Islamkritik

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Kritik am Islam auf politischer, ethischer, philosophischer, wissenschaftlicher oder theologischer Grundlage gibt es seit der Gründungszeit des Islam. Sie stellt eine Religionskritik dar und wird an Grundlagen, an kulturellen Traditionen und sozialen Normen des Islam geübt. Nicht streng voneinander abgrenzen lässt sich Islamkritik als sachlich geübte Religionskritik und Kritik im Sinne einer Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit.[1]

Frühe Kritiken am Islam wurden von Christen einige Jahrzehnte nach dem Auftreten Mohammeds geschrieben. Dabei betrachteten viele den Islam als eine christliche Irrlehre (Häresie).[2] Später erschienen auch Kritiken aus der muslimischen Welt selbst, von jüdischen Autoren und von Vertretern verschiedener christlicher Kirchen.[3][4][5][6] In der aktuellen Islamkritik ist eine herkunftsmäßige wie auch thematische Vielfalt zu verzeichnen.

Gegenstände der Kritik umfassen islamische Reaktionen auf Kritik, Stellungnahmen gegenüber Häresie bzw. Verdacht auf Häresie sowie die Behandlung von Apostasie im islamischen Recht.[7]

Andere Kritiken problematisieren die Frage der Menschenrechte in islamischen Ländern der Moderne, die Stellung der Frau im islamischen Gesetz und in der Rechtspraxis (siehe auch Islamischer Feminismus).[8] In letzter Zeit wurde insbesondere die Rolle des Islam bei der Integration muslimischer Migranten in die Gesellschaften des Westens Gegenstand kritischer Analysen.[9]

Islamkritik aus den Religionen[Bearbeiten]

Kritik im Christentum[Bearbeiten]

Der Islam wurde bereits im beginnenden Frühmittelalter in christlichen Quellen erwähnt.[10] Zu den frühesten erhaltenen islamkritischen Schriften gehört beispielsweise Johannes von Damaskus († 749), der im zweiten Kapitel seines Buches Die Quelle der Weisheit mit dem Titel Über die Häresien die These aufstellt, Mohammed sei von einem nestorianischen Mönch beeinflusst gewesen. Inhaltlich verweist er unter anderem darauf, dass es – abgesehen von Mohammed selbst – niemanden gab, der die Herabsendung des Koran bezeugen konnte.[11]

Zu den bekannten europäischen Islamkritikern des Spätmittelalters gehört u.a. der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350–1425), dessen Reich unter dem Ansturm der Osmanen stark geschrumpft war und kurz vor dem Untergang stand.

Die biblische Prophezeiung an Hagar (Gen 16,12 EU und Gen 21,13 EU), der im 1. Buch Moses eine zahlreiche, jedoch wilde und kriegerische Nachkommenschaft vorausgesagt wird, wurde schon von Isidor von Sevilla und Beda Venerabilis in ihrer Polemik gegen Mohammed zu einer negativen Darstellung der Araber und Sarazenen verwendet: Als Abkömmling eines primitiven, barbarischen Volkes, das weder Gesetz noch Regierung gekannt und überdies einen zügellosen Polytheismus praktiziert habe, könne er keineswegs zum Prophetentum bestimmt gewesen sein. Sein Analphabetismus, der in der islamischen Tradition als gültiges Argument für den göttlichen Ursprung der koranischen Offenbarungen herangezogen wurde, diente im Westen, wo er seit etwa 1100 bekannt war, der entgegengesetzten Argumentation: Mohammed müsse als Mann von einfacher Herkunft und zudem Analphabet, umgeben von Götzendienern, ein leichtes Opfer für Betrügereien gewesen sein. Ergänzend dazu kamen die verschiedenen Versionen seiner Beziehungen mit religiös inspirierten Männern, die ihm in seiner unwissenden Naivität häretische christliche und jüdische Lehren als wahre Religion vermittelt hätten – ein Motiv, das dem Westen schon von Johannes Damascenus vermittelt worden war. Die Theorie, wonach Mohammed von zweifelhaften Personen verführt worden sei, war in gelehrten Kreisen des europäischen Mittelalters vorherrschend. Sie sahen demnach den Islam als eine christliche Häresie, während die Darstellung von Mohammed als Teil eines polytheistischen islamischen Pantheons ein immer wiederkehrendes Thema der „volkstümlichen“ mittelalterlichen Darstellung Mohammeds in Europa war. In diesem Zusammenhang wurde auch die These aufgestellt, Mohammed wäre in Wirklichkeit ein christlicher Priester oder sogar Kardinal, der aus Gründen des Ehrgeizes vom Christentum abgefallen sei und durch Gründung einer neuen Sekte seine Ziele verwirklicht habe.[12]

