Lolita (Roman)

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Lolita ist der bekannteste Roman des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Er wurde in englischer Sprache verfasst und erschien zuerst 1955.

Der Roman wird heute einhellig zu den literarischen Meisterwerken des 20. Jahrhunderts gezählt. Seine literarische Würdigung war in den Jahren unmittelbar nach seinem Erscheinen jedoch von der Frage belastet, ob er ein pornographisches oder ein hoch moralisches Werk sei. Marcel Reich-Ranicki schrieb 1987, dass diese Diskussion aus heutiger Sicht absurd und lächerlich zugleich scheine. Es gäbe in dem Roman keinen einzigen Satz, der ihn auch nur in die Nähe der Pornographie rücken würde.[1] Trotzdem fand Nabokov in den Vereinigten Staaten wegen des kontroversen Inhalt des Romans zunächst keinen Verleger: Der pädophile Ich-Erzähler Humbert Humbert zwingt seine zu Beginn der Erzählung zwölfjährige Stieftochter Dolores („Lolita“) zu einer zweijährigen Odyssee durch die USA. Von ihm als „Vater und Tochter“ ausgegeben, leben sie in einer sexuellen Beziehung, aus der Lolita schließlich flieht. Humbert spürt den gleichfalls pädophilen Schriftsteller Clare Quilty, der ihr bei der Flucht geholfen hatte, auf und erschießt ihn. Der Roman gibt vor, von Humbert im Gefängnis geschrieben worden zu sein, während er auf seinen Mordprozess wartet. Der Text richtet sich wiederholt an die Geschworenen.

Die Erstveröffentlichung des Romans erfolgte durch den in Frankreich ansässigen und auf die Veröffentlichung englischsprachiger Erotica spezialisierten Verlag Olympia Press. Eine mehr beiläufige Erwähnung des Romans durch den angesehenen britischen Autoren Graham Greene sorgte in Großbritannien für einen Literaturskandal und für ein indirektes Verkaufsverbot des Romans in Frankreich, was wiederum in zahlreichen Ländern die Neugier eines großen Lesepublikums weckte. Der Roman erschien 1958 in den USA und stand dann für Monate auf den Bestseller-Listen. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1959.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Roman beginnt mit einem Vorwort des fiktionalen Herausgebers John Ray, Jr., der dem Leser mitteilt, der folgende Text sei unter dem Titel Lolita oder die Bekenntnisse eines Witwers weißer Rasse (Lolita, or Confession of a White Widowed Male) von einem Gefängnisinsassen verfasst worden, der sich selbst im Text mit dem Decknamen „Humbert Humbert“ bezeichne und am 16. November 1952, kurz vor Beginn seines Prozesses, an den Folgen einer Koronarthrombose gestorben sei.

Der 1910 in Paris geborene Humbert Humbert ist Literaturwissenschaftler und lebt seit einiger Zeit in den USA. Das prägende Erlebnis seiner Jugend war seine mit vierzehn Jahren erlebte erste Liebe zu dem Mädchen Annabel Leigh (wohl eine Anspielung auf Edgar Allan Poes Gedicht Annabel Lee), das kurz darauf an Typhus starb. Seit dieser Zeit fühlt er sich, auch als älterer Mann, ausschließlich zu Kindfrauen hingezogen, die er „Nymphchen“ nennt (englisch nymphets, ein von Nabokov erfundener Neologismus für sexuell attraktive, präpubertäre Mädchen). In ihnen glaubt er seine Annabel wiederzusehen.

Zwar war Humbert in Europa verheiratet, aber die Ehe scheiterte früh. Um eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln, zieht er 1940 in die USA. Dort arbeitet er erst als Werbetexter, dann als Dozent für französische Literatur in New York. Schließlich geht er nach einem psychischen Zusammenbruch in die Kleinstadt Ramsdale in New England.

Er bezieht dort ein möbliertes Zimmer im Haus der Witwe Charlotte Haze. Obwohl sie ihn anfänglich abstößt, bewegt ihn der Anblick ihrer zwölfjährigen Tochter Dolores dazu, das Zimmer zu nehmen. Dolores wird von ihrer Mutter kurz Lo genannt, bei ihren Schulfreundinnen heißt sie Dolly, während Humbert von ihr als Lolita schreibt. Er baut ein herzliches Verhältnis zu dem Kind auf und es gelingt ihm einmal, Lolita so geschickt auf seinem Schoß hin und her zu bewegen, dass er von ihr unbemerkt zum Orgasmus kommt. Von Charlotte unter Druck gesetzt, heiratet Humbert sie schließlich, um weiter mit der Tochter unter einem Dach leben zu können. Als Charlotte erklärt, Lolita nach ihrem Aufenthalt im Summer camp in ein Internat geben zu wollen, beschließt Humbert, seine Frau zu ermorden, kann sich aber nicht zur Tat durchringen. Kurz darauf findet Charlotte sein Tagebuch, in dem er ausführlich seine Verachtung für sie und sein Verlangen nach Lolita beschrieben hat. Halb wahnsinnig rennt sie aus dem Haus, wird von einem Auto überfahren und ist sofort tot, bevor sie drei Briefe mit den Anschuldigungen gegen Humbert hat einwerfen können.

Humbert holt Lolita aus ihrem Ferienlager ab, ohne ihr zunächst vom Unfalltod ihrer Mutter zu erzählen, und fährt mit ihr in das Motel Die verzauberten Jäger. Dort setzt er sie unter Schlafmittel, um das Kind missbrauchen zu können, doch die Tabletten wirken nicht. Am nächsten Morgen verführt ihn Lolita, die im Summer camp erste sexuelle Erfahrungen gemacht hat. Hier endet der erste Teil des Romans. In zweiten Teil fahren die beiden als Vater und Tochter mit Charlottes Auto, das Humbert in Anspielung auf einen bekannten SchauerromanMelmoth den Wanderer“ nennt, quer durch die USA, bis sie sich nach einem Jahr in der Universitätsstadt Beardsley niederlassen. Für Humbert werden die sexuellen Übungen mit Lolita zunehmend entgeltpflichtig, und er verwandelt sich in vielen Auseinandersetzungen ihr gegenüber zunächst in einen autoritären Vater und dann in einen Freier, einen Spion und in einen Dieb. Die Erfüllung seiner erotischen Träume führt Lolita in ein komfortables Gefängnis, ihn aber allmählich in den Wahnsinn der Eifersucht.

