Troll-Armee

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Troll-Armee ist (neben Trollfabrik, Kremlbots (кремлеботы), Putinbots und Web-Brigaden) eine der gebräuchlichen Bezeichnungen für eine verdeckte Organisation in Russland, die im Auftrag des Staates Manipulationen im Internet betreibt. Mithilfe von Sockenpuppen – fingierten Identitäten – wird die öffentliche Stimmung in Online-Foren und den Kommentarbereichen von Nachrichten-Seiten im Sinne der russischen Regierung beeinflusst.

Erstmals beschrieben wurde das Auftauchen staatlicher Trolle in Russland bereits im Jahr 2003.[1] Die breite Öffentlichkeit wurde im Rahmen des Ukraine-Krieges ab 2013 auf sie aufmerksam.[2] Der offizielle Name für die Organisation lautete „Агентство интернет-исследований“ (Agenstwo internet-issledowani, dt. Agentur für Internet-Forschung),[3] danach „Федеральное агентство новостей“ (Federalnoje agenstwo nowostei, FAN, dt. Bundesnachrichtenagentur).[4] Im 2015 wurde der Name „Glavset“ bekannt.[5]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Vorgehen staatlich gesteuerter Trolle wurde schon 2003 in einem Artikel der Zeitschrift Westnik (Журнал Вестник) berichtet. Anna Poljanskaja, Andrej Kriwow und Iwan Lomko beschrieben wie der Staat Einfluss auf das Internet nimmt und wie „Web-Brigaden“ die Sichtweise der russischen Regierung verbreiten. Die Brigaden würden durch ihr kollektives Auftreten, die Wiederholung bestimmter Phrasen und sprachliche Besonderheiten, Diskreditierung von Regierungsgegnern, Europäern und Amerikanern sowie durch ihre abrupte Aktivierung während Wahlen auffallen. Die Brigaden würden sich genau an den Standpunkt Wladimir Putins halten. Zum Beispiel verbreiteten die Brigaden anlässlich des Kurilenkonflikts und der Terroranschläge am 11. September 2001 antijapanische bzw. antiamerikanische Botschaften, stellten die Kommentare für längere Zeit komplett ein nachdem Putin mit der japanischen Regierung eine Absprache getroffen und sich mit Amerika im Kampf gegen den Terrorismus solidarisiert hatte.[1]

Über die Strukturen ist aufgrund des verdeckten Charakters bisher nur wenig bekannt. Wegen ihres Hauptsitzes in Olgino, einem Bezirk von Sankt Petersburg, sprach man im Englischen von den Trolls from Olgino.[6] Es gilt als gesichert, dass die Organisation im Frühjahr 2015 nach Umzug in der uliza Sawuschkina 55 in Sankt Petersburg ansässig ist.[7] Dort arbeiten mehrere Hundert freie Mitarbeiter mit entsprechenden Fremdsprachenkenntnissen. Sie betreiben in den Kommentarbereichen und Diskussionsforen nationaler und internationaler Nachrichtenportale Astroturfing mit Propaganda der russischen Regierung unter Beachtung und Verwendung vorgegebener Schlagwörter. Zusätzlich werden eigene „Nachrichtenportale“ betrieben.[8][9] Nach verschiedenen Quellen ist der Restaurantunternehmer und Putin-Vertraute Jewgeni Prigoschin für die direkte Finanzierung zuständig.

Der ehemalige Focus-Korrespondent Boris Reitschuster berichtete gegenüber dem Deutschlandfunk, er habe die Räume der Web-Brigaden mit eigenen Augen gesehen.[10] Der New-York-Times-Reporter Andrian Chen fand Zugang zum Gebäude, indem er die Federal News Agency besuchte, und wurde danach von ebendieser als CIA-Agent mit Kontakten zu Neonazis diskreditiert. Die Rede war dabei von Kreml-Trollen seit 2008.[4]

