Brasilianische Literatur

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Brasilianische Literatur ist die in portugiesischer Sprache verfasste Literatur aus Brasilien. Dabei ist die Literatur in die Zeit vor und nach der Unabhängigkeit 1822 zu unterscheiden. Die Literatur vor der Unabhängigkeit wurde zumeist von Portugiesen geprägt, die zwar oftmals in Brasilien geboren wurden, sich aber als Portugiesen betrachteten. Berühmtester Vertreter war António Vieira. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1822 entwickelte sich eine seit Mitte des 19. Jahrhunderts als eigenständige wahrgenommene brasilianische Literatur, die auch Bezug auf die afrikanischen und indigenen Minderheiten nahm und bis heute stark expandiert.

Anfänge: Kolonialzeit ab 1500[Bearbeiten]

Allgemeines siehe auch:

Erste Reiseberichte[Bearbeiten]

Carta de Pêro Vaz de Caminha

Für die Periode von 1500 bis 1700 sind vor allem Reiseberichte und insbesondere Missionsberichte aus portugiesischer Quelle überliefert. Pero Vaz de Caminha, der Steuermann des portugiesischen Seefahrers und Brasilien-Entdeckers Pedro Alvares Cabral, beschrieb als erster Europäer Brasilien überhaupt und die Landung der Flotte an der Küste von Salvador da Bahia in einem 27 Seiten langen Brief, dem Carta a el-rei D. Manuel sobre o achamento do Brasil, kurz als „Brief des Pero Vaz de Caminha“ bekannt, im Jahr 1500 an den portugiesischen König Manuel I.[1]

Viele portugiesische Reisende wie Manuel de Nóbrega (1517-1570) oder Gabriel Soares de Sousa (1540-1591) in seinen Notícia do Brasil, erst 1851 vollständig als Tratado Descriptivo do Brasil em 1587 erschienen, beschrieben Brasilien aus ethnologischer, anthropologischer und biologischer Sicht. Ihre Werke geben Einblicke in die Flora, Fauna und der Erstkontakte mit der indianischen Urbevölkerung im Brasilien des 16. Jahrhunderts.

Die Beschreibungen des deutschen Militärs und Söldnerkommandanten Hans Staden sind die ersten eines Nicht-Portugiesen zu diesem Thema. Er beschrieb darin seine Erlebnisse im Dienst der portugiesischen Gouverneure in Brasilien, untermischt mit Erzählungen über die indigene Bevölkerung des Landes.[2][3] Fernandes Brandâo schildert 1618 die landwirtschaftlichen Potenziale Brasiliens hingegen bereits aus der Sicht des sklavenhaltenden Kolonisten.

Die Barockzeit[Bearbeiten]

Der Jesuit José de Anchieta (1537–1597) schrieb volkstümliche Mysterienspiele für die Indianer, an denen sie selbst mitwirkten. Dem nach Brasilien ausgewanderten Portugiesen Bento Teixeira (1545 oder 1561?–1618?) werden mehrere Werke zugeschrieben. Erwiesen ist seine Autorenschaft nur für das barocke Epos Prosopopeia (1601), in dem er die Taten des damaligen Gouverneurs von Pernambuco, Jorge de Albuquerque Coelho, und seines Bruders Duarte beschrieb und das er vermutlich in Gefangenschaft verfasste.