Auf Lolitas Initiative beginnen sie eine zweite Odyssee durch die USA, auf der Humbert sich zunehmend paranoid von einem Schatten verfolgt glaubt. Wie sich später zeigt, handelt es sich um Clare Quilty, einen erfolgreichen Autor populärer Theaterstücke – u. a. Die gejagten Zauberer –, der in zahlreichen Verkleidungen auftritt. Bei einem Krankenhausaufenthalt brennt Lolita Humbert mit Quilty durch. Humbert beginnt eine jahrelange Suche nach Lolita und nach dem unbekannten Entführer.

Gegen Ende des Romans trifft Humbert die inzwischen fast achtzehnjährige Lolita wieder. Sie ist schwanger und lebt mit ihrem Mann Dick Schiller in einer heruntergekommenen Arbeitersiedlung. Mit Humbert hat sie Kontakt aufgenommen, da sie dringend Geld benötigt. Humbert bittet sie vergeblich, mit ihm zu kommen, zahlt ihr aber die Erlöse aus dem Verkauf des Haze'schen Hauses aus, wofür er die Herausgabe der Identität ihres damaligen heimlichen Helfers verlangt.

Nachdem Lolita ihm von Quilty erzählt hat – wie sie ihn schon früh kennenlernte, wie er sie ständig verfolgte, wie sie schließlich, nachdem er ihr versprochen hatte, sie beim Film unterzubringen, mit ihm durchbrannte und er sie dann zwingen wollte, in einem Pornofilm mitzuspielen –, beschließt Humbert, ihn umzubringen. Er fährt also zu Quiltys Landsitz Pavor Manor und erschießt ihn.

Im Vorwort wird mitgeteilt, dass Lolita an den Folgen der Geburt des Kindes stirbt, das ihr Ehemann mit ihr gezeugt hat. Das Buch endet mit einem Nachwort Nabokovs, in dem er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzt, der Roman sei pornographisch.

Struktur und Stil[Bearbeiten]

Humbert, der Erzähler, ein gebildeter Literaturwissenschaftler, beschreibt einerseits als europäischer Außenseiter teils fasziniert, teils angeekelt, detailreich die US-amerikanische Alltags- und Jugendkultur; andererseits spickt er seinen Bericht mit vielschichtigen literarischen Anspielungen, Wortspielen und Witzen, wobei die Leser zusätzlich dadurch aufs Glatteis geführt werden, dass sie oft nicht wissen, ob es sich dabei um bewusste Mehrdeutigkeiten Humberts oder des Herausgebers John Ray, Jr. oder des Autors Nabokov handelt.

Zusätzlich kompliziert wird dieses Beziehungsgeflecht dadurch, dass Bezüge nicht nur innerhalb einer Sprache – der gebürtige Russe Nabokov verfasste den Roman auf Englisch – hergestellt werden, sondern dass aus dem Russischen, Französischen, Deutschen und weiteren Sprachen ein dichtes, kreuz und quer verwobenes Bedeutungsnetz gesponnen wird. In der Übersetzung geht davon zwangsläufig einiges verloren. Beispielsweise verweist Nabokov zufolge der Name „Humbert Humbert“ durch seinen unangenehmen doppelten Klang auf eine unangenehme Person, ist darüber hinaus aber auch ein Königsname, erinnert an das englische Wort „humble“ (bescheiden oder demütig), an das spanische „hombre“ (Mann), an das französische „ombre“ (Schatten) – was durch die Dopplung noch verstärkt wird – und an ein Kartenspiel gleichen Namens, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Nabokov wählte das Pseudonym, weil es „ein besonders übel klingender Name“ sei.[2] Den Nachnamen, den Lolita gegen Ende des Romans hat, „Dolores Schiller“, könnte man als eine Anspielung auf das Schillernde dieser Figur verstehen – oder man kann es englisch-phonetisch lesen als Homophon von englisch „Dolores’ killer“ („Dolores’ Mörder“), denn Dolores stirbt an den Folgen der Geburt des Kindes, das ihr Mann Dick Schiller („Dick ’s [the] killer“, dt. „Der ‚Schwanz‘ ist ein Mörder“ bzw. „Mörder der Männlichkeit“; je nach Grad der phonetischen Verschleifung) mit ihr gezeugt hat.

Das Doppel- und Mehrdeutige des Romans wird zum Ende noch dadurch gesteigert, dass Humbert ein unzuverlässiger Erzähler ist: Zweck seines Textes ist nicht die wahrheitsgemäße Darstellung, sondern eine Apologie seiner Taten. So erzählt er zwar, er selbst sei von Lolita in ihrer ersten Liebesnacht verführt worden, im weiteren Verlauf der Erzählung erwähnt er aber, dass Lolita bei und nach jedem Geschlechtsverkehr weinte, und bezichtigt sich schließlich selbst der vielhundertfachen Vergewaltigung. In Lolitas heimlichen Helfer bei ihrer Flucht findet er zudem einen starken Gegenspieler, der ihm in literarischen Kenntnissen mindestens ebenbürtig und immer einen Schritt voraus ist; bisweilen scheint Lolitas Retter Humberts eigenes alter ego zu sein. Auch die in einer traumhaften Atmosphäre ablaufende Mordsequenz des Endes wirft die Frage auf, ob der Autor eine imaginierte Wirklichkeit oder nur eine alptraumhafte Imagination der Hauptfigur beschreibt, die sich von ihrer „dunklen Seite“ endlich durch einen fiktiven Mord befreit (der Retter Lolitas ist nicht weniger pädophil als Humbert selbst). Das Versteckspiel endet erst mit dem letzten Punkt und lässt viele Fragen offen.

