Erhard Eppler

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Erhard Eppler 2013 in Wuppertal

Erhard Eppler (* 9. Dezember 1926 in Ulm) ist ein deutscher Politiker der SPD. Er hatte in den 1970er und 1980er Jahren diverse Führungsämter in der SPD inne und war von 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Von 1961 bis 1976 war er Abgeordneter im Bundestag, danach bis 1982 im baden-württembergischen Landtag. Zudem war er nach seiner politischen Laufbahn im Umfeld der evangelischen Kirche tätig, unter anderem mehrfach als Kirchentagspräsident, und war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Friedensbewegung der 1980er Jahre.

Er gilt als prominenter Vertreter des linken Parteiflügels der SPD, unterstützte jedoch die Reformen der Agenda 2010, den Kosovokrieg und den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr im Rahmen der NATO. Im März 2014 kritisierte er den Kurs des Westens gegen Russland aufgrund der Krimkrise in der Ukraine und wandte sich gleichzeitig gegen eine „Verteufelung“ Wladimir Putins.

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Erhard Eppler wurde in Ulm geboren und wuchs in Schwäbisch Hall auf, wo sein Vater Leiter der Mergenthaler-Oberschule war. Von 1943 bis 1945 nahm Eppler als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. 1946 bestand er das Abitur und absolvierte in Frankfurt am Main, Bern und Tübingen ein Lehramtsstudium für Englisch, Deutsch und Geschichte, das er 1951 mit dem ersten und 1953 mit dem zweiten Examen für das höhere Lehramt beendete. 1951 erfolgte seine Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit Der Aufbegehrende und der Verzweifelnde als Heldenfigur der elisabethanischen Tragödie. Er war bis 1961 als Lehrer am Gymnasium in Schwenningen am Neckar tätig.[1]

Partei[Bearbeiten]

Eppler war seit 1944 – damals 17 Jahre alt – bis Kriegsende Mitglied der NSDAP. 1952 trat er in die von Gustav Heinemann und Helene Wessel gegründete Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) ein, wechselte aber, wie die meisten GVP-Mitglieder, 1956 zur SPD über. Hier war er von 1970 bis 1991 Mitglied des Bundesvorstandes, von 1973 bis 1989 Präsidiumsmitglied (ausgenommen 1982–1984) sowie von 1973 bis 1992 Vorsitzender der Grundwertekommission.

Von 1973 bis 1981 war er Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg.

Bei den Landtagswahlen 1976 und 1980 war er Spitzenkandidat der SPD für das Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, konnte sich jedoch gegen die Amtsinhaber Hans Filbinger (1976) bzw. Lothar Späth (1980) nicht durchsetzen.

Abgeordneter[Bearbeiten]

Von 1961 bis 1976 war er Mitglied des Deutschen Bundestages, ab 1972 mit einem Direktmandat im Wahlkreis Heilbronn. Ab 1976 war er für den Wahlkreis Rottweil Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, wo er bis 1980 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion war. Am 30. Juni 1982 legte er sein Mandat nieder. Sein Nachfolger wurde Klaus Haischer.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Am 16. Oktober 1968 wurde er als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in die von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger geführte Bundesregierung berufen. Dieses Amt behielt er auch unter Bundeskanzler Willy Brandt. Nach dem Rücktritt Brandts im Mai 1974 gehörte er zunächst auch dem von Bundeskanzler Helmut Schmidt geführten Kabinett an. Wegen erheblicher Kürzungen des für sein Ministerium vorgesehenen Haushalts trat er aber am 8. Juli 1974 zurück.

Gesellschaftliches Engagement[Bearbeiten]

Nach seinem Rückzug aus der Bundespolitik widmete er sich mehr seiner Arbeit in der Evangelischen Kirche Deutschlands. Unter anderem war er von 1981 bis 1983 und von 1989 bis 1991 Kirchentagspräsident.

Erhard Eppler ist Mitglied des Wacholderhof e.V., der 1980 von Menschen aus der Umweltbewegung und Entwicklungszusammenarbeit gegründet wurde, der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland und des PEN-Zentrums Deutschland. 1977 war Eppler Gründungsmitglied der 2009 in der Humanistischen Union aufgegangenen Bürgerrechtsbewegung „Gustav-Heinemann-Initiative“.

Politisches[Bearbeiten]

Eppler galt als einer der Exponenten des linken Parteiflügels innerhalb der SPD. Helmut Schmidt kommentierte Epplers Wirken in Bundesregierung und SPD mit dem Verdikt, er sei ein „Mann, der niemals Wahlen gewonnen hat“.[2] Allerdings unterstützte er in der zweiten Amtsperiode Gerhard Schröders die Reform-Projekte der rot-grünen Bundesregierung, etwa die Agenda 2010 [3]. Zudem befürwortete Eppler, der in den achtziger Jahren noch die Friedensbewegung unterstützt und als Hauptbetreiber[4] der SPD-Wende gegen den NATO-Doppelbeschluss den Kanzlersturz von Schmidt (1982) mit verursacht hatte,[5] ausdrücklich den außenpolitischen Kurs der rot-grünen Bundesregierung unter Führung von Gerhard Schröder und billigte die Intervention 1999 im Kosovo[6] und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr (2001-2014).

