Georg Leber

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Georg Leber, 1973

Georg Leber, auch Schorsch Leber (* 7. Oktober 1920 in Obertiefenbach, Oberlahnkreis, heute Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen; † 21. August 2012[1][2] in Schönau am Königssee[3][4][5]) war ein deutscher Gewerkschaftsführer und Politiker (SPD). Er war Bundesverkehrsminister (1966–72), Bundespostminister (1969–72), Bundesverteidigungsminister (1972–78) und Bundestagsvizepräsident (1979–83).

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Nach dem Besuch der Volksschule in seinem Heimatort absolvierte Georg Leber eine kaufmännische Ausbildung und anschließend eine Maurerlehre. Im Zweiten Weltkrieg war er von 1939 bis 1945 Funker (zuletzt als Unteroffizier) bei der Luftwaffe.

Arbeitnehmervertretung[Bearbeiten]

Nach 1945 arbeitete er im Baugewerbe und trat 1947 der IG Bau-Steine-Erden bei. 1949 wurde er hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär der IG Bau-Steine-Erden in Limburg an der Lahn, drei Jahre später Redakteur der Gewerkschaftszeitung Der Grundstein. 1955 wurde er Zweiter Vorsitzender dieser Baugewerkschaft und war schließlich von 1957 bis 1966 deren Bundesvorsitzender.

Innerhalb des gewerkschaftlichen Spektrums war Leber Protagonist des rechten Flügels gegenüber dem „linken“ Otto Brenner von der IG Metall. Seine Gewerkschaft verzichtete früh auf Sozialisierungsforderungen, begründete mit den Arbeitgebern ein System von Sozialkassen und entwickelte das Projekt zur „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“.

Er war 1984 Schlichter im Arbeitskampf der Metallindustrie um die 35-Stunden-Woche. Der nach ihm benannte Kompromiss sah eine flexible Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf durchschnittlich 38,5 Stunden vor.

Parteilaufbahn[Bearbeiten]

Georg Leber trat 1951 in die SPD ein. Innerhalb der Partei gehörte er zum rechten Flügel, den sogenannten Kanalarbeitern.

Georg Leber hat die Einstellung des später als Spion enttarnten Günter Guillaume gefördert, was nach der Guillaume-Affäre zum Rücktritt des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt führte.[6]

Abgeordnetentätigkeit[Bearbeiten]

Leber war von 1957 bis 1983 Mitglied des Deutschen Bundestags, wo er zeitweise den Wahlkreis Frankfurt am Main I vertrat. Von 1961 bis 1966 war er Mitglied des SPD-Fraktionsvorstandes. Nach dem Tode von Hermann Schmitt-Vockenhausen wurde Leber am 12. September 1979 als dessen Nachfolger zum Bundestagsvizepräsidenten gewählt. Er behielt dieses Amt bis zu seinem Ausscheiden aus dem Parlament 1983. Vom 27. Februar 1958 bis zum 25. Februar 1959 war er zugleich Mitglied des Europäischen Parlaments.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Bundesverkehrsminister[Bearbeiten]

Georg Leber übernahm am 1. Dezember 1966 im Kabinett Kiesinger das Amt des Bundesministers für Verkehr. In dieser Zeit entstand der umgangssprachlich nach ihm benannte „Leber-Plan“, der die Verlagerung des Transports von Massengütern von der Straße auf die Bahn vorsah.[7] Dies traf auf zähen Widerstand von Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP, so dass der Plan wegen der zahlreichen Ausnahmeregelungen faktisch nicht umgesetzt werden konnte.[8] Durchsetzen konnte er sowohl eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h für Straßen außerhalb der Ortsgebiete als auch eine Begrenzung des zulässigen Blutalkoholgehaltes auf 0,8 Promille für Kraftfahrer.[9]

1966 sagte Leber, „kein Deutscher soll mehr als 20 Kilometer von einer Autobahnauffahrt entfernt leben“.[10]

Im EWG-Ministerrat setzte er sich für eine Beschränkung der Lenkzeiten auf 50 Stunden pro Woche und 9 Stunden am Tag ein. Gegen sein Vorhaben, den Lastwagenverkehr auf Autobahnen zu beschränken, regte sich ein weitreichender Widerstand. An Lastwagen wurde mit Plakaten keine Leber und seine Verkehrspolitik Stimmung gemacht, seine eigene Partei brachte daraufhin Pro-Leber-Aufkleber heraus.[11]

Das Amt als Bundesverkehrsminister behielt er auch nach Bildung der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt im Oktober 1969. Im Kabinett Brandts übernahm er zusätzlich auch das Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen. Am 7. Juli 1972 übergab er beide Ministerien an Lauritz Lauritzen und wurde Nachfolger von Helmut Schmidt als Bundesminister der Verteidigung.