In den Kämpfen gegen Engländer und Holländer erwachte ein frühes Nationalgefühl der Brasilianer, das das Gefühl der völligen kulturellen Abhängigkeit vom Mutterland zurückdrängte. Es schlug sich nieder in der História da custódia do Brasil (1627) des Franziskaners Vicente do Salvador (1564-1636). Zu dieser Zeit war die Hauptstadt São Salvador de Bahia das kulturelle Zentrum des Landes. Bahianer waren auch der Lyriker Manuel Botelho de Oliveira (1636-1711), der mit Música do Parnaso (1705) das lyrische Hauptwerk des Barock verfassste, der Prosadichter Nuno Marques Pereira (1652-1728) sowie Gregório de Matos (1636–1696). Dieser gilt mit seinen Sonetten, in denen er schwarze Frauen und Mulattinnen verehrte und Adel und Klerus kritisierte, als erster der bedeutenden Lyriker Brasiliens und Vertreter des Gongorismus, eines extrem verschraubt-manierierten Stils.[4] Er bekam wegen seiner scharfen Satiren den Beinamen Höllenmaul und musste wegen seiner kritischen Haltung zeitweise nach Angola ins Exil gehen. Als Prediger, Gegner der Inquisition und Kritiker kolonialer Missstände trat der aus Portugal zugewanderte Padre Antônio Vieira hervor.

Das 18. Jahrhundert: Arcadismo[Bearbeiten]

Im 18. Jahrhundert verschärften sich die Gegensätze zwischen Brasilien und dem Mutterland. In Brasilien herrschte von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1808 ein Druckverbot, da hier Schriften von durch die Inquisition verfolgten Autoren gedruckt worden waren. So gab es weder eine gedruckte Presse noch Buchverlage. Das Verbot wurde erst aufgehoben, als die königliche portugiesische Familie vor den napoleonische Truppen nach Brasilien floh. Daher entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch keine eigenständige koloniale Literatur. Vielmehr orientierte man sich wieder an Europa.

"Caramuru. Gedicht über die Entdeckung Bahias". Frei José de Santa Rita Durão, Titelseite der ersten Ausgabe 1781.

Im späten 18. Jahrhundert verschob sich der kulturelle Fokus in die Goldminengegend von Minas Gerais. Dort hatte sich eine separatistisch-republikanische Bewegung gebildet. Die Dichter, die ihr angehörten, agierten verstärkt politisch. Der Beginn dieser Bewegung wird auf das Herausgabedatum 1768 der anakreontischen Dichtung Obras poéticas von Cláudio Manuel da Costa angesetzt. Der kulturelle Einfluss Portugals ging in der Folge zurück, der Einfluss Frankreichs - vor allem der Bukolik des französischen Rokoko, hier Arcadismo genannt - nahm zu.[5] Einer der Autoren dieser Escola Mineira, Tomás Antônio Gonzaga (1744–1810), stand mit an der Spitze der von der Regierung niedergeschlagenen Freiheitsbewegung Inconfidencia Mineira. Er wurde als bedeutendster Lyriker der Zeit durch sein Werk Marília de Dirceu bekannt und gilt auch als Autor des anonym veröffentlichten satirischen Werkes Cartas Chilenas (Chilenische Briefe), das ein Porträt der kolonialen Gesellschaft zeichnet.[6] Er starb an seinem Verbannungsort in Mosambik. Frei José de Santa Rita Durâo (ca. 1722–1784) schilderte in seinem Heldenepos Caramurú (1781) die Entdeckung Bahias um 1510, das Leben eines schiffbrüchigen Portugiesen unter den Indios und die Gründung Rio de Janeiros im Versmaß der Luisaden. José Basílio da Gama stellt in seinem Blankvers-Epos O Uraguay (1769) den Kampf der Portugiesen gegen einen von der Jesuiten geschürten Indioaufstand in Uruguay dar.

Unabhängigkeit[Bearbeiten]

Brasilien wurde 1822 von Portugal unabhängig und erlebte seitdem als eigenständige Nation eine reiche literarische Blüte. Gerade das 19. Jahrhundert brachte sehr berühmte brasilianische Autoren wie José de Alencar (1829–1877), Casimiro de Abreu (1839–1860) oder Joaquim Maria Machado de Assis (1839–1908), den wohl bedeutendsten Schriftsteller Brasiliens im 19. Jahrhundert, hervor.