In einer vom russischen Hacker-Kollektiv Anonymous International veröffentlichten E-Mail wurden die Arbeitsvorgaben der Mitarbeiter erläutert. Hiernach muss jeder Autor mindestens 50 Kommentare pro Tag verfassen und fünf Facebook-Profile verwalten, auf denen jeweils drei Einträge pro Tag verfasst werden sollen. Nur ein Bruchteil dieser Kommentare hat politischen Charakter; der Rest dient der Gewinnung von Likes und der Verlinkung aufgrund von Schlagworten. Dazu wird zumindest innerrussisch im Team gearbeitet, wobei verschiedene Bearbeiter verschiedene Rollen einnehmen: These, Antithese und die Synthese in regierungsfreundlicher Gestalt.[11][12][13]

Bots übernehmen in einem weiteren Schritt das massenhafte „liken“ der „richtigen“ Begriffe, damit sie in den Algorithmen der Suchmaschinen höher steigen sowie in den Social-Media-Plattformen höchste Aufmerksamkeit bekommen. In Estland wurden während dem Jahr 2017 neunmal mehr Tweets in russischer Sprache von Robotern abgesetzt als von Menschen, wenn es um die NATO ging, einem Hauptziel der russischen Propaganda.[14] In englischer Sprache produzierten die 25 Prozent Bot-Accounts 46 Prozent der englischsprachigen Inhalte.[15] Gleichzeitig begannen die Bots, automatisierte Vorgänge im System von Twitter umgekehrt auszunutzen. So wurden Gegner der Putin-Propaganda mit Likes geflutet, um den Account zu verstopfen oder damit Twitter aufgrund der verdächtigen Aktivitäten den Account still lege. Tweets beispielsweise von Accounts mit nur 6 Followern wurden von Botnets über 20.000 Mal retweetet. Durch die Wahl geeigneter Schlüsselwörter, also von den Bots gesuchte Stichworte im Tweet, verdreifachte sich die Zahl.[16]

Ehemalige Angestellte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 2015 wurden durch die ehemaligen Angestellten Ljudmila Sawtschuk und Marat Burkhard weitere Details zur Arbeit der Trollfabrik bekannt. Um das klandestine Unternehmen ans Licht zu bringen, reichte Sawtschuk eine Lohnklage ein. Durch das Verfahren wurde das Unternehmen aktenkundig.[17][18][19][20][12]

150 regierungsfreundliche Kommentare habe Burkhard pro Schicht erstellen müssen, um sein Soll zu erreichen unter anderem rassistische Beleidigungen des US-Präsidenten. Sawtschuk berichtet von den verschiedenen Identitäten, unter denen sie im Internet auftrat, um zwischen Berichten über Alltägliches auch politische Kommentare einzustreuen, wie etwa die Sorge um Verwandte in Westeuropa und die angeblich verheerenden Auswirkungen der Sanktionen der Russischen Föderation gegen europäische Lebensmittelimporte auf deutsche Bauern. Außerdem musste sie bestimmte vorgegebene Schlüsselwörter abarbeiten, z. B. musste sie Positives zu „Putin“, „Russlands Armee“, „Krim“ oder „Donbass“ und Negatives zu „Kiewer Junta“, NATO und Obama schreiben.[21] Herabwürdigungen von Oppositionellen wie Alexei Nawalny, der Band Pussy Riot oder des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko gehörten nach den Recherchen zum Tagesgeschäft.[6] Die Angestellten verwendeten Proxy-Server, um ihre IP-Adresse zu verbergen.[4]

