Warschauer Straße

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Warschauer Straße
Wappen
Straße in Berlin
Warschauer Straße
Straßenschild und einer der Türme
am Frankfurter Tor
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Friedrichshain
Angelegt vor 1864
Hist. Namen Straße 11
Anschlussstraßen Petersburger Straße
(nördlich),
Oberbaumbrücke
(südlich)
Querstraßen (Auswahl)
Karl-Marx-Allee,
Frankfurter Allee,
Grünberger Straße,
Mühlenstraße,
Stralauer Allee
Plätze Frankfurter Tor
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr, ÖPNV
Technische Daten
Straßenlänge 1600 Meter

Die Warschauer Straße im Berliner Ortsteil Friedrichshain ist eine der wichtigsten Verkehrsadern im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Sie reicht von der Mühlenstraße, der Stralauer Allee und der Straße Am Oberbaum im Süden bis zum Frankfurter Tor im Norden und weist eine Gesamtlänge von 1,6 Kilometer auf. Benannt ist die Straße, die Teil der B 96a ist, nach der polnischen Hauptstadt Warschau.

Straßenführung[Bearbeiten]

Abschnitt der Warschauer Straße
Karte von Berlin mit eingezeichneter Warschauer Straße

Die Warschauer Straße ist ein Abschnitt des Berliner Innenstadtrings, der zirkulären Hauptverkehrsstraße, die halbkreisförmig (von Süd nach Nord gegen den Uhrzeigersinn) die Berliner Innenstadt umläuft und die die Ortsteile Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen miteinander verbindet. Im beschriebenen Verlauf ändert sie mehrfach den Namen (Gitschiner Straße, Skalitzer Straße, Oberbaumstraße, Am Oberbaum, Warschauer Straße, Petersburger Straße, Danziger Straße, Eberswalder Straße und Bernauer Straße).

Die Warschauer Straße selbst beginnt im Süden als Verlängerung des Straßenzuges OberbaumstraßeOberbaumbrücke – Am Oberbaum. Die wichtigsten Querstraßen sind die Revaler Straße, die Kopernikusstraße und die Grünberger Straße. Die folgende Boxhagener Straße führt heute nur noch in Richtung Osten. Die Warschauer Straße endet im Norden an der heute als Frankfurter Tor bezeichneten Straßenkreuzung, die nichts mit dem Standort des Frankfurter Tores in der Akzisemauer zu tun hat. Im weiteren Verlauf nach Norden schließt sich die Petersburger Straße an.

Gründung und Ausbau der Straße[Bearbeiten]

Warschauer Straße um 1910

Ihren Namen erhielt die Warschauer Straße am 23. Februar 1874 nach der polnischen Hauptstadt, davor wurde sie als Straße Nr. 11 in der Abteilung XIV des Bebauungsplans von den Umgebungen Berlins bezeichnet und stellte einen einfachen Verkehrs- und Transportweg dar. Bereits auf dem Hobrecht-Plan von 1864 war die Straße als Hauptverkehrsader geplant und sollte einen Teil eines Ringsystems nach Pariser Vorbild um die damaligen Städte Berlin und Charlottenburg bilden.

Als die Straße angelegt wurde, gab es die erst 1894 bis 1896 erbaute Oberbaumbrücke noch nicht. Die Warschauer Straße endete an einem damals noch erhaltenen Tor der Zoll- und Akzisemauer Berlins, welches aufgrund der Mühlen am Spreeufer Mühlentor und später Stralauer Tor genannt wurde. Von diesen Mühlen sind heute nur noch die Gebäude der ehemaligen Osthafenmühle erhalten, der Speicher derselben beherbergt eine gut besuchte Diskothek am Spreeufer, die danach benannt auch Speicher heißt. Auf ihrem Dach befindet sich ein Relikt der DDR-Zeit, ein Überwachungsturm der DDR-Grenzorgane.

Die Straße wird seit dem 1. Oktober 1901 von Straßenbahnen befahren. Die erste Linie war die so genannte Flachbahn der Hochbahngesellschaft, die von der Warschauer Brücke aus zum Zentralviehhof am Forckenbeckplatz fuhr. 1910 übernahmen die Städtischen Straßenbahnen Berlin diese Strecke. Durch Verlängerung in Richtung Süden wurde die hier verkehrende Linie bis 1916 zu einem Ring geschlossen, der ab 1921 als Linie 9 unterwegs war.[1] Zusätzlich fuhren ab den 1920er Jahren zwei weitere Ringlinien (4 und 5) auf der Straße, von denen die 4 als einzige nach dem Zweiten Weltkrieg – mit verkürzter Linienführung – weiter bestand.[2] Die M10, die seit 2006 zwischen Nordbahnhof und dem Bahnhof Warschauer Straße verkehrt, kann als direkter Nachfolger dieser Linie bezeichnet werden. Zusätzlich befährt die Linie 21 das nördliche Teilstück zwischen Frankfurter Tor und der Boxhagener Straße.