Geprägt war das 19. Jahrhundert durch mehrere Unterepochen der Romantik (Romantismo), ab der zweiten Jahrhunderthälfte durch Naturalismus (Naturalismo) – vertreten etwa durch Aluísio Azevedo – , Realismus (Realismo) – begründet durch Machado de Assis – und Symbolismus (Simbolismo). Brasilien durchläuft diese Epochen sozusagen im Zeitraffer durch Übernahme europäischer Modelle, passt sie jedoch den eigenen Erfordernissen an.

Die Literatur während des Kaiserreiches: Romantik[Bearbeiten]

Während sich die europäischen Romantiker thematisch oft dem Mittelalter zuwandten, thematisierten brasilianische Schriftsteller die eigene Geschichte, wobei die Situation der einheimischen „noblen Wilden“ stark idealisiert wurde (Indianismo). Die innere Widersprüchlichkeit der Gesellschaft äußerte sich in einem breiten Spektrum politischer Stellungnahmen, das von der Verteidigung der Feudalordnung bis zur Verkündung revolutionärer Ideale reicht. Die Romantik setzt in Brasilien um 1830 ein; als ihr Begründer gilt der Arzt, Politiker, Psychologe und Lyriker Domingos José Gonçalves de Magalhães, Graf von Araguaia (1811-1882). Mit Antônio Gonçalves Dias (1823-1864) erreicht die romantische Lyrik einen ersten Höhepunkt (Primeiros cantos, 1846). Dias war Sohn eines portugiesischen Vaters und einer Mutter, die indianische und schwarze Vorfahren hatte. Er gilt als früher Vertreter des Indianismo.

Thematisch beeinflusste die Romantik auch die Malerei:
Die erste Messe in Brasilien“, historisierendes Gemälde von Victor Meirelles, 1860

Die vom Werk Byrons beeinflusste Spätromantik konzentrierte sich in São Paulo und pflegte ihren Weltschmerz vor allem an der juristischen Fakultät.[7] Als Hauptwerk des früh verstorbenen Casimiro de Abreu (1839-1860) gilt die 1859 erschienene Lyriksammlung As primaveras (Frühling). In Reaktion auf den romantischen Subjektivismus entstand die sozial engagierte Escola Condoreira. Dazu zählte der Lyriker Antônio de Castro Alves, der sich in Os escravos (postum) ebenso wie sein Mitstreiter Tobias Barreto (1839-1889) für die Sklavenbefreiung engagierte.

Von José de Alencar, einem Vertreter des romantischen Romans, erschien im Jahr 1857 eines seiner bedeutendsten Werke, O Guarani, dem ersten Teil einer Trilogie über die indigene Bevölkerung Brasiliens, dem 1865 Iracema (ein Anagramm aus „America“), ein identitätsstiftender Roman für das brasilianische Volk, und 1874 Ubirajara folgten. Der Indianismo blieb jedoch künstlerischer Ausdruck einer feudalen Oberschicht; er ignorierte das Sklavenproblem. Hingegen schilderte Antônio de Almeida (1830-1861) erstmals das Leben der kleinen Leute in Rio de Janeiro in seinem Roman Memórias de um sargento de milícia (1854/55) und näherte sich damit dem Realismus.[8]

Realismus, Naturalismus, Symbolismus[Bearbeiten]

Mit wachsender Eigenständigkeit der brasilianischen Literatur wendeten sich Dichter und Schriftsteller immer stärker von der feudalen portugiesischen Vergangenheit ab und der brasilianischen Gesellschaft zu, wobei europäische Vorbilder wie Emile Zola eine wichtige Rolle spielten. Das gilt insbesondere nach Ende der Kaiserreichs 1889. Auch das Interesse an der Lage der Sklaven auf den Plantagen wuchs in dieser Zeit. Brasilien hatte als letztes Land der westlichen Welt die Sklaverei endgültig erst 1888 abgeschafft Vielleicht gerade daher erwies sich der Einfluss der afrikanischen Kultur als dauerhaft.