Die Arbeitsräume im Gebäude an der Sawuschkinstraße werden laut Sawtschuk ständig videoüberwacht und unter den Mitarbeitern herrsche eine Atmosphäre der Angst. Die Angestellten seien überwiegend jung, viele von ihnen seien Studierende, die den Job nicht aus Überzeugung oder einem Interesse an Politik machen, sondern um Geld zu verdienen. Daneben gebe es ältere Beschäftigte, die die Arbeit als „wirkliche Mission“ verstehen.[22] Burkhards Gehalt lag bei 45.000 Rubel monatlich und damit deutlich über dem Durchschnittsverdienst in Russland. Der Lohn wurde immer in bar ausgezahlt. Fremdsprachige Angestellte, die Webseiten wie BBC oder CNN mit Kommentaren auf Englisch übersäen, können ein höheres Gehalt erhalten.[21][23] Die besser bezahlten internationalen Mitarbeiter hätten auch einen höheren Status, da sie nicht nur herum trollen, sondern auf intelligente Art Meinungen beeinflussen sollten; bei allzu plattem Kommentieren gab es gar Lohnabzüge. Voraussetzung war, die Probleme des Ziellandes zu kennen. Diese Themen waren in den Medien zu beobachten und die Diskussionen dazu zu befeuern. Ziel war nicht, den Amerikanern Russland näher zu bringen. „Wir hatten das Ziel, die Amerikaner gegen ihre eigene Regierung einzustimmen. Unruhe zu verursachen, Unzufriedenheit zu verursachen, die Beliebtheit von Obama zu senken.“[24]

Die Aussteigerin Olga Malzewa verklagte die Trollfabrik auf Schadensersatz, da das Unternehmen sie wegen ihrer Schwangerschaft zur Kündigung drängte und ihr trotz gesetzlichem Anspruch kein Mutterschaftsgeld auszahlte. Ihr Vorgesetzter versuchte Malzewa zu überreden, mit ihrer Geschichte nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Er bot ihr Geld an und drohte später in einem mitgeschnittenen Telefongespräch, dass ihre Offenbarungen einigen „schlechten Genossen“ nicht gefallen würden. Malzowa war ab August 2014 in der für Blogeinträge zuständigen Abteilung angestellt und schrieb täglich unter verschiedenen Profilen Texte über Russland, die Ukraine und zeitweise über den Krieg in Syrien. Nach den Veröffentlichungen von Ljudmila Sawtschuk hätten die Kontrollen zugenommen, die Arbeitsplätze würden überwacht, Telefongespräche abgehört und Lügendetektortests durchgeführt. In Vorbereitung auf die gerichtliche Klage machte Malzewa eine Aufnahme von der zu ihrer Arbeitsstation gehörenden IP-Adresse. Laut der Sankt Petersburger Zeitung Fontanka.ru wurden von dieser Adresse aus Änderungen auf einer Seite durchgeführt, auf der Namen, Adressen, Bankdaten von oppositionellen Bloggern gesammelt wurden.[25][26]

Bekannte Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ukraine-Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insbesondere im Rahmen des Krieges in der Ukraine waren russlandfreundliche Kommentare im deutschsprachigen Internet in der deutlichen Überzahl, was teilweise im Widerspruch zu Umfragewerten und der Position der mit dem Thema befassten Journalisten sowie Volksvertreter steht.[27] Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom März 2015 halten 55 % der befragten Deutschen Russland für den Hauptschuldigen am Krieg in der Ukraine, 34 % sehen die von Russland unterstützten Separatisten als Hauptschuldige. Im Vergleich dazu teilen 20 % der befragten Deutschen die Sichtweise der russischen Regierung, dass ein „Putsch“ gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Janukowytsch Ursache des Konflikts war, wobei diese Lesart besonders unter Anhängern der Linkspartei und der AfD verbreitet ist.[28] Gemäß dem Meinungsbild ARD-Deutschlandtrend von Februar 2015 gaben 55 % an, dass die EU Russland entschiedener als zuvor gegenüber treten solle. 48 % konnten nachvollziehen, dass sich Russland vom Westen bedroht fühlt.[29] Eine von der Körber-Stiftung in Auftrag gegebene Umfrage aus dem April 2016 ergab, dass die Mehrheit der Bundesbürger die Politik der EU gegenüber Russland für angemessen hält.[30]

Von einer ähnlichen Flut kremlfreundlicher Kommentare berichteten internationale Medien wie Forbes Magazine oder The Guardian. So wurde in den Kommentaren oftmals die allgemeine Berichterstattung in Frage gestellt und die Schuld für die Auseinandersetzung „ukrainischen Faschisten“, der CIA oder NATO zugewiesen. Eine russische Beteiligung an dem Konflikt wurde entweder ganz in Frage gestellt oder durch Vorwürfe an die Ukraine und den Westen gerechtfertigt. Unabhängigen Journalisten wird üblicherweise vorgeworfen, korrupt zu sein bzw. mit einem verdeckten Auftrag zu handeln.[31]

