Alice Salomon Hochschule Berlin

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Alice Salomon Hochschule Berlin
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Gründung 1908
Trägerschaft staatlich
Ort Berlin
Land DeutschlandDeutschland Deutschland
Rektor Uwe Bettig
Studenten 3051
(WS 2012/13)[1]
Mitarbeiter 143
davon Professoren 63 sowie 181 weitere Dozenten bzw. Lehrbeauftragte
Website www.ash-berlin.eu
Hochschulgebäude im Bereich Helle Mitte

Die Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), als Soziale Frauenschule gegründet, später Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin in Schöneberg, ist eine Fachhochschule im Ortsteil Berlin-Hellersdorf des Berliner Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Die Schwerpunkte des Studiums sind Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung sowie Bildung. In diesen Bereichen werden vier Bachelor- und 12 Master-Studiengänge angeboten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ASH wurde 1908 von der Wissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Alice Salomon als Soziale Frauenschule in Berlin-Schöneberg, Kyffhäuserstr. 20/21 gegründet.[2] Sie wurde der „Prototyp für alle Wohlfahrtsschulen, bis in die Gegenwart.“[3]

Alice Salomon, Gründerin und Namenspatin

Der Lehrbetrieb begann am 15. Oktober 1908 mit 82 Schülerinnen im Alter von 18 bis Ende 30 Jahren.[4] Hinzu kamen 213 sogenannte ‚Hospitantinnen‘, die nur an Einzelveranstaltungen teilnahmen. Als Motto der Bildungsinstitution hatte die Begründerin den Satz des englischen Essayisten Thomas Carlyle ausgewählt: „Gesegnet, wer seine Arbeit gefunden hat!“ Über Zweck und Ziel der Ausbildungsstätte sagte sie in ihrer programmatischen Eröffnungsansprache:

„Zweck und Ziel der Schule: Denn diese ist entstanden und soll der Aufgabe dienen, den Mädchen und Frauen unserer Stadt, unseres Landes Arbeit zu geben. Arbeit, das heißt nicht Beschäftigung, nicht Zeitvertreib, sondern eine Tätigkeit, die nicht nur ihre Zeit – sondern auch ihre Gedanken, ihr Interesse in Anspruch nimmt; die zunächst für einige Jahre den Inhalt ihres Lebens ausmachen soll, um den herum allein andere, was das Leben ihnen an Freuden, Genüssen, Anregungen bietet, sich nur – gleichsam wie eine schmückende Arabeske – als Beiwerk gruppiert. Arbeit, die sie nicht nur erfüllt, solange sie als Schülerinnen in diesem Hause ein- und ausgehen; sondern Arbeit, die sie mit hinausnehmen, wenn sie die Schule verlassen, als ein Teil ihres Lebens, der nicht zugrunde gehen kann, der zu ihnen gehört, der ihre Lebensauffassung und ihr Tun bestimmt, wo das Schicksal sie auch hinführen, welcher Platz ihnen auch einmal später zugedacht sein mag.“

Alice Salomon, 1908[5]

Die neue Einrichtung war die erste interkonfessionelle Schule mit einer zweijährigen Ausbildung von Wohlfahrtspflegerinnen, wobei „Armenpflege, Jugendfürsorge und Arbeiterinnenfürsorge auf dem Oberkurs speziell als Berufsausbildungen gelehrt wurden, während der Unterkurs eine mehr praktische Arbeit im Hort und Kindergarten verlangte“.[6] Die Bildungsinstitution konnte auf ein Ausbildungskonzept zurückgreifen, das sich bereits in einer 15-jährigen Experimentier- und Pilotphase seit 1893 in den „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“, geleitet von Jeanette Schwerin, ab 1899 von Alice Salomon, entwickelt hatte. Für die Begründerin war die soziale Ausbildungsstätte vordergründig ein Ort ‚moderner Bildung‘, an dem die weibliche Jugend für die „Nutzbarmachung der Pflichten und Rechte erzogen wird, die die Frauenbewegung für sie erkämpft hatte“[7].

Bericht zur Eröffnung der Frauenschule (archiviert im Ida-Seele-Archiv)

Der Erfolg der Sozialen Frauenschule war enorm:

„Während die Soziale Frauenschule in den ersten Jahren ihre innerliche Form fand, entwickelte sie sich auch äußerlich sehr. Die Zahl der Schülerinnen stieg dauernd. Im Jahre 1913/14 besuchten 33 Schülerinnen die Unterstufe, 60 die Oberstufe (30 weitere Bewerberinnen waren wegen Überfüllung abgewiesen worden), und 30 Schülerinnen nahmen an Fortbildungskursen (einer sog. dritten Klasse, die noch im ersten Jahr des Bestehens der Sozialen Frauenschule eingerichtet wurde) teil. Ferner gab es einen Hospitantenkursus mit durchschnittlich 58 Hörerinnen und einen von 43 Schülerinnen besuchten Abendkurs. Es leuchtete ein, daß die vom Pestalozzi-Fröbel-Haus zur Verfügung gestellten Räume nicht mehr ausreichten.“

Manfred Berger: Alice Salomon. Pionierin der sozialen Arbeit und der Frauenbewegung. S. 45.
Anzeige der Sozialen Frauenschule

Bekannte Personen aus Politik, Wirtschaft, Philosophie, sozialer Arbeit etc. unterrichteten an der privaten sozialen Ausbildungsstätte. Dazu gehörten neben Alice Salomon Clara Richter, Lili Droescher, Frieda Duensing, Gertrud Bäumer, Margarete Treuge, Emil Münsterberg, Friedrich Naumann, Ruth von der Leyen, Idamarie Solltmann, und Albert Levy.