Joaquím Machado des Assis wurde durch seine Memórias Póstumas de Brás Cubas (1880) nicht nur zum Initiator und wichtigsten Erzähler und Romancie des brasilianischen Realismus, sondern auch zum Vorboten des Magischen Realismus. Er gründete die Academia Brasileira de Letras.

Raul Pompeia, der in seinem Roman O Ateneu (postum 1888) erstmals Probleme von Heranwachsenden behandelte, zeigt sich von Gustave Flaubert beeinflusst. Aluízio Azevedo führte mit dem Roman O mulato 1881 den Naturalismus in Brasilien ein. Auch Inglès de Souza ist ein Vertreter des naturalistischen Romans.

Da wenige Autoren von der Schriftstellerei leben konnten und sich ihren Lebensunterhalt durch den Journalismus verdienen mussten, entstand seit Ende des 19. Jahrhunderts ein besonderes, bis heute gepflegtes Genre: die Crônica, die zwischen Feuilleton und Kurzgeschichte einzuordnen ist.

Iracema, Gemälde von Antônio Parreiras, 1909

An eine kurze Epoche des von Europa beeinflussten Simbolismo schloss im späten 19. Jahrhundert dessen spezielle brasilianische Ausprägung des Parnasianismo brasileiro (Parnassianismus) an, vertreten beispielsweise durch den Vorläufter der Moderne Olavo Bilac, der durch seine Sonette bekannt wurde.

1900 bis 1945[Bearbeiten]

Im Allgemeinen folgten die brasilianischen Autoren des 20. Jahrhunderts den Tendenzen der lateinamerikanischen Literatur. Dazu gehörte die sozialkritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte und Staatswerdung. Euclides da Cunha wurde durch sein 1902 erschienenes Buch Os Sertões bekannt, das auf dokumentarischer Basis die Zerstörung der Siedlung Canudos im Sertão durch das brasilianische Militär behandelte. Charakteristisch ist wie in anderen lateinamerikanischen Ländern auch die Formenvielfalt, derer sich die Autoren bedienten, die als Journalisten arbeiten mussten; ihr Werk umfasst wie im Fall von Afonso Henriques de Lima Barreto die Essays, feuilletonistische Beiträge, Romane und Satiren.

Die erste avantgardistische Generation des Modernismo brasileiro, die „Generation 22“, benannt nach dem starken Eindruck, den das Kunst-, Literatur- und Musikfestival Semana de Arte Moderna in São Paulo (Februar 1922) hinterließ, wurde vor allem vertreten durch Oswald de Andrade, der dem Futurismus nahestehende Gegenaktionen gegen die zerstörerische europäische Kultur entwickelte und die Sprache aus den Fesseln der Syntax zu befreien suchte, und durch Manuel Bandeira, der – obgleich hochdelikater Lyriker und Prosaist – dem Modernismo sozialkritische und dramatische Akzente verlieh und noch bis in die 1950er Jahre produktiv blieb.

Der Modernismo wurde nach 1930 durch den Regionalismo brasileiro abgelöst. Dessen Vertreter wie José Lins do Rego und der frühe Jorge Amado thematisierten das anhaltende Elend der Arbeiter und Landlosen im Sertão, dem Nordosten Brasiliens. In den 1930er Jahren schlossen sich viele Intellektuelle der Kommunistischen Partei an, darunter Jorge Amado und Rachel de Queiroz. Patrícia Rehder Galvão (Pseudonym: Pagu oder Pagú) (1910–1962). die zeitweise mit Oswald de Andrade zusammen lebte und 1935 nach Paris ins Exil ging, vertrat auch als militante Kommunistin weiter die Position einer ästhetischen Avantgarde.[9]

Érico Veríssimo setzte in den 1940er Jahren die Bearbeitung sozialer Themen fort. Er gehörte zu den wichtigen Vertretern der zweiten Phase des Modernismo. Der polyglotte Romancier João Guimarães Rosa kann als Vertreter des Magischen Realismus oder besser (wegen seines Rückgriffs auf europäische, nicht-indigene Mythen): einer literatura fantástica gelten (Grande Sertão, 1956).

