Akupunktur

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Akupunktur – Akupunkturpunkt Di 4
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Ohrakupunktur
Akupunkturnadeln.JPG
Akupunkturnadeln, zum Größenvergleich mit einem Streichholz
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Akupunkturnadel (kurz)

Die Akupunktur (lat.: acus = Nadel, punctio = das Stechen, chinesisch 針砭, Pinyin zhēn biān) ist ein Teilgebiet der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Sie geht von einer "Lebensenergie des Körpers" (Qi) aus, die auf definierten Leitbahnen beziehungsweise Meridianen[1] zirkulieren und einen steuernden Einfluss auf alle Körperfunktionen haben soll. Ein gestörter Energiefluss wird für Erkrankungen verantwortlich gemacht. Durch Stiche in auf den Meridianen liegende Akupunkturpunkte soll die Störung im Fluss des Qi behoben werden. Das gleiche Therapieziel hat die Akupressur, bei der man einen stumpfen Druck ausübt, sowie die Moxibustion, bei der Wärme eingesetzt wird.

Das Konzept der Lebensenergie und Meridiane ist unwissenschaftlich und hält einer Überprüfung nicht stand. Als Wirkungsmechanismus wird vor allem der Placeboeffekt vorgeschlagen (siehe Abschnitt „Konzept der Akupunktur“).

Klinische Studien zeigen die Wirksamkeit einer Scheinakupunktur (bei der beliebige Stellen gestochen werden) und somit auch der Akupunktur (als Spezialfall einer Scheinakupunktur) in bestimmten Fällen. Dazu gehören durch Kniegelenksarthrose bedingte Schmerzen, chronische Rückenschmerzen und die Prophylaxe von Migräneattacken. So trat in den GERAC-Studien (German Acupuncture Trials, 2002–2007), den bisher umfangreichsten klinischen Untersuchungen, bei der Behandlung von tiefen Rückenschmerzen bei knapp der Hälfte der Scheinakupunktur-Patienten bzw. der Akupunktur-Patienten und nur bei rund einem Viertel der konventionell behandelten Patienten eine erkennbare Verbesserung ein. Auch andere Studien zeigen, dass eine Scheinakupunktur nicht weniger wirksam ist als eine nach traditionellen Regeln durchgeführte Akupunktur.[2][3][4][5][6] Akupunktur wird zur Behandlung zahlreicher weiterer Beschwerden angeboten, doch steht in vielen Fällen ein wissenschaftlich anerkannter Beleg für die Wirksamkeit aus.[7] Unter den alternativmedizinischen Behandlungsverfahren hat die Akupunktur die größte Bedeutung. In der EU gibt es schätzungsweise 96.380 Anwender von Akupunktur, davon 80.000 Ärzte.[8]

Historisches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Akupunkturtafel, Tokio 1716

Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Akupunktur und Moxibustion (chinesisch 針灸, Pinyin zhēn jiǔ ‚Akupunktur und Moxibustion‘) stammt aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Der chinesische Historiker Sima Qian erwähnt in seinen Aufzeichnungen erstmals Steinnadeln. Die älteste Sammlung chinesischer medizinischer Schriften Innere Klassiker des Gelben Kaisers (Huangdi Neijing) aus der Zeit zwischen 200 Jahre vor und nach der Zeitenwende integriert die Aku-Moxi-Therapie in die damalige Medizin und beschreibt verschiedene Nadeln (aus Metall), Stichtechniken, Indikationen für die Anwendung bestimmter Punkte. In diesem Werk sind 160 Punkte beschrieben.

Das erste eindeutig datierbare Werk über Akupunktur ist Der Systematische Aku-Moxi-Klassiker (Zhenjiu jiayijing) von Huangfu Mi (215–282). Darin werden eine klare Terminologie, eine Topologie von 349 Akupunkturpunkten und systematische Hinweise auf deren Wirkung beschrieben. Weitere bedeutsame Schriften sind die Erläuterungen der 14 Hauptleitbahnen von Hua Boren (1341), die Untersuchungen über die acht unpaarigen Leitbahnen von Li Shizhen (1518–1593), sowie die Summe der Aku-Moxi-Therapie von Yang Jizhon (1601).