Zahlreiche Journalisten bekannten, dass hierdurch ihre Berichterstattung beeinflusst wurde, da sie sich vor hasserfüllten Reaktionen auf ihre Berichte fürchteten. Gleichzeitig führte dies zu einer Überprüfung der journalistischen Arbeitsweisen.[32][33]

Im Weiteren werden anscheinend ukrainische „Informationsportale“ betrieben, deren Inhalte in St. Petersburg erstellt werden.[34] Aus den vom Hacker-Kollektiv Anonymous International veröffentlichten Daten geht hervor, dass Prigoschin seit der Zeit vor der Krim-Annexion auch Blogger in der Ukraine finanziert. Zum Beispiel wird an die 21 Mitarbeiter der „Новостное Агентство Харькова“ (dt. „Nachrichtenagentur Charkiw“) insgesamt ein monatliches Gehalt von ca. 220.000 Rubel bezahlt.[35]

Agitation in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. September 2014 wurde in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook das Gerücht über eine angebliche Explosion in einer Chemiefabrik im amerikanischen Bundesstaat Louisiana verbreitet. Um der Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden falsche Nachrichten- und Wikipedia-Seiten angelegt, Kurznachrichten an Bewohner verschickt, Journalisten und Politiker angeschrieben und falsche Videos auf YouTube eingestellt, in denen der Islamische Staat angeblich die Verantwortung für die Explosion übernimmt. Es dauerte mehrere Stunden bis die Berichte und Videos als Fälschung entlarvt und festgestellt wurde, dass es keine Explosion gegeben hatte.[4][36] Andrian Chen von der New York Times verfolgte die Aktivität der Konten in sozialen Netzwerken zurück auf die Sankt Petersburger Trollfabrik. Zweck der Aktion war nach Chen die Schaffung des Eindrucks, dass die Vereinigten Staaten die Kontrolle über das Geschehen im eigenen Land verloren hätten.[37][38]

Die Trolle aus Sankt Petersburg sollen laut BBC auch hinter einem Video stecken, in dem ein vermeintlich amerikanischer Soldat auf den Koran schießt.[39][40] Auch zur Falschmeldung über einen angeblichen Ebola-Ausbruch in Atlanta wurden Videos gefälscht und über soziale Netzwerke verbreitet.[41][42]

Die Russische Firma hatte bei Facebook für 100.000 Dollar Werbeanzeigen gekauft[43], damit können je nach Verstärkungseffekten etwa 17 Millionen Impressionen erreicht werden.[44]

Der Kongressausschuss zur Überwachung der Geheimdienste enthüllte, dass von St. Petersburg aus antimuslimische Proteste am 16. Mai 2016 vor dem Islamic Da’wah Center in Houston organisiert wurden (Facebook-Account „Heart of Texas“). Gleichzeitig organisierten die Trolle auch die Gegenprotest (Facebook-Account „United Muslims of America“) und rief beide Seiten zu Gewalt auf.[45]

Der ehemalige US-Sicherheitsberater Michael Flynn folgte fünf vom Kreml gesteuerten Twitter-Accounts und unterstützte in mehreren Fälle deren Standpunkte.[46]