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Die Nachkriegsgeneration („Generation 45“) wandte sich gänzlich ab von Romantizismus und Sentimentalismus und suchten nach neuen Ausdrucksformen, so vor allem der neben Carlos Drummond de Andrade als größter Lyriker Brasiliens der Neuzeit geltende João Cabral de Melo Neto oder der Autor avantgardistischer, vom Nouveau Roman beeinflusster Romane Osman Lins. Auch Clarice Lispector überwand schon mit ihrem ersten Roman Perto do coração selvagem („Nahe dem wilden Herzen“) den Regionalismo.

Zu den herausragenden Dichtern gehört ferner der Prémio Camões-Preisträger des Jahres 2010 Ferreira Gullar, der 1959 mit der Malerin Lygia Clark, der Bildhauerin und Filmemacherin Lygia Pape, dem Bildhauer Amilcar des Castro und anderen Künstlern die Gruppe der an geometrischer Strenge und Expressivität zugleich orientierten Neo-Konkreten (Neoconcretismo) gründete[10] und während der Militärdiktatur ins Exil ging.

Dieses Schicksal teilte er mit dem Anthropologen und Schriftsteller Darcy Ribeiro, mit João Ubaldo Ribeiro, Chico Buarque und vielen anderen.

Brasilien brachte im 20. Jahrhundert viele weitere Autoren von Weltgeltung hervor, von denen u. a. zu nennen sind: der Soziologe und Essayist Gilberto Freyre, der sich dem Thema jüdischer Identität in Brasilien widmende Moacyr Scliar und die sozial engagierte Lygia Fagundes Telles.

Gegenwart[Bearbeiten]

Mit der fortschreitenden Verstädterung verlor die auf regionalistischem Kolorit und ländlichen Mythen basierende Strömung des Magischen Realismus gegen Ende des 20. Jahrhunderts an Bedeutung. Städtische Themen dominieren z.B. bei Rubem Fonseca. Der Romancier Paulo Coelho ist der heute weltweit bekannteste Schriftsteller Brasiliens, dessen Bücher in vielen Ländern zu Bestseller wurden. Der populäre Meister der Crônica (kurzer, oft satirischer Alltagstexte), Zeitungs- und Kriminalautor Luís Fernando Veríssimo verkaufte bis 2006 fünf Millionen Bücher.

Das brasilianische Theater[Bearbeiten]

Auch im Drama gab es einige herausragende Autoren: Artur Azevedo mit seinen Komödien, Nelson Rodrigues, der das Theater in Brasilien erneuerte sowie Jorge de Andrade, der erste erfolgreiche moderne Dramatiker Brasiliens. Ein bedeutender Exponent des Theaters unserer Zeit war Augusto Boal, der mit seinen theaterpädagogischen Konzepten wie dem Theater der Unterdrückten weltweite Wirkungen erzielte.[11] Auch der Tropicalismo, eine ursprünglich musikalische konsumkritische Bewegung der 1960er und 70er Jahre, hinterließ seine Spuren auf dem Theater.

Afrobrasilianische Literatur[Bearbeiten]