Durchzogen wird der Roman von zahlreichen literarischen Zitaten, Halbzitaten und Anspielungen. Die beiden wichtigsten Referenzen sind dabei eine Reihe von Werken Edgar Allan Poes (1836 heiratete Poe seine erst 13-jährige Cousine Virginia Clemm; auf ihren frühen Tod spielt vielleicht das Gedicht Annabel Lee an. Verwiesen wird von Nabokov auf den Roman Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym, die Erzählung William Wilson und viele andere mehr) sowie den Roman Alice im Wunderland von Lewis Carroll, dessen Hauptfigur, ein kleines Mädchen, wie auch dessen Mehrdeutigkeiten, Traumwelten und Anspielungsmuster in zahlreichen, oft wiederum travestierten Gestalten aufscheinen. Außerdem finden sich Zitate der französischen Originalausgabe der Novelle Carmen von Prosper Mérimée. Humbert Humbert bezeichnet vor allem gegen Ende der Geschichte Lolita immer wieder als Carmen. Durchgängig ist auch das Gefängnis-Motiv: Alle handelnden Personen werden direkt oder metaphorisch als Gefangene geschildert.[3]

Donald E. Morton macht auf die komplexen Symmetriebeziehungen aufmerksam, die den Roman strukturieren: Neben dem seltsam gedoppelten Namen Humberts wird das in dessen zwei Rollen sichtbar, in denen er im Buch erscheint: als Protagonist, der die Geschichte erlebt, und als Erzähler, der reflektierend auf sie zurückblickt. Zudem wird er durch die Figur des gleichfalls pädophilen Quilty gespiegelt. Doppelungen gibt es auch bei den zwei Teilen des Romans, in der Zahl 342, die Lolitas Hausnummer in Ramsdale und die Zimmernummer im Motel Die verzauberten Jäger ist; das Haus in Ramsdale gleicht auffallend dem in Beardsley, es gibt zwei gemeinsame Reisen, und schließlich rahmen ein Vorwort und ein Nachwort den Roman: Im Vorwort verweist der fiktive Herausgeber auf den „ethischen Appell“, den das Buch „an den verantwortungsbewußten Leser“ richte.[4] Im Nachwort dementiert Nabokov diese Lesart: Lolita habe „keine Moral im Schlepptau“. Dieses hochartistische Spiel mit Dualismen trägt nach Donald E. Morton dazu bei, dass, wenn der Roman zu Ende sei, „sowohl der Leser als auch Humbert ihr Vergnügen gehabt“ haben.[5]

Vorläufer im Werk Nabokovs[Bearbeiten]

Dem Roman Lolita geht eine thematisch ähnliche Erzählung voraus, die Nabokov 1939 in Paris auf Russisch verfasste. Darin beobachtet der etwa vierzig Jahre alte Arthur in einem Park ein in veilchenblau gekleidetes, präpubertäres Mädchen und fühlt sich zu diesem kindlichen Mädchen hingezogen. Kurze Zeit später heiratet er die als ein wenig abstoßend beschriebene verwitwete Mutter des Mädchen, um es täglich sehen zu können. Nach dem Tod der Mutter, die an den Folgen einer Operation stirbt, misslingt eine sexuelle Annäherung in einem Hotelzimmer und Arthur wirft sich vor einen Lastwagen. Als erste Inspiration für diese Novelle nennt Nabokov selbst eine Zeitungsmeldung über einen Affen im Jardin des Plantes, der die Gitterstäbe seines Käfigs gezeichnet haben soll. In einem 1956 abgefassten Nachwort zu Lolita gibt er an, diese Erzählung bald nach seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten 1940 vernichtet haben.[6] Darin täuschte sich Nabokov allerdings. Die Erzählung wurde im Februar 1959 unter anderen Papieren wiedergefunden. Wenig später schrieb er an den Verlagsleiter von G.P. Putnams, dem US-amerikanischen Verlag, in dem nach langer Kontroverse 1958 die US-amerikanische Ausgabe seines Romans Lolita erschien.

„Ich habe Wolschebnik jetzt mit sehr viel mehr Vergnügen wiedergelesen, verglichen mit dem, das ich hatte während der Arbeit an Lolita, als es mir in der Erinnerung wie irgendein totes Zeug vorkam.“[7]

Die Erzählung erschien 1986 posthum unter dem Titel The Enchanter (russisch: Волшебник Wolschebnik, deutsch „Der Zauberer“ oder Der Bezauberer).[8] Marcel Reich-Ranicki bezeichnete die Erzählung als ein vor allem psychologisches Porträt, eine scharfsinnige poetische Studie der sexuellen Obsession, gezeigt am Beispiel eines pathologisch veranlagten Mannes.[9] Er nennt es auch ein nachdenkliches und vielschichtiges Prosastück von beängstigender Intensität, bei dem man Gefahr laufe, die Qualität der Erzählung zu unterschätzen, weil auf ihm der Schatten Nakobovs unvergleichbaren Werk Lolita läge.[10]

Eine noch ältere Spur des Motivs lässt sich in einem 1928 auf Russisch verfassten Gedicht Nabokovs mit dem Titel Lilith erkennen. Darin wähnt sich ein Verstorbener im Himmel, als er Sex einem Mädchen hat, „fast kindlich noch“. Das Mädchen entzieht sich ihm aber, bevor er ejakuliert, und er erkennt, dass er in der Hölle ist. Im Roman benutzt Humbert den Namen Liliths, eines weiblichen Dämons der sumerischen Mythologie für Lolita, um anzudeuten, dass sie in ihrer Beziehung die Verführerin, die Teuflische wäre.[11]

Deutung[Bearbeiten]

Liebesroman[Bearbeiten]

