Nesterow

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Nesterow (Begriffsklärung) aufgeführt.
Stadt
Nesterow/Stallupönen (Ebenrode)
Нестеров
Wappen
Wappen
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Nesterow
Oberhaupt Oleg Wiktorowitsch Kutin
Erste Erwähnung 1539
Frühere Namen Stallupönen (bis 1938)
Ebenrode (1938–1946)
Stadt seit 1722
Fläche km²
Bevölkerung 4595 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 574 Einwohner/km²
Höhe des Zentrums 65 m
Zeitzone UTC+2
Telefonvorwahl (+7) 40144
Postleitzahl 238010
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 224 501
Geographische Lage
Koordinaten 54° 38′ N, 22° 34′ O54.63333333333322.56666666666765Koordinaten: 54° 38′ 0″ N, 22° 34′ 0″ O
Nesterow (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Nesterow (Oblast Kaliningrad)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Kaliningrad‎
Liste der Städte in Russland

Nesterow (russisch Нестеров; deutsch bis 1938 Stallupönen, 1938 bis 1946 Ebenrode) ist eine Stadt mit 4595 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010),[1] Rajonzentrum des Rajons Nesterow im Osten der Oblast Kaliningrad (Russland). Sie liegt im nordöstlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen. Der Name „Stallupönen“ leitete sich von prußisch „stalas“ (aufgerichteter Stein) und „upe“ (Fluss) ab und bezeichnete eine Kultstätte am Fluss.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Nesterow liegt an der russischen Fernstraße A 229 (ehemalige deutsche Reichsstraße 1, heute auch Europastraße 28), zwölf Kilometer von der russisch-litauischen Grenze entfernt. Im Stadtzentrum trifft sie auf die von Dobrowolsk kommende Fernstraße R 510, auf eine Nebenstraße von Kutusowo und auf eine Straßenverbindung aus dem russisch-polnischen Grenzgebiet bei Saslonowo über Kalinino und Iljuschino.

Nesterow ist Grenzbahnhof der Bahnstrecke von Kaliningrad über Gussew zur Weiterfahrt nach Litauen - einem Teilstück der ehemaligen Preußischen Ostbahn. In Nesterow zweigt eine Nebenbahn nach Krasnolessje über Newskoje und Tschistyje Prudy ab, die vor 1945 bis nach Goldap führte.

Der Bahnhof in Nesterow

Geschichte[Bearbeiten]

Historisches Stadtwappen
Stallupönen um 1900

„Stallupenn“ wurde erstmals in den Akten des Hauptamtes Insterburg 1539 erwähnt und wurde später zum Marktflecken. Im Jahr 1539 erhielt es eine Kirche, jedoch fanden noch bis ins 18. Jahrhundert heimliche Bocksopferungen statt. Anlässlich eines Besuches des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1721 trug der Ort die Bitte um Verleihung des Stadtrechts vor, der am 22. Juni 1722 Genüge getan wurde. In den folgenden Jahren ließ der König die Stadt planmäßig um eine Neustadt durch Joachim Ludwig Schultheiß von Unfriedt vergrößern. Die Neusiedler kamen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, darunter viele Glaubensvertriebene aus dem Fürstbistum Salzburg. Im Juni 1812 zogen die Truppen Napoleons auf ihrem Marsch nach Russland durch Stallupönen und richteten große Schäden an. Als nach den Befreiungskriegen in Preußen 1815 eine Verwaltungsreform durchgeführt wurde, erhielt Stallupönen den Status einer Kreisstadt für den gleichnamigen Kreis.

Im Ersten Weltkrieg kam es zum Gefecht bei Stallupönen. Die Stadt erlitt schwere Zerstörungen. Nach dem Abzug der Russen begann 1915 der Neuaufbau der Stadt im Stil der Heimatschutzarchitektur.

Im Zuge der Germanisierung ostpreußischer Städtenamen benannten die Nationalsozialisten Stallupönen 1938 in „Ebenrode“ um. Während des Zweiten Weltkriegs verließen im Rahmen einer Evakuierung am 16. Oktober 1944 die letzten Einwohner den Ort, der danach durch einen Luftangriff zerstört wurde.

Am 13. Januar 1945 nahm ihn die Roten Armee ein. Er wurde am 7. April 1946 der Oblast Kaliningrad zugeordnet und mit Sowjetbürgern besiedelt. Die Stadt erhielt den Namen des am 20. Oktober 1944 bei Kassuben gefallenen Obersten der Roten Armee Stepan Kusmitsch Nesterow.

Ortseingang von Nesterow (Juli 2009)
Straßenansicht

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr Einwohner
1875 3763
1880 3997
1890 4673
1910 5646
1933 6294
1939 6644
1959 3205
1970 4004
1979 4745
1989 4826
2002 5049
2010 4595

Anmerkung: Volkszählungsdaten

Kirche[Bearbeiten]

Evangelische Kirche[Bearbeiten]

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Stallupönen im Kriegsjahr 1915, im Hintergrund die evangelische Kirche

Die erste evangelische Kirche entstand in Stallupönen 1585 auf einer Anhöhe. Sie wurde 1726 durch einen Nachfolgebau ersetzt. Nach Kriegsbeschädigungen riss man das Gotteshaus in den 1950er Jahren ab.