Weltweites Aufsehen und zum Teil militante Proteste von Muslimen rief das Papstzitat von Regensburg hervor, als Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in einer Vorlesung an der Universität Regensburg zur Rolle der Gewalt im Islam folgende fundamentale Islamkritik des oben erwähnten Kaisers Manuel II. zitierte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ [13] Von Seiten des Heiligen Stuhls wurde als Reaktion auf die Kritik und Proteste betont, dass Benedikt XVI. sich das Zitat von Manuel II. nicht zu eigen machen wollte, sondern auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft hinführen wollte und Ehrfurcht gegenüber dem Koran empfindet.

In der christlichen Apologetik werden islamische Glaubenswahrheiten kritisiert, etwa die Sündenlehre und die Stellung Jesu Christi als Prophet. Kritisiert werden auch islamische Polemiken gegen das Christentum.

Kritik im Islam[Bearbeiten]

Seit der Entstehung des Islam gab es bis zum Ende des abbasidischen Kalifats (ca. 750–1258) immer wieder islamische Gelehrte und Gelehrtenschulen, die – oft in der Auseinandersetzung mit der klassischen griechischen Philosophie – im Sinne einer innerislamischen „Aufklärung“ Kritik am Koran bzw. der islamischen Tradition und Koranexegese betrieben haben. Hierzu zählen u.a.

  • der Perser Ibn al-Muqaffa' (729–756), der befand, das Gesetz müsse dem religiösen Bereich entzogen und politisch kontrolliert werden
  • die rationale Glaubensströmung der Muʿtazila in Bagdad (bis etwa Ende des 9. Jh.) lehrte die „Erschaffenheit des Koran“ und konnte diesen und alle anderen religiösen Quellentexte des Islams somit kritisch betrachten. Statt der Imitation zogen sie den logischen Schluss vor.
  • al-Warraq, der Widersprüche und Ungereimtheiten im Koran im Lichte seines Vernunftbegriffes kritisierte.[14]

Auf viele dieser frühen muslimischen „Aufklärer“ (darunter etwa Averroes, Al-Ma'mun und Avicenna) beziehen sich heutige „Reform-Muslime“, z.B. die kanadische Feministin Irshad Manji[15] oder der türkische Theologe Yaşar Nuri Öztürk.

„St. Petersburg Declaration“[Bearbeiten]

Als Beginn eines „neuen Zeitalters der Aufklärung für den Islam“ verstand sich am 4. und 5. März 2007 in St. Petersburg (Florida) eine Konferenz islamkritischer Muslime aus verschiedenen islamischen und westlichen Ländern, die sich mit den säkularen Interpretationen des Islam, der Notwendigkeit einer innerkoranischen Kritik, mit dem Stand der Meinungsfreiheit in muslimischen Gesellschaften und mit Fragen der Erziehungsreform beschäftigte. Initiatoren waren u. a. andersdenkende Muslime wie Ayaan Hirsi Ali, Irshad Manji und Ibn Warraq. Zum Abschluss der Konferenz wurde die „St. Petersburg Declaration“ verabschiedet, in der unter anderem die Trennung von Staat und Religion, die Einhaltung der universellen Menschenrechte, die Abschaffung der Scharia und aller islamischer Tötungsstrafen und körperlicher Verstümmelungspraktiken sowie die völlige Gleichberechtigung der Frau im Islam und in den islamischen Ländern gefordert werden.[16]

