Die Stadt liegt am Fluss Warthe auf einer Höhe von 19-82 m ü. M., rund 80 Kilometer nordöstlich von Frankfurt (Oder) und 130 Kilometer nordwestlich von Posen. Küstrin (Kostrzyn nad Odrą) ist etwa 45 Kilometer entfernt. Nördlich und südlich des Stadtgebiets erstrecken sich weitläufige Waldgebiete.
Altes GebäudeHeutige Bolesław-Chrobry-StraßeHeutige Ul. HawelańskaUferpromenade an der WartheAltstadt-Brücke bei NachtStadtbus der Marke MAN
Nachweislich war das Gebiet Landsbergs bereits frühgeschichtlich besiedelt. Nach der Völkerwanderung lösten Slawen die vorher hier ansässigen Germanen ab. Für die Besiedlung der späteren Neumark wurden im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts deutsche Siedler von Herzog Leszek I. angeworben. Mit seinem Tod 1227 verfiel die polnische Zentralmacht endgültig, was den Markgrafen von Brandenburg die Möglichkeit gab, auch jenseits der Oder zu expandieren. Angesichts des zunehmenden Fernhandels gründete Markgraf Johann I. 1257 Landsberg als neuen bequemeren Flussübergang an der Warthe kurz vor dem bisherigen Pass bei Zantoch[2] (mit Steilufer), um wie dieser polnische Ort an den beträchtlichen Einnahmen aus dem Fernhandel (Zoll, Gebühren vom Marktbetrieb und Niederlagerecht) teilzuhaben (nach dem Parallelbeispiel von Berlin als Gegengründung zu Köpenick).
Die Siedler kamen aus dem Gebiet der heutigen deutschen Länder Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und gehörten also zum niederdeutschen Sprachgebiet. Die Stadt erhielt den Namen Neu-Landsberg (in Gegensatz zu Altlandsberg), den sie bis in das 16. Jahrhundert trug. Im 13. Jahrhundert wurde die Marienkirche erbaut. 1321 wurde die Stadt mit Stadtmauern und Toren gesichert. Im 14. Jahrhundert hatte sich Landsberg zum wirtschaftlichen Zentrum seines Umlands entwickelt, für 1360 wird die Stadtschule erstmals erwähnt. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurden alle Vorstädte zerstört. Nach 1648 entwickelte sich Landsberg zu einem bedeutenden Umschlagplatz im Handel mit dem benachbarten Polen. Im 18. Jahrhundert sorgte die Etablierung des Tuchmacherhandwerks und des Wollhandels für einen weiteren Aufschwung.
Synagoge (1853–1854)
Landsberg an der Warthe auf einer Landkarte von 1905
Briefmarke, 1 Sgr, entwertet 5. Dez. 1866 LANDSBERG a. d. Warthe
Die Stadt hatte eine Garnison der preußischen Armee, 1783 waren in Landsberg vier Schwadronen stationiert. Einschließlich zugehöriger Zivilisten umfasste die Garnison 900 bis 1000 Personen.[3] Die Garnison verfügte über eine Garnisonkirche. 1804 wurde für die Schulkinder der Garnisonangehörigen ein neues Schulhaus eingeweiht.[4]
Der Magistrat der Stadt zeigte sich bereits früh tolerant gegenüber den Religionen. Schon vor 1713 ist urkundlich ein jüdischer Friedhof nachgewiesen; anstelle der 1752 erbauten, aber baufällig gewordenen Synagoge errichtete die Gemeinde von 1853 bis 1854 die neue Synagoge im byzantinischen Stil nach Plänen des Architekten Carl Tietz.[5]
Landsberg hatte ein humanistisches Gymnasium, an dem Unterricht u. a. in Latein, Griechisch und Hebräisch erteilt wurde und an das Realklassen und eine Vorschule angeschlossen waren.[6][7] Eine Stadtschule in Landsberg wird erstmals 1360 urkundlich erwähnt.