Der amerikanische Literaturkritiker Lionel Trilling deutet Lolita in einem 1958 erschienenen und vielbeachteten[12] Essay als Liebesroman. Dabei geht er von der These aus, dass in einer klassischen Liebesgeschichte das Zusammenkommen der beiden Liebenden gestört, wenn nicht unmöglich sei. In der modernen permissiven Gesellschaft gälten aber keine Standesschranken, keine elterlichen Verbote mehr, und auch die Tatsache, dass eine der beiden anderweitig verheiratet sei, stelle heute kein echtes Hindernis mehr dar. Daher habe Nabokov eine pervertierte Liebe beschreiben müssen, eine Liebe, die gegen das gesellschaftliche Tabu der Pädophilie verstieß. Belege für seine These findet Trilling in zahlreichen Anspielungen auf die Minnetradition des Mittelalters und die frühhumanistische Liebeslyrik: Sowohl Dante als auch Petrarca hätten leidenschaftliche Liebesverhältnisse zu minderjährigen Mädchen besungen, und Lolita bleibe, ganz wie es in der höfischen Minnelyrik „stets die grausame Geliebte […], selbst nachdem ihr Liebhaber sie körperlich besessen hat“. Humberts Flehen am Ende des Romans, als Lolita schon aus dem Nympchenalter herausgewachsen war, sie möge mit ihm zusammenleben, zeige seine wahre Liebe. Insofern sei er „der letzte Liebhaber“.[13]

Palimpsest[Bearbeiten]

Dieter E. Zimmer widerspricht Trillings Deutung, dem er vorwirft, auf Humberts Apologie hereingefallen zu sein, mit der er den Leser bzw. die Geschworenen auf seine Seite ziehen wolle. Nabokov habe vielmehr den Roman als Palimpsest geschrieben, als doppelt beschriebenes Blatt: Dem Leser sei zugemutet, beide Ebenen des Textes zu erkennen: Oberflächlich lese man Humberts blendende Rhetorik, die zur Sympathie mit ihm einlade, doch darunter gelte es, seine Monstrosität und Lieblosigkeit zu erkennen, die der Autor immer wieder durchscheinen lasse.[14] Liebe sei an drei Mindestbedingungen gebunden: Sie sei auf eine bestimmte Person gerichtet und nicht nur an bestimmten Typus; sie wolle dem Liebesobjekt keinen Schaden zufügen; und das Liebesobjekt müsse zumindest die Chance haben, in das Liebesverhältnis einzuwilligen. Alle drei Bedingungen seien in Humberts Fall aber nicht gegeben: Er begehre nicht die Person Dolores Haze, sondern den Idealtyp eines Nympchens, den Lolita für ihn verkörpere; er schade ihr bewusst, indem er sie systematisch von Kontakt mit Gleichaltrigen abhalte. Dass er ihr die Kindheit genommen hat, ist ihm gegen Ende des Romans zunehmend bewusst. Reue darüber empfindet aber nur Humbert, der Erzähler, nie Humbert der Erlebende. Schließlich sei ihm an einer Erwiderung seiner Gefühle gar nichts gelegen, es komme ihm nur auf Sex an. Ihre Bedürfnisse – nach Freundschaft mit anderen Kindern, nach Comicheften, Illustrierten und Süßigkeiten – stört er, ignoriert er oder macht sich über sie lustig. Die zärtlichen Gefühle, die er bisweilen für sie empfindet, schlagen sofort wieder in sexuelles Begehren um, und er vergewaltigt sie erneut: Zimmer resümiert:

„Ein Etwas, das Liebe sein könnte und möchte, zerstört das Geliebte und sich selbst. Amüsant zu lesen, konfrontiert uns Lolita mit der tragischen Möglichkeit, dass Liebe und Sex sich ausschließen können.“[15]

Lolita[Bearbeiten]

Der Leser begegnet dem Mädchen Lolita nur durch die subjektive Projektionen Humbert Humberts. Dies beginnt bereits bei der Bezeichnung Lolita, die fast ausschließlich von ihm verwendet wird. Ihr Taufname ist Dolores, von ihren Freundinnen wird sie Dolly gerufen und ihre Mutter nennt sie Lo.

Nabokov hat seinen Text so angelegt, dass neben der Humbertschen Phantasiegestalt für den Leser diese reale kindliche Dolores sichtbar bleibt, die Comics und Popmusik liebt und deren heimliches nächtliches Weinen darauf hinweist, dass sie im Roman keineswegs die frühreife laszive Verführerin ist, die Titelbilder und Filmadaptionen suggerieren, sondern sich nur notgedrungen einem Schicksal fügt, aus dem sie sich zielbewusst und umsichtig befreit, als ihr sich dazu die erste reale Gelegenheit bietet. Véra Nabokov, die immer Nabokovs erste Leserin war und die Nabokov für seine beste Leserin hielt, notierte in ihrem Tagebuch über Lolita, dass sie sich wünsche

„...dass jemand die zarte Beschreibung der Hilflosigkeit des Kindes, sein ergreifendes Angewiesensein auf den monströsen HH und seinen durchweg herzzereißenden Mut zur Kenntnis nähme, gipfelnd in der elenden, aber im wesentlichen sauberen und gesunden Ehe, und in ihrem Brief, und ihrem Hund. Und den schrecklichen Ausdruck auf ihrem Gesicht, wenn sie von HH um eine versprochene kleine Freude gebracht wird. Sie alle gehen an der Tatsache vorbei, dass „das garstige kleine Gör“ Lolita letzten Endes ein gutes Kind ist – sonst hätte sie sich nicht wieder erhoben, nachdem sie so furchtbar zertreten worden war, und zu einem anständigen Leben mit dem armen Dick gefunden, das ihr tausendmal lieber war als das vorherige.“[16]

Mögliche Vorbilder und Inspirationen[Bearbeiten]

Heinz von Lichbergs Novelle Lolita von 1916[Bearbeiten]

