprino) und Berge (Sighignola) auf Schweizer Staatsgebiet getrennt ist.

Geografie[Bearbeiten]

Campione liegt am Ostufer des Luganersees. Es hat eine Fläche von 2,6 km² (0,9 km² Land- und 1,7 km² Seefläche); die Nord-Süd-Ausdehnung des Gebietes beträgt etwa 2,45 km. Die Länge der Landgrenze beträgt etwa 7 km.

Geschichte[Bearbeiten]

Der besondere Status Campiones geht auf das Jahr 777 zurück, als der langobardische Herrscher Toto von Campione in seinem Testament das Gebiet dem Kloster Sant’Ambrogio in Mailand vermachte. In dessen Besitz blieb es 1020 Jahre lang. Während Jahrhunderten, insbesondere vom 12. bis 14. Jahrhundert, war Campione für seine Kunsthandwerker, die berühmten Maestri Campionesi, bekannt: Steinmetze, Bildhauer, Maler, Architekten und Bauherren, deren Werke überall in Norditalien entstanden.

Napoleon hob bei seiner Ankunft 1797 sämtliche Kirchengüter auf und schlug Campione der neugeschaffenen Cisalpinischen Republik zu, während das Tessin 1798 ebenfalls durch Napoleon vom Untertanengebiet der Innerschweiz zum gleichwertigen eidgenössischen Kanton erhoben wurde. Napoleon hat also bei seinem Entscheid die historischen Verhältnisse aus dem Mittelalter berücksichtigt. Bereits 1800 und erneut während des Wiener Kongresses 1814/15 versuchte das Tessin, den Wechsel von Campione an die Schweiz zu erreichen. Als Tauschobjekt wurde „die abgelegenste Gemeinde der Schweiz“, Indemini, angeboten. Beide Vorstöße blieben jedoch erfolglos.

Die Lombardei und damit auch Campione wurden 1861 Teil des Königreichs Italien. Im selben Jahr wurde eine Grenzbereinigung zwischen dem Königreich Italien und der Schweizerischen Eidgenossenschaft vereinbart. Zuvor hatte das Territorium von Campione auch die gegenüberliegende Küste von San Martino mit dem Teil der Poststraße zwischen Lugano und Melide umfasst. Seither verläuft die Grenze in der Seemitte.[2] Dies war für die wenige Jahre später erbaute Gotthardbahn von Bedeutung, die so bis Chiasso ausschließlich auf schweizerischem Gebiet zu liegen kam. Im Gegenzug erhielt Campione freien Zugang zum schweizerischen Markt.

Der Zusatz d’Italia wurde 1933 unter Mussolini an den Namen angehängt, um die Zugehörigkeit des Territoriums zu Italien zu unterstreichen. In dieser Zeit entstand auch der Torbogen am Ortseingang.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Blick von Campione über den See in die Schweiz mit Lugano am nördlichen Seeufer

Campione ist wirtschaftlich stark in die Schweiz integriert, benutzt den Franken als Hauptwährung und profitiert von speziellen Regelungen für Italiener auf Schweizer Gebiet. Die Fahrzeuge der Campionesi, auch diejenigen der Ortspolizei (polizia municipale), haben Schweizer Autokennzeichen des Kantons Tessin mit dem Kürzel TI (Ticino). Die Gemeinde zahlt jährlich sechsstellige Summen an die Schweiz. Damit werden der Unterhalt der einzigen Zufahrtsstraße über Bissone und die Benutzung schweizerischer Spitäler und Schulen durch die Einwohner von Campione abgegolten.

Das Telefonnetz ist schweizerisch, was bedeutet, dass Anrufe aus Italien mit der Vorwahl 004191 beginnen müssen und damit Auslandsgespräche sind. Campione hat, ähnlich wie das deutsche Büsingen am Hochrhein, sowohl eine schweizerische (6911) als auch eine italienische Postleitzahl (22060). In den Jahren 1944 bis 1952 gab der Ort sogar eigene Briefmarken aus, die großes philatelistisches Interesse hervorriefen (siehe Postgeschichte und Briefmarken von Campione d’Italia).

Das markante Casinogebäude am Ufer des Luganersees bei Nacht

1917, also im Ersten Weltkrieg, wurde in Campione die erste Spielbank eröffnet. Der Hintergedanke lag darin, auf „neutralem Territorium“ ausländischen Diplomaten in entspannter Atmosphäre militärische Geheimnisse zu entlocken. Heute profitiert Campione in hohem Maße von seiner Spielbank, deren neues Gebäude für 82,5 Millionen Schweizer Franken (50 Millionen Euro) am 9. Mai 2007 eröffnet wurde. Es handelt sich um das größte Casino Europas, gestaltet vom bekannten Schweizer Architekten Mario Botta. Es gibt in Italien nur drei weitere Spielbanken (in Sanremo, Venedig und Aosta). Die Gesetze für Spielhallen sind in Campione weniger streng als im Rest Italiens oder in der Schweiz.