1892 wurde die Stadt aus dem Landkreis ausgegliedert und erhielt den Status eines Stadtkreises. Die Verwaltung des Landkreises blieb jedoch weiterhin in der Stadt. In den 1920er Jahren setzte sich die Bezeichnung „Landsberg (Warthe)“ durch. Um 1900 hatte Landsberg an der Warthe zwei evangelische Kirchen, eine katholische Kirche und eine Synagoge.[8]
Im Zweiten Weltkrieg schrieb Gottfried Benn in der Walter-Flex-Kaserne[9] unter anderem den Roman des Phänotyp (1943). Als sich Ende Januar 1945 die Rote Armee näherte, ordneten die Behörden am Morgen des 29. Januar die Räumung der mit mehr als 50.000 Menschen überfüllten Stadt an und erklärten sie zur „offenen Stadt“. Als am späten Abend des 29. Januars 1945 die Rote Armee Landsberg kampflos einnahm, traf sie auf etwa 30.000 Zivilisten. In der Folgezeit brachen die medizinische Versorgung und die mit Lebensmitteln, Wasser, Strom und Gas zusammen. Die Einwohner waren Raub, Plünderung, massenhafter Vergewaltigung und einzelnen Erschießungen ausgesetzt. Große Teile der Innenstadt brannten infolge von Brandstiftung und Fahrlässigkeit nieder. Ein Großteil der Einwohner kam zur Zwangsarbeit in auswärts gelegene Arbeitslager. An die Stelle einer von der sowjetischen Militärkommandantur eingesetzten Verwaltung aus deutschen Antifaschisten trat am 28. März die Verwaltung durch die Volksrepublik Polen. Es begann die Besiedlung der in Gorzów Wielkopolski umbenannten Stadt mit Polen. Im Juni 1945 wurden die meisten deutschen Einwohner durch die Polnische Volksarmee innerhalb weniger Tage über die Oder in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) vertrieben. Der Rest folgte von Dezember 1945 bis Mai 1947, die letzten 50 im September 1950.[10] Die heutige Nachkriegs-Stadtbevölkerung stammt überwiegend aus Zentralpolen und dort vor allem aus der Region Großpolen.
In Landsberg an der Warthe befand sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs das sowjetische Speziallager Nr. 4 in der ehemaligen General von Strantz-Kaserne,[11] in dem 1945 Tausende von Menschen unter sehr harten Bedingungen inhaftiert waren, viele starben an den Folgen der Haft.[12]
Dom St. Marien
Christkönigkirche
Kirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes
Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria
Eingemeindet wurden nach Gorzów Teile von Wieprzyce (Wepritz) (im Jahr 1962), Chróścik (Neuendorf), Teile von Karnin (Kernein), Siedlice (Seidlitz) und Zieleniec (Roßwiese) (jeweils 1977), Małyszyn (Merzdorf) (1979) sowie Teile von Chwalęcice (Heinersdorf).
Zu dieser Zeit wurde auch mit der Anlage großer Neubaugebiete in Plattenbauweise begonnen, in deren größtem, Górczyn im Norden von Gorzów, heute fast 40.000 Menschen wohnen.
Der in der Neuzeit eingeführte polnische Name Gorzów Wielkopolski bedeutet wörtlich ins Deutsche übersetzt etwa Großpolnisch Bergen.
Die Herkunft des polnischen Namens Gorzów ist nicht geklärt und kann mit gorzenie (Brand), eher aber mit góra (Berg) zusammenhängen, wie z. B. in Gorzów Śląski (deutsch: Landsberg in Oberschlesien) oder Górowo Iławeckie (Landsberg in Ostpreußen). Wielkopolski bedeutet „großpolnisch“ bzw. „in Großpolen“. Nachdem zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg der Name Gorzów nad Wartą (Gorzów an der Warthe) gewählt wurde, heißt die Stadt seit dem 19. Mai 1946 offiziell Gorzów Wielkopolski. Formal stand die Namenserweiterung „Großpolnisch“ im Zusammenhang mit der Einteilung von Gorzów in die Woiwodschaft Posen am 25. September 1945. Ein Referendum, das im Jahr 2000 in der Stadt abgehalten wurde, bestätigte diesen Namen.[16]
Die ehemalige evangelische Konkordienkirche wurde nach dem Kriegsende eine katholische Kirche. Der Name der Kirche bezieht sich auf die 1577 entstandene Konkordienformel. Foto Februar 2019.Ehemalige ev. Konkordienkirche. Altarraum. Foto Februar 2019Dreisprachige Infotafel an der ehemaligen Konkordienkirche, hier der englische und der deutsche Text. Foto Februar 2019Konkordienkirche von 1776, wegen ihrer Außenfarbe auch Weiße Kirche genannt, nach dem Zweiten Weltkrieg umgestaltet und als Teil eines Klosters erweitert
Historisches Speichergebäude auf der gegenüberliegenden Wartheseite, heute Museum
Schrödersche Villa, erbaut 1903 für den Kabelfabrikanten Gustav Schröder, heute Landesmuseum der Wojewodschaft Lebus, Park mit dendrologischem Lehrpfad
Kirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes, erbaut von Konrad Nonn zwischen 1905 und 1907 im neoromanischen Stil aus roten Klinkern
Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria, 1895 im neugotischen Stil errichtet
Diese Tafel erinnert an den ehemaligen evangelischen Friedhof. Foto Februar 2019Dieser "kollektive" Grabstein erinnert an die Deutschen, die bis 1945 auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe fanden. Foto Februar 2019Der evangelische Friedhof[17] gehörte zur evangelischen Marienkirche, wurde 1831 angelegt und mehrfach erweitert. Nach 1945 verfiel er. Teile des Friedhofs wurden im Rahmen von Subbotniks in einen Park umgestaltet, der nach Kopernikus benannt wurde. Die ehemalige Friedhofskapelle ist heute evangelisch-augsburgische Gemeindekirche. Eine Info-Tafel am Eingang erinnert an den ehem. ev. Friedhof. Auf dem Friedhof erinnert ein „kollektiver“ Grabstein an die Deutschen, die vor 1945 auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe fanden.
Evangelisch-Lutherische Dreifaltigkeitskirche, erbaut als Friedhofskapelle Ende des 19. Jahrhunderts im neuromanischen Stil
Der jüdische Friedhof in Gorzów Wielkopolski überstand im Wesentlichen die NS-Zeit, wurde nach 1945 devastiert und zweckentfremdet. Heute steht der Friedhof unter Denkmalschutz.[18]
Nellys Bank, ein Denkmal für Christa Wolf, die ihre Erfahrungen in der NS-Zeit, die sie in der Stadt verbrachte, im Buch Kindheitsmuster reflektierte[21]
Der öffentliche Nahverkehr wird durch Busse auf 41 Tages- und 3 Nachtlinien sowie Straßenbahnen auf 4 Linien bedient. Ein im Zweiten Weltkrieg großenteils vollzogener Ersatz der Straßenbahn Gorzów Wielkopolski durch Oberleitungsbussein Landsberg an der Warthe wurde nach dem Übergang der Stadt an Polen rückgängig gemacht.
Seit 2026 ist der ÖPNV der Stadt für Einwohner kostenfrei.[22] Damit wurde Gorzów Wielkopolski die größte Stadt Polens mit kostenlosem Nahverkehr für alle Einwohner.
Seit dem 11. Dezember 2016 wurde täglich ein Zug der deutschen Regionalbahn-Linie RB 26 von Berlin über Küstrin-Kietz nach Gorzów Wielkopolski weitergeführt. Er fuhr morgens von Gorzów Wielkopolski nach Berlin und abends zurück. Seit dem 13. Dezember 2020 verkehrt dieser Zug nicht mehr, da die Eisenbahnbrücke über die Oder neu gebaut wurde.[24] Auch nach der Wiedereröffnung der Oderbrücke Anfang August 2024 verkehren keine durchgehenden Züge nach Berlin mehr.
In dem 1976 erschienenen Roman Kindheitsmuster von Christa Wolf ist Landsberg Handlungsort von Geburt, Kindheit und Heranwachsen des deutschen Mädchens Nelly Jordan in der Zeit des Nationalsozialismus, das während des Zweiten Weltkriegs mit den Eltern in ein mecklenburgisches Dorf flüchtet und in den 1970er Jahren als erwachsene Person den Ort der Jugend aufsucht.[25] In der Romanfigur Nelly Jordan sind autobiographische Züge der Dichterin Christa Wolf erkennbar, die ihre Heimatstadt Landsberg in der ersten Hälfte der 1970er Jahre besuchte. 2015 wurde in Gorzów Wielkopolski Nellys Bank eingeweiht.[26] Siehe auch Christa Wolf#„Christa-Wolf-Denkmal“.
Im Edward-Jancarz-Stadion trägt der lokale Speedway-Verein Stal Gorzów Wielkopolski seine Ligarennen in der polnischen Speedway-Extraliga aus und wurde mehrfach polnischer Meister. Außerdem wurde in dieser 17.000 Zuschauer fassenden, reinen Speedway-Arena schon mehrmals der Speedway-WM Grand Prix von Polen ausgefahren.
Theodor Enslin (1787–1851), Buchhändler, Bibliograph und Verleger; hatte vom 18. Oktober 1824 bis zum Verkauf am 1. April 1827 eine Buch- und Musikalienhandlung in der Richtstraße 164 als Filiale seines Berliner Geschäfts.[28]
Wilhelm Klemperer (1839–1912), Dr. phil., Rabbiner der Synagogengemeinde von 1864 bis 1885.
Wilhelm Meydam (1821–1907), Oberbürgermeister und Ehrenbürger von Landsberg an der Warthe, Abgeordneter des Provinziallandtages
Carl Teike (1864–1922), Marschkomponist (Alte Kameraden)
Richard Ewert (1867–1945), Botaniker, Imker und Bienenwissenschaftler, Professor an der Preußischen Landwirtschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalt ab 1925
Otto Gerloff (1876–1956), von 1917 bis 1941 Oberbürgermeister von Landsberg an der Warthe
Kurt Benz (1889–1983), Zahnarzt, ab 1928 Ortsgruppen- und Kreisleiter der NSDAP in Landsberg an der Warthe
Gottfried Benn (1886–1956), Dichter, während seiner Tätigkeit 1943–45 in einer Wehrmachtsdienststelle in Landsberg/Warthe arbeitet er dort am Roman Phänotyp und den Statischen Gedichten und lässt dort illegal Zweiundzwanzig Gedichte 1936–1943 drucken[29]
Carl Heinrich Dencker (1900–1967), Direktor des Instituts für Landmaschinenwesen der Preußischen Landwirtschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalt von 1928 bis 1932
Georg Segler (1906–1978), Agrarwissenschaftler, Landmaschinenkonstrukteur
Alfreda „Noncia“ Markowska (1926–2021) war eine polnische Romni, die für die Rettung von etwa 50 Kindern und Jugendlichen mit jüdischem oder Sinti- und Roma-Hintergrund vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten ausgezeichnet wurde. Sie ist Ehrenbürgerin der Stadt.
W. Riehl, J. Scheu (Hrsg.): Berlin und die Mark Brandenburg mit dem Markgrafenthum Nieder-Lausitz in ihrer Geschichte und in ihrem gegenwärtigen Bestande. Berlin 1861, S. 464–469 (books.google.de).
A. Engelien, Fr. Henning: Geschichte der Stadt Landsberg an der Warthe von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart mit einer lithographirten Ansicht der Stadt vom Jahre 1650. Landsberg a. d. W. 1857; archive.org.
Dariusz Aleksander Rymar: Staatsarchiv Landsberg an der Warthe – Wegweiser durch die Bestände bis 1945. = Archiwum Państwowe w Gorzowie Wielkopolskim – przewodnik po zasobie do roku 1945. Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57725-9 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 25).
Hans Beske, Ernst Handke (Hrsg.): Landsberg an der Warthe 1257. 1945. 1978 (= Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg, Warthe, Stadt und Land, Bände I–III). Gieseking, Bielefeld 1976–1980, Band I: Stadt und Land im Umbruch der Zeiten, ISBN 3-7694-0702-4, 1976, Band II: Aus Kultur und Gesellschaft im Spiegel der JahrhunderteISBN 3-7694-0706-7, 1978, Band III: Landwirtschaft und Industrie. Handwerk. Verkehr. Verwaltung.ISBN 3-7694-0702-4, 1980.
↑Georg Wilhelm von Raumer (Hrsg.): Die Neumark Brandenburg im Jahre 1337 oder Markgraf Ludwig’s des Aelteren Neumärkisches Landbuch aus dieser Zeit. Nicolai’sche Buchhandlung, Berlin 1837, S. 28, Nr. 8 (books.google.de).
↑ abKarl Friedrich von Benekendorff: Kleine Oekonomische Reisen. Band 1. Züllichau 1785, S. 433–451 (books.google.de).
↑Gottlieb Benjamin Gerlach: Einweihungs-Rede. Gehalten am dritten August, als das der Garnison zu Landberg an der Warthe geschenkte Schulhaus eingeweihet wurde. Berlin 1804 (books.google.de).
↑Kaempf: Programm des Gymnasiums mit Realklassen zu Landsberg a. W., mit Schulnachrichten von Ostern 1872 bis Ostern 1873. Landsberg a. d. W. 1873, S. 24 ff. (books.google.de).
↑Zeitung für das höhere Unterrichtswesen Deutschlands. Band 1. Leipzig 1872, S. 259–260 (books.google.de).
↑ abcdefghiMichael Rademacher: Landsberg_w. Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006. In: eirenicon.com. Abgerufen am 1. Januar 1900
↑Landsberg (Warthe), in: Meyers Gazetteer (mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Landsberg)