Der Literaturwissenschaftler Michael Maar versuchte 2004 nachzuweisen, Nabokov sei von der gleichnamigen Erzählung Lolita des vergessenen deutschen Autors Heinz von Lichberg (erschienen 1916 in dessen Erzählband Die verfluchte Gioconda) angeregt worden.[17] Diese These wurde von der Presse interessiert aufgegriffen und zu einem Plagiatsvorwurf zugespitzt. Lichbergs Erzählung hat allerdings mit Nabokovs Roman außer dem titelgebenden Namen der Hauptfigur wenig gemein: Es handelt sich um eine Schauergeschichte, in der sich ein Mann in eine Spanierin verliebt, die zwar als jung, aber nicht als vorpubertär geschildert wird; ein Fluch liegt über der Familie, der alle Frauen bei der Geburt einer Tochter sterben lässt, so auch die Mutter Lolitas. Der Ich-Erzähler flieht daraufhin aus der Beziehung und Lolita stirbt. Auch stilistisch überwiegen die Unterschiede zwischen Lichbergs schlichter Fabel und Nabokovs anspielungsreichem und raffiniert gebautem Roman. Zwar ist es möglich, dass Nabokov, der von 1920 bis 1937 in Berlin lebte, Lichberg oder seine Novelle kannte, doch gibt es dafür keine weiteren Indizien, zumal Nabokov deutsch nicht flüssig lesen konnte und er deshalb die deutsche Literatur seiner Zeit nicht im Original rezipierte. Dieter E. Zimmer kommt zu dem Schluss, dass man an dieser Parallele lediglich beobachten könne, „wie urban legends entstehen“.[18]

Der Fall Sally Horner[Bearbeiten]

Lolita oder Teile davon greifen wahrscheinlich einen tatsächlichen Fall von Kindesmissbrauch auf, die Entführung eines zwölfjährigen Mädchens namens Florence Sally Horner durch einen 52-jährigen arbeitslosen Mechaniker, Frank La Salle im Jahr 1948. Dieser hatte Sally beobachtet, wie sie als Mutprobe einen fünf Cent teuren Notizblock stahl. Er gab sich ihr gegenüber als FBI-Agent aus und zwang sie, mit ihm zu kommen. 21 Monate lang fuhr er mit ihr kreuz und quer durch die USA und missbrauchte sie regelmäßig. Bei seiner Festnahme behauptete La Salle, er sei Sallys Vater; bereits zwei Wochen später wurde er zu 35 Jahren Haft verurteilt. Sally Horner starb 1952 bei einem Autounfall. Der Fall weist Parallelen zum zweiten Teil von Lolita auf. Aus Nabokovs Notizen geht zudem hervor, dass er ihm bekannt war. Darüber hinaus spielt in seinem Roman Humbert mehrmals darauf an. Dennoch können die Pressemeldungen über den Fall nicht die erste Inspiration zu Lolita gewesen sein, da Nabokov bei ihrem Erscheinen den Roman bereits begonnen hatte zu schreiben und die ältesten Spuren zu dieser Geschichte, Lilith und Die Zauberer, beide deutlich älter sind.[19]

Klassische Vorbilder[Bearbeiten]

Mehrere Klassiker der Weltliteratur, die Nabokov sehr schätzte, wie Puschkins Eugen Onegin, Tolstois Anna Karenina und Flauberts Madame Bovary, zeigen gewisse Ähnlichkeiten in der Konstellation der Figuren.[20] 120 Jahre nach Onegin, 100 Jahre nach Madame Bovary und 80 Jahre nach Anna Karenina scheitert die Liebe auch in Nabokovs Lolita.[21] Verführte ist aber diesmal nicht die Protagonistin, sondern Humbert Humbert, womit Nabokov das Modell des klassischen Verführungsromans umkehrt.

Emma und Anna, Lolitas berühmte Vorgängerinnen, sind Ehebrecherinnen – Emma begeht Selbstmord nicht aus Liebeskummer, sondern weil sie sich stark verschuldet hat, man ihr mit Pfändung droht, weil sie niemanden mehr findet, der ihr Geld leiht, und aus genereller Enttäuschung; Anna zerbricht an dem nur kurz weilenden Glück der großen Gefühle bei ihrem Ausbruch aus der Enge des ehelichen Hafens, im Kontrast zu der harten Wahrheit gesellschaftlicher Normen. Lolita dagegen entflieht einer stürmischen Liebesbeziehung in den Hafen der Ehe, quasi in flache Gewässer, aber sie scheint dort gut anzulegen. Die Liebe stellt sich in diesen Werken als heimtückisch machender Wahn heraus, der bei Lolita jedoch den sich selbst Betrügenden zum Mord treibt. Lolitas Befindlichkeit bleibt dabei bis zuletzt in ihrer Tiefe undurchsichtig. Hier zeigen sich die stärksten Parallelen zu Puschkins Tatjana, die schließlich auch der Liebe misstraut.

Entstehung und Veröffentlichung[Bearbeiten]

Veröffentlichung in Frankreich[Bearbeiten]

Die Abfassung des Romans Lolita in englischer Sprache beanspruchte ab 1949 mehrere Jahre. Den Entwurf versuchte Nabokov in einem Anfall künstlerischen Suizids zwischenzeitlich zu verbrennen. Seine Frau Véra rettete es in letzter Minute vor den Flammen. Im Dezember 1953 lag das Manuskript schließlich in Reinform vor und Nabokov sandte es zunächst an Freunde. Weder der Literaturkritiker Edmund Wilson noch Morris Bishop, ein wie Nabokov an der Cornell University lehrender Schriftsteller und dort sein engster Vertrauter, gaben zu dem Manuskript positive Rückmeldung. Bishop warnte Nabokov sogar, dass eine Veröffentlichung dazu führen könne, dass er seine Stelle an der Cornell University verlieren werde.[22] Die Lektoren der Verlage Viking Press und Simon & Schuster hielten den Stoff für nicht veröffentlichbar – bei Simon & Schuster bezeichneten sie den Roman sogar als reine Pornografie. Ähnlich waren die Erfahrungen bei drei anderen US-amerikanischen Verlagen. Bei Doubleday gab es zwar Fürsprecher unter den Lektoren, jedoch lehnte die Verlagsleitung kategorisch den Roman ab.[23]

