Roll Over Beethoven

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Roll Over Beethoven ist der Titel eines im Jahr 1956 von Chuck Berry komponierten und aufgenommenen Evergreens.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

In der frühen Jugend beschlagnahmte Chuck Berrys Schwester Lucy Berry zuhause das einzige Piano für ihre Übungen in klassischer Musik. Chuck Berry mit seiner blues-orientierten Musik hatte das Nachsehen. Die Komposition von Roll Over Beethoven reflektiert diese Erfahrungen. Im Titel steht Ludwig van Beethoven symbolisch für klassische Musik, „roll over“ für „überrollen“. Der größte Teil des Textes war deshalb seiner Schwester und nicht Beethoven selbst gewidmet.[1] Da seine Mutter nicht für Gerechtigkeit sorgen wollte, überlegte Chuck Berry, seinen Ärger einem Radio-Disc Jockey zu schildern („writing a letter and mailing it to the local DJ“). Er versucht den Rock and Roll in humorvoller Arroganz mit der Musik Beethovens und Tschaikowskis gleichzusetzen und ist überzeugt, dass beide überrascht und begeistert sein würden.[2] Der Text kündigt den musikalischen Generationenwechsel an, denn Beethoven und Tschaikowski sind überholt, Rock ’n’ Roll ist die Musik der Gegenwart.[3] Schließlich bemüht er in Wortspielen die Epidemiologie bei einer vom Rock & Roll stammenden Lungenentzündung und einer vom Boogie-Woogie ausgelösten Grippe; einer Passage, die bereits ein Jahr später von Huey „Piano“ Smith mit dem Titel Rockin‘ Pneumonia and the Boogie Woogie Flu aufgegriffen wurde (Juli 1957). Berry zitiert mit Early in the Morning einen Titel von Louis Jordan (November 1947), Blue Suede Shoes von Carl Perkins (Januar 1956), und „The Cat and the Fiddle“ bezieht sich auf Bo Diddley, der auch gerne Geige spielte.

Chuck BerryRoll Over Beethoven

Roll Over Beethoven wurde am 16. April 1956 zusammen mit Too Much Monkey Business, Brown Eyed Handsome Man, Havana Moon und Drifting Heart in Chuck Berrys erst dritter Aufnahmesession in Chicago aufgenommen. Als B-Seite wurde Drifting Heart ausgewählt. Die Besetzung bestand aus Chuck Berry (Gesang/Gitarre), Johnny Johnson (Piano), Leroy Davis (Saxophon), Willie Dixon (Bass) und Fred Below (Schlagzeug). Produzenten waren die Labelinhaber Phil und Leonard Chess. Mangels eigener Tonstudios ließen sie – wie beinahe das gesamte frühe Chess-Repertoire – Chuck Berry in den Studios der Universal Recording Corporation von Chicago aufnehmen.

Veröffentlichung und Erfolg[Bearbeiten]

Roll Over Beethoven / Drifting Heart (Chess Records 1626) wurde im Mai 1956 als Single veröffentlicht und gelangte im August 1956 in die US-Pop-Hitparade, wo sie lediglich bis auf Rang 29 vordrang. In den Rhythm and Blues-Charts konnte sie Platz Zwei erreichen. Trotz der nur mäßigen Platzierung in den US-Popcharts verkaufte sich die Single gut und avancierte zum zweiten Millionenseller für Chuck Berry.[4] Roll Over Beethoven gehört zu den 50 Titeln, die der Library of Congress 2003 in das National Recording Registry aufnahm. Der Song rangiert auf Platz 97 der 500 Greatest Songs of all Time vom Magazin Rolling Stone (2004).