Im März 2014 kritisierte er den Kurs des Westens gegen Russland aufgrund der Krimkrise in der Ukraine. Er wandte sich gegen eine „Verteufelung“ Wladimir Putins. Er meint, kein russischer Präsident hätte geduldig dabei zugesehen, wie eine „eindeutig antirussische Regierung in Kiew die Ukraine in Richtung NATO zu führen“ versuche. Zwar sei die russische Berichterstattung über „Faschisten“ in der ukrainischen Regierung übertrieben, dennoch sei dies eine offenkundige Tatsache, und man würde in westlichen Medien „fast nichts darüber hören“, wie viele „eindeutige Antisemiten“ in der neuen Kiewer Regierung säßen.[7]

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Erhard Eppler 2002
Erhard Eppler (1973)

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1975, ISBN 3-17-002457-4.
  • Wege aus der Gefahr. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-498-01622-9.
  • Erhard Eppler, Michael Ende, Hanne Tächl: Phantasie, Kultur, Politik. Protokoll eines Gesprächs. Edition Weitbrecht, Stuttgart 1982, ISBN 3-522-70020-1.
  • Die tödliche Utopie der Sicherheit. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1983, ISBN 3-498-01631-8.
  • Einsprüche. Zeugnisse einer politischen Biographie. Herausgegeben von Albrecht Bregenzer, Wolfgang Brinkel und Gernot Erler. Dreisam-Verlag, Freiburg (Breisgau) 1986, ISBN 3-89125-239-0.
  • Reden auf die Republik. Deutschlandpolitische Texte 1952–1990 (= Kaiser-Taschenbücher. Bd. 86). Mit einem einleitenden Beitrag von Joachim Garstecki. Herausgegeben von Wolfgang Brinkel. Kaiser, München 1990, ISBN 3-459-01857-7.
  • Plattform für eine neue Mehrheit. Ein Kommentar zum Berliner Programm der SPD (= Politik im Taschenbuch. Bd. 1). Dietz, Bonn 1990, ISBN 3-8012-0158-9.
  • Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache (= Edition Suhrkamp 1788 = NF 788). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-11788-2.
  • Als Wahrheit verordnet wurde. Briefe an meine Enkelin. Insel-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1994, ISBN 3-458-16640-8.
  • Die Wiederkehr der Politik. Insel-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1998, ISBN 3-458-16925-3.
  • Privatisierung der politischen Moral? (= Edition Suhrkamp. Standpunkte 2185). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-12185-5.
  • Komplettes Stückwerk. Erfahrungen aus fünfzig Jahren Politik. Insel-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1996, ISBN 3-458-16770-6.
  • Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt. Die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt (= Edition Suhrkamp 2288). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-12288-6.
  • Auslaufmodell Staat? (= Edition Suhrkamp 2462). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-518-12462-5 (Dieses Buch erhielt 2006 den Preis „Das Politische Buch 2006“ der Friedrich-Ebert-Stiftung).
  • Der Gott des Wettbewerbs. In: taz, vom 12. Dezember 2007.
  • Eine Partei für das zweite Jahrzehnt: die SPD? Vorwärts-Buch, Berlin 2008, ISBN 978-3-86602-175-4.
  • Reden wir über Geld. Interview in: Süddeutsche Zeitung, vom 24. April 2009 (online).
  • Der Politik aufs Maul geschaut. Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch. Dietz, Bonn 2009, ISBN 978-3-8012-0397-9.
  • Eine solidarische Leistungsgesellschaft. Epochenwechsel nach der Blamage der Marktliberalen. Dietz, Bonn 2011, ISBN 978-3-8012-0422-8.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Bittner, Mark vom Hofe: Die Heimkehr - Erinnerung an das Kriegsende. Erhard Eppler. In: Wolfgang Bittner, Mark vom Hofe: Ich mische mich ein. Markante deutsche Lebensläufe. Horlemann, Bad Honnef 2006, ISBN 3-89502-222-5, S. 64 ff.
  • Renate Faerber-Husemann: Der Querdenker. Erhard Eppler. Eine Biographie. Dietz, Bonn 2010, ISBN 978-3-8012-0402-0.
  • Christine Simon: Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik. Bonn 2004 (Bonn, Universität, Dissertation, 2003), Online verfügbar: Elektronische Ressource DNB.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erhard Eppler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mit die glücklichsten Jahre meines Leben (PDF; 125 kB) In: Neckarquelle Extra. 17. November 2007. Abgerufen am 11. Mai 2010.
  2. Hans-Joachim Noack: Helmut Schmidt. Die Biografie. Rowohlt, Berlin 2008, ISBN 978-3-87134-566-1, S. 185.
  3. z.B. Interview mit Erhard Eppler: „Kein Politiker redet gern über seine Ohnmacht“. Spiegel Online, vom 8. Oktober 2004.
  4. Michael Herkendell, Sozialdemokratische Außen- und Sicherheitspolitik - eine historische Einordnung. In: Sozial - friedlich – global?: Außen- und Sicherheitspolitik heute: Leitperspektiven, Herausforderungen, Lösungswege. Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, Hrsg. Ursula Bitzegeio, Rana Deep Islam, Robert Schütte, Lars Winterberg, LIT Verlag Münster 2014, 366 S, S. 31-72, S. 43. ISBN 3643124368, 9783643124364
  5. Joachim Scholtyseck: Die FDP in der Wende. In: Historisch-Politische Mitteilungen. 19, 2013, ISSN 0943-691X, S. 197–220, S. 201f (PDF; 71,7 KB).
  6. Protokoll. Parteitag Bonn. 12. April 1999. Verantwortung. (PDF; 1,0 MB) Vorstand der SPD, Bonn 1999, S. 110.
  7. Putin, Mann fürs Böse. SZ, 11. März 2014
  8. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 25, Nr. 43, 9. März 1973.
  9. http://www.bundespraesident.de/Die-deutschen-Bundespraesident/Johannes-Rau/Bildarchiv-,11071.607871/Bundespraesident-Rau-empfaengt.htm
  10. offenekirchestuttgart.wordpress.com: Brenz-Medaille für Dr. Erhard Eppler « Offene Kirche Stuttgart, Zugriff am 11. Mai 2010