Bebauung der Warschauer Straße[Bearbeiten]

Renoviertes Haus

Die durchgehende Bebauung der Straße erfolgte in den Jahren zwischen 1890 und 1908 in der bis heute typischen Aufteilung in ein Vorderhaus an der Straße, einen Seitenflügel mit direkter Anbindung an das Vorderhaus oder ein Quergebäude sowie ein oder mehrere Hinterhäuser und Hinterhöfe für die gewerbliche Nutzung. Besonders die Holz verarbeitende Industrie hatte in diesem Ortsteil Tradition. Bis heute sind sieben Gewerbebetriebe in den Hinterhöfen vollständig erhalten. Die Durchmischung von Wohn- und Gewerbebauten wurde 1925 verboten. In den Aufbaujahren entstanden etwa 6000 Wohnungen im Bereich der Warschauer Straße.

Mit rund 50 Metern Breite zählte die Warschauer Straße bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer der wichtigen Verkehrsstraßen und zu einer der Hauptversorgungsachsen des 1920 gegründeten Bezirks Friedrichshain. Die Straße war von Anfang an mit Läden, Restaurants und Kneipen gesäumt und stellte so auch eine wichtige soziale Ader des Bezirks dar. Hierzu gehörte auch das 1902 gegründete Lichtspielhaus Elektra in der Warschauer Straße 26, die heutige Deponie.

An der Warschauer Straße siedelten sich auch die frühsten Großbetriebe Friedrichshains an. Die älteste Fabrik stellt dabei das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) „Franz Stenzer“ dar. Des Weiteren siedelte sich im Haus Nr. 59a das erste Propellerwerk Deutschlands an. Seit 1971 hat im Haus Nr. 28 mit dem Optikhaus Kramer einer der ältesten noch erhaltenen Friedrichshainer Handwerksbetriebe, der 1898 im damaligen Grünen Weg (heute: Singerstraße) am Küstriner Platz gegründet wurde, seinen Sitz.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Bebauung zerstört. Die Renovierung erfolgte in den 1950er und 1960er Jahren meist halbherzig, indem die Fassaden der Altbauten lediglich geglättet wurden. Baulücken wurden in den Folgejahren größtenteils geschlossen. In den 2000er Jahren wurde das Erscheinungsbild der Straße aufgewertet und viele der erhaltenen Altbauten saniert.

Wichtige Bauten[Bearbeiten]

Warschauer Brücke, S-Bahn und U-Bahn[Bearbeiten]

Warschauer Brücke und S-Bahnhof Warschauer Straße, 1930
Unterbrochene Hochbahn und versperrte Oberbaumbrücke, 1988

Die Warschauer Straße überquert auf der Warschauer Brücke nahezu rechtwinklig die Gleisanlagen der Bahn, die von der Preußischen Ostbahn und der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn im 19. Jahrhundert gebaut wurden. An dieser Stelle fuhr die 1842 eröffnete Eisenbahnstrecke von Frankfurt (Oder) als einzige der neu erbauten Bahnstrecken durch die Zollmauer ins Stadtgebiet hinein. 1872 kreuzten hier etwa 30 Gleise die Warschauer Straße. Der Brückenbau wurde unumgänglich, um sowohl die Straße als auch die Bahnlinie als Verkehrsader nutzen zu können. Bis 1875 war die Brücke fertiggestellt, in den nachfolgenden Jahren wurde sie jedoch immer wieder umgebaut und erweitert. Bis zur Mitte der 1930er Jahre korrodierte die Eisenkonstruktion durch den Wasserdampf der Dampflokomotiven stark, wodurch ein Ersatzneubau notwendig wurde. Dieser erfolgte westlich der bestehenden Brücke ab 1938 zuerst am Nordteil und wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrochen. Im Jahr 1945 stürzte der bereits neu aufgebaute Teil der Brücke infolge eines Bombentreffers zusammen und machte die Warschauer Brücke unpassierbar. Erst 1948 konnte sie wieder für den Verkehr freigegeben werden. Eine Instandsetzung erfolgte 1952/1953, eine weitere 1955. Eine Generalreparatur wurde 1966/1967 durchgeführt. Nach einer weiteren Grundinstandsetzung und Verstärkung von 1995 bis 1997 mit Unterstützung des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung konnte auch die Straßenbahn die Brücke wieder passieren.[3]