Antitheistische Religionskritik[Bearbeiten]

Der Religionskritiker Christopher Hitchens wendet sich nicht nur gegen den Islamismus, sondern betrachtet den Islam insgesamt äußerst kritisch. So handele es sich um keine Religion aus einem Guss, denn die Überlieferungsgeschichte des Koran sei genauso brüchig wie die der Hadith, der mündlichen Tradierung von Aussprüchen und Taten Mohammeds. Hitchens meint sogar, der Islam sei „nicht viel mehr als ein ziemlich offensichtliches und schlecht strukturiertes Sammelsurium von Plagiaten, das sich bei früheren heiligen Werken und Traditionen bediente, je nachdem, wie die Lage es gerade zu verlangen schien“. Der Islam sei daher in seinen Ursprüngen ebenso diffus und ungenau wie jene Quellen, aus denen er schöpfe. Er beanspruche ungeheuer viel für sich selbst und verlange von seinen Anhängern als Maxime hingebungsvolle Demut bzw. rückhaltlose „Unterwerfung“, während er von den Nichtgläubigen Respekt und Achtung fordere. Seine Lehre beinhaltet aber nach Hitchens’ Ansicht nichts, was dies rechtfertigen könne.[17]

Neben Hitchens haben auch andere Vertreter der sogenannten „neuen Atheisten“ heftige Attacken gegen die islamische Religion gefahren. Der französische Philosoph Michel Onfray, der für seine polemische Religionskritik bekannt ist, spricht vom Aufstieg eines „muslimischen Faschismus“ nach der Islamischen Revolution im Iran und bescheinigt dem Islam „strukturell archaisch“ zu sein.[18] Der ebenfalls für seine antireligiösen Positionen bekannte Autor und Neurowissenschaftler Sam Harris übt noch heftigere Kritik am Islam, dessen Lehren seiner Meinung nach „in die gleiche Ecke wie Batman gehören. Harris schließt sich Samuel P. Huntingtons Thesen an und konstatiert: „Wir sind im Krieg mit dem Islam.“[19]

Liberale Islamkritiker[Bearbeiten]

In der Türkei argumentiert der promovierte islamische Philosoph und Theologe Yaşar Nuri Öztürk seit vielen Jahren gegen „verzerrte Auslegungen“ des Koran. Öztürk, der in der türkischen und deutschen Presse als „Türken-Luther“ bezeichnet wurde,[20] [21] sieht sich selbst als orthodoxen Muslim, der den Islam in seiner reinen, ursprünglichen Form rekonstruieren will. Er unterscheidet zwischen einem kulturell geprägten „Islam der Traditionen“ und einem „wahren Islam“, der sich an der Überlieferung des Korans festmachen ließe. Ausdrücklich befürwortet Öztürk vernunftgeleitete Kritik. Aktuelle Entwicklungen in der islamischen Welt kritisiert er als „Degenerationserscheinungen im Islam“. Er wendet sich auch gegen die Geschlechtertrennung in Schulen und Sport, gegen die Todesstrafe für vom Glauben abgefallene Muslime und gegen fundamentalistische Muslime, „die sich gottgefällig wähnen, weil sie Schweinefleisch und Alkohol meiden, während sie ungerührt ihre Frauen versklaven“. Der Theologe ist in seiner türkischen Heimat durch regelmäßige Fernsehauftritte und Zeitungskolumnen bekannt.[22]

Vor der Islamischen Revolution hatten im Iran Ahmad Kasravi und Ali Dashti zahlreiche kritische Artikel und Bücher vor allem gegen die schiitische Ausprägung des Islam publiziert.

Der Politikwissenschaftler muslimischen Glaubens Bassam Tibi prägte 1992 den Begriff Euroislam und fordert die Prinzipien des Islam mit den Werten der europäischen Kultur und Aufklärung zu vereinbaren. Tibi verlangt vom Islam die endgültige Abkehr von der Scharia und vom Dschihad.