Schon im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert erwähnten portugiesische Jesuiten in Briefen aus Japan das Brennen mit Moxa und die Nadeltherapie.[9] Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Akupunktur in Europa besonders durch zwei Ärzte der Niederländischen Ostindien-Kompanie bekannt gemacht: Willem ten Rhijne und Engelbert Kaempfer. Eine Übernahme dieser Therapieformen in die europäische medizinische Praxis jedoch wurde zunächst vehement abgelehnt.

Die erste bekannte Akupunkturbehandlung in Europa führte 1810 der Arzt Louis Berlioz, der Vater des Komponisten Hector Berlioz aus. Er berichtete darüber in einer 1816 erschienenen Preisschrift.[10] Ab 1819 – schwerpunktmäßig um 1825 unter Jules Cloque – ausklingend in den 1830er Jahren – wurde die Akupunktur in Frankreich zu einer häufig angewendeten Therapieform, ja Modetherapie. Die französische Praxis wurde in England 1821 durch den Arzt James Morss Churchill aufgegriffen.[11] 1825 begleitete Johann Wilhelm von Wiebel seinen König Friedrich Wilhelm IV. auf einem Staatsbesuch in Paris und rapportierte über seine Eindrücke aus der Pariser Akupunkturpraxis.[12][13] Auch in den USA schrieben Ärzte ab 1825 über eigene Erfahrungen, die sie nach französischem und englischem Vorbild mit der Akupunktur gemacht hatten.[14]

Weltweit großes Aufsehen und heftige Debatten erregte die während der frühen siebziger Jahre in China vorgenommene Anästhesierung durch Akupunktur. Nach dem Vietnamkrieg zog das US-Militär Erkundigungen ein über den Nutzen der Akupunktur-Anästhesie. Noch heute finanziert das US-Militär Akupunkturstudien.[15][16]

Große Teile der traditionellen chinesischen Medizin einschließlich der Akupunktur sind in China bis heute neben der nach westlichen Normen betriebenen Medizin weit verbreitet und ins universitäre Bildungssystem integriert.[17]

Hauptartikel: Geschichte der Akupunktur

Konzept der Akupunktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der traditionellen chinesischen Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pericard-Meridian (Herzbeutelmeridian/Kreislaufmeridian); Akupunktur in der Ming-Dynastie (1368–1644). Bibliothèque Nationale de France, Paris

Die Akupunktur basiert auf der Lehre von Yin und Yang, die später durch die Fünf-Elemente-Lehre und der Lehre von den Meridianen ergänzt wurde. Sie verwendet drei Verfahren:

  1. Einstechen von Nadeln in die Akupunkturpunkte
  2. Erwärmen der Punkte (Moxibustion)
  3. Massage der Punkte (Tuina, Akupressur)

In der Akupunktur werden rund 400 Akupunkturpunkte benutzt, die auf den so genannten Meridianen liegen. Zur Vereinfachung wurde das heute gängige Modell von zwölf Hauptmeridianen, die jeweils spiegelbildlich auf beiden Körperseiten paarig angelegt sind, eingeführt. Acht Extrameridiane und eine Reihe von sogenannten Extrapunkten ergänzen dieses Modell. Nach dem Modell der Traditionellen chinesischen Medizin wird durch das Einstechen der Nadeln der Fluss des Qi (Lebensenergie) beeinflusst.

Die Akupunktur gehört nach diesem Verständnis zu den Umsteuerungs- und Regulationstherapien.

Da die von der traditionellen chinesischen Medizin angenommenen Wirkmechanismen wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnten, diese sogar etablierten Erkenntnissen über Funktion und Aufbau des menschlichen Körpers widersprechen, und sich auch kein anderer Wirkmechanismus nachweisen lässt, wird für die Wirksamkeit häufig der Placebo-Effekt verantwortlich gemacht.[18] Diese und ähnliche Ergebnisse aus anderen Bereichen der Alternativmedizin haben zu einer verstärkten Diskussion darüber geführt, wie sich der Effekt auch in der konventionellen Medizin besser ausnutzen lässt. Scheinakupunktur ist jedoch kein klassisches Placebo.[19][20]

Noch älter als die Akupunktur ist die Akupressur, bei der die Punkte mit Hilfe der Fingerkuppen oder auch mit Hilfe von Werkzeugen massiert werden, weshalb die Akupressur auch als eine nicht-invasive Form der Akupunktur betrachtet werden kann.