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Stallupönen gehörte bis 1586 zum Kirchspiel Pillupönen (1938–1946 Schloßbach, russisch: Newskoje) und wurde dann verselbständigt. Bis 1725 war die Gemeinde in die Inspektion Insterburg (Tschernjachowsk) eingegliedert, danach kam sie zur Inspektion Gumbinnen (Gussew). Bis 1945 war sie dann namensgebend für den Kirchenkreis Stallupönen, zu dem sie gehörte und der im Bereich der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union lag. Zunächst tat hier ein Geistlicher seinen Dienst, ab 1736 versah ein weiterer Pfarrer die Amtsgeschäfte.

Während der Sowjetunion-Zeit kam das evangelisch-kirchliche Leben zum Erliegen. In den 1990er Jahren entstand eine neue Gemeinde im Nachbarort Babuschkino, die zur Propstei Kaliningrad der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) gehört und in der die Pfarrer der Salzburger Kirche in Gussew Dienst tun.

Kirchenbücher[Bearbeiten]

Einige Kirchenbücher aus der Zeit vor 1945 konnten gerettet werden und liegen heute im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg: Taufen (1729–1830), Trauungen (1768–1856), Bestattungen (1725–1847) und Konfirmationen (1800–1832, 1841, 1850, 1852, 1854).

Pfarrer 1589–1945[Bearbeiten]

Als Pfarrer waren seit der Reformation bis 1945 in Stallupönen/Ebenrode tätig:

  • Johann Holstein, ab 1590
  • N. Stimer, 1595–1602
  • Samuel Sperber, 1603–1613
  • Gregorius Wirzinski, 1613–1640
  • Martin Schultz, 1640–1650
  • Johann Heinrich Leopoldi, 1650–1662
  • Cyprian Czudnochowius, 1651–1686
  • Johann Wolfgang Musculus, 1686–1725
  • Albrecht Piascowius, 1712–1717
  • Christian Guleke, 1717–1748
  • Johann Friedrich Breuer, 1736–1769
  • Johann Heinrich Kunzmann, 1749–1775
  • Gottlieb Westphal, 1769–1788
  • Fottlieb Funck, 1775–1781
  • Carl Gottlieb Steinberg, 1781–1797
  • Johann Christoph Prellwitz, 1786–1788
  • Johann Immanuel Groschke, 1789–1801
  • Christoph Andreas Sachs, 1796–1813
  • Christian F. Unverdorben, 1803–1808
  • Johann Wilhelm Kopp, 1808–1813
  • Friedrich Wilhelm Rauschning, 1813–1817
  • Johann Wilhelm Kopp, 1813–1823
  • Johann Carl Prellwitz, 1817–1827
  • Benjamin Lebrecht Hinz, 1824–1831
  • Carl Eduard Torno, 1827–1833
  • Friedrich Ferdinand Schultz, ab 1831
  • Johann Ferdinand Runau, 1833–1844
  • Otto Julius C. Hinz, 1845–1860
  • Eduard Theodor Hch. Küsel, 1869–1871
  • Ludwig Johann Johannesson, 1860–1885 [2]
  • Franz Otto L. Pensky, 1871–1879
  • Sylvester Suszczynski, 1881–1883
  • Franz Moritz Ziehe, 1884–1885
  • Johann Gustav Theodor Glodkowski, 1885–1907
  • Friedrich Otto Rosinski, 1888–1889
  • Friedrich Karl Moßeik, 1889–1919
  • Ernst Georg Gustav Liedtke, 1908–1919
  • Herbert Herrgesell, 1919–1934
  • Traugott Otto G. Getzuhn, 1920–1934
  • Max Michalik, 1934–1937
  • Karl Woronowicz, 1935–1945
  • Wilhelm Rugullis, bis 1941
  • Oskar Anton, 1942–1945

Kirchenkreis[Bearbeiten]

Das Stallupöner Gebiet war bis in das 16. Jahrhundert hinein nicht besiedelt und bildete so einen Schutzwall gegen feindlichen Einfall von Osten. Vertraglich wurde die Grenze zwischen dem Deutschen Orden und Litauen zwar 1422 festgelegt, doch erst unter Herzog Albrecht von Preußen (1525-1568), Ordenshochmeister, erfolgte die Besiedelung. Die Reformation wurde eingeführt, wobei gleichzeitig durch Urbarmachung Bauernstellen entstanden, die zu Kirchspielen zusammengelegt wurden, in deren Mittelpunkt Kirchen gebaut wurden.

Die erste urkundlich bekannte Siedlung war Kattow (= Kattenau, russisch: Sawety). Das Dorf Stallupönen entstand erst im Jahre 1525. Die Predigtsprache war wie die Umgangssprache Litauisch, die Amtssprache Mitteldeutsch.