Kritik von Muslimen und Renegaten[Bearbeiten]

Der ägyptische Islamkritiker Faradsch Fauda wurde im Jahr 1992 von einem Angehörigen der Gruppe al-Dschamāʿa al-islāmiyya ermordet.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington verfasste Abdelwahab Meddeb, ein französischer Autor tunesischer Herkunft, sein Buch “La maladie de l’Islam” (2002; dt. "Die Krankheit des Islam") und stellte sich auf die Seite von Papst Benedikts XVI. nach dessen Rede an der Regensburger Universität im September 2006.

Hamed Abdel-Samad bezeichnete im Mai 2013 während eines Vortrages in Kairo den Islamismus als eine Form des Faschismus. Der Politologe und Schriftsteller wurde aufgrund seiner Kritik zum wiederholten Mal mit dem Tod bedroht. Die Morddrohung des Salafisten Scheich Assem Abdel-Maged wurde im ägyptischen Fernsehen übertragen: "Er muss getötet werden, und seine Reue wird nicht akzeptiert". [23] Seit Jahren kritisiert Abdel-Samad die Politiker, die aus Angst oder aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül eine Appeasement-Politik gegenüber dem Islam betrieben, während die Ängste der eigenen Bevölkerung vor dem Islam aus der politischen Debatte ausgeblendet würden. Dieses Verhalten schlage in der deutschen Bevölkerung in Ressentiments um. [24][25]

Islamkritik als Ressentiment[Bearbeiten]

Der rechtspopulistische[26][27] Geert Wilders setzte in seinem Film Fitna („Zwietracht“) (2008) den Islam mit der Bedrohung durch den Faschismus und den Kommunismus gleich und verlangt ein Verbot des Korans. Er bezog sich dabei auf eine Rede der italienischen Islamkritikerin Oriana Fallaci, die die Existenz eines „gemäßigten Islam“ bestritt und die These vertrat, islamistische Gewalt sei nicht Folge eines Missbrauchs dieser Religion, sondern leite sich unmittelbar aus dem Koran ab. Ehsan Jami, ein niederländischer Politiker iranischer Herkunft, veröffentlichte zusammen mit Geert Wilders einen Artikel, in dem der Prophet Mohammed mit Adolf Hitler verglichen wurde. Am 9. Dezember 2008 erschien sein islamkritischer Film An Interview with Muhammed im Internet. Unterstützt wird Ehsan Jami bei seinen islamkritischen Bemühungen durch Afshin Ellian, einen niederländischen Professor für Rechtswissenschaften. Er gilt als einflussreiche Stimme gegen den Islam. Ellian kam 1989 als politischer Flüchtling aus dem Iran in die Niederlande. Die britische Autorin Bat Yeʾor (Gisèle Littman), die vor einer „Islamisierung“ Europas warnt und das Schlagwort "Eurabien" prägte, sowie die italienische Journalistin Oriana Fallaci, diskreditieren Muslime als ein Kollektiv, das unlautere Absichten verfolge.[28]

Reaktionen auf Islamkritik[Bearbeiten]

Reaktionen von muslimischer Seite[Bearbeiten]

In der laizistischen Republik Türkei hat sich der Journalist und Schriftsteller Mustafa Akyol am 16. September 2006 in der türkischen Tageszeitung Referans nach der umstrittenen[29] Regensburger Rede von Benedikt XVI. auf dessen Seite gestellt und die Ansicht vertreten, dass sich in der islamischen Welt niemand mit den negativen Realitäten des Dschihad und der Gewaltbereitschaft vieler Muslime auseinandersetzen würde.[30]