Nabokov hatte bereits nach den ersten zwei Verlagsabsagen an die Übersetzerin und Literaturagentin Doussia Ergaz geschrieben, ob sie nicht in Frankreich einen Verleger für Lolita ausfindig machen könne. Diese gab bereits zwei Monate nach Übersendung des Manuskripts positive Rückmeldung. Sie schrieb, dass es mit Maurice Girodias einen Verleger gäbe, der in seinem kleinen Verlag Olympia Press ausgefallene englischsprachige Bücher verlege. Tatsächlich war der Verlag auf die Veröffentlichung englischsprachiger Erotica spezialisiert, was Nabokov nicht bewusst war, als er am 6. Juni 1955 einen Vertrag mit Girodias unterschrieb. Nabokov räumte später allerdings ein, dass er vermutlich auch in Kenntnis dessen unterschrieben hätte.[24]

Literaturskandal in Großbritannien[Bearbeiten]

Eine Kette von Zufällen führte dazu, dass der in diesem obskuren französischen Verlag erschienene Roman wenige Monate später in US-amerikanischen Literaturkolumnen kommentiert wurde: Zu den zufälligen Käufern des am 15. September 1955 in zwei Bänden erschienenen Romans zählte Graham Greene, und als dieser Weihnachten desselben Jahres von der britischen Sunday Times befragt wurde, welches seine drei Büches des Jahres 1955 gewesen sein, nannte er ohne jegliche weitere Ausführungen folgende Titel: Die Reisebeschreibung Boswell on the Grand Tour von James Boswell, die aus dem 18. Jahrhundert stammte, das Sachbuch Frankreichs Uhren gehen anders des Schweizer Historikers Herbert Lüthy und Nabokovs Lolita.[25] Dieser letzte Vorschlag lieferte am 29. Januar 1956 dem Chefredakteur der britischen Boulevardzeitung Sunday Express, John Gordon, den Anlass zu heftigen Worten:

„Zweifellos das dreckigste Buch, das ich je gelesen habe. Reine hemmungslose Pornographie. Seine Hauptfigur ist ein perverser Kerl, der eine Leidenschaft für „Nymphetten“ hat, wie er sie nennt. Das, erklärt er, sind Mädchen zwischen 11 und 15. Das ganze Buch ist einer erschöpfenden, ungebremsten und absolut widerlichen Beschreibung seiner Machenschaften und Erfolge gewidmet Gedruckt ist es in Frankreich. Jeder, der es hierzulande verlegte oder verkaufte, würde mit Sicherheit ins Kittchen kommen. Und die Sunday Times fände das bestimmt nur in Ordnung.“[26]

Weder die Sunday Times noch Graham Greene antworteten direkt auf diese Angriffe. Statt dessen veröffentlichte Greene in dem politischen Magazin The Spectator eine Notiz, dass er eine John-Gordon-Gesellschaft gegründet habe, deren kompetente Zensoren die britische Heimat zukünftig vor den heimtückischen Bedrohungen durch Pornographie schützen solle. Dieser satirische Akt führte dazu, dass über Monate Leserbriefe die Spalten des Spectators füllten und am 26. Februar 1956 erstmals auch The New York Times Book Review von einem in Großbritannien schwelenden Literaturskandal berichtete, ohne allerdings Romantitel oder Autor zu benennen.[27] Dies folgte erst im März desselben Jahres, mit der Folge, dass sich eine breite US-amerikanische Leserschaft für diesen Roman zu interessieren begann.[28]

Indirektes Verbot in Frankreich[Bearbeiten]

Nachdem es wenige Monate zuvor eine Razzia in den Geschäftsräumen der Olympia Press gegeben hatte, verbot am 10. Dezember 1956 das französische Innenministerium den Verkauf aller 24 Titel, die in dem Verlag erschienen. Auch ein Export dieser Titel war dem Verlag untersagt. Der Verlagsbesitzer Maurice Girodias konnte wenig später nachweisen, dass das französische Innenministerium nur auf Betreiben des britischen Home Office gehandelt hatte. Die französische Presse griff dies gerne auf und stellte sich in ihren Veröffentlichungen auf die Seite des Verlages.[29]

Lolita war durch dieses, für den Verlag weltweit geltende Verbot mitbetroffen. Allerdings war dies juristisch fragwürdig, da beispielsweise weder ein britisches noch ein US-amerikanisches Gericht den Verkauf dieses Romans untersagt hatte. Der angesehene französische Verlag Éditions Gallimard bereitete zeitgleich eine französische Ausgabe des Romans vor. Girodias erhielt zudem am 8. Februar 1957 auf seine Anfrage hin ein eindeutigen Bescheid des US-amerikanischen Schatzministeriums, dass Lolita zwar überprüft, aber freigegeben worden sei. In der Summe bedeutete dies, dass für den Roman in Frankreich ein Exportverbot galt, während er in den USA problemlos importiert werden konnte. Ähnlich absurde Situationen galten für andere Titel, die in dem Verlag erschienen. Das Verbot des französischen Innenministeriums sorgte dafür, dass der Verkauf von Erzählungen von Frank Harris und Henry Miller in englischer Sprache verboten waren, gleichzeitig waren sie in französischer Sprache weiterhin erhältlich. Noch absurder war die Situation bezogen J. P. Donleavys Roman Ginger Man. Der Roman, dessen Titel auf Bitten des britischen Homeoffice vom französischen Innenministerium verboten worden war, war in Großbritannien frei verkäuflich.[30] Das Verbot der bei Olympia Press erschienenen englischsprachigen Titel wurde erst im Juli 1959 endgültig aufgehoben. Die französische Ausgabe, die Éditions Gallimard verlegt hatte, war seit April 1959 in den französischen Buchhandlungen erhältlich.[31]

Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten]

Die Debatte um den Roman führte dazu, dass auch in den Vereinigten Staaten mehrere Verlagshäuser sich dafür zu interessieren begannen, den Roman in ihr Verlagsprogramm aufzunehmen. Begünstigt wurde dies auch, weil das angesehene Literaturmagazin Anchor Review im Juni 1957 längere Auszüge aus insgesamt 16 Kapitel veröffentlichte, ohne dass dies juristische Probleme nach sich zog. Es festigte sich allmählich die Überzeugung, dass eine Veröffentlichung des Romans in den Vereinigten Staaten möglich sei.