Bundesverteidigungsminister[Bearbeiten]

Am 11. September 1972 stand Leber vor der schweren Entscheidung, ob er den Befehl geben sollte, ein unidentifiziertes Flugzeug abschießen zu lassen. Es flog auf das Münchener Olympiastadion zu, in dem gerade die Abschlussfeier der Olympischen Spiele stattfand, bei denen es nur Tage zuvor einen Anschlag auf israelische Sportler gegeben hatte. Leber handelte richtig, indem er abwartete. Es stellte sich heraus, dass es sich nicht um ein von Terroristen entführtes Flugzeug, sondern ein mit über 100 Passagieren besetztes finnisches Verkehrsflugzeug handelte, dessen Bordelektronik ausgefallen war.[12]

Im Juli 1973 erteilte Leber, nach vorheriger entsprechender Beschlussfassung des Verteidigungsausschusses, den Befehl zur Aufstellung der Bundeswehrhochschulen in Hamburg und München, die ihren Lehrbetrieb im Oktober 1973 aufnahmen. Damit wurde erstmals ein wissenschaftliches Studium im Rahmen der Offiziersausbildung möglich und verpflichtend.

Georg Leber mit Hans-Jürgen Wischnewski, 1976

Am 29. November 1973 gab er in einer Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag die neue Wehrstruktur der Bundeswehr bekannt. Im Rahmen der Umstrukturierung wurde u.a. das Heer um drei Brigaden vergrößert. In Lebers Amtszeit wurden 1975 erstmals Frauen zu Sanitätsoffizieren ernannt. Im Oktober 1976 versetzte er die beiden Luftwaffengeneräle Karl-Heinz Franke und Walter Krupinski in den Ruhestand, weil sie entgegen ausdrücklicher Anweisung den rechtsextremen Piloten Hans-Ulrich Rudel zu einem Traditionstreffen eingeladen hatten und dies mit einem Vergleich der NS-Vergangenheit Rudels mit der KPD-Vergangenheit des Sozialdemokraten Herbert Wehner entschuldigt hatten. Ein Antrag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, diese Entscheidung Lebers zu missbilligen, wurde am 3. Februar 1977 von der SPD/FDP-Mehrheit im Deutschen Bundestag mit 243 zu 220 Stimmen abgelehnt.

Georg Leber trat gegen den Willen von Bundeskanzler Helmut Schmidt am 1. Februar 1978 zurück[13] und übernahm damit die politische Verantwortung für den Lauschmitteleinsatz des Militärischen Abschirmdiensts, der ohne Lebers Wissen dessen Sekretärin Hildegard Holz ab Juni 1974[13] in ihrer Wohnung abgehört hatte, da sie der Spionage für das Ministerium für Staatssicherheit verdächtigt wurde. Dies stellte sich nachher jedoch als falsch heraus. Der Minister erfuhr Anfang 1978 von der illegalen Abhöraktion, teilte dies aber dem Bundestag erst mit, nachdem am 25. Januar 1978 die Illustrierte Quick einen entsprechenden Artikel veröffentlicht hatte.[13] Georg Leber verschwieg außerdem die illegale Abhörung der Partei Kommunistischer Bund Westdeutschland, von der er nach eigenen Angaben erst im Nachhinein erfahren hatte, weil er sie für rechtmäßig gehalten habe. Erst eine von ihm angeordnete juristische Untersuchung ergab das Gegenteil. Lebers Nachfolger als Verteidigungsminister war Hans Apel.

Leber galt als ein unter den Bundeswehrangehörigen sehr beliebter Verteidigungsminister und wurde von ihnen als Soldatenvater[2][14] bezeichnet. Seine Amtszeit prägte ein starker Aufrüstungsschub der Bundeswehr; unter anderem wurde der Endausbau von 36 Brigaden des Feldheeres verwirklicht.

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

1965 war Leber an der Gründung der Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung AG beteiligt.

Von 1981 bis 1997 war Leber Vorsitzender des Vorstands des Internationalen Bundes (anschließend Ehrenvorsitzender), eines freien Trägers der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit. Das Tagungszentrum des IB in Kelkheim-Eppenhain trägt heute seinen Namen.