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor kritisierte in der Sendung Wort zum Freitag, dass Islamkritiker wie Henryk Broder, Necla Kelek oder Seyran Ateş nur „drauf hauen“ würden und teilweise auch persönliche Traumata hätten. Sie dürften nicht aus persönlichen Erfahrungen Rückschlüsse auf den Islam ziehen. Dies sei unfair und unsachlich und es gehe dabei nicht um das Thema an sich, sondern um ihre persönlichen Biografien. Andere wie Thomas Steinfeld trügen dagegen zur Versachlichung bei.[31]

Reaktionen von nichtmuslimischer Seite[Bearbeiten]

Die Breite des politischen und gesellschaftlichen Diskurses hat zur Folge, dass Inhalt und Begrifflichkeit der Islamkritik Gegenstand heftiger politischer und wissenschaftlicher Kontroversen sind.

So argumentiert der Islamwissenschaftler Thomas Bauer aufgrund seiner Kenntnisse des klassischen Islams, dass die Formen des Islams, die uns heute begegnen, durch die Begegnung mit Europa bereits "verwestlicht" sind, gleichgültig ob es sich um Reformislam oder um Fundamentalismus handelt. Im Unterschied zu dem extrem ambiguitätstoleranten klassischen Islam war die westliche Welt Bauer zufolge bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts durch eine hohe Ambiguitätsintoleranz gekennzeichnet, d.h. durch die Fixierung auf eine jeweils einzige, universelle Gültigkeit beanspruchende Wahrheit. Die islamische Kultur modernisierte sich, indem sie ihrerseits eine Ambiguitätsintoleranz entwickelte, also dem Westen eine eigene islamische Wahrheit entgegenhielt. Diese sei aber nach westlichem Vorbild konstruiert und verdränge die Pluralität der Wahrheitskonzepte, die die islamische Welt früher ausmachte. Das belegt Bauer beispielhaft anhand der heutigen Homosexuellenfeindlichkeit in der islamischen Welt, die weniger "islamisch" als "viktorianisch" sei. Tausende Verse populärster klassischer Liebeslyrik auf schöne Jünglinge belegten dies eindrucksvoll.[32]

Vorwiegend von Seiten Linker im Westen wird eine Ideologisierung und Vereinnahmung der Islamkritik durch Rechtskonservative, Rechtsextreme und Neue Rechte sowie der Missbrauch der Islamkritik als propagandistischer Kampfbegriff kritisiert. Wichtige und richtige Kritik am Islam werde mit rassistischer Propaganda vermischt und diene so dem Transport rechtsextremistischen Gedankengutes sowie der Diffamierung von Muslimen im Allgemeinen.[33]

Ralph Giordano setzt sich gegen die Vereinnahmung des Widerstandes gegen den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld durch die Bürgerbewegung Pro Köln zur Wehr, die er als „lokale zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus“ bezeichnete.[34][35]

Arzu Toker und Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime distanzierten sich in einem Interview des Humanistischen Pressedienstes von Udo Ulfkotte, er verwahrt sich gegen jegliche Fundamentalisierung, sowohl von Islam als auch von Christentum und spricht sich stattdessen für die Werte des Humanismus aus.[36]

Die oftmals fehlende Unterscheidung zwischen dem Islam und seiner extremen Erscheinungsform, dem Islamismus, führe zu einer Verwechslung zwischen seriöser Islamkritik und Antiislamismus. Dabei würden Muslime pauschal mit Extremismus und Terrorismus in Verbindung gebracht und so zum Feindbild stilisiert.[37]

Aus ähnlicher Motivation heraus werde oftmals Kritik an archaischen Riten und Bräuchen aus vorislamischer Zeit, z. B. die Beschneidung weiblicher Genitalien oder Mord an Familienangehörigen aufgrund narzisstischer Kränkung bzw. einer vermeintlichen Ehrverletzung (Ehrenmord) unter dem Begriff Islamkritik subsumiert, obwohl der ursächliche Zusammenhang fehlt oder der kritisierte Sachverhalt kein genuin islamisches Phänomen ist.