Allerdings hatte Girodias die englische Rechte an dem Roman erworben. Für einen Vertrieb des Romans in den USA war das Verlagshaus zu klein, ein zweitrangiger Verlag wie Olympia Press hätte auch nicht über die Mittel verfügt, bei eventuellen juristischen Schritten gegen den Roman eine entsprechende juristische Verteidigung zu finanzieren. Giriodias hatte sich außerdem als ein laxer und in Finanzdingen sehr unzuverlässiger Verleger erwiesen.[32] Gleichzeitig stand Nabokov unter Zeitdruck. Das zu diesem Zeitpunkt geltende US-amerikanische Urheberrecht sah für im Ausland gedruckte englischsprachige Bücher nur einen eingeschränkten Urheberschutz vor. Der Urheberschutz erlosch entweder, wenn mehr als 1500 Exemplare dieses Buches in die USA eingeführt worden oder fünf Jahre nach Erstveröffentlichung verstrichen waren. Deswegen bestand für Nabokov der Zwang, vergleichsweise schnell eine Einigung mit Giriordas herbeizuführen. Die hohen Forderungen, die Girordas für den Abtreten seiner Verlegerrechte stellten, führten allerdings dazu, dass mehrere Verlagshäuser ihr Interesse an einer Publikation des Romans verloren. Erst 1958 gelang es Nabokov, sich aus dem Vertrag mit Olympia Press zu befreien und Lolita im angesehenen New Yorker Verlag G. P. Putnam's Sons erscheinen zu lassen.[33] Lolita erschien schließlich in den USA am 18. August 1958.

In den USA waren die Kritiken zu Lolita gespalten. Die liberale New Yorker Wochenzeitung The Village Voice verriss das Buch, das katholische Magazin Commonweal dagegen sprach dem Roman hohen literarischen Wert zu. The New Republic veröffentlichte innerhalb von 16 Monaten drei Kritiken, von denen zwei Lolita als literarisches Großereignis und besten Roman seit den 1930er Jahren bezeichneten, eine dritte dem Roman jedoch nur Obszönität bescheinigte. Ungeachtet dessen war der Verkaufserfolg groß. Bereits Tage nach der Erstveröffentlichung musste die dritte Auflage gestartet werden und der Roman war der erste seit Gone with the Wind, der innerhalb von drei Wochen mehr als 100.000 Exemplare verkaufte.[34]

Veröffentlichung in Deutschland[Bearbeiten]

Ähnlich wie in Großbritannien und den Vereinigten Staaten hatte die geführten Debatten über den literarischen Wert des Romans auch in anderen Ländern zu einem breiten Käuferinteresse befährt. Bereits 1957 erschienen Übersetzungen ins Dänische und ins Schwedische, in den nächsten Jahren folgten zahlreiche weitere Sprachen.[35] Die erste deutsche Ausgabe des Romans erschien im September 1959 bei Rowohlt. Mit ihr hatte der Verlag Helen Hessel beauftragt, die Witwe Franz Hessels, die unter ökonomisch prekären Umständen in Paris lebte. Das Ergebnis entsprach der Tatsache, dass die über Siebzigjährige keinerlei Erfahrung als Übersetzerin hatte. Deshalb gab man zu Hessels Empörung ihre Übersetzung an die etwas über zwanzigjährige Maria Carlsson, die spätere Ehefrau von Rudolf Augstein. Von ihr stammt im Wesentlichen die Übersetzung, die der Rowohlt-Verlag 1959 vorlegte. Nach Dieter E. Zimmer waren die weiteren Bearbeitungen, die Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, sein Cheflektor Kurt Kusenberg und ihr Bestsellerautor Gregor von Rezzori gemeinsam mit Carlsson während eines vierzehntägigen Aufenthalts in Meran vornahmen, von geringerer Bedeutung.[36] Diese Übersetzung wurde viel gelobt, doch weil auch sie noch mehrere Fehler enthielt („Speisewagen“ für Diner, „Fruchteis“ für Sundae, „der Dovre-Alte“ für the Old Faithful usw.),[37] überarbeitete sie Zimmer für seine Werkausgabe noch einmal. Die revidierte Fassung erschien 1989.

Der Nabokov-Experte Dieter E. Zimmer weist darauf hin, dass nach seiner Kenntnis in Deutschland jegliche Anzeige gegen Lolita ausblieb. Lediglich einige Bibliotheken verweigerten den Erwerb und ein paar Buchhandlungen mochten ihn nicht verkaufen.[38] Das war auf eine sich wandelnde Sexualmoral zurückzuführen, der auch kurz nach der deutschen Lolita-Veröffentlichung die Rechtsprechung Rechnung trug. Bis 1961 war Maßstab über die Beurteilung, ob ein Werk unzüchtig sei oder nicht, das sittliche Empfinden des Durchschnittsbürgers. Es reichte aus, wenn beliebige Normalmenschen im Zeugenstand ihre Entrüstung über ein Werk bekundeten.[39] Für Verleger bedeutete diese Rechtspraxis ein hohes wirtschaftliches und persönliches Risiko. Das fragliche Werk konnte beschlagnahmt werden, er zu einer Haftstrafe verurteilt oder der Roman in Buchhandlungen nicht mehr ausgelegt werden. Im Oktober 1960 verurteilte ein Göttinger Gericht den Schriftsteller Reinhard Döhl wegen seiner Veröffentlichung einer polemisch dichterischen Collage mit dem Titel Missa profane, die auf die Diskrepanz zwischen der heiligen Messe und der politischen Wirklichkeit hinwies. Im Urteil fand sich folgender Satz: Die Strafbarkeit einer Veröffentlichung kann nicht dadurch entschuldigt werden, dass es sich um ein Kunstwerk handelt. Im Sommer 1961 hob der Bundesgerichtshof dieses Urteil auf und befand, dass nicht jeder beliebige Bürger über die Unsittlichkeit einer Darstellung entscheiden könne. Dies könne der Richter und dieser müsse sich notfalls das Werk von einer künstlerisch aufgeschlossenen oder zumindest um Verständnis bemühten Person erklären lassen.[40]