Merkels Instagram-Seite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Juni 2015 eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Profil auf dem Foto-Portal Instagram. Laut einer Regierungssprecherin gab es zum Start des Kanals „innerhalb weniger Stunden einige hundert Kommentare in kyrillischer Schrift“.[47] Die meisten russischsprachigen Kommentatoren schimpften über „ukrainische Faschisten“ und schrieben, dass die Menschen in der Ostukraine vor „Faschismus“ gerettet werden müssten. Ein Bild, auf dem die Kanzlerin mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu sehen ist, wurde besonders häufig auf Russisch kommentiert. Der ukrainische Präsident wurde wiederholt als „Faschist“ bezeichnet und Merkel eine Freundschaft zu den „Faschisten“ unterstellt. Im Gegensatz zu den negativen Kommentaren über die Ukraine und Deutschland wurden Russland und Wladimir Putin überschwänglich gelobt. Ein Bild, auf dem die Kanzlerin mit Putin und Hollande abgebildet ist, ist das beliebteste Bild auf Merkels Instagram-Seite. Nach Angaben der FAS handelt es sich um eine organisierte Aktion russischer Internet-Trolle.[47] Laut Moscow Times sei hingegen unklar, ob die Kommentare etwas mit Putins Troll-Fabriken zu tun haben.[48]

Störung des französischen Wahlkampfs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie im amerikanischen Wahlkampf 2016[49] kam es auch im Rahmen der Präsidentschaftswahl in Frankreich zu Eingriffen russischer Hacker in den Wahlkampf: so wurde am 5. Mai 2017, am Vorabend der offiziellen 40-stündigen Informationsperre vor dem zweiten Wahlgang, angeblich kompromittierenden Daten und Unterlagen aus dem Lager Macrons veröffentlicht, die auf verschiedenen sozialen Netzwerken unter dem Schlagwort #MacronLeaks oder #Macrongate massiv verbreitet wurden, insbesondere von rechtsextremen amerikanischen Kreisen (aber auch von Anhängern des Front Nationals). Die Beschuldigungen und angeblichen Enthüllungen wurden aufgrund der Nachrichtensperre nicht von den französischen Medien aufgenommen und hatten auf den Wahlausgang letztlich nicht die gewünschten Folgen.[50] Die Metadaten der veröffentlichten Dateien und Unterlagen belegen den russischen Ursprung der Hacks; sie zeigen eine Bearbeitung durch Mitarbeiter von Evrika ZAO, einem bekannten St-Petersburger Subunternehmer des staatlichen Geheimdienstes FSB, der zuvor auch schon durch Phishing-Attacken auf die CDU aufgefallen war.[51][52]

Brexit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die britische Daily Mail berichtete Anfang November 2017 exklusiv darüber, dass die Troll-Armee von St. Petersburg aus auf das Brexit-Referendum Einfluss genommen habe. Nach Auskunft eines anonymen Whistleblowers wurden in den Tagen vor dem Referendum die sozialen Netzwerke (vor allem Twitter und Facebook) gezielt mit kontroversen Artikeln geflutet, so zum Beispiel über den Account eines erfundenen Deutschen, der sich in 20 Tweets pro Stunde über die Briten lustig machte.[53] In der weiteren Berichterstattung portraitierte die Zeitung den 23-jährigen Journalisten Vitali Bespalow, der nach eigener Aussage in der uliza Sawuschkina 55 als Troll gearbeitet hat.[54] Insgesamt sind bei der Kampagne mindestens 400 Twitterkonten verwendet worden.[55]

Gegenbewegungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach bisheriger Kenntnis entwickeln sich gegen die staatlichen Desinformationskampagnen einige zivilgesellschaftlich organisierte Gegenbewegungen. Ziel ist es, die als Propaganda angesehenen oder durchschauten Behauptungen auf deren Stichhaltigkeit zu prüfen und den Medienkonsumenten, mittels Überprüfung der Behauptungen, die Mittel und Möglichkeiten von staatlichen Insistierungen offenzulegen. Eine Factchecking-Plattform, die Desinformationen aufklärt, ist das über Crowdfunding und den Stiftungen Open Society Foundations und der US-amerikanischen National Endowment for Democracy finanzierte[56] Portal Stopfake.org.[57] Die Organisation wurde von Studenten wie Absolventen der Journalismusschule der Universität-Kiew-Mohyla-Akademie im März 2014 gegründet. Sie nutzt zur Überprüfung vorgegebener oder angeblicher Ereignisse beider Seiten vorwiegend öffentlich zugängliche Medien und das Internet. Jedoch zählen auch investigative Befragungen von Leuten aus Regionen dazu, in denen die Ereignisse stattgefunden haben sollen. Über den Einfluss solcher investigativen Bewegungen liegen bisher keine Erkenntnisse vor.[58]