Patrick Bahners beanstandet den Umgang vieler Islamkritiker mit an ihnen geübter Kritik mit folgenden Worten: "Typisch für die deutsche Islamdebatte ist, dass Kritik an der Islamkritik als Versuch denunziert wird, die Debatte zu unterbinden. Wissenschaftler und Journalisten, die auf das schablonenhafte Weltbild und die fingierte Empirie in den volkstümlichen Berichten aus dem Inneren des muslimischen Lebens aufmerksam machen, kennen das Spiel seit Jahren: Ihnen wird vorgeworfen, sie wollten Aufklärern einen Maulkorb verpassen und tapfere Frauen mundtot machen"[38]. Zum Vorwurf der Muslimen angeblich gebotenen Täuschungsmethoden im Zuge der Taqiyya stellt Bahners fest, dass früher auch die Jesuiten von ihren Kritikern mit ähnlichen Beschuldigungen konfrontiert wurden[39] und die Islamkritik "das Klischee des verschlagenen Orientalen"[40] bediene. Weiter schreibt er dazu: "Der Befund, dass die meisten Muslime in westlichen Staaten friedlich leben und auf Anpassung bedacht sind, wird umgebogen zum Indiz des Gegenteils. Im islamkritischen Internet werden alle Äußerungen von Muslimen, die keine Aufrufe zum Dschihad sind, als Taquiya etikettiert"[41].

Der häufig anzutreffende Vorwurf einer „schleichenden Islamisierung“ wird mit Verschwörungstheorien wie der sogenannten jüdischen Weltverschwörung oder der kommunistischen Unterwanderung verglichen, die sich nahtlos in das von Rechtsextremen propagierte politische Konzept der Überfremdung einfügen würden.

Hannes Schwenger kritisiert, dass dem Islam immer wieder eine Verschwörung zur politischen Machtübernahme unterstellt wird und fühlt sich an die „Protokolle der Weisen von Zion“ erinnert.[42]

Die Kritik an der Praxis des Schächtens betrifft das Judentum ebenso wie den Islam und erscheint vielfach als Erweiterung oder bloße Adaption antisemitischer Agitation. Der in Toronto lebende und häufig in Deutschland publizierende Soziologieprofessor Y. Michal Bodemann meint in diesem Zusammenhang, dass seit dem 11. September immer mehr „reformulierte Antisemitismen“ gegen Migranten in Gebrauch gebracht werden.[43]

In einem offenen Brief des „Jüdischen Kulturvereins Berlin e.V..“ vom 19. November 2004 heißt es:

„Zunehmend scheinen Antisemitismus und Islamophobie zwei Seiten jener Medaille zu sein, in die stereotypes Handeln und neues Unverständnis mit großen Lettern eingraviert sind.[44]

Reaktionen aus diskurstheoretischer Sicht[Bearbeiten]

Im Kontext der Sarrazin-Debatte konstatiert Jürgen Link, dass unter den drei monotheistischen Religionen der Islam „die einzige [sei], die praktisch auf Länder der Dritten bis Fünften Normalitätsklasse [45] beschränkt [sei] und also für deren as-sociative und kulturelle Energie eine historisch gegebene Katalysatorrolle und die eines diskursiven Mediums [spiele]. Doch nicht weniger als andere Religionen hat sich auch der Islam historisch pluralisiert und pluralisiert sich weiter. Unter modernen Bedingungen tendiert er ebenso wie andere Religionen zur Entdogmatisierung (wozu es zudem mittelalterliche Präzedenzen gibt).“[46]

„Eines der Haupthindernisse für Pluralisierung, Toleranz und Entdogmatisierung des Islam“ ist aus der Perspektive des Diskursanalytikers nicht etwas dem Islam Inhärentes sondern „der militante und militärische Interventionismus westlicher Mächte unter dem Vorwand der 'Aufklärung'. Dieser Interventionismus mit seinen gezielten und ungezielten Tötungen mit Raketen-, Flieger- und Drohnenbomben, mit seiner Auslöschung ganzer Dörfer auf anonyme Denunziation der Anwesenheit von 'Aufständischen' hin, worin die andere, nämlich militärische Bedeutung von 'Aufklärung' herrscht, gibt der kleinen Minderheit von 'Djihadisten' den besten Vorwand für ihren Brutalismus.“[47]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Islamkritische Literatur[Bearbeiten]