Die ursprüngliche Bahnanlage ist heute nicht mehr erhalten. Am südwestlichen Ende der Brücke stand bis etwa 2004 das 1910 gebaute Empfangsgebäude des ehemaligen Schlesischen Güterbahnhofs sowie das 1900 errichtete, einstöckige Dienstgebäude. Alle Gebäude in diesem Bereich sind inzwischen restlos zugunsten der 2008 fertiggestellten O2 World beseitigt worden.

An der östlichen Brückenseite befindet sich der S-Bahnhof Warschauer Straße. An dieser Stelle stand bereits von 1884 bis 1903 das erste Bahnhofsgebäude, das von 1903 bis 1924 von einem Gebäude an der gegenüberliegenden Seite abgelöst wurde. 1924 wurde am ursprünglichen Standort ein neues Empfangsgebäude aufgebaut, konstruiert von Richard Brademann. Dieses Empfangsgebäude und die Bahnsteigzugänge wurden bis April 2005 weitgehend beseitigt. Der Neubau des Bahnhofs begann im Dezember 2011 und erfolgt im Zuge der Bautätigkeiten an der Strecke OstbahnhofBahnhof Ostkreuz. Die Arbeiten sollen 2016 abgeschlossen sein.Vorlage:Zukunft/In 2 Jahren

Der U-Bahnhof an der Warschauer Brücke wurde am 17. August 1902 in Betrieb genommen, errichtet von Paul Wittig im Auftrag des Unternehmens Siemens & Halske. Er stellte den Endbahnhof der ersten Berliner Untergrund- und Hochbahnlinie, der heutigen Linie U1, dar. Im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört, wurde der Bahnhof anschließend wiederaufgebaut. Nach dem Mauerbau 1961 blieb der Bahnhof ohne Verbindung zum Restnetz der Berliner U-Bahn geschlossen, seit 1995 fahren die Züge wieder bis zum sanierten U-Bahnhof. Pläne, den U-Bahnhof Warschauer Straße über den gleichnamigen S-Bahnhof zu verlegen, um das Umsteigen zu erleichtern, werden nicht weiter verfolgt. Lediglich die Verlängerung des Fußgängerstegs vom U-Bahnhof bis zum neuen Empfangsgebäude der S-Bahn ist seitens des Berliner Senats weiterhin geplant.[4]

Am Knotenpunkt Warschauer Straße – dieser beinhaltet U-Bahn, S-Bahn sowie Straßenbahn – steigen täglich mehr als 85.000 Menschen um.[5]

Reichsbahnausbesserungswerk[Bearbeiten]

Talgo-Wartungshalle und S-Bahnhof (von der Modersohnbrücke)
RAW-Gelände, Eingangstor

Die Reichsbahnausbesserungswerkstatt im Einzugsbereich der Warschauer Straße ist der älteste Betrieb in Friedrichshain. Die Hauptgebäude dieser Werkstatt liegen dabei an der Revaler Straße, lediglich die westliche Begrenzung des Grundstücks reicht an die Warschauer Straße. Gegründet wurde der Betrieb am 1. Oktober 1867 als „Königlich-Preußische Eisenbahnhauptwerkstatt Berlin II“. Die Werkstatt gehörte zur Preußischen Ostbahn, die damals bis nach Königsberg/Ostpreußen und an die russische Grenze führte und deren Berliner Endpunkt der alte Ostbahnhof oder auch Küstriner Bahnhof (entspricht nicht dem heute existierenden Berliner Ostbahnhof) war, der ebenfalls im Jahr 1867 am Küstriner Platz, dem heutigen Franz-Mehring-Platz eröffnet wurde. Der Betrieb diente der Wartung und Instandsetzung von Lokomotiven sowie Wagen zum Transport von Personen und Gütern. Die Anzahl der hier angestellten Arbeiter erreichte bereits nach wenigen Jahren 600 Personen und der Betrieb wurde entsprechend ausgebaut. Ein weiterer Ausbau erfolgte 1882 nach Eröffnung der Stadtbahn Berlin, die Beschäftigtenzahl stieg auf 1200 Angestellte. 1918 wurde der Betrieb zum „Reichsbahnausbesserungswerk“ (RAW).