Neben den als Klassikern der brasilianischen Literatur eingestuften Mulatten wie Machado de Assis und anderen Autoren des 20. Jahrhunderts, erfolgte ab den 1960er-Jahren eine verstärkte Beschäftigung mit der Situation von Autoren afrikanischer Herkunft, den Afrobrasilianern. Dabei galt es nicht nur, die Eigenart dieser schriftstellerischen Leistungen zu bestimmen, vielmehr ragte die Herausarbeitung eines eigenen schwarzen Bewusstseins hervor. So sind sehr viele Worte aus afrikanischen Sprachen in den Wortschatz Brasiliens geflossen. Auch Erinnerungen an andere kulturelle Elemente afrikanischen Ursprungs wie den Candomblé spiegeln sich in der Literatur. Bekanntester Vertreter der afrobrasilianischen Literatur ist Cuti, der in seinem Werk Consciencia negra do Brasil (2002) die allgemein als Hauptwerke zur Herausbildung eines afrobrasilianischen Bewusstseins geltenden Werke vorstellte. Die afrobrasilianische Literatur veröffentlicht eigene Zeitschriften wie Afrodiásora. In deutscher und portugiesischer Sprache liegt eine Einführung in die Poesia Negra der Gegenwart vor, die von Moema Parente Augel herausgegeben wurde.[12]

Indigene Literatur[Bearbeiten]

Bereits 1957 gab Alberto da Costa e Silva eine Anthologie mit indianischen Mythen heraus. Als indigene brasilianische Literatur kann erst der seit den 1970er-Jahren sich bemerkbar machende Zweig innerhalb der Literatur bezeichnet werden, die durch Vertreter wie Daniel Munduruku[13] gekennzeichnet ist: Sowohl eigene Poesie der in die brasilianische Gesellschaft eingetretenen Vertretern als auch die Förderung der schriftlichen Fixierung bisher nur als mündliche Überlieferung, des Wissens „der Alten“, das an jüngere Generationen weitergegeben muss. Dies wird inzwischen institutionalisiert.

Literarisches Leben[Bearbeiten]

Die bedeutendste Einrichtung für das literarische akademische Leben ist die Academia Brasileira de Letras (ABL). Regional existieren weitere Sprach- und Literaturakademie wie z. B. die Academia Catarinense de Letras.

Bekannte Literaturpreise sind der höchst renommierte Prêmio Machado de Assis, vergeben seit 1941 von der Academia Brasileira de Letras für das Lebenswerk eines brasilianischen Schriftstellers und dotiert mit R$ 100.000; der Prêmio Jabuti de Literatura, der seit 1959 von der Brasilianischen Buchhandelskammer Câmara Brasileira do Livro (CBL) in inzwischen 21 Sparten vergeben wird; der Prêmio Juca Pato, vergeben seit 1963 von der Folha de São Paulo und dem Brasilianischen Schriftstellerverband União Brasileira de Escritores (UBE) für dasjenige Buch, das die brasilianische Kultur am besten zum Ausdruck brachte, der Autor erhält zusätzlich den Ehrentitel Intelectual do Ano.

International bekannt ist das seit 2003 stattfindende Literaturfestival Festa Literária Internacional de Paraty, an dem inzwischen auch deutsche Autoren wie z. B. Ingo Schulze teilnehmen.

Durch diese und andere Aktivitäten wie Stipendien und Kolloquien hat sich das literarische Umfeld in den letzten Jahren erheblich professionalisiert.

Verlagswesen und Buchhandel[Bearbeiten]

Der brasilianische Buchmarkt ist heute der neuntgrößte der Welt. Brasilien produziert 50 % aller Bücher Lateinamerikas. 2011 erschienen über 58.000 Titel. Die Regierung fördert Übersetzer und ausländische Verlage bei der Übertragung und Herausgabe brasilianischer Literatur. Über das Programa Nacional do Livro Didático werden 2013 132 Millionen Bücher in 120.000 Schulen verteilt. Der brasilianische E-Book-Markt soll zu den größten der Welt gehören; Schätzungen gehen von 11.000 bis 25.000 einheimischen Titeln aus.

Jährlich finden in Brasilien rund 15 Buchmessen statt, von denen die größte wechselweise in Rio de Janeiro und São Paulo stattfindet (Bienal do Livro de Rio de Janeiro bzw. Bienal do Livro de São Paulo). Die letzte Messe zog 750.000 Besucher an (zum Vergleich: Frankfurter Buchmesse 2012: 280.000). Jedes Kind bekommt mit der Eintrittskarte einen Gutschein für ein Buch. Darüber hinaus finden verschiedene Leseförderungs- und andere Schülerprogramme statt.[14] Brasilien war im Jahr 2013 zum zweiten Mal nach 1994 Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Etwa 500 Verlage sind auf dem brasilianischen Buchmarkt zu finden, wobei derzeit noch portugiesische und spanische Verlage dominieren. Zu den größten brasilianischen gehören Companhia das Letras, Martins Fontes, Sextante, Grupo Editorial Record, die ein Joint Venture mit dem kanadischen Harlequin Books betreibt, und Objetiva.[15][16]

Eine Sonderform bilden die als Literatura de Cordel bezeichneten kleinformatigen Hefte, den folhetos, mit brasilianischer Volksliteratur: kleine strophische Geschichten und Nachrichten, die in Teilen des Landes oft das einzige Massenmedium waren. Der Name dieser Literaturform leitet sich davon her, dass diese folhetos mit Klammern auf Schnüren zum Verkauf angeboten werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Bibliografien[Bearbeiten]

  • Klaus Küpper: Bibliographie der brasilianischen Literatur. Prosa, Lyrik, Essay und Drama in deutscher Übersetzung. Mit einem Vorwort von Berthold Zilly. Hrsg. vom Archiv für Übersetzte Literatur aus Lateinamerika und der Karibik. Küpper, Köln, Ferrer de Mesquita, Frankfurt/M. 2012, ISBN 978-3-939455-09-7 (TFM). + 1 CD-ROM.[17]
  • Rainer Domschke u.a. (Hrsg.): Deutschsprachige Brasilienliteratur. 1500–1900. Bibliografisches Verzeichnis. Editoria Oikos, São Leopoldo 2011, ISBN 978-85-7843-158-7.[18]

Aufsatzsammlungen[Bearbeiten]

  • Wolfgang Eitel (Hrsg.): Lateinamerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. (= Kröners Taschenausgabe. 462). Kröner, Stuttgart 1978, ISBN 3-520-46201-X.
  • Mechtild Strausfeld (Hrsg.): Brasilianische Literatur. (=suhrkamp taschenbuch. 2024). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-38524-0.

Lexika, Literaturgeschichte, Literaturkritik[Bearbeiten]

Deutsch

Portugiesisch

  • Assis Brasil: História Crítica da Literatura Brasileira. 4 Bände. Companhia Editora Americana, Rio de Janeiro 1973.
  • Antônio Cândido: Presença da Literatura Brasileira. Difusão Européia do Livro, São Paulo 1968.
  • Afrânio Coutinho (Hrsg.): A Literatura no Brasil. 6 Bände. Ed. Sul Americana, Rio de Janeiro, 1956 ff.
  • A Literatura Brasileira. 6 Bände. Ed. Cultrix, São Paulo 1964 ff. - Band 1: J. Aderaldo Castello: Período Colonial. Band 2: Antônio Soares Amora: O Romantismo. Band 3: João Pacheco: O Realismo. Band 4: Massaud Moisés: O Simbolismo. Band 5: Alfredo Bosi: O Pré-Modernismo. Band 6: Wilsons Martins: O Modernismo.
  • José Veríssimo: História da literatura brasileira. De Bento Teixeira (1601) a Machado de Assis (1908). Livraria Francisco Alves, Rio de Janeiro; A Editora, Lisboa 1916.[19] (Zuletzt: Letras & Letras, São Paulo 1998, ISBN 85-85387-78-5). (Online, 1,37 MB, PDF).

Englisch

  • Irwin Stern (Hrsg.): Dictionary of Brazilian literature. Greenwood Press, New York 1988, ISBN 0-313-24932-6.