Nach der evidenzbasierten naturwissenschaftlichen Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der Sicht der Naturwissenschaft beruht das Wirkungsprinzip der Akupunktur auf der Reizung bestimmter Körperpunkte, wodurch möglicherweise Einfluss auf die Regulation des Körpers genommen wird. Einige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass durch periphere Stimulation bestimmter Akupunkturpunkte vermehrt Endorphine im Bereich des Mittelhirns ausgeschüttet werden.[21][22][23][24][25][26]

Heutzutage geht man davon aus, dass das Molekül Adenosin für die Wirkung der Akupunkturnadeln eine wichtige Rolle spielt. 2010 berichtet US-Neurowissenschaftler von der University of Rochester im Bundesstaat New York in Nature Neuroscience, dass in unmittelbarer Nähe der Nadelstiche der Adenosin-Level im Gewebe um das Mehrfache gestiegen war.[27][28][29] Was genau bei einer Akupunktur im Körper abläuft, ist noch nicht aufgeklärt.

Weiterentwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Japan entwickelten Praktiker Anfang des 20. Jahrhunderts eine Shōnishin (小児鍼, dt. „Kleinkind-Akupunkturnadel“) genannte nicht-invasive pädiatrische Therapie, die später auch im Westen von Medizinern aufgegriffen und weiter entwickelt wurde.[30][31] Das Konzept der Ohrakupunktur (auch Auriculotherapie genannt) wurde vom französischen Arzt Paul Nogier entwickelt.[32] Er fand heraus, dass auf der Ohrmuschel der gesamte Organismus auf kleinster Fläche in Form reaktiver Punkte mit festem Bezug zur Körpertopographie und Körperfunktion (Somatotopie) repräsentiert ist.[33] 1954 berichtete er erstmals in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur über seine Erfahrungen und 1961 stellte er seine Diagnose- und Therapieform auf einem Akupunkturkongress in Deutschland vor. Die Behandlung über das Ohr ist auch aus der chinesischen Akupunktur bekannt, es werden dort jedoch nur wenige Punkte und diese auch nur selten verwendet. Weitere Formen der Ohrakupunktur sind die Implantat-Akupunktur[34] und die Neuroaurikulotherapie (NAT).

Es wurden weitere Somatotopien wirksamer Mikroakupunktursysteme entdeckt. Seit 1987 besteht das Konzept der koreanischen Handakupunktur Su Jok, bei der die Nadeln in die Hände gestochen werden.[35] [36] [37] Die Chinesische Schädelakupunktur wurde von Neurochirurgen entwickelt und orientiert sich an der Neuroanatomie. Sie wird zur täglichen Versorgung von Schädel- und Hirnverletzten in China eingesetzt. [38] Weiterhin existieren die von dem japanischen Arzt Toshikatsu Yamamoto in den 1960ern entwickelte Yamamoto Neue Schädelakupunktur (YNSA)[39] und die Fußakupunktur.[40] Die Mundakupunktur nach Dr. Jochen Gleditsch beruht auf spezifischen Reflexpunkten in der Mundschleimhaut.[41] Über die den Zähnen vorgelagerten Vestibulumpunkte sowie über Punkte hinter den Molaren lassen sich weitgehend reproduzierbare Fernwirkungen erzielen.[42]

Eine weitere neuzeitliche Entwicklung ist die Behandlung von Akupunkturpunkten mit einem Laser mit niedriger Leistungsdichte im roten oder infraroten Bereich (Laserakupunktur, Low-Level-Lasertherapie). Die Mesotherapie ist eine Injektionsakupunktur, bei der homöopathische oder niedrigdosierte Wirkstoffe appliziert werden.

Durchführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Akupunktursitzung dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Dabei wird der Patient ruhig und entspannt gelagert, typischerweise liegt er oder sitzt bequem. Vor dem Einstich einer Nadel wird die Stelle und die unmittelbare Umgebung leicht massiert. Während einer Sitzung werden so wenige Punkte wie möglich gestochen. Manche Autoren geben eine Maximalzahl von 16 an, die aber in Einzelfällen überstiegen werden kann.

Einsatzgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Akupunktur bei der US-Navy[43]
Ohrakupunktur bei der U.S. Air Force

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte 2002 eine Indikationsliste für Akupunktur, auf der diese bei 28 Krankheitsbildern empfohlen wird.[44] Diese Veröffentlichung wurde unter Ausschluss der Wissenschaftsgemeinschaft erstellt und keinerlei Peer-Review unterzogen. Sie spiegelt nicht den Stand der Forschung über Akupunktur wider. Diese Liste umfasst folgende Bereiche:

Als anerkannte Indikation für eine Akupunkturbehandlung gelten auch chronische Schmerzen, wenn kein körperlicher Befund vorliegt und Schwangerschaftsbeschwerden.

Das US-amerikanische National Institutes of Health wertete alle vorhandenen Studien zur Akupunktur aus und bemängelte dabei die oftmals schlechte Qualität vieler Studien. In einem Bericht, den ein von Alternativmedizinern dominiertes Komitee[46] erstellte, wird dagegen auf vielversprechende Ergebnisse hingewiesen, die auf die Wirksamkeit in zahlreichen Bereichen hindeuten.[47]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Allgemeinen treten bei sachgemäßer Handhabung der Akupunktur kaum Nebenwirkungen auf. Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Die Ausbildung eines Hämatoms an der Einstichstelle.
  • Bei langen Verweildauern von Nadeln („Dauernadeln“), egal welchen Materials, kann es zu Entzündungen kommen.
  • Es können vereinzelt Blutstropfen austreten.
  • Bei bestimmten Punkten oder Punktkombinationen kann dem Patienten schwindlig werden.
  • Kurzzeitiger Bewusstseinsverlust kann auftreten (sehr selten, bei unsachgemäßer Punktwahl oder zu starker Stimulation).
  • Taubheitsgefühl
  • Silikonisierte Akupunkturnadeln können durch Ablagerung kleinster Mengen Silikon in der Haut Granulome verursachen.[48][49][50][51]

Dies sind die häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen einer Akupunkturbehandlung. In den großen deutschen Krankenkassenstudien mussten die Ärzte die auftretenden Nebenwirkungen dokumentieren. Betroffen waren etwa acht Prozent der mit Akupunktur behandelten Patienten. Eine systematische Übersicht aller Verletzungen von Blutgefäßen, die durch Akupunktur erzeugt wurden und in der Fachliteratur dokumentiert wurden, fand 21 Fälle, einige davon mit sehr ernsten Komplikationen. Drei Patienten verstarben infolge dieser Zwischenfälle. Die Autoren zogen daraus den Schluss, dass vaskuläre Zwischenfälle selten sind.[52] Organverletzungen, wie etwa ein Pneumothorax (selten) durch eine unbeabsichtigte Verletzung der Lunge gelten nicht als Nebenwirkung, sondern als Behandlungsfehler aufgrund von fehlendem Wissen und bei unsachgemäßer Nadelung.[53][54]

Gegenanzeigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

Es gibt verschiedene Gruppen von Menschen, bei denen manche Ärzte von einer Akupunkturbehandlung abraten, zum Beispiel:

Menschen mit niedrigem Blutdruck oder Kollapsneigung sollten während der Akupunkturbehandlung liegen und sich danach eine Weile ausruhen.

Elektro-Akupunktur darf bei Epileptikern nicht angewandt werden, weil der elektrische Strom epileptische Anfälle auslösen könnte. Auch Menschen mit einem Herzschrittmacher dürfen nicht elektro-akupunktiert werden, weil der elektrische Strom den Schrittmacher fehlsteuern könnte.

Wissenschaftliche Beurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Vertreter der konventionell westlichen Medizin sehen es weiterhin als Aufgabe der Forschung an, der hinter der Akupunktur stehenden Theorie der Meridiane und Akupunkturpunkte wissenschaftlich nachzugehen. Andere Vertreter halten diese Ideen für so abwegig, dass sie keinen Bedarf für genauere Nachforschungen mehr sehen. Die bislang größte weltweite prospektive und randomisierte Untersuchung (GERAC-Studien) kommt zum Schluss, dass die Akupunktur genauso wirksam sei wie eine Scheinbehandlung an benachbarten, aber nichtklassischen Punkten (Placebo). Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011, in der 57 systematische, seit 2000 veröffentlichte Übersichtsarbeiten untersucht wurden, kam zu dem Ergebnis, dass es wenig Beweise dafür gibt, dass Akupunktur eine effektive Behandlung bei Schmerz ist.[7]

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Sowohl prinzipielle Befürworter als auch Gegner der Akupunktur warnen davor, bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs, Multipler Sklerose oder Schlaganfall Akupunktur anzuwenden. Befürworter begründen, dass solche Erkrankungen Gegenanzeigen gegen die Akupunktur seien, weil eine fördernde (in diesem Zusammenhang nachteilige, weil der Erkrankung Vorschub leistende) Wirkung der Akupunktur die Krankheit noch verschlimmern könnten, indem sie beispielsweise bei Krebserkrankungen die Zellen zur unerwünschten Vermehrung anregen würden. Eine solche fördernde Wirkung wurde jedoch nie nachgewiesen. Gegner der Akupunktur halten den Einsatz der Methode besonders bei schwerwiegenden Erkrankungen für gefährlich, weil konventionelle Therapien zugunsten der Akupunktur häufig nicht oder erst zu spät eingesetzt werden.

GERAC-Akupunktur-Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die GERAC-Studien (2002–2007) (German Acupuncture Trials) sind die weltweit größten prospektiven und randomisierten Untersuchungen zur Wirksamkeit der Akupunktur im Vergleich zu einer leitlinienorientierten Standardtherapie für die volkswirtschaftlich relevanten Indikationen chronischer Kreuzschmerz, chronischer Schmerz bei Kniegelenksarthrose, chronischer Spannungskopfschmerz und chronische Migräne. Ein Leitungsgremium an der Ruhr-Universität Bochum (Sprecher Hans-Joachim Trampisch) steuerte die deutschlandweiten Studien unter Beteiligung von sechs Universitäten (Essen, Heidelberg, Marburg, Mainz und Regensburg) und über 500 ambulanten Ärzten.[56] An der Konzeption und Durchführung der GERAC-Studien war entscheidend die wissenschaftliche Fachgesellschaft Forschungsgruppe Akupunktur beteiligt.[57] Die dreiarmigen Studien verglichen an insgesamt 3500 Patienten eine Akupunktur an chinesischen Akupunkturpunkten (Verum) mit einer Akupunktur an nicht chinesischen Punkten (Sham) und einer konventionellen Therapie. Hierbei zeigte sich, dass etwa 11 Akupunkturbehandlungen innerhalb von 6 Wochen der konventionellen Standardtherapie bei chronischem Kniegelenksarthroseschmerz und bei chronischem Kreuzschmerz überlegen waren.[3][4] Bei Migräne war der Therapieerfolg einer Akupunktur über 6 Wochen mindestens so hoch wie derjenige einer 6 monatigen prophylaktischen medikamentösen Therapie, mit täglicher Einnahme von Betablockern.[5] Ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Akupunkturformen Verum und Sham konnte, wie in vielen anderen Studien auch, in keiner der Studien gezeigt werden.[3][4][5][6] Das Studienprotokoll wurde allerdings bereits während der Studien frei publiziert.[58] Einige Kritiker halten wegen dieser Entblindungen den Wert der GERAC-Studien für herabgesetzt.[59][60]

Auf der Grundlage der GERAC-Studien entschied der Gemeinsame Bundesausschuss, dass Akupunktur seit 1. Januar 2007 bei Rückenschmerzen und chronischen Gelenkschmerzen Teil der Kassenleistung ist.[61] „Die allein historisch begründete Darstellung der Punktspezifität chinesischer Akupunkturpunkte in der ärztlichen Akupunkturausbildung (Akupunktur Fort- und Weiterbildungsseminaren) ist klinisch wenig relevant.“[62] Die 2009 aktualisierten internationalen Cochrane-Reviews, deren Resümee wesentlich durch die Ergebnisse der GERAC-Studien beeinflusst wurden, kommen zu dem Schluss, dass die Akupunktur „eine wertvolle nicht pharmakologische Therapiemöglichkeit bei Patienten mit häufigem episodischem Spannungskopfschmerz darstellt“ und dass die „Akupunktur bei Migräne mindestens so wirksam, möglicherweise auch wirksamer, als eine medikamentöse prophylaktische Therapie ist, und dies bei geringeren unerwünschten Wirkungen“.[63][64]

Studien im Rahmen des „Modellvorhabens Akupunktur“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige deutsche gesetzliche Krankenversicherungen, unter Führung der Techniker Krankenkasse, betrieben das „Modellvorhaben Akupunktur“, in dem überprüft werden sollte, ob es sinnvoll wäre, die Akupunktur in den Leistungskatalog aufzunehmen. Dieses Projekt wurde vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie des Berliner Universitätsklinikums Charité wissenschaftlich unterstützt und beinhaltete drei Studien:

  • Acupuncture Safety and Health Economics Studies (ASH)[65]
  • Acupuncture in Routine Care Studies (ARC)[66]
  • Acupuncture Randomized Trials (ART)[67]

Die Ergebnisse wurden unter anderem im Deutschen Ärzteblatt[68][69] und The Lancet[70] präsentiert. Es wurde ein Effekt festgestellt, der aber nicht anhaltend war. Auch bei diesen Studien wurde das genaue Studienprotokoll bereits während der laufenden Studien publiziert, was Kritik (Entblindung) hervorrief.[71][72]

Weitere Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ergebnisse einer großen Zahl von chinesischen Akupunkturstudien, die alle die Wirksamkeit der Methode belegen sollen, werden in der wissenschaftlichen Literatur aufgrund der Methodik angezweifelt.[73] Praktisch bei allen chinesischen Studien zur Akupunktur wird nicht randomisiert und prospektiv und nicht mit geeigneten Kontrollgruppen gearbeitet.

Ein anderer Ansatz zur Erforschung der Akupunktur besteht in dem Versuch, mögliche physiologische Wirkungsmechanismen aufzudecken und wissenschaftlich haltbare Nachweise der Ortslokalisation von Organ-, Schmerz- und Triggerpunkten zu erbringen.[74] Ein belastbarer Nachweis wurde bisher noch nicht erbracht.

Kostenerstattung durch Krankenkassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 1. Januar 2007 erstatten alle deutschen gesetzlichen Krankenkassen gemäß einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses in Deutschland Akupunkturbehandlungen bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und in den Kniegelenken bei Kniegelenksarthrose im Rahmen eines schmerztherapeutischen Gesamtkonzepts.[75] Teil dieses Beschlusses ist die Erhöhung der notwendigen Qualifikation der Ärzte: Neben der ärztlichen Zusatzbezeichnung „Akupunktur“ wird der Nachweis der jeweils 80-stündigen Kurse „Spezielle Schmerztherapie“ und „Psychosomatische Grundversorgung“ vorausgesetzt. Die Behandlung von Kopfschmerzen durch Akupunktur wurde nicht in den Leistungskatalog aufgenommen, da kein Vorteil gegenüber der Standardtherapie festgestellt worden war.[61] Andere Indikationen für Akupunkturbehandlungen sind nicht Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und müssen deshalb selbst bezahlt werden.

Die Privaten Krankenversicherungen, Beihilfen und die Postbeamtenkrankenkasse bezahlen Akupunktur zur Behandlung von Schmerzen nach der amtlichen Gebührenordnung für Ärzte,[76] nach Einzelfallentscheidung meist auch für weitere Diagnosen. Vertragsabhängig werden auch Heilpraktikerleistungen erstattet.

Eine weitere Möglichkeit der Kostenübernahme oder Kostenbeteiligung besteht durch Heilpraktiker-Zusatzversicherungen, da auch Heilpraktiker mit TCM-Ausbildung Akupunktur anbieten.