1967 erhielt das Werk zum 100-jährigen Jubiläum den Namen des im nationalsozialistischen Deutschland ermordeten bayrischen Kommunisten Franz Stenzer und wurde so zum RAW „Franz Stenzer“. Am 31. Oktober 1991 wurde die schrittweise Stilllegung des Werks aufgrund der „gestiegenen Reparatur- und Wartungskapazitäten im wiedervereinigten Deutschland“ bis 1995 verkündet und durchgeführt. Eine neu errichtete Halle wird vom Unternehmen Talgo Deutschland zur Restaurierung von Talgo-Nachtzügen verwendet und bietet 100 Beschäftigten Arbeit; einige Gebäude sind seit 1999 an den Friedrichshainer Kulturverein RAW-tempel e.V. vermietet, der hier vor allem interkulturelle Projekte durchführt. Heute ist der überwiegende Teil des Areals an verschiedene Kultur- und Sporteinrichtungen (Skaterhalle, Kletterkegel, Badehaus Szimpla), Konzerthallen (Astra, Cassiopeia), Galerien (RAW ART, Urban Spree), Clubs (MIKZ, Suicide Circus, RAW99) und gastronomische Betriebe verpachtet. Im Sommer erweitert sich das Angebot um ein Open Air Kino (Inselkino) und einen Open Air Garten (Electric Garden). An den Sommerwochenenden finden regelmäßig Flohmärkte statt.

Industriepalast[Bearbeiten]

Industriepalast an der Warschauer Straße

Der Industriepalast in der Warschauer Straße 34–44 wurde in den Jahren 1906 bis 1907 erbaut. Der Architekt des Gebäudes war Johann Emil Schaudt, der auch das bekannte Kaufhaus des Westens an der Tauentzienstraße geplant hat. Ausgeführt wurde der Komplex von dem Berliner Bauunternehmen Boswau & Knauer AG.

Bei dem Industriepalast handelt es sich um eine für ihre Zeit typische Etagenfabrik, die als Eisenskelettbau fünf einzelne Gebäude zu einem Gesamtkomplex verbindet. Durch den Einbau variabel nutzbarer Hallen und Lager, Krananlagen und einen unterirdischen Bahnanschluss sowie zwei Kellergeschosse wurden optimale Bedingungen für die Unterbringung von Gerbereien, Holz verarbeitenden Unternehmen sowie elektrotechnischen Betrieben geschaffen. Die Ladenlokale an der Straße wurden von verschiedenen Geschäften und Gaststätten sowie einem Kino angemietet.

Einer der prominentesten Mieter der ersten Jahre war die Berliner Deutsche Gasglühlicht AG (Auergesellschaft), die später in den eigenen Werkkomplex im Karree Rudolfstraße / Ehrenbergstraße / Rotherstraße / Warschauer Platz umzog. Der ehemals private Betrieb Joh. Alfred Richter, Kältemaschinenbau GmbH wurde in den 1950er Jahren durch die Regierung der DDR zum volkseigenen Betrieb VEB Kälte Berlin, der später in den VEB Kühlautomat Berlin eingegliedert wurde. Sehr bekannt war das „Palais des Ostens“ im Teil Nr. 34/36, das mit Festsälen für 300 bis 1000 Personen warb und sich seit den 1920er Jahren selbst als „größtes und vornehmstes Vergnügungs-Etablissement des Ostens“ (Berlins) bezeichnete.

Die unter Denkmalschutz stehende Fassade des Industriepalastes wurde 1992/1993 dennoch neu gestaltet. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Nr. 41/42 wurde von der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain (WBF) durch einen Neubau ergänzt, der optisch an den historischen Bau angelehnt ist. Heute beherbergt der Gebäudekomplex zahlreiche Dienstleister, darunter das Berufsbildungszentrum BBZ sowie die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung. Nachdem das zum Gebäudeensemble gehörende Haus Nr. 43/44 einige Jahre ohne Nutzung leer stand, wurde dort im Juli 2010 nach grundständiger Sanierung ein Hostel eröffnet. Mit der Firmierung Industriepalast Hostel & Hotel griffen die Betreiber bei der Namensgebung auf die alte Gebäudebezeichnung zurück.