Kritik an der Islamkritik[Bearbeiten]

Sammelband mit Beiträgen von 30 AutorInnen, darunter Feridun Zaimoglu, Ilija Trojanow, Hilal Sezgin, Jasmin Ramadan, Aiman Mazyek, Fereshta Ludin, Ali Kizilkaya, Mely Kiyak, Navid Kermani, Lamya Kaddor, Naika Foroutan, Ferdos Forudastan, Pegah Ferydoni, Sineb El Masrar, Neco Celik, Imran Ayata, Katajun Amirpur, Bekir Alboga und Hatice Akyün. Rezension zum Manifest der Vielen bei Ein Anti-Sarrazin-Buch (Version vom 15. Oktober 2011 im Internet Archive).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Islamkritik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikibooks: Religionskritik: Islam – Lern- und Lehrmaterialien
 Wikiversity: Ein gewaltfreier und toleranter Islam – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Heiner Bielefeldt: „Entgleisende Islamkritik. Differenzierung als Fairnessgebot.“ In: Politik und Islam, VS Verlag, Wiebaden 2011, S. 135.
  2. De Haeresibus von Johannes von Damaskus. Siehe Migne, Patrologia Graeca, vol. 94, 1864, cols 763-73. Englische Übersetzung von John W Voorhis erschien THE MOSLEM WORLD 1954, S. 392–398.
  3. Warraq, Ibn (2003). Leaving Islam: Apostates Speak Out. Prometheus Books, 67. ISBN 1-59102-068-9.
  4. Ibn Kammuna, Examination of the Three Faiths, trans. Moshe Perlmann (Berkeley and Los Angeles, 1971), pp. 148–49
  5. The Mind of Maimonides, by David Novak, retrieved April 29, 2006
  6. Mohammed and Mohammedanism, by Gabriel Oussani, Catholic Encyclopedia, retrieved April 16, 2006
  7. Bostom, Andrew. „Islamic Apostates' Tales – A Review of Leaving Islam by Ibn Warraq“, FrontPageMag, July 21, 2003.
  8. Country Report. See also Timothy Garton Ash. „Islam in Europe“, The New York Review of Books, 10. Juni 2006.
  9. Tariq Modood (April 6, 2006). Multiculturalism, Muslims and Citizenship: A European Approach, 1st, Routledge, 29. ISBN 978-0415355155.
  10. Zu den nicht-islamischen Quellen des frühen Islam siehe ausführlich Robert G. Hoyland: Seeing Islam as Others Saw It. A Survey and Evaluation of Christian, Jewish and Zoroastrian Writings on Early Islam. Princeton 1997.
  11. St. John of Damascuss Critique of Islam; deutsche Übersetzung: Kritik von St. Johannes von Damaskus am Islam
  12. Übersetzung nach: Encyclopaedia of Islam, Bd. VIII, S. 379–381
  13. Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen, Ansprache von Benedikt XVI., Aula Magna der Universität Regensburg am 12. September 2006
  14. vgl. Abdelwahab Meddeb: „Islam und Aufklärung. Theologen und Philosophen im Widerstreit um Tradition und Moderne“; lettre 73, Sommer 2006 [1]
  15. Irshad Manji in ihrem Buch "Der Aufbruch – Plädoyer für einen aufgeklärten Islam", München 2005, S. 64: "Innerhalb Spaniens ... wagte es (Ibn Rushd), anderer Meinung zu sein als die Theokraten. Angetrieben durch den Aufstieg eines grausamen Islam, argumentierte Ibn Rushd, dass 'Philosophen am besten in der Lage sind, die allegorischen Passagen im Koran ... richtig zu verstehen. Es gibt keine religiöse Begründung dafür, dass die allegorischen Koranpassagen wörtlich zu nehmen sind'. Dazu kann ich nur Amen sagen".
  16. Vgl. St. Petersburg Declaration