Der zollrechtliche Status von Campione ist besonders interessant. Der Ort gehört gemäß Art. 3 Abs. 1 ZK nicht zum Zollgebiet der Europäischen Union, sehr wohl aber zur EU. Andererseits gibt es – im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein und zu Büsingen am Hochrhein – keinen Staatsvertrag über die Einbindung von Campione ins Schweizer Zollgebiet. Ein solcher wurde zwar von italienischer Seite angestrebt, aber davon kam man wieder ab, nachdem sich gezeigt hatte, wie schwierig die Verhandlungen über den Büsinger Zollanschlussvertrag waren.[3] Die Enklave ist damit nicht de jure, aber de facto zollrechtlich Teil der Schweiz. Zwischen der Schweiz und Campione gibt es keine Zollkontrollen.

Neben den italienischsprachigen Campionesen und einigen wenigen Schweizern leben im Ort als Folge der Personenfreizügigkeit in der Europäischen Union mehrere hundert Deutsche, nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen. Darunter befinden oder befanden sich auch einige Prominente, z. B. der Schauspieler Mario Adorf.

Campione als Steueroase[Bearbeiten]

Die Bewohner von Campione können in der Schweiz zu den gleichen Bedingungen wie die Schweizer arbeiten. Gemäß dem italienisch-schweizerischen Doppelbesteuerungsabkommen müssen sie das daraus erzielte Einkommen nicht am Wohnort, sondern in der Schweiz zu den dortigen Sätzen versteuern. Einen Teil dieser Einnahmen überweist die schweizerische Finanzbehörde nach Italien.

Bei Selbständigen und Freiberuflern sieht es völlig anders aus. Bis vor einigen Jahren war Campione von der italienischen Steuergesetzgebung stark bevorzugt, wurde doch das Einkommen der Einwohner, das in der Regel in Schweizer Franken anfiel, zu einem festgelegten Wechselkurs in Lire umgerechnet, einer Währung, die sich kontinuierlich abwertete. Auch heute noch legt der italienische Minister für Wirtschaft und Finanzen alle drei Jahre für die Versteuerung von in Schweizer Franken erzielten Einkommen einen Umrechnungskurs fest, z. B. 2007 in Höhe von 0,52135 Euro pro Franken. Der tatsächliche Kurs betrug zu jenem Zeitpunkt 0,64587. Die Differenz soll ähnlich wie der zusätzliche Freibetrag der ebenfalls im schweizerischen Währungsraum gelegenen deutschen Enklave Büsingen am Hochrhein den höheren Lebenshaltungskosten der Einwohner Rechnung tragen. Außerdem gilt für am Ort erzielte Einkommen bis 200'000 Franken ein pauschaler Abzug von 20 %.[4] Davon abgesehen gelten jedoch die gleichen Steuergesetze wie überall in Italien. Diese sind allerdings selbst für Finanzbeamte sehr unübersichtlich und können sich sehr schnell ändern, manchmal auch rückwirkend. Hinzu kommt, dass abgesehen von zwei kleinen Bankfilialen am Ort die Bewohner von Campione ihre Geldgeschäfte über Schweizer Banken tätigen, welche dem Bankgeheimnis unterliegen, und der Finanzplatz Lugano nur wenige Kilometer entfernt liegt. Da die Gemeinde und die Provinz Como aus der Spielbank erhebliche Einnahmen erzielen, sollen sie an strengen Kontrollen nicht sonderlich interessiert sein. In der Praxis führt das dazu, dass selbst bei gehobenem Lebensstil effektiv nur vergleichsweise geringe Steuern fällig werden. Das konnte auch dem deutschen Bundesamt für Finanzen nicht verborgen bleiben. Beim Umzug von Deutschland nach Campione ist deshalb die deutsche Wegzugsbesteuerung zu beachten, das heißt im Wesentlichen, dass in Deutschland verbleibendes Vermögen gleich wie bei einem Verkauf behandelt wird und entsprechend versteuert werden muss.

Anders als in der Schweiz, wo ein Normalsatz der Mehrwertsteuer von 8 % gilt, wird in Campione keine MwSt berechnet. Allerdings kann die in der Schweiz bezahlte Mehrwertsteuer auf Waren nicht zurückgefordert werden, wenn diese nach Campione verbracht werden. Umgekehrt muss auf Einkäufe in Campione beim Grenzübertritt in die Schweiz keine Mehrwertsteuer bezahlt werden. Die Bewohner von Campione können genau wie Schweizer die auf Wareneinkäufe in der EU, beispielsweise im nahen Italien bezahlte Mehrwertsteuer, nach der Ausfuhr aus dem Zollgebiet der Europäischen Union zurückfordern.

Aufgrund der hervorragenden Haushaltslage der Gemeinde bis 2010 verzichtet diese auf die kommunale Grundsteuer (imposta comunale immobiliare, ICI). Wohnungen in Campione sind nicht zuletzt aufgrund der sehr schönen Lage am See sehr teuer, und aufgrund der italienischen Mietergesetze gibt es kaum Mietwohnungen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Bilder[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Campione d’Italia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2012.
  2. Erstausgabe der Dufourkarte
  3. Auskunft der Zollkreisdirektion Schaffhausen, 15. April 1971.
  4. I cittadini di Campione d’ Italia come si comportano di fronte al fisco italiano ? vom 20. März 2008, abgerufen am 6. Januar 2012.
  5. Isidoro Bianchi auf www.sikart.ch