Versionen[Bearbeiten]

Genau genommen gibt es vier Versionen des Romans:

  • den eigentlichen, 1955 erschienenen Roman;
  • eine von Nabokov überarbeitete Version mit Anmerkungen von Alfred Apple Jr. (The Annotated Lolita);
  • das von Nabokov verfasste Drehbuch, das die Vorlage für Kubricks Film sein sollte, wovon der Regisseur jedoch erheblich abwich;
  • die von Nabokov besorgte russische Übersetzung.

Verfilmungen und Adaptionen[Bearbeiten]

Der Roman wurde zweimal verfilmt:

1998 erschien das Werk auch als Hörspiel, produziert vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), in den Hauptrollen mit Ulrich Matthes, Natalie Spinell und Leslie Malton.

Seit März 2003 wird am Deutschen Theater in Berlin eine Theateradaption von Oliver Reese als Ein-Mann-Stück mit Ingo Hülsmann in der Rolle des Humbert Humbert gegeben.[41]

Die englische New-Wave-Band The Police verarbeitete das Lolita-Thema in ihrem 1980 erschienenen Song Don’t Stand So Close To Me und nahm in einer Textzeile Bezug auf Nabokov. Das Lied "Lolita" von Lana del Rey bezieht sich auf das Buch.

Lolitakomplex[Bearbeiten]

Als Lolitakomplex (auch Nymphophilie aus Nymphe und -philie) wird starkes erotisches oder sexuelles Verlangen von Männern ab dem mittleren Lebensalter zu Mädchen oder jungen Frauen bezeichnet.[42]

Siehe auch[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Vertonung[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 67. Der Artikel Wollust, Hörigkeit, Liebe, aus dem diese Aussage stammt, erschien erstmals am 6. Oktober 1987 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.
  2. Dieter E. Zimmer: Lolita. In: Kindlers Literatur Lexikon. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 7, S. 5793.
  3. Dieter E. Zimmer: Lolita. In: Kindlers Literatur Lexikon. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, Bd. 7, S. 5793.
  4. Vladimir Nabokov: Lolita. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1959, S. 8.
  5. Donald E. Morton: Vladimir Nabokov mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. rororo Bildmonographien, Reinbek: Rowohlt, 2001, S. 73–77 (hier das Zitat).
  6. Vladimir Nabokov: Über ein Buch mit dem Titel »Lolita«. In: Derselbe: Lolita. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1959, S. 330.
  7. Graham Vickers: Chasing Lolita: How Popular Culture Corrupted Nabokov's Little Girl All Over Again. Chicago Review Press, 2008, ISBN 978-1-556-52682-4., S. 33. Im Original lautet das Zitat: I have reread Volshebnik with considerably more pleasure than I experienced when recalling it as a dead scrap during my work on Lolita.
  8. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 95.
  9. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 66
  10. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 67
  11. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 90 ff.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Vladimir Nabokov - Aufsätze. Ammann Verlag & Co, Zürich 1995. ISBN 3-250-10277-6. S. 68
  13. Lionel Trilling: The Last Lover. Vladimir Nabokov’s „Lolita“. In: Encounter. 11 (1958), S. 9–19, das Zitat S. 17; zitiert nach Donald E. Morton: Vladimir Nabokov mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. rororo Bildmonographien, Reinbek: Rowohlt, 2001, S. 66.
  14. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 64 ff.
  15. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 49–56 (hier das Zitat).
  16. Stacy Schiff: Véra – Ein Leben mit Vladimir Nabokov. Rowohlt Taschenbuchverlag. ISBN 978-3499229916. S. 339
  17. Michael Maar: Biografie: Der Mann, der „Lolita“ erfand. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. März 2004; derselbe: Lolitas spanische Freundin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 28. April 2004; derselbe: Lolita und der deutsche Leutnant. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
  18. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 108–119, das Zitat S. 110.
  19. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 120–125.
  20. Lionel Trilling: The Last Lover: Vladimir Nabokov’s „Lolita“. In: Encounter. 11, 1958, S. 9–19. Auch in: Harold Bloom (Hrsg.): Vladimir Nabokov’s Lolita: Modern Critical Interpretations. Chelsea House, New York 1987, S. 5–12
  21. Priscilla Meyer: Nabokov's Lolita and Pushkin's Onegin: McAdam, McEve, and McFate. In: George Gibian & Stephen Jan Parker (Hrsg.): The Achievements of Vladimir Nabokov. Center for International Studies (Committee on Soviet Studies, Cornell University), Ithaca 1984, S. 179–211.
  22. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 16.
  23. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 17.
  24. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 17 und S. 18.
  25. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 18.
  26. zitiert nach Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 19.
  27. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 20.
  28. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 21.
  29. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 21 und S. 22.
  30. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 22 und S. 23.
  31. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 24.
  32. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 25.
  33. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 25- S. 28.
  34. Steve King: Hurricane Lolita. barnesandnoble.com. Archiviert vom Original am 29. August 2011. Abgerufen am 23. März 2014.
  35. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 219 ff.
  36. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 182 ff.
  37. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 186 ff.
  38. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 41.
  39. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 219 ff.
  40. Dieter E. Zimmer: Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 41.
  41. Deutsches Theater Berlin zur Theateradaption im Internet Archive
  42. Andrew Bennett, Nicholas Royle: An Introduction to Literature, Criticism and Theory. Prentice Hall Europe, 1999, ISBN 0-13-010914-2, S. 64.