Propellerwerk Heine[Bearbeiten]

Ehemalige Werkshalle des Propellerwerkes
Eckhaus (2005, vor der Sanierung)
Warschauer Straße 26
Gedenktafel für Heinrich Thieslauk

Die älteste deutsche Fabrik zur Herstellung von Propellern, das Propellerwerk Heine, hatte ihren Sitz ab 1921 im zweiten Hinterhof der Warschauer Straße 58. Der Möbeltischler Hugo Heine hatte es gegründet. Er begann im Jahr 1910 in Waidmannslust mit der Fertigung von Holzpropellern für Flugzeuge, nachdem er bei einem Schauflug auf dem Flugplatz Johannisthal durch Zufall den Auftrag erhielt, einen zerbrochenen Propeller zu reparieren. In seiner Tischlerei baute er die Idee weiter aus und konnte bis 1914, dem Jahr, in dem er seine Meisterprüfung ablegte, fünf Mitarbeiter beschäftigen. Bedingt durch die Nachfrage im Ersten Weltkrieg baute Heine seine Tischlerei zu einer Fabrik aus, die bis 1918 dreihundert Arbeitskräfte beschäftigte. Nach Kriegsende stellte er die Produktion wieder auf Möbel um, da der Flugzeugbau in Deutschland durch die Alliierten verboten worden war, und musste einen Großteil der Arbeiter entlassen. Im Jahr 1921 konnte er die Produktionsstätte in der Warschauer Straße erwerben und betrieb hier eine Tischlerei für Schlafzimmermöbel.

Die Propellerfertigung konnte nach Aufhebung des Verbots der Flugzeugherstellung in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wieder aufgenommen werden. Im Jahr 1930 lieferte das Unternehmen Heine seinen 50.000. Propeller aus. Kunden fand Heine in ganz Europa, darunter etwa die Bücker Flugzeugbau GmbH, und er arbeitete mit verschiedenen wissenschaftlichen Instituten zusammen, um seine Propeller zu optimieren. 1933 erhielt er das Patent auf den Heine-Propeller mit Metallkantenschutz. Die Belegschaft bestand Ende 1935 aus 300 Handwerkern, vier Luftfahrtingenieuren und 60 kaufmännischen Angestellten. Heine lieferte vor allem Propeller für die deutsche Luftwaffenflotte. Im Jahr 1943 verlagerte er aufgrund der massiven Luftangriffe auf Berlin die Produktion nach Schlesien. 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde Hugo Heines Möbelfabrik & Propellerwerk aufgrund der Zulieferung von militärischem Material entschädigungslos enteignet. Seit den 1990er Jahren werden die erhaltenen Gebäude von verschiedenen Dienstleistungsunternehmen genutzt.

Eckhaus Warschauer Straße/Marchlewskistraße[Bearbeiten]

Das Eckhaus Warschauer Straße 33/Marchlewskistraße 111 gilt allgemein als ehemaliges Wohnhaus des Dichters und späteren DDR-Kulturministers Johannes R. Becher, der dies am 30. September 1950 in einem Fernsehinterview behauptete. Im Erdgeschoss dieses Hauses befand sich aber tatsächlich nur die Lieblingskneipe des Künstlers, das Café Komet, außerdem wohnte hier seine Vermieterin Pauline Zlotorzenski. Becher selbst hatte seine Studentenwohnung zwischen 1911 und 1912 im Nachbarhaus Marchlewskistraße 109. Seit seiner Aussage wird das Eckhaus tatsächlich regelmäßig als sein ehemaliges Wohnhaus angegeben und fand auch schon Erwähnung in verschiedenen Dokumentarfilmen über Johannes R. Becher.

Der Bau für das Eckhaus wurde im Jahr 1906 begonnen und musste im Winter 1906/1907 witterungsbedingt gestoppt werden. Nach einem Gutachten durch das Königliche Materialprüfungsamt der Technischen Hochschule Berlin, das eine unbeschädigte „Überwinterung“ bestätigte, konnte es 1908 fertiggestellt werden.

Wie die meisten anderen Häuser in der Straße und im gesamten Berliner Stadtgebiet blieb auch dieses Haus im Zweiten Weltkrieg nicht unbeschädigt. Brandbomben zerstörten das gesamte Dach und diverse Zwischenwände und -decken. Ein Teil des Kellers stürzte ein und begrub einige Schutzsuchende unter sich. Eine Informationstafel an der Warschauer Straße beschreibt dies als „ein alltägliches Häuserschicksal im Berlin der Kriegsjahre“.

Ende der 2000er Jahre wurde das Haus umfangreich saniert.