Falschmeldungen zu entlarven, hat sich außerdem das russische Projekt Noodleremover.news zur Aufgabe gemacht.[59] Der Europäische Auswärtige Dienst hat Ende 2015 als Antwort auf anhaltende Desinformation aus Russland die Arbeitsgruppe East StratCom Task Force gegründet.[60][61] Die Arbeitsgruppe stellt in dem wöchentlichen Newsletter Disinformation Review Beispiele für Desinformation in russischen Medien zusammen[62] und beleuchtet die Sichtweise von regierungsnahen Medien in dem Newsletter Disinformation Digest.[63]

In den baltischen Staaten haben sich Privatpersonen zusammengetan, die in sozialen Medien (z. B. auf Facebook und vKontakte) und vor allem in Kommentarspalten von Nachrichtenartikeln russischer Propaganda über das Baltikum entgegenwirken. Zum Beispiel versuchen sie Behauptungen zu widerlegen, dass Litauer Nazis sind und Litauen ein Marionettenstaat der Vereinigten Staaten. Sie organisieren sich hauptsächlich in Google-Gruppen und nennen sich „Elfen“ in Abgrenzung zu „Trollen“.[64]

Anfang November 2017 meldete die Nowaja Gaseta, dass sich FAN über „Zensur“ beklagte, als der Suchmaschinenbetreiber Google die mit ihr verbundenen Dienste aus seinen Resultaten ausschloss.[65]