Coverversion der Beatles[Bearbeiten]

The BeatlesRoll Over Beethoven

Die Beatles hatten Roll Over Beethoven am 25. Dezember 1962 erstmals live im Hamburger Star-Club gespielt, aufgenommen von Adrian Barber[5] und erst auf der LP Live! At the Star Club in Hamburg, Germany 1962 (September 1977) veröffentlicht. Am 28. Februar 1964 nahmen sie den Song live bei der BBC für die Sendung Saturday Club auf. Die erste Studioaufnahme fand am 30. Juli 1963 in den Abbey Road Studios für die LP With the Beatles (November 1963) statt. In den USA erschien der Song auf der LP The Beatles Second Album im April 1964 und als Eröffnungstrack auf der EP Four by the Beatles (Mai 1964). Auf Single erschien der Song im März 1964 und erreichte während der British Invasion lediglich Rang 68 der US-Pop-Hitparade.

Coverversionen[Bearbeiten]

Es gibt mindestens 57 weitere Coverversionen. Carl Perkins griff das Evergreen als erster auf (30. Januar 1957). Gene Vincent coverte Roll Over Beethoven mehrfach, und zwar erstmals für die Fernsehserie Town Hall Party mit Countrymusik (live am 7. November 1959[6]), für den BBC Saturday Club (7. Dezember 1963), in Gary Nielands Heimstudio (Salem (Oregon); 14./15. Mai 1969) und – kurz vor seinem Tod - in der Johnny Walker Radio Show (1. Oktober 1971). Weitere wesentliche Fassungen stammen von The Velairs (August 1961) oder von Pat Wayne & The Beachcombers. Diese unbekannt gebliebene Beatband nahm den Song ebenfalls in der Abbey Road in einer beatles-ähnlichen Version auf (produziert von Bandmitglied Bob Barrat; November 1963).

Es folgten Bobby Russell (1964), Rattles (B-Seite von Bye Bye Johnny; April 1964), Johnny Rivers (LP Here we À Go Go Again!; Oktober 1964), Jerry Lee Lewis (6. Januar 1965), Linda Gail & Jerry Lee Lewis (produziert von Jerry Kennedy; September 1969), Billy M. Lawrie (Produzent war Maurice Gibb; November 1969), Ten Years After (LP Live at the Fillmore East; 27./28. Februar 1970) oder Mountain (Dezember 1971).

Jeff Lynne produzierte für sein Electric Light Orchestra (ELO) am 8. September 1972 eine überlange und ungewöhnliche Fassung von 8:09 Minuten Dauer. Sie nutzt im Intro den ersten Satz aus Beethovens 5. Sinfonie und interpoliert dieses Motiv beinahe übergangslos in Chuck Berrys nachfolgende Komposition durch einen schnellen E-Gitarren-Part. Das bekannte Beethoven-Riff aus vier Noten wird mit der Gitarre während des Songs wiederholt. Neben Jeff Lynne (Gesang, Gitarre, Moog-Synthesizer und Harmonium) gehörten zur Besetzung in den Londoner AIR-Studios noch Bev Bevan (Schlagzeug und Perkussion), Wilf Gibson (Violine), Mike Edwards und Colin Walker (Cello), Michael de Albuquerque (Bass) und Richard Tandy (Moog-Synthesizer, Piano, Gitarre und Harmonium). Im AIR-Studio nebenan fanden gleichzeitig auch Paul McCartneys Aufnahmen zu Live and Let Die statt, dessen Produzent George Martin bei ELO vorbeischaute und bestätigend mit dem Kopf nickte. Nach Veröffentlichung im Januar 1973 kletterte die auf 4:32 Minuten verkürzte Single-Version bis auf Rang 6 der britischen Hitparade und Rang 42 der US-Charts.[7]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chuck Berry, The Autobiography, 1988, S. 150
  2. Dave Marsh, The Heart of Rock and Soul, 1989, S. 43
  3. Ian MacDonald: Revolution in the Head, Chicago 2007, S. 93
  4. Joseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 95
  5. Hans Olof Gottfridsson, The Beatles: From Cavern to Star Club, 1997, S. 156
  6. Derek Henderson, Gene Vincent: A Companion, 2005, S. 38
  7. Jeff Lynne-Songs über Roll Over Beethoven