In der Schweiz wird die Akupunktur über die Grundversicherung abgedeckt, wenn die Behandlung durch einen Arzt erfolgt.[77] Darüber hinaus ist die Akupunktur von bestimmten Formen der Zusatzversicherung abgedeckt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Academy of Traditional Chinese Medicine: An Outline of Chinese Acupuncture. Foreign Languages Press, Peking 1975.
  • John Z. Bowers, Robert W. Carrubba: The doctoral thesis of Engelbert Kaempfer on tropical diseases, oriental medecine and exotic natural phenomena. In: Journal of the history of medecine and allied sciences. Band XXV, No 3, 1970, S. 270–311.
  • John Z. Bowers, Robert W. Carrubba: The western world's first detailed treatise on acupuncture: Willem Ten Rhijne's De acupunctura. In: Journal of the history of medecine and allied sciences. Band XXIX, No 4, 1974, S. 371–399.
  • U. A. Casal: Acupuncture, Cautery and Massage in Japan. In: Asian Folklore Studies. Vol. 21, 1962, ISSN 0385-2342, S. 221–235. (PDF; 1 MB)
  • Philibert Dabry de Thiersant (1826–1898), Jean-Léon Souberain: La médecine chez les Chinois. Plon, Paris 1863. (Digitalisat archive.org)
  • Michael Eyl: Chinesisch-japanische Akupunktur in Frankreich (1810–1826) und ihre theoretischen Grundlagen (1683–1825). Diss. med. Zürich 1978.
  • Gerhart Feucht (Mitglied des Ludwig Boltzmann-Instituts für Akupunktur): Die Geschichte der Akupunktur in Europa. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1977, ISBN 3-7760-0364-2.
  • Wolfgang Michel: Frühe westliche Beobachtungen zur Akupunktur und Moxibustion. Sudhoffs Archiv, Band 77 (2), 1993, S. 194–222. (Digitalisat)
  • Wei-kang Fu: The Story of Chinese Acupuncture and Moxibustion. Foreign Language Press, Peking 1975.
  • Franz Hübotter: Die chinesische Medizin zu Beginn des XX. Jahrhunderts und ihr historischer Entwicklungsgang. Verlag der Asia Major, Leipzig 1929.
  • Carl-Hermann Hempen: dtv-Atlas Akupunktur. 5. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, ISBN 3-423-03232-4.
  • Pierre Huard, Zensetsou Ohya, Ming Wong: La médecine Japonaise des origines à nos jours. R. Dacosta, Paris 1974.
  • Gwei-Djen Lu, Joseph Needham: Celestial lancets. A history and rationale of acupuncture and moxa. Cambridge University Press, Cambridge 1980.
  • Felix Mann, Thomas Flöter (Übersetzung): Die Revolution der Akupunktur. Akupunktur Medizin Information, Gießen 1997, ISBN 3-927971-08-1.
  • Hans P. Ogal, Wolfram Stör, Yu-Lin Lian: Seirin Bildatlas der Akupunktur. KVM-Verlag, ISBN 3-932119-40-1.
  • Manfred Porkert, Carl-Hermann Hempen: Systematische Akupunktur. Urban & Schwarzenberg, München/ Wien/ Baltimore 1985, ISBN 3-541-11151-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Akupunktur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Akupunktur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der westliche Terminus Meridian ist missverständlich, da es sich nicht um Projektionslinien handelt. Der zugrunde liegende chinesische Terminus jingluo ist als Trakte und Kanäle zu übersetzen.
  2. journalMED: Neurologen: Akupunktur hilft gegen Migräne nur wie ein Placebo, aufgerufen am 27. Mai 2010.
  3. a b c H. P. Scharf, U. Mansmann, K. Streitberger, S. Witte, J. Krämer, C. Maier, H. J. Trampisch, N. Victor: Acupuncture and knee osteoarthritis: a three-armed randomized trial. In: Ann Intern Med. 145(1), 4. Jul 2006, S. 12–20.
  4. a b c M. Haake, H. H. Müller, C. Schade-Brittinger, H. D. Basler, H. Schäfer, C. Maier, H. G. Endres, H. J. Trampisch, A. Molsberger: German Acupuncture Trials (GERAC) for chronic low back pain: randomized, multicenter, blinded, parallel-group trial with 3 groups. In: Arch Intern Med. 167(17), 24. Sep 2007, S. 1892–1898.
  5. a b c H. C. Diener, K. Kronfeld, G. Boewing, M. Lungenhausen, C. Maier, A. Molsberger, M. Tegenthoff, H. J. Trampisch, M. Zenz, R. Meinert: GERAC Migraine Study Group. Efficacy of acupuncture for the prophylaxis of migraine: a multicentre randomised controlled clinical trial. In: Lancet Neurol. 5(4), Apr 2006, S. 310–316.
