Sawsan Chebli

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Sawsan Chebli (2017)

Sawsan Chebli [ˈsɔːˌsan ˈʃɪbˌli] (* 26. Juli 1978[1] in West-Berlin) ist eine deutsche politische Beamtin (SPD).

Von 2010 bis 2014 war sie Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport und von 2014 bis 2016 stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts. Seit Dezember 2016 ist sie Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit, Ausbildung und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sawsan Chebli wurde 1978 in West-Berlin als zweitjüngstes Kind einer palästinensischen Familie geboren, die 1970 auf der Suche nach Asyl nach Deutschland gekommen war.[3] Bis zu ihrem 15. Lebensjahr war sie staatenlos[4] und nur geduldet, 1993 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft.

Chebli wuchs mit ihren zwölf Geschwistern in Moabit auf. Deutsch lernte sie erst in der Schule.[3][4] Nach ihrem Abitur 1999 am Lessing-Gymnasium begann sie am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin ein Studium der Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Internationale Beziehungen“, das sie 2004 als Diplom-Politologin beendete. Ein wichtiges Vorbild war ihr ältester Bruder, der als Imam in Schweden arbeitet und die dortigen Behörden in Integrationsfragen berät.

Chebli ist mit Nizar Maarouf verheiratet, der in leitender Funktion für die Berliner Vivantes International Medicine tätig ist.[5][6][7]

Politische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2001 wurde Chebli Mitglied der SPD.[8] Während des Studiums arbeitete sie als studentische Hilfskraft im Bundestagsbüro von Gert Weisskirchen.[9] Nach dem Abschluss ihres Studiums 2004 war Chebli 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Brigitte Wimmer und von 2005 bis 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Johannes Jung. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt war die Außenpolitik.[9]

Chebli nahm 2009 als eine der Munich Young Leaders an der Münchner Sicherheitskonferenz teil.[10]

Im März 2010 übernahm sie in der von Ehrhart Körting geleiteten Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport die neu geschaffene Stelle als Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten. In dieser Position förderte sie Projekte wie „Jung, Muslimisch, Aktiv“ (JUMA),[11][6] das Nachfolgeprojekt „Jung, Gläubig, Aktiv“ (JUGA)[12] und interreligiöse Poetry Slams.[13] Im November 2011 war sie in der Fernsehsendung Pelzig hält sich zu Gast.

In der Talkshow Günther Jauch äußerte sie sich am 25. November 2012 skeptisch zu den Aussichten des Nahost-Friedensprozesses.[14][15]

Im Januar 2014 berief Frank-Walter Steinmeier Chebli als erste Muslimin überhaupt als stellvertretende Sprecherin ins Auswärtige Amt. Wie bereits ihre Ernennung zur Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten, fand auch dies ein großes Medienecho.[3][16][17][18]

Wenige Tage vor der Wiederwahl Michael Müllers zum Regierenden Bürgermeister von Berlin wurde am 6. Dezember 2016 bekannt, dass Chebli als Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales zu diesem in die Senatskanzlei wechselt.[19][20][21]

Äußerungen zum Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chebli ist praktizierende Muslimin und äußerte sich 2012 zum Tragen eines Kopftuchs folgendermaßen: „Ja, das Kopftuch ist für mich eine religiöse Pflicht, aber nein, ich trage es nicht, weil es für mich nicht das wichtigste im Islam ist.“[22] An anderer Stelle begründete sie ihre Entscheidung, kein Kopftuch zu tragen, mit ihrer Überzeugung, dass man anders in Deutschland keine politische Karriere beginnen könne.[14][15][21] 2017 äußerte Chebli gegenüber der Zeit: „Ich trage kein Kopftuch, weil ich es nicht möchte. Ich will aber, dass jede Frau das für sich selbst entscheiden kann.“[6]

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Chebli 2016 auf die Frage, wie es komme, dass unter muslimischen Jugendlichen der dritten Generation der Anteil derer steige, die im Zweifel die Scharia über das Grundgesetz stellen: „[Die Scharia] regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Dinge wie das Gebet, um Fasten, um Almosen. Das stellt mich als Demokratin doch vor kein Problem im Alltag, sondern ist absolut kompatibel, wie es für Christen, Juden und andere auch der Fall ist.“[23][24] Kai Wegner (CDU) und Erol Özkaraca (damals SPD) kritisierten diese Aussagen Cheblis und zweifelten ihre Eignung für das Amt einer Staatssekretärin an. Özkaraca sieht Chebli nicht als moderate Muslima, sondern als konservativ an. Dies passe nicht zur SPD.[8] Chebli selbst konkretisierte diese Haltung 2017: „Scharia beinhaltet rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung zu Almosen. Das alles fällt unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen.“[6]

Nach antisemitischen und israelfeindlichen Protesten in Berlin anlässlich der Ankündigung Donald Trumps, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, forderte Chebli im Dezember 2017 mehr muslimisches Engagement gegen Antisemitismus. Sie äußerte sich gegenüber der Welt: „Genauso wie Muslime als Minderheit erwarten, dass andere sich für sie einsetzen, wenn sie diskriminiert oder angegriffen werden, müssen sie ihre Stimme viel lauter erheben, wenn Juden in unserem Land bedroht werden. Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch ihr Kampf sein.“[25]

Sexismusvorwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Kontext der breiten öffentlichen Diskussion um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein postete Sawsan Chebli am 14. Oktober 2017 auf ihrer offiziellen Facebook-Seite eine wenige Stunden zuvor gemachte Erfahrung von angeblichem Alltagssexismus. Während eines dienstlichen Auftritts bei der Deutsch-Indischen Gesellschaft sei sie vom Botschafter a. D. Hans-Joachim Kiderlen[26] als Frau öffentlich herabgewürdigt worden.[27] Der frühere Diplomat bedauerte wenige Tage später seine „unpassende Ansprache“ und entschuldigte sich gegenüber der Staatssekretärin für die aus ihrer Sicht sexistische Bemerkung.[26]

Der Vorfall und Cheblis Umgang damit zogen eine kontroverse Diskussion in der deutschen Presse nach sich.[28][29][30][31][32] Cheblis Darstellung der Umstände des Vorfalls widersprach eine Vertreterin der Deutsch-Indischen Gesellschaft.[33]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen von Sawsan Chebli[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Porträts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Quadriga – Immigration – Welcome to Germany? (Memento vom 6. April 2016 im Internet Archive) Deutsche Welle, 28. März 2013.
  2. Die Landesvertretung Berlin
  3. a b c Hans Monath: „Ich bete, ich faste, ich trinke keinen Alkohol“. In: Der Tagesspiegel. 26. Januar 2014, abgerufen am 28. Juli 2015.
  4. a b Klaus Remme: „Ich hoffe, dass ich ein gutes Vorbild bin“. In: Deutschlandfunk. 6. Februar 2014, abgerufen am 17. August 2015.
  5. Sawsan Chebli: Wer ist die Frau, die zu Müllers Staatskrise beiträgt. In: B.Z. Abgerufen am 20. Dezember 2016.
  6. a b c d Mariam Lau: Sawsan Chebli: "Ich, eine Islamistin? Schauen Sie mich doch an!" In: Die Zeit. Nr. 5/2017, 26. Januar 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 5. Februar 2017]).
  7. Hannes Heine und Jahel Mielke: Nach Berlin ins Krankenhaus. In: Tagesspiegel. 13. Januar 2012, abgerufen am 26. Oktober 2017.
  8. a b Annelie Baumann: Das Bild von der erfolgreichen Migrantin hat Risse. In: Die Welt. Abgerufen am 11. Dezember 2016.
  9. a b Tilo Jung: Sawsan Chebli (SPD) – Jung & Naiv: Folge 313 + eure Fragen. 25. Juni 2017, abgerufen am 26. Juni 2017.
  10. Conference Report. In: Körber-Stiftung. 2009, abgerufen am 28. Juli 2015 (englisch).
  11. Silke Brandt: JUMA - Stimmen einer neuen Generation. In: Deutsche Islam Konferenz. 5. Oktober 2012, abgerufen am 28. Juli 2015.
  12. Alke Wierth: Religionen: „Zeigen, dass Religion keine Gewalt toleriert“. In: die tageszeitung. 31. August 2012, abgerufen am 28. Juli 2015.
  13. Thomas Hasel: Gläubige Wortakrobaten im friedlichen Wettstreit. In: Deutsche Welle. 22. August 2013, abgerufen am 28. Juli 2015.
  14. a b Mathias Zschaler: Der Preis des Friedens. In: Spiegel Online. 26. November 2012, abgerufen am 28. Juli 2015.
  15. a b Ralf Dargent: Wie war das noch mal mit der Hamas, Herr Jauch? In: Die Welt. 28. Juli 2015, archiviert vom Original am 2. Februar 2014; abgerufen am 28. Juli 2015.
  16. تعيين سيدة فلسطينية متحدثة باسم وزارة الخارجية الألمانية. In: Palestine News Network. 28. Januar 2014, archiviert vom Original am 27. Januar 2014; abgerufen am 28. Juli 2015 (arabisch).
  17. Almanya’ya Müslüman sözcü. In: Hürriyet. 28. Januar 2014, abgerufen am 28. Juli 2015 (türkisch).
  18. Insight Germany: Intercultural Advisor Sawsan Chebli (Memento vom 22. Februar 2014 im Internet Archive) Deutsche Welle, 10. April 2013 (englisch)
  19. Steinmeiers Sprecherin wechselt ins Rote Rathaus. In: Spiegel Online. Abgerufen am 6. Dezember 2016.
  20. Regine Zylka: Michael Müller holt Sawsan Chebli ins Rote Rathaus. In: Berliner Zeitung. Abgerufen am 6. Dezember 2016.
  21. a b Hans Monath: Sawsan Chebli – 15 Jahre staatenlos. In: Der Tagesspiegel. Abgerufen am 8. Dezember 2016.
  22. Muslimischsein – Deutschsein – Frausein Selbstvorstellung bei spd-fem.net, 26. November 2012, abgerufen am 12. Dezember 2016
  23. Ulrich Kraetzer: Ärger um muslimische Staatssekretärin Sawsan Chebli. In: Berliner Morgenpost. Abgerufen am 11. Dezember 2016.
  24. Jasper von Altenbockum, Rainer Hermann: „... als würden Muslime für Aliens gehalten“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. August 2016.
  25. Philip Kuhn: „Kampf gegen Antisemitismus muss Kampf der Muslime sein“. In: Welt Online. 11. Dezember 2017, abgerufen am 12. Dezember 2017.
  26. a b Jost Müller-Neuhof: Ex-Botschafter entschuldigt sich bei Chebli. 19. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  27. Sawsan Chebli: Unter Schock – Sexismus. 14. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017: „Vorfall: Ich sollte heute Morgen eine Rede halten. Vier Männer sitzen auf dem Podium. Ich setze mich auf den reservierten Platz in die erste Reihe. Vorsitzender vom Podium aus: „Die Staatssekretärin ist nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an.“ Ich antworte ihm aus der ersten Reihe: „Die Staatssekretärin ist da und sitzt vor Ihnen.“ Er antwortet: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ Ich war so geschockt und bin es immer noch. Ich bin jedenfalls ans Pult: „Sehr geehrter Herr Botschafter a. D., es ist schön, am Morgen mit so vielen Komplimenten behäuft zu werden.“ Im Saal herrschte Totenstille. Dann habe ich meine Rede abwechselnd in deutscher und englischer Sprache frei gehalten. Es war ein internationales Forum. Klar, ich erlebe immer wieder Sexismus. Aber so etwas wie heute habe auch ich noch nicht erlebt.“
  28. Jost Müller-Neuhof: Ein Staatsamt eignet sich nicht für politische Kampagnen. 23. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  29. Anna Sauerbrey: Es fühlte sich an, als würden wir uns auf einen Krieg vorbereiten. 22. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  30. Ferda Atman: „Tragen sie doch eine Burka!“. 21. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  31. Bernd Matthies: Warum der Sexismus-Vorwurf falsch ist. 16. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  32. Christine Richter, Paulina Czienskowski: Sexismus oder Kompliment? Debatte um Chebli-Beitrag. 18. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.
  33. Martin Niewendick: Sexismus-Vorfall: DIG wirft Chebli Ungereimtheiten vor. 16. Oktober 2017. Abgerufen am 23. Oktober 2017.