Offizielle russische Stellungnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Auf staatlicher Ebene machen wir so etwas nicht“, sagte Präsident Wladimir Putin am ersten Juni 2017 vor Journalisten zu deren Fragen betreffend einer möglichen Beeinflussung der Bundestagswahl 2017.[66] Er schloss hingegen nicht aus, dass „patriotische“ Landsleute dies tun könnten.[67]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrei Soldatov, Irina Borogan: The Red Web: The Struggle Between Russia’s Digital Dictators and the New Online Revolutionaries. Public Affairs, New York 2015, ISBN 978-1-61039-573-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Seva Gunitsky: Corrupting the Cyber-Commons: Social Media as a Tool of Autocratic Stability. In: Perspectives and Politics. 13, Nr. 1, März 2015, S. 42–54. doi:10.1017/S1537592714003120.
    Vgl. auch: Анна Полянская, Андрей Кривов, Иван Ломко: Виртуальное око старшего брата (dt. Big Brothers virtuelles Auge). In: Журнал Вестник, 9(320), 30. April 2003.
  2. Где живут тролли. И кто их кормит. In: Nowaja Gaseta vom 7. September 2013 [1]; Felix-Emeric Tota: Zwölf Stunden am Tag in Putins Sinn faz.net, 19. März 2015
  3. One Professional Russian Troll Tells All Radio Liberty / Radio Free Europe, 25. März 2015
  4. a b c d Adrian Chen: The Agency. In: The New York Times, 2. Juni 2015 (englisch).
  5. Übersetzungsschwierigkeiten, Kommersant, 27. April 2015
  6. a b Tom Parfitt: My life as a pro-Putin propagandist in Russia’s secret ‘troll factory’. In: The Telegraph, 24. Juni 2015 (englisch).
  7. Shaun Walker: Salutin’ Putin: inside a Russian troll house. In: The Guardian, 2. April 2015.
  8. Russlands Informationskrieg – So funktioniert eine Troll-Fabrik, SRF, 20. Februar 2017
  9. Russian troll describes work in the infamous misinformation factory, NBC, 16. November 2017
  10. Jens Rosbach: Putins geheime Online-Armee. In: Deutschlandfunk, 22. Mai 2014.
  11. Max Seddon: Documents Show How Russia’s Troll Army Hit America. In: BuzzFeed, 2. Juni 2014.
  12. a b „Putin ist genial!“ In: FAZ, 7. April 2015.
  13. Golineh Atai: Die Putin-Trolle aus St. Petersburg. (Memento vom 15. April 2015 im Internet Archive) In: Tagesthemen, 14. April 2015.
  14. West failing to tackle Russian hacking and fake news, says Latvia, The Guardian, 5. September 2017
  15. Ich, der Robotroll - Wie Twitter-Bots russische Propaganda streuen, freiheit.org, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, 11. September 2017
  16. The surprising new strategy of pro-Russia bots, 12. September 2017
  17. Anna Dolgov: Soldier in Russia's Troll Army Sues Her Ex-Employer. In: The Moscow Times, 29. Mai 2015 (russisch).
  18. Anerkennung der "Trollfabrik", fontanka.ru, 23. Juni 2015
  19. Катерина Яковлева: Савчук отсудила у «фабрики троллей» один рубль. В ходе судебного процесса против так называемой «фабрики троллей» Людмила Савчук добилась не только выплаты зарплаты и подписания документов о приеме и увольнении на работу в ООО «Интернет-исследования», но и взыскания моральной компенсации, правда, в размере всего одного рубля. 17. August 2015, abgerufen am 18. August 2015 (russisch, Übersetzung des Titels: Sawtschuk verklagt "Trollfabrik").
  20. Benjamin Bidder: "Diese Scheusale an die Öffentlichkeit zerren" In: Spiegel Online, 29. Mai 2015 (Interview).
  21. a b Elke Windisch: Medienkrieger in St. Petersburg: Putins Troll-Armee. In: Der Tagesspiegel, 11. Juni 2015.
  22. Putins Troll-Fabrik. In: Frankfurter Rundschau, 7. April 2015.
  23. Propaganda auf Bestellung: Das ist Putins Troll-Fabrik – und so funktioniert sie. In: Focus, 5. April 2015.
  24. „Wir hatten einen Zweck … Unruhe zu stiften“: ein Interview mit einem ehemaligen Angestellten der „Trollfabrik“ in St. Petersburg. slon.ru, 14. Oktober 2017
  25. Wiktor Resunkow: Побег с "фабрики троллей" (dt. Flucht aus der „Trollfabrik“). In: Radio Free Europe, 6. September 2016.
  26. Полиция посчитала побитых блогеров. In: Fontanka.ru, 9. September 2016.
  27. Julian Staib: Wo die Meinung gemacht wird. In: FAZ, 20. Juni 2014.
  28. Mehrheit gibt Putin Schuld am Ukraine-Konflikt. In: FAZ, 17. März 2015.
  29. ARD-DeutschlandTREND: Februar 2015, infratest dimap, abgerufen am 4. Oktober 2015.
  30. Russland: Deutsche wollen engere Partnerschaft laut Umfrage Spiegel Online, 27. April 2016
  31. Julian Hans: Putins Trolle. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Juni 2014