  6. a b H. G. Endres, G. Böwing, H. C. Diener, S. Lange, C. Maier, A. Molsberger, M. Zenz, A. J. Vickers, M. Tegenthoff: Acupuncture for tension-type headache: a multicentre, sham-controlled, patient-and observer-blinded, randomised trial. In: J Headache Pain. 23. Oktober 2007.
  7. a b E. Ernst, M. S. Lee, T. Y. Choi: Acupuncture: Does it alleviate pain and are there serious risks? A review of reviews. In: Pain. 152, Nr. 4, 2011, S. 755–764. doi:10.1016/j.pain.2010.11.004. PMID 21440191.
  8. K. von Ammon, M. Frei-Erb, F. Cardini, U. Daig, S. Dragan, G. Hegyi, P. Roberti di Sarsina, J. Sörensen, G. Lewith: Complementary and alternative medicine provision in Europe–first results approaching reality in an unclear field of practices. In: Forschende Komplementärmedizin. Band 19, Suppl 2, 2012, S. 37–43, doi:10.1159/000343129. PMID 23883943 (Review).
  9. W. Michel (1993).
  10. Louis Berlioz: Mémoire sur les maladies chroniques, les évacuations sanguines et l'acupuncture. Croullebois, Paris 1816 (Digitalisat)
  11. James Morss Churchill: A treatise on Acupuncturation. Simpkin and Marshall, London 1821. (Digitalisat) Deutsche Übersetzung durch J. Wagner, cand. med., Bamberg 1824.
  12. Johann Wilhelm von Wiebel: Medizinisch chirurgische Neuigkeiten aus Paris. Gesammelt vom Königl. Generalstabsarzte und Leibarzte Herrn Ritter Dr. Wiebel. Mitgetheilt durch Herrn Dr. Eduard Graefe, practischem Arzte zu Berlin. In: Journal der Chirurgie und Augenheilkunde. Band VIII, Berlin 1825, S. 352–392. (Digitalisat)
  13. Weitere Quellen in: Hans-Jürgen Arnold: Die Geschichte der Akupunktur in Deutschland. Haug, Heidelberg 1976.
  14. Franklin Bache: Cases illustrative of the remedial effects of acupuncturation. In: Northern American Medical Surg. Journal. 1, 1826, S. 311–321. Abgedruckt in: J . H. Cassedy. Early uses of acupuncture in the United States, with an addendum (1826) by Franklin Bache, M.D. In: Bulletin of the New York Academy of Medecine. Band 50, Sept 1974, S. 892–906. PMC 1749387 (freier Volltext)
  15. Cheryl Pellerin: Doctors Use Acupuncture as Newest Battlefield Tool. American Forces Press Service, 10. Dezember 2010, abgerufen am 12. September 2012.
  16. Acupuncture study looking for more vets with Gulf War Syndrome. In: The Stars and Stripes.
  17. Arthur Taub: Acupuncture: Nonsense with Needles.
  18. E. Ernst: Acupuncture – a critical analysis. In: Journal of Internal Medicine. 259, Nr. 2, 2006, S. 125–137. doi:10.1111/j.1365-2796.2005.01584.x. PMID 16420542.
  19. NIH Consensus Conference. Acupuncture. In: JAMA. 280, 1998, S. 1518–1524.
  20. J. Vas u. a.: Acupuncture as a complementary therapy to the pharmacological treatment of osteoarthritis of the knee: randomised controlled trial. In: BMJ Clinical research. 329/2004, S. 1216.
  21. INCREASED β-ENDORPHIN BUT NOT MET-ENKEPHALIN LEVELS IN HUMAN CEREBROSPINAL FLUID AFTER ACUPUNCTURE FOR RECURRENT PAIN. In: The Lancet. Abgerufen am 30. Mai 2013: „After electroacupuncture in the patients with pain CSF β-endorphin levels rose significantly in all subjects, but met-enkephalin levels were unchanged.“
  22. NINDS Chronic Pain Information Page. National Institute of Neurological Disorders and Stroke, abgerufen am 29. Mai 2013: „...experiments with acupuncture have shown that there are higher levels of endorphins in cerebrospinal fluid following acupuncture.“
  23. Acupuncture. Johns Hopkins School of Medicine, abgerufen am 29. Juni 2013: „These signals may start the flow of pain-killing biochemicals, such as endorphins, or release immune system cells to specific body sites.“
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  25. C. Johnson: Acupuncture works on endorphins. In: News in Science, ABC Science Online. Australian Broadcasting Corporation, 4. Juni 1999, abgerufen am 15. Oktober 2008.
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