Die ersten Kirchen des späteren Kirchenkreises Stallupönen entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: in Pillupönen (1938-1946 Schloßbach, russisch: Newskoje) 1557, in Kattenau (Sawety) 1560, in Stallupönen 1585, in Enzuhnen (1938-1946 Rodebach, russisch: Tschkalowo) 1608 und in Mehlkehmen (1938-1946 Birkenmühle, russisch: Kalinino) 1692.

Ab 1685 wurden unter dem Großen Kurfürsten aus Frankreich wegen ihres evangelischen Glaubens vertriebene Hugenotten im Raum Stallupönen angesiedelt. 1731/1732 erfolgte die Einwanderung von evangelischen Salzburgern, die ebenfalls aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen mussten. In dieser Zeit und später entstanden weitere Kirchen: in Bilderweitschen (1938-1946 Bilderweiten, russisch: Lugowoje) 1718, in Göritten (Puschkino) 1725, in Soginten (Swirskoje) im Kirchspiel Enzuhnen 1772, in Eydtkuhnen (1938-1946 Eydtkau, russisch: Tschernyschewskoje) 1876 und in Kassuben (Iljinskoje) 1901.

Im Oktober 1944 war das Gebiet des seit 1938 Ebenrode genannten Kirchenkreises Frontgebiet. Durch Kriegseinwirkung stark beschädigt und teilweise ausgebrannt waren die Kirchen in Enzuhnen, Eydtkuhnen und Kassuben, weniger beschädigt die in Stallupönen und Göritten. Vollkommen erhalten waren die Kirchen in Pillupönen, Kattenau und in Bilderweitschen (hier auch, wie in Stallupönen, die katholische Kirche). Keine Angabe gibt es über die Kirche in Soginten.

Die Kirchen wurden zu Sowjetzeiten zweckentfremdet, verfielen oder wurden abgerissen. Die einzige Kirche im Stallupöner Kreis, die heute noch erhalten ist und kirchlich genutzt wird, ist die katholische Kirche in Stallupönen, jetzt orthodoxes Gotteshaus. Die Pillupöner Kirche ist zwar erhalten und wieder hergerichtet, wird jedoch als Museum fremdgenutzt. Von der Eydtkuhner Kirche gibt es nur noch Ruinenreste.

Kam das kirchliche Leben zu Sowjetzeiten im Stallupöner Kirchenkreis auch zum Erliegen, so entstanden in den 1990er Jahren in seinem Gebiet vier neue evangelische Gemeinden: in Babuschkino, in Jasnaja Poljana, in Kalinino und in Newskoje. Sie gehören zur Propstei Kaliningrad in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) und werden von den Geistlichen der Salzburger Kirche in Gussew betreut.

Katholische Kirche[Bearbeiten]

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Die einstige katholische Kirche wurde im Jahre 1927 errichtet. Sie überstand den Krieg, diente aber lange Zeit als Haus der Pioniere und wurde 1993 der russisch-orthodoxen Kirche übergeben.

Die russisch-orthodoxe Heilig-Geist-Kirche

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Die katholische Kirche in Stallupönen gehörte vor 1945 zum Bistum Ermland.

Orthodoxe Kirche[Bearbeiten]

Seit 1993 gehört die ehemalige katholische Kirche der russisch-orthodoxen Kirche, die sie als Gotteshaus benutzt. Das Gebiet der Oblast Kaliningrad ist in die Diözese Kaliningrad und Baltijsk eingegliedert.

Sport[Bearbeiten]

Am 18. Mai 2013 wurde in Nesterow das moderne Sport- und Gesundheitszentrum "Salut" eröffnet. Dort werden Kurse in Volleyball, Basketball, Gymnastik, Tennis und Kampfsport angeboten. [3]

Persönlichkeiten der Stadt[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Mit der Stadt verbunden[Bearbeiten]

  • Ulrich Woronowicz (1928–2011), evangelischer Theologe und Buchautor, besuchte von 1935 bis 1944 Volksschule und Gymnasium in Stallupönen/Ebenrode.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Chronik der Stadt Stallupönen. Seit Gründung der Stadt vom J. 1722 bis einschließlich 1833. In: Preußischen Provinzialblätter, Band 15, Königsberg 1836, S. 145-156 (Online, Google) und 384-400 (Online, Google).
  • Karl Moszeik: Stallupönen. Geschichtliches bis zum Russeneinfall 1914. Karl Linke, Leipzig-Stötteritz 1915
  • Rudolf Grenz: Die Geschichte des Kreises Stallupönen/Ebenrode in Ostpreußen. Dokumentation eines ostpreußischen Grenzkreises. Kreisgemeinschaft Stallupönen (Ebenrode)², Marburg/Lahn 1981
  • Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968
  • Christa Stache, Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, Teil 1: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, Berlin, 1992³

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Stifter der Corps Littuania Königsberg
  3. http://sdelanounas.ru/blogs/33414/
  4. Biografie von Lothar Lechleiter

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nesterow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien