Stilfser Joch

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Stilfser Joch
Die Ostrampe von der Payerhütte (3029 m) aus gesehen

Die Ostrampe von der Payerhütte (3029 m) aus gesehen

Himmelsrichtung Nordost Südwest
Passhöhe 2757 m s.l.m.
Provinz Vinschgau (Südtirol) Veltlin (Provinz Sondrio)
Wasserscheide Trafoier BachEtsch BraulioAdda
Talorte Prad am Stilfserjoch Bormio
Ausbau Strada Statale 38 Italia.svg Strada Statale 38
Erbaut 1820–1826
Wintersperre November – Juni
Gebirge Ortler-Alpen
Profil
Denzel-Skala SG 3 SG 3
Ø-Steigung 7,2 % (1972 m / 27,5 km) 7 % (1536 m / 22 km)
Max. Steigung 15 % 12 %
Karte (Südtirol)
Stilfser Joch (Südtirol)
Stilfser Joch
Koordinaten 46° 31′ 42″ N, 10° 27′ 12″ O46.52833310.4533332757Koordinaten: 46° 31′ 42″ N, 10° 27′ 12″ O

Das Stilfser Joch (auch Stilfserjoch, italienisch Passo dello Stelvio) ist mit 2757 m s.l.m. der höchste Gebirgspass in Italien und nach dem Col de l’Iseran der zweithöchste asphaltierte Gebirgspass der Alpen. Das Stilfser Joch verbindet Bormio im Veltlin, Lombardei, mit Prad im Vinschgau, Südtirol. Auf der Westseite mündet auf 2503 m die über den Umbrailpass kommende Straße von Santa Maria ein. Ebenso auf dieser Seite durchfährt man etwas tiefer gelegen mehrere Kurztunnels. An der Ostrampe kann man in Gomagoi auf 1260 m in das Suldental nach Innersulden abzweigen. Auf 2188 m liegt auf der Ostseite das Berghotel Franzenshöhe.

Die Passstraße ist durchgängig asphaltiert und in der Regel zwischen Ende Mai und November für den Verkehr geöffnet. Die Westrampe von Bormio wird meist etwas früher für den Verkehr geöffnet. Während dieser kurzen Öffnungszeit herrscht auf dieser Straße starkes Verkehrsaufkommen, vor allem durch Tourismus- und Freizeitfahrten. So versammeln sich bei dem „Internationalen Treffen“ in der ersten Juliwoche jedes Jahr dort hunderte Motorradfahrer.

Das Gebiet um den Pass bildet seit 1935 den Nationalpark Stilfser Joch.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorzeit[Bearbeiten]

Das Stilfser Joch, benannt nach der Ortschaft Stilfs östlich des Passes, gehörte nie zu den überregional bedeutenden Pässen – im Gegenteil, es stand bis zum Bau der Stilfser-Joch-Straße immer im Schatten des Umbrailpasses. Dieser wurde in früheren Zeiten „Wormser Joch“ genannt, nach der Ortschaft Bormio, zu deutsch Worms. Auch das Stilfser Joch nannte man einst „Wormser Steig“. Wenn auch der damalige Passverkehr über das Stilfser Joch sicher nicht rege war, wurde der Pass sicher doch immer wieder begangen. Funde lassen auf eine Nutzung in der Bronzezeit schließen.

Archäologisches Zeugnis für einen Verkehr über das Stilfser Joch scheint eine Kultstätte an den heißen Quellen von Bormio zu bieten. Dort fand man ein Fragment eines Steinreliefs, das eine überlebensgroße Götterfigur mit einem Hörnerhelm, einem Schild und Standarte zeigt. Ihr nähert sich ein Mann mit kurzem Rock und einem Messer am Gürtel, welcher ein Horn bläst. Auch er scheint eine Lanze zu halten, mit einem daran befestigten Schild, vielleicht eine Weihegabe an den Gott. Der Steinfries wurde auf das 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr., also die Eisenzeit, datiert.

Zur Zeit der Römer führte ein Saumweg über den Pass, der eine gewisse Bedeutung hatte, da er einen schnellen Zugang und Flankenschutz für die über den Reschenpass führende Via Claudia Augusta bot.

Mittelalter[Bearbeiten]

Auch das Mittelalter hindurch fand das Stilfser Joch eine gewisse Verwendung, um in der Neuzeit als Passweg selbst von Einheimischen kaum noch genutzt zu werden. Im Dreißigjährigen Krieg, in den zwar fast ganz Europa einbezogen war, der aber hauptsächlich auf deutschem Boden tobte, wurde das Stilfser Joch mehrfach vom Militär genutzt. Im Jahre 1632 zogen mailändische Truppen über das Stilfser Joch, um dem österreichischen Erzherzog Leopold beizustehen. Im Jahr darauf zog erneut ein mailändisches Heer mit 12.000 Soldaten und 1600 Pferden über das Stilfser Joch, während der Herzog von Mailand mit seinen Gefolge den Weg über das Wormser Joch wählte. Und wiederum ein Jahr später zog der spanische Kardinalinfant Don Fernando, der Bruder des spanischen Königs, mit 21.000 spanischen Soldaten über das Stilfser Joch ins Vinschgau.

Neuzeit[Bearbeiten]

Postkutsche auf dem Stilfser Joch, 1881

Um die Passverbindungen nach Norden zu verbessern, wollte Bormio im Jahre 1795 einen der alten Wege, die über das Wormser bzw. Stilfser Joch führten, zu einem Karrenweg (meist einspuriger ländlicher Fahrweg) ausbauen. Aber der Neid der Engadiner, die befürchteten, dass damit der bisherige durch das Engadin führende Handelsverkehr zum Reschen abgelenkt werden würde, verhinderte einen Ausbau. Als im Jahre 1808 Bayern mit italienischen Gebieten einen Handelsvertrag abschloss, kam es erneut zu Studien zum Bau einer von Bormio nach Norden führenden Passstraße. Neben dem Fraèlepass und dem Wormser Joch betrafen sie vor allem das Stilfser Joch. Die Planung einer weiteren Straße, die über den Gaviapass und durch das Val di Forno ins Martelltal führen sollte, wurde aufgegeben, da sie zu sehr durch vergletschertes Gebiet geführt hätte. Die Entscheidung fiel auf das Stilfser Joch, ein erstes Projekt einer 2,70 m breiten Straße zwischen Bormio und der Passhöhe wurde entwickelt. Bevor die Planungen über die Passhöhe fortgesetzt werden konnte oder mit dem Bau begonnen werden konnte, änderte sich die politische Lage in Europa so sehr, dass es Wichtigeres gab als den Bau einer Handelsstraße.[1]

Die moderne Straße[Bearbeiten]

Kurvenreich, die Straße am Stilfser Joch (Westrampe)

Die etwa 50 km lange Straße über das Stilfser Joch wurde von 1820 bis 1826 vom österreichischen Kaiserreich unter der Leitung von Carlo Donegani[2][Anm. 1] (1775–1845) gebaut, um die Lombardei, die zum Kaiserreich Österreich gehörte, schnellstmöglich mit den anderen Reichsteilen zu verbinden. Im Ersten Weltkrieg verlief zwischen 1915 und 1917 über das Stilfser Joch die Italienfront (siehe auch Gebirgskrieg 1915–1918). Aus dieser Zeit sind dort noch heute Überreste von Stellungsanlagen zu erkennen. Die Straßenführung wurde seit dem Bau kaum verändert. Bis heute besteht die kurvenreiche Nordost-Rampe von Prad (915 m) aus 48[2] nummerierten Kehren.

Infrastruktur auf dem Pass[Bearbeiten]

Neben mehreren Hotels, Cafés und Kiosken ist auf dem Pass eine der höchstgelegenen Kapellen der Alpen sowie eine Filiale der Banca di Sondrio, die angibt, den höchstgelegenen Bankschalter Europas zu haben.

Umgebung[Bearbeiten]

Ostrampe des Stilfser Jochs von der Tibethütte aufgenommen

Südlich des Stilfser Joches beginnt das Ortler-Massiv, mit dem Ortler-Hauptgipfel (3905 m s.l.m.) als höchster Erhebung. Die ersten Gipfel dieses Massivs sind der 3095 m hohe, leicht zu ersteigende, jedoch selten begangene Monte Scorluzzo mit umfassender Sicht auf die Passhöhe, die Ortler-Alpen, auf den Umbrailpass und ins beginnende Sondrio sowie der schon im Sommerskigebiet befindliche 3174 m hohe Monte Livrio.

Nördlich des Stilfser Joches schließt sich die Dreisprachenspitze (2843 m) an. An ihr berühren sich die italienischsprachige Lombardei, das früher in dieser Gegend ausschließlich deutschsprachige Südtirol und das rätoromanische Graubünden. Lohnend ist eine Fußwanderung beginnend von der Passhöhe auf der nördlichen Talseite parallel oberhalb der Passstraße auf markiertem Bergsteig bis nach Trafoi.

Sport[Bearbeiten]

Radsport[Bearbeiten]

Das Stilfser Joch zieht wegen seiner kurvenreichen Straßenführung jährlich tausende sportbegeisterte Radfahrer an. Radfahrern bietet sich eine Rundfahrt mit dem Ausgangspunkt in Prad am Stilfserjoch (am Fuße der Passstraße) oder aber der Stadt Glurns an. Die übliche Route führt über das Stilfser Joch bis kurz nach der Passhöhe, dann über den Umbrailpass und Santa Maria Val Müstair durch die Schweiz wieder zurück nach Glurns beziehungsweise Prad. Auch das berühmte Radrennen Giro d’Italia führt oft über das Stilfser Joch. Bei der Passhöhe erinnert ein Denkmal an den legendären italienischen Radrennfahrer Fausto Coppi, der den Giro d’Italia fünfmal gewann.

Seit einigen Jahren wird am ersten Samstag im September oder am letzten Samstag im August der Radtag Stilfserjoch[3] veranstaltet, bei dem die Straße (von Trafoi bis Bormio) von morgens bis in den späten Nachmittag hinein für den motorisierten Verkehr gesperrt wird und allein den tausenden Fahrradfahrern und (einigen wenigen) Wanderern oder Läufern vorbehalten ist. Seit 2007 ist auch die Straße von Santa Maria im Münstertal über den Umbrailpaß an diesem Tag für den Verkehr gesperrt.

Mitte Juli wird alljährlich vom Amateurradsportverein Vinschgau[4] ein Radrennen mit Start in Prad und Ziel auf der Passhöhe des Stilfser Jochs organisiert.

Skisport[Bearbeiten]

Am Stilfser Joch befindet sich eines der letzten Sommerskigebiete der Alpen. Der Skibetrieb findet auf dem Ebenferner unterhalb der Geisterspitze statt. Da die Passstraße als einzige Zugangsmöglichkeit von November bis Ende Mai geschlossen wird (die kleine Siedlung ist zu dieser Zeit unbewohnt), ist das Skigebiet neben dem beim Rifugio 3A im Val Formazza das einzige der Alpen, das ausschließlich im Sommer betrieben wird. Im Skigebiet Stilfser Joch trainieren regelmäßig viele Ski-Nationalmannschaften aus ganz Europa. Es beginnt ab einer Höhe von 2760 m und erstreckt sich laut Prospekt bis auf eine Höhe von 3450 m. Tatsächlich endet der höchste Lift etwas niedriger, und die Abfahrt bis zum Pass ist aus Schneemangel meistens nur in den ersten und letzten Tagen der Saison im Frühjahr bzw. Herbst möglich. Für Langläufer stehen insgesamt drei Loipen zur Verfügung.

An Aufstiegshilfen verblieben sind noch sechs Bahnen und Lifte, neben den beiden Zubringerbahnen vom Pass zur „Trincerone“ und von dort weiter zum „Livrio“ sind dies die Schlepplifte Geister I und II, Payer und Cristallo. Alle weiteren Lifte wurden in den vergangenen Jahren stillgelegt und/oder abgebaut. Aus seilbahntechnischer Sicht interessant ist hierbei die Bahn vom Typ Funifor, die die „Trincerone“ mit dem „Livrio“ verbindet und vom System her (zwei Tragseile in einem Abstand größer als die Kabinenbreite, zwei Zugseilstränge) im Jahr 2000 eine „Weltneuheit“ darstellte.

Die jährliche Öffnung des Sommerskigebiets erfolgt im Allgemeinen zu Pfingsten, die Schließung dann mit Schließung der Passstraße im November.

Maut[Bearbeiten]

Ostrampe des Stilfser Jochs

Die Südtiroler Landesverwaltung beabsichtigte, ab Juli 2006 eine Maut für das Befahren des Stilfser Jochs zu erheben. Für Pkw sollte eine Gebühr von 10 bis 15 Euro fällig werden, für Motorräder eine Gebühr von 5 Euro. Mit dieser – auch für andere Südtiroler Alpenpässe geplanten – Maßnahme war beabsichtigt, zum einen den Verkehr zu reduzieren und zum anderen Investitionen in die Verkehrssicherheit zu finanzieren. Die Maut wurde am 13. Mai 2013 kurz vor der geplanten Einführung abgesagt und auf 2014 verschoben.[5]

Top Gear[Bearbeiten]

In der ersten Folge der zehnten Staffel des Automagazins Top Gear wurde das Stilfser Joch als „world greatest driving road“ dargestellt, als „beste Fahrstraße der Welt“. Hierbei lag das Augenmerk auf der Streckenführung, die eine sportliche Fahrweise in spektakulärer Umgebung ermöglicht – diese Kriterien fanden die Moderatoren am Stilfser Joch gegeben. Für die Dreharbeiten wurden stark motorisierte, gewichtsoptimierte Sportwagen mit Straßenzulassung genutzt, die Strecke wurde für den Verkehr gesperrt und es wurden Hubschrauber eingesetzt.[6]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stilfser Joch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Steffan Bruns: Alpenpässe – Geschichte der alpinen Passübergänge. 1. Auflage. Band 3: Vom Inn zum Gardasee, L. Staackmann Verlag, München 2010, ISBN 978-3-88675-273-7, S. 94.
  2. a b Geschichte der Stilfserjochstraße im Technikmuseum tecneum
  3. Radtag Stilfserjoch
  4. Radrennen auf das Stilfserjoch
  5. http://www.adac.de/reise_freizeit/top_news/detail.aspx?ItpId=6379&PagingIds=NachrichtenListe&ReturnUrl=pU2e4GEeBfIMvtNQvtNNpUu.2AZ,vGqnpfuevnymF05,EGELwA__
  6. The boys find the world's best driving road, BBC Top Gear

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Donegani, Adjunkt bei der k.k. Baudirektion in Mailand, wurde 1840 als Carl Donegani mit dem Prädikat von Stilfserberg in den Ritterstand des Oesterreichischen Kaiserstaates erhoben. – Siehe: Wien. In: Wiener Zeitung, Nr. 324/1840, 22. November 1840, S. 1, oben links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrz.