Sprechwissenschaft

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Die Sprechwissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Analyse, Beschreibung und Didaktisierung der Sprechkommunikation beschäftigt.[1] Sie dient der Erforschung der gesprochenen Sprache. Die praxisorientierte Seite der Sprechwissenschaft stellt die Sprecherziehung dar.

Das Themenfeld der Sprechwissenschaft erstreckt sich über folgende Arbeitsbereiche bzw. Teildisziplinen:

Stimmbildung, Atmung, Artikulation, Intonation, Sprechausdruck
Phoneminventar, Lautsystem, Aussprache, Akzentuierung, Orthoepie, Kontrastive Phonetik[2]
Rede- und Gesprächsrhetorik, Argumentation, Neue Medien und Medienrhetorik
Interpretierendes Textsprechen, Leselehre, Mediensprechen
Mediensprache, Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen, Verständlichkeit von Hörfunknachrichten, Analyse und Produktion von Hörbüchern/Hörspielen
Therapie von Stimm-, Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen (→ Logopädie)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland nahm die Sprechwissenschaft im frühen 20. Jahrhundert als Sprechkunde ihren Anfang. An der Friedrichs-Universität (heute: Martin-Luther-Universität) Halle-Wittenberg wurden unterschiedliche Teilbereiche mündlicher Kommunikation u. a. Sprachphilosophie und -psychologie, Ausspracheforschung, Stimmheilkunde sowie Schauspiel- und Vortragskunst in eine praxisorientierte Wissenschaft der Sprecherziehung zusammengeführt. Erich Drach gilt als Begründer der Sprechwissenschaft. Er kombinierte die verschiedenen Themenkomplexe in den 1920er Jahren erstmals zu einer sprechwissenschaftlichen Gesamtanschauung. In der NS-Zeit erfolgte eine weitgehende institutionelle Gleichschaltung der Sprechwissenschaft. Nach der Teilung Deutschlands entwickelte sich die Sichtweise auf die Fachdisziplin in der BRD und der DDR unterschiedlich weiter. Im Westen lag der Fokus der Lehre auf der durch Hellmut Geißner neu eingeführten Rhetorischen Kommunikation. Im Osten spezialisierte man sich innerhalb des Unterrichts v. a. auf die Sprechkunst, Therapie, Physiologie und Standardaussprache.[3]

Unter der Leitung von Hans Krech wurde 1956 der erste Diplom-Studiengang für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung in Halle aufgestellt. 1992 folgte die Einführung eines Magister-Studiengangs der Sprechwissenschaft und Phonetik im Haupt- und Nebenfach. Seit der Mitte der 2000er Jahre ist es an der Martin-Luther-Universität möglich, ein Bachelor of Arts- sowie Master-of-Arts-Studium des isolierten Themenfeldes Sprechwissenschaft zu absolvieren.[4]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In aktuellen Forschungsvorhaben wird der Deutschunterricht für Ausländer, die Prophylaxe (Vorbeugung) von Stimmschädigungen bei Sprechberufen, der Bereich der interkulturellen Kommunikation sowie die Methodik des Unterrichts in mündlicher Kommunikation untersucht.

Die Sprechwissenschaft ist interdisziplinär orientiert und arbeitet v. a. mit der Germanistik, Linguistik (Sprachwissenschaft), Medizin (besonders Logopädie und Phoniatrie), Pädagogik, Phonetik, Soziologie, Psychologie, Akustik, Informatik sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft[5] zusammen.

Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An folgenden Universitäten bzw. Hochschulen kann Sprechwissenschaft in Deutschland studiert werden:

  • Universität Regensburg: sechssemestriges Zusatzstudium Angewandte Sprechwissenschaft, achtsemestrige Zusatzausbildung Sprecherzieher/in (Univ.), Weiterbildungs-Master Rhetorik und Sprechwissenschaft[11]
  • Universität Koblenz-Landau: Magister-Studiengang Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (NF) (bis 2012)[12], viersemestriges postgraduales Zusatzstudium Sprecherziehung[13], Promotionsfach Sprechwissenschaft im Bereich Kultur- und Sozialwissenschaften[14]
  • Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart: viersemestriges Grundstudium Bachelor of Arts Sprechkunst und Sprecherziehung, viersemestriges Hauptstudium Bachelor of Arts Sprechkunst und Sprecherziehung mit Schwerpunkt auf "Sprechkunst/Gesang", "Mediensprechen", "Rhetorische Kommunikation" oder "Sprecherziehung", zweisemestriger Master of Arts mit Schwerpunkt auf "Mediensprechen", "Rhetorik" oder "Sprechkunst"[15]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS e. V.) ist ein wissenschaftlicher und berufspolitischer Verband von Sprechwissenschaftlern sowie Sprecherziehern, welcher der Förderung der Lehre mündlicher Kommunikation dient. Ziele der DGSS stellen die Verbindung der sprechwissenschaftlichen und sprecherziehrischen Praxis sowie die Unterstützung der Ausbildung von Sprecherziehern bspw. innerhalb universitärer Studiengänge dar.[16] Die Vorläufer-Organisation, der Deutsche Ausschuss für Sprechkunde und Sprecherziehung (DAfSuS), wurde im Jahre 1930 in Berlin u. a. von Erich Drach ins Leben gerufen.[17][18][19]

Folgende Landesverbände vertreten die DGSS für ein bestimmtes Gebiet Deutschlands:

Bekannte Sprechwissenschaftler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hellmut Geißner: Sprechwissenschaft. Theorie der mündlichen Kommunikation. Scriptor, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-589-20771-X.
  • Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.): Blätter zur Berufskunde 3 - III E 07. Sprecherzieher/Sprecherzieherin, Sprechwissenschaftler/Sprechwissenschaftlerin. 2. Auflage. Bertelsmann, Bielefeld 1999.
  • Roland W. Wagner: Grundlagen der mündlichen Kommunikation. Sprechpädagogische Informationsbausteine für alle, die viel und gut reden müssen. 9. Auflage. BVS, Regensburg 2004, ISBN 978-3-922757-80-1.
  • Marita Pabst-Weinschenk (Hrsg.): Grundlagen der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. 2. Auflage. Ernst Reinhardt Verlag, München / Basel 2011, ISBN 978-3-497-02207-6.
  • Ines Bose, Ursula Hirschfeld, Baldur Neuber, Eberhard Stock: Einführung in die Sprechwissenschaft. Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst. 2. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2016, ISBN 978-3-8233-6992-9.

Periodika

  • Roland W. Wagner (Hrsg.): sprechen. Zeitschrift für Sprechwissenschaft – Sprechpädagogik – Sprechtherapie – Sprechkunst. BVS, Regensburg, ISSN 0724-1798.
  • Ines Bose, Baldur Neuber et al. (Hrsg.): Hallesche Schriften zur Sprechwissenschaft und Phonetik. Peter-Lang-Verlagsgruppe, Bern.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studieneinrichtungen

Berufsverbände

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ines Bose, Ursula Hirschfeld, Baldur Neuber, Eberhard Stock: Einführung in die Sprechwissenschaft. Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst. 2. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2016, ISBN 978-3-8233-6992-9, S. 1.
  2. Ines Bose, Ursula Hirschfeld, Baldur Neuber, Eberhard Stock: Einführung in die Sprechwissenschaft. Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst. 2. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2016, ISBN 978-3-8233-6992-9, S. 27–80.
  3. Helmut Glück (Hrsg.): Metzler-Lexikon Sprache. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 1993, ISBN 3-476-00937-8, S. 598.
  4. Geschichte des Instituts. In: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Abgerufen am 19. August 2021.
  5. Ines Bose, Ursula Hirschfeld, Baldur Neuber, Eberhard Stock: Einführung in die Sprechwissenschaft. Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst. 2. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2016, ISBN 978-3-8233-6992-9, S. 1.
  6. Sprechwissenschaft (Bachelor-Studiengang). In: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Abgerufen am 18. August 2021.
  7. Sprechwissenschaft (Master-Studiengang). In: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Abgerufen am 18. August 2021.
  8. Sprechwissenschaft und Phonetik. In: Friedrich-Schiller-Universität Jena. Abgerufen am 18. August 2021.
  9. Willkommen beim M.A. Sprechwissenschaft und Phonetik! In: Philipps-Universität Marburg. Abgerufen am 18. August 2021.
  10. Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (M.A.). In: Universität des Saarlandes. Abgerufen am 18. August 2021.
  11. Lehrgebiet Mündliche Kommunikation und Sprecherziehung (MKuSe). In: Universität Regensburg. Abgerufen am 18. August 2021.
  12. Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. In: Universität des Saarlandes. Abgerufen am 18. August 2021 (Memento vom 18. April 2012 im Internet Archive).
  13. Sprecherziehung (Zusatzstudium). In: Universität Koblenz-Landau. Abgerufen am 18. August 2021.
  14. Sprechwissenschaft. In: Universität Koblenz-Landau. Abgerufen am 18. August 2021.
  15. Institut für Sprechkunst und Kommunikationspädagogik. In: Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Abgerufen am 18. August 2021.
  16. Die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. In: DGSS e.V. Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. Abgerufen am 18. August 2021.
  17. Marita Pabst-Weinschenk: Die Konstitution der Sprechkunde und Sprecherziehung durch ERICH DRACH. Faktenfachgeschichte von 1900 bis 1935. Westarp, Magdeburg / Essen 1903, ISBN 3-89432-068-0.
  18. Marita Pabst-Weinschenk: ERICH DRACHs Konzept der Sprechkunde und Sprecherziehung. Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte der Sprechwissenschaft. Westarp, Magdeburg / Essen 1993, ISBN 3-89432-076-1.
  19. Marita Pabst-Weinschenk: 85 Jahre Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) e. V. (PDF; 10,1 MB) In: DGSS @ktuell. Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung e.V., Juli 2015, S. 19–26, abgerufen am 19. August 2021.
  20. Landesverbände. In: DGSS e.V. Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. Abgerufen am 18. August 2021.
  21. a b Franziska Fuchs: Die Entwicklung der Sprechwissenschaft. Drei bedeutende Fachvertreter. (Memento vom 11. Februar 2015 im Internet Archive) (PDF; 59,3 KB) In: logo report, 6/1996, abgerufen am 19. August 2021.
  22. Roland W. Wagner. (PDF; 434 KB) In: Suche nach Namen. Berufsverband Sprechen e. V., abgerufen am 18. August 2021.
  23. Dr. Marita Pabst-Weinschenk. In: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Abgerufen am 18. August 2021.