  17. Wie eigenständig ist der Islam als Religion? Christopher Hitchens in „WELT ONLINE“ am 23. Mai 2007
  18. Vgl. Michel Onfray: Atheist manifesto. The case against Christianity, Judaism and Islam. Carlton, Vic. 2007, S. 199–213.
  19. Vgl. Sam Harris: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason, S. 108–152.
  20. Vom "Türken-Luther" zum Anti-Erdogan: Türkischer Star-Theologe gründet Partei Welt Online, 20. Februar 2005, abgerufen am 3. August 2011
  21. Türk Luther’i Erdoğan’a karşı Hürriyet, abgerufen am 3. August 2011
  22. Vgl. Radiofeuilleton, Dradio Kultur, Beitrag von Abdul-Ahmad Raschid
  23. http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-06/Hamed-Abdel-Samad-Aegypten
  24. http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/gastkommentar-die-muslime-sind-zu-empfindlich/1836668.html
  25. http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-06/Hamed-Abdel-Samad-Aegypten/seite-2
  26. Deutschlandfunk: „Wilders Einfluss durch die Hintertür“, 14. Oktober 2010
  27. Deutschlandfunk: „Geert Wilders vor Gericht“, 4. Oktober 2010
  28. Vgl. Navid Kermani: Strategie der Eskalation. Der Nahe Osten und die Politik des Westens. In: Göttinger Sudelblätter. Wallstein, Göttingen 2005 S. 37.
  29. Adel-Théodore Khoury: „Das Zitat trifft nur auf eine Minderheit der Muslime zu“ FAZ.NET, 17. September 2006. Abgerufen am 8. August 2011
  30. mustafaakyol.org: türkischer Zeitungsartikel in der Refarans zur Papstkritik von Mustafa Akyol (Version vom 15. März 2008 im Internet Archive) (türkisch)
  31. Lamya Kaddor nimmt zur Islamkritik von Henryk Broder und Necla Kelek Stellung (Version vom 5. April 2010 im Internet Archive), Forum am Freitag vom 29. Januar 2010 in der ZDF Mediathek (offline)
  32. Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2011
  33. Was „Israelkritik“ und „Islamkritik“ gemeinsam haben Susanne Bressan auf Hagalil.com
  34. „Politiker blenden Zorn über Probleme aus“ Ralph Giordano im Kölner Stadtanzeiger 22. Mai 2007
  35. „Ich bin doch kein Türkenschreck“ Ralph Giordano in Spiegel Online
  36. Beginn einer weltweiten Aufklärungsbewegung Arzu Toker und Mina Ahadiim Gespräch mit Dr. Michael Schmidt-Salomon, 10. April 2007
  37. Sabine Diederich, Bernd Fechler und Holger Oppenhäuser: Große Politik im Klassenzimmer. Zur pädagogischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus unter Jugendlichen in multikulturellen Lerngruppen. (PDF; 1,3 MB), S. 99
  38. Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. dtv, München, 2012, S. 324. ISBN 978-3-423-34721-1
  39. ebd., S. 217 f.
  40. ebd., S. 217
  41. ebd., S. 219 f.
  42. Welchen Islam hätten's denn gern? Hannes Schwenger über Ulfkottes Buch Heiliger Krieg in Europa
  43. Unter Verdacht – Parallelgesellschaften und Anti-Islamismus Prof. Y. Michal Bodemann in der Süddeutschen Zeitung, 19. November 2004
  44. Wider die Islamophobie – Terror hat keine Religion Offener Brief des Jüdischen Kulturvereins Berlin e. V.
  45. Gemeint sind die „oberen Schwellenländer“, die „mittleren Durchschnittsländer der Dritten Welt“ und die am wenigsten entwickelten Länder.
  46. Jürgen Link, Sarrazins Deutschland, S. 41
  47. Jürgen Link, ebd.