Verlagswesen[Bearbeiten]

  • Hallewell, Laurence: O livro no Brasil: sua história. São Paulo: EdUSP 2005.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Brasilianische Literatur, Kurzeinführung, deutsch, auf Brasilienportal.ch
  • LiteraturaDigital. Biblioteca de Literaturas de Língua Portuguesa. Abgerufen am 11. November 2012 (portugiesisch, enthält: Informationen zu über 17.000 Autoren, über 3.300 digitalisierte Werke (Stand: 2012)).
  • biblio.com.br. A Biblioteca Virtual de Literatura. Biografias dos maiores autores de nossa língua. Abgerufen am 11. November 2012 (portugiesisch, enthält: Biografien und Digitalisate als Onlinetexte).
  • Fundação Biblioteca Nacional. Biografias de Autores. Abgerufen am 11. November 2012 (portugiesisch, enthält: Biografien und Digitalisate als Onlinetexte).
  • Enciclopédia literatura brasileira. Itaú Cultural, abgerufen am 11. November 2012 (portugiesisch, enthält: Biografien und Bibliografien, Begriffe, Werke).
  • Jornal Rascunho, Zeitschrift zur brasilianischen Literatur
Digitalisate früher Werke
 Commons: Brief des Pero Vaz de Caminha, 1500 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eine Transkription in originaler und heutiger Schreibung findet sich in der portugiesischen WikiSource.
  2. Hans Staden: Warhaftige Historia. Zwei Reisen nach Brasilien (1548–1555). Historia de duas viagens ao Brasil. Kritische Ausgabe durch Franz Obermeier; Fontes Americanae 1; Kiel 2007, ISBN 3-931368-70-X.
  3. Franz Obermeier: Bilder von Kannibalen, Kannibalismus im Bild. Brasilianische Indios in Bildern und Texten des 16. Jahrhunderts (PDF; 114 kB). In: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas, 38. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2001.
  4. Brasilianische Literatur, 1988, S. 287.
  5. Brasilianische Literatur, 1988, S. 287
  6. Brasilianische Literatur im Brasilienportal, Zugriff 19. September 2013.
  7. Brasilianische Literatur, 1988, S. 288.
  8. Brasilianische Literatur, 1988, S. 288.
  9. Thelma Guedes, Pagu - Literatura e Revoluçao. Atelié Editorial 2003
  10. http://www.arteonline.arq.br/museu/ensaios/ensaiosantigos/neoconcrete.htm The NeoConcrete Movement
  11. Anne Vogtmann: Augusto Boals Theater der Unterdrückten: revolutionäre Ideen und deren Umsetzung. Ein Überblick. (PDF, 370 KB). In: Helikon. A Multidisciplinary Online Journal. (1), 2010, S. 23–34. Abgerufen am 11. Oktober 2013.
  12. M. P. Augel (Hg.), Schwarze Poesie - Poesia Negra: Afrobrasilianische Dichtung der Gegenwart. Portugiesisch - Deutsch, amazon Kindle, 2013
  13. Blog: Mundurukando (portugiesisch).
  14. Auf dem Sprung in die Welt, NZZ, Internationale Ausgabe, 18. September 2013, S. 23.
  15. Camila Gonzatto: Das brasilianische Verlagswesen: Wachstum und digitale Medien, auf der Website des Goethe-Instituts Brasilien, Juli 2013.
  16. Auf dem Sprung in die Welt, NZZ, Internationale Ausgabe, 18. September 2013, S. 23.
  17. Klaus Schreiber: Rezension in: Informationsmittel für Bibliotheken IFB 12-4 (PDF; 42 kB)
  18. Klaus Schreiber: Rezension in: Informationsmittel für Bibliotheken IFB 12-4 (PDF; 45 kB)
  19. Maria Eunice Moreira: História da literatura e identidade nacional brasileira. In: Revista de Letras. Vol. 43, 2003, Nr. 2, S. 59–73. ISSN 0101-3505 (JSTOR stable URL).