Privates[Bearbeiten]

Leber war römisch-katholisch und gehörte von 1967 bis 1971[15] und von 1974 bis 1994 dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

Im Jahr 1943 heiratete Leber Erna-Maria Wilfing (gestorben 1984). Aus dieser Ehe stammt sein Sohn Manfred. 1985 heiratete er Katja Vojta; er wohnte zuletzt in Schönau am Königssee im Berchtesgadener Land.

Seine letzte Ruhestätte fand Georg Leber auf dem Bergfriedhof von Berchtesgaden.[16]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • (Hrsg.) Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Dokumentation in 4 Bänden, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1964.
  • Programm zur Gesundung des deutschen Verkehrswesens. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn 1967.
  • Vom Frieden. Seewald Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3512005713

Zitate[Bearbeiten]

„Lernt, was ihr für Euer Leben nötig habt! Geht nicht gebückt und gebeugt, geht aufrecht wie Freie! Geht mit erhobenem Kopf, aber erhebt euch nie über andere! Geht mit wachem Verstand und mit heißem Herzen! Geht fröhlicher als die Alten durch ihr Leben gehen konnten, weil ihr freier seid, als alle, die vor euch auf unserem Boden gelebt haben, es jemals waren!“

Georg Leber: 1993 in einer Rede anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Bundeswehr-Universitäten[18]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Zentner; Das Verhalten von Georg Leber analysiert unter dem Aspekt seiner macht-politischen Bedeutung für die deutsche Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, v. Hase und Koehler, Mainz 1966.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Georg Leber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Früherer Bundesvorsitzender der Baugewerkschaft und Bundesminister a.D. verstorben – IG BAU trauert um Georg Leber. Pressemitteilung der IG Bauen-Agrar-Umwelt, 22. August 2012, abgerufen am 22. August 2012.
  2. a b Ex-Verteidigungsminister Georg Leber gestorben. Spiegel Online, 22. August 2012, abgerufen am 22. August 2012.
  3. http://www.bgland24.de/schoeau-am-koenigssee/schoenau-koenigssee-ex-verteidigungsminister-georg-leber-bgland24-2470601.html
  4. Munzinger nennt Schönau am Königssee als Sterbeort, gesehen 24. August 2012
  5. In der Meldung (nicht mehr online) in den Nachrichten des Deutschlandfunks vom 22. August 2012, 18h00 wird Frankfurt am Main als Sterbeort angegeben, gesehen 24. August 2012
  6. Zitat Horst Ehmke in einem Fernsehinterview mit Egon Bahr in der ARD Kerner am 5. März 2007
  7. Vgl. Christopher Kopper: Die Bahn im Wirtschaftswunder. Deutsche Bundesbahn und Verkehrspolitik in der Nachkriegsgesellschaft. Campus, Frankfurt a.M. 2007, S. 399–418, ISBN 978-3-593-38328-6; ferner http://www.chroniknet.de/indx_de.0.html?article=251701&year=1968.
  8.  Leber-Plan: Grob zugerichtet. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1968, S. 32 (18. November 1968, online)..
  9. Ex-Minister Georg Leber gestorben, Meldung des Hessischen Rundfunks vom 22. August 2012
  10.  Ralph Bollmann: Das Märchen von der maroden Infrastruktur. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nr. 41, 13. Oktober 2013, S. 24 (online).
  11. Leber: „Lastwagen sind keine heiligen Kühe! Tumulte auf Autobahnen müssen ein Ende haben!“. In: Die Bundesbahn, ISSN 0007-5876, 16/1968, S. 580.
  12. Am Boden weiß niemand, wie die Lage an Bord ist (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, tagesschau.de, 29. Januar 2005
  13. a b c Heiner Emde: Die geheimen Nachrichtendienste der Bundesrepublik Deutschland, Bergisch Gladbach 1979, S. 92/93
  14. So auch zitiert in der Rede des Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière anlässlich der Beisetzung Georg Lebers am 4. September 2012 in Schönau am Königssee, gesehen am 16. September 2012 auf der Website des Ministeriums der Verteidigung.
  15.  SPD-Katholiken: Weg versperrt. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1971, S. 31-32 (15. November 1971, online).
  16. knerger.de: Das Grab von Georg Leber
  17. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 25, Nr. 43, 9. März 1973.
  18. Universität der Bundeswehr München, abgerufen am 23. August 2012