Die Warschauer Straße seit den 1990er Jahren[Bearbeiten]

Seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurden einige der Altbauten und deren Fassaden renoviert, die meisten sind jedoch seit den 1960er Jahren nicht verändert worden. Die Läden im Nordteil der Straße umfassen seit der Jahrtausendwende hauptsächlich Imbissläden (Pizzerien, Dönerbuden, asiatische Schnellrestaurants) sowie Billigläden und Second-Hand-Geschäfte. Des Weiteren gibt es einen Supermarkt, mehrere Bäckereien, eine Fleischerei, eine Buchhandlung und etliche weitere kleine Geschäfte. Viele andere Läden konnten sich in den 2000er Jahren vor allem aufgrund der Konkurrenz nahegelegener Einkaufszentren wie dem Ring-Center in der Frankfurter Allee oder den Geschäftszentren am Alexanderplatz und am Ostbahnhof wirtschaftlich nicht behaupten und mussten schließen.

Seit den späten 1990er Jahren ist die Warschauer Straße durchgehend vierstreifig, wobei die einzelnen Fahrspuren auf der Warschauer Brücke etwas schmaler werden und die beiden mittleren Spuren zudem die Straßenbahngleise aufnehmen. Im nördlichen Teil wurde im Jahr 2001 die vorhandene breite Mittelpromenade zwischen den Straßenbahngleisen für rund 40.000 Euro saniert, neu bepflanzt und mit einer Bodenbeleuchtung versehen. Die südwestliche Straßenseite wird vom Industriepalast mit seinen Dienstleistern dominiert. Für die 2010er Jahre sind weitere umfangreiche Sanierungsarbeiten im Gebiet der Warschauer Straße geplant.

Im südlichen Teil der Straße im Bereich des U-Bahnhofes finden sich mehrere Clubs und Diskotheken, beispielsweise der Speicher (in der Mühlenstraße), der schwul-lesbische Club Haus B (früher: Die Busche), die Narva-Lounge und das Matrix (in den Ziegelstein-Gewölben unter dem U-Bahnhof). Im nördlichen Teil gibt es mehrere kleinere Gaststätten, historisch bedeutsam die ehemalige Deponie, nun Ambrosius Bier Club. Die Szene findet sich hier in den Neben- und Parallelstraßen, etwa in der Kopernikusstraße, der Grünberger Straße, der Boxhagener Straße, der Simon-Dach-Straße sowie am Boxhagener Platz.

Einzelne Häuser der Warschauer Straße stehen seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Dazu gehören der Industriepalast (Nrn. 39/40, 43/44), das 1899/1900 von Karl Walter errichtete Mietshaus Nr. 26 im neobarocken Stil sowie das 1956 erbaute neoklassizistische Wohn- und Geschäftshaus Nr. 83–85. An drei Häusern sind Gedenktafeln für dort ehemals wohnhafte Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus angebracht: für Heinrich Thieslauk (Nr. 60), Gregor Pinke (Nr. 46) und Herbert Firl (Nr. 47).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dagmar Girra: Berlins Straßennamen – Friedrichshain. Edition Luisenstadt, Berlin 1996. ISBN 3-89542-084-0
  • Hans-Jürgen Mende, Kurt Wernicke (Hrsg): Berliner Bezirkslexikon Friedrichshain-Kreuzberg. Haude & Spener, Berlin 2003. ISBN 3-7759-0474-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Warschauer Straße – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  • Informationstafeln zur Geschichte der Straße direkt an der Warschauer Straße
  1.  Hans-Joachim Pohl: Die Städtischen Straßenbahnen in Berlin. Geschichte eines kommunalen Verkehrsbetriebes. In: Verkehrsgeschichtliche Blätter. Heft 5, 1983, S. 98–106.
  2.  Heinz Jung: Die Straßenbahn-Ringlinien in Berlin. In: Berliner Verkehrsblätter. Hefte 3 und 4, 1916, S. 20–21, 25–26.
  3. ÜberBrücken: Brückenbau 1990–1999 – Warschauer Brücke. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, abgerufen am 8. Juli 2012.
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatUmsteigen leicht gemacht. Der Tagesspiegel, 14. Januar 2013, abgerufen am 14. Januar 2013.
  5.  Ein neues Gesicht für die Warschauer Straße. In: punkt 3. Nr. 1, 2013, S. 12 f. (online, abgerufen am 14. Januar 2013).

52.50916666666713.451388888889Koordinaten: 52° 30′ 33″ N, 13° 27′ 5″ O