  32. Zwischenbilanz: Der Ukraine-Konflikt in der Tagesschau Tagesschau-Blog, 29. September 2014
  33. Bernhard Pörksen: Volle Ladung Hass. In: Die Zeit, 8. November 2014.
  34. Stadtgattung: Blogger-Promoter. Sobaka.ru, 3. Februar 2015.
  35. Wiktor Resunkow: Они любят Путина 12 часов подряд. In: Radio Free Europe, 14. März 2015.
  36. L. Gordon Grovitz: Putin Trolls the U.S. Internet. In: Wall Street Journal, 7. Juni 2015.
  37. Columbia Chemical hoax tracked to "troll farm" dubbed the Internet Research Agency. In: News.com.au, 4. Juni 2015.
  38. Russian Trolls Spread False Information On The Internet. In: NPR, 4. Juni 2015.
  39. Andrej Soschnikow: Фейковый расстрел: кто стоит за роликом об уничтожении Корана. In: BBC, 23. März 2016.
  40. Julia Smirnova: Hip, jung und gewissenlos – das sind Putins Trolle. In: Welt Online, 30. Mai 2016.
  41. Explosionen, Ebola: Russische Trolle wollen Panik in USA auslösen. In: Der Standard, 7. Juni 2015.
  42. Tools of Russian Influence: Information and Propaganda. In Janne Haaland Matlary und Tormod Heier (Hrsg.): Ukraine and Beyond: Russia's Strategic Security Challenge to Europe. Springer, Cham 2016, ISBN 978-3-319-32530-9, S. 189 f.
  43. Russian firm tied to pro-Kremlin propaganda advertised on Facebook during election, Washington Post, 6. September 2017
  44. Russia’s Facebook Fake News Could Have Reached 70 Million Americans, thedailybeast.com, 8. September 2017
  45. Natasha Bertrand: Russia organized 2 sides of a Texas protest and encouraged 'both sides to battle in the streets' Business Insider, 1. November 2017.
  46. Michael Flynn Followed Russian Troll Accounts, Pushed Their Messages in Days Before Election Daily Beast, 1. November 2017
  47. a b Markus Wehner: Russische Trolle gegen Angela Merkel. In: FAZ, 7. Juni 2015.
  48. Andrew Griffin: Angela Merkel’s Instagram bombarded with abuse from Russian troll army. In: The Telegraph, 7. Juni 2015 (englisch).
  49. Tageschau: Offizielle Vorwürfe aus Washington: Hackt Russland die US-Wahl?, 8. Oktober 2016, abgerufen am 10. Mai 2017
  50. Die Welt: Macron Ziel einer „massiven und koordinierten“ Hacker-Attacke, 6. Mai 2017, abgerufen am 9. Mai 2017
  51. Slate: On a examiné les «Macron Leaks» pour vous, voilà ce qu'on y a trouvé, 9. Mai 2017, abgerufen am 9. Mai 2017 (französisch)
  52. Sean Gallagher: Evidence suggests Russia behind hack of French president-elect. Ars Technica, 8. Mai 2017, abgerufen am 11. Mai 2017 (englisch)
  53. Nick Craven: The toxic tweets of Putin's pro-Brexit troll factory revealed: Deluge of messages that mocked Remainers came from secret cyber-army Mail on Sunday, 11. November 2017.
  54. Louise Boyle: Inside the Russian 'troll factory': How Putin's unlikely cyber recruits deployed waves of fake news articles, memes and divisive social media posts in the Kremlin's information war on the West dailymail.com, 12. November 2017.
  55. Robert Booth, Matthew Weaver, Alex Hern und Shaun Walker: Russia used hundreds of fake accounts to tweet about Brexit, data shows guardian.co.uk, 14. November 2017.
  56. Inga Pylypchuk: Hier werden Putins Propagandalügen entlarvt. In: Die Welt. Abgerufen am 20. Dezember 2015.
  57. Stopfake.org. Struggle against fake information about events in Ukraine (englisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  58. Teresa Eder für Stopfake.org: Russische Propaganda setzt auf emotionale Storys. In: Der Standard. 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juli 2015.
  59. Noodleremover.news (russisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  60. Questions and Answers about the East StratCom Task Force. Europäischer Auswärtiger Dienst, abgerufen am 4. März 2016.
  61. Claudia von Salzen: Die EU und russische Desinformation: Eine Task Force gegen Propaganda. In: Tagesspiegel, 21. Dezember 2015.
  62. „‚Disinformation Review‘ – new EU information product (04/11/2015)“ (englisch), Abfragedatum: 1. März 2016.
  63. EU vs Disinformation. Europäischer Auswärtiger Dienst, abgerufen am 4. März 2016.
  64. Michael Weiss: The Baltic Elves Taking on Pro-Russian Trolls. In: The Daily Beast, 21. März 2016.
  65. Google News schliesst auf ihren Suchmaschinen die Nachrichtenportale aus, die mit dem „Kreml-Koch“ Prigoschin verbunden sind, Nowaja Gaseta, 2. November 2017
  66. NZZ: Putin räumt Möglichkeit „privater“ Cyberangriffe ein, 2. Juni 2017, Seite 2
  67. Der russische Staat hackt nicht, aber …, FAZ, 1. Juni 2017