Am 1. Oktober 1914 wurde ein neues Schulgebäude bezogen, das zum großen Teil von Alice Salomon aus privaten Mitteln finanziert worden war. Im Jahr 1932, zum 60. Geburtstag der Schulgründerin, durfte sich die Ausbildungsstätte Alice Salomon Schule für Sozialarbeit nennen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus blieb die Ausbildungsinstitution erhalten, doch alle jüdischen Dozenten wurden entlassen und ab 1934 durften keine jüdischen Schülerinnen mehr aufgenommen werden. Bewerberinnen mussten folgend sowohl Nachweis ihrer „arischen Abstammung“ als auch der Mitgliedschaft im BDM oder einer anderen NS-Organisation vorlegen. Alice Salomon erhielt Hausverbot und wurde zur Emigration gezwungen. Ihre Nachfolgerin Charlotte Dietrich war bereits 1933 in die NSDAP[8] eingetreten, um die Ausbildungsstätte zu retten. Sie hatte die „nationalsozialistische Machtergreifung als einen ‚Neubeginn‘, einer Restauration der Anfänge, unterstützt“[9]. Demzufolge hatten sich Lehr- und Lerninhalte an der nationalsozialistischen Ideologie zu orientieren. Die Soziale Frauenschule wurde in Schule für Volkspflege umbenannt.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches öffnete sich die Schule, die sich ab 1952 (jedoch nur für kurze Zeit) wieder nach ihrer Begründerin nannte, wenn auch zögernd, dem demokratischen Ansatz sozialer Arbeit, gemäß dem „Reeducation“-Programm der US-Militärregierung. Fortan wurden auch männliche Bewerber zugelassen. Bald kamen neue Fächer hinzu: Soziale Einzelfallhilfe, soziale Gruppenarbeit, soziale Gemeinwesenarbeit und Jugendpflege/Jugendhilfe[10]. Im Jahre 1971 wurde die inzwischen ‚Höhere Fachschule‘ zur Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (FHSS)[11] umgewidmet.

Seit 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Fall der Mauer erhielt die Hochschule 1991 unter dem nun zuständigen Senat von Berlin ihren ursprünglichen Namen nach Alice Salomon zurück. Im Jahr 1998 zog die Fachhochschule in einen Neubau im damaligen Berliner Bezirk Hellersdorf (seit 2001 Bezirk Marzahn-Hellersdorf) um. Der Umzug an den östlichen Berliner Stadtrand war umstritten: Der Senat als Träger der Einrichtung hatte ihn gegen den Willen der ASH beschlossen. Am historischen Standort befindet sich dagegen das Archiv der Hochschule.

Schriftzug der Hochschule

Im Wintersemester 2007/2008 waren an der ASH rund 1900 Studenten immatrikuliert, der Lehrkörper bestand aus 40 Professoren, sechs Honorarprofessoren und 120 weiteren Dozenten bzw. Lehrbeauftragten. Forschung wird anwendungsbezogen durchgeführt, Schwerpunkt ist die Entwicklung bzw. wissenschaftliche Begleitung neuer Angebote in der sozialen und gesundheitsorientierten Praxis.

Im Eingangsbereich der heutigen ASH erinnern zwei am 16. April 2008 feierlich enthüllte Gedenktafeln mit eingraviertem Text an Leben und Werk Alice Salomons.

Alice-Salomon-Archiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Alice-Salomon-Archiv

Im Jahr 2000 wurde das Archiv in Berlin-Schöneberg gegründet, nach Weggang der Hochschule aus Schöneberg. Es soll an Alice Salomon und an ihr Lebenswerk an diesem historischen Ort erinnern, denn 1908 wurde die Hochschule als Soziale Frauenschule Berlin-Schöneberg gegründet. Das Archiv dokumentiert gleichzeitig diese Anfänge und die Entwicklung der Professionalität in der Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule, insbesondere die Professionalität der Sozialen Frauenberufe.

Alice-Salomon-Poetik-Preis und Alice-Salomon-Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Wintersemester 2006/2007 vergibt die Hochschule den Alice Salomon Poetik Preis, verbunden mit einer gleichnamigen Dozentur. Die ersten Preisträger waren Michael Roes (2006) und Gerhard Rühm (2007). Ferner verleiht die ASH den Alice-Salomon-Award. Dieser Preis wird an Frauen verliehen, die im übertragenen Sinne das Lebenswerk Alice Salomons unter heutigen Bedingungen weiterführen und verstärken. Bisher wurden geehrt: Alice Shalvi (2001), Fadela Amara (2004), Barbara Lochbihler (2008) und Rugiatu Turay (2010).

Schulleitung/Direktorat/Rektorat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Absolventen und weitere Dozenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Partnerschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassadendiskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2016 löst das in spanisch wiedergegebene Gedicht avenidas Eugen Gomringers an der Giebelseite des Gebäudes hochschulinterne[13] und bundesweite Diskussionen[14] um Hochschuldemokratie, Zensur, Sexismus und Kunstfreiheit aus.[15] Nach einem mehrstufigen „partizipativen Verfahren“, das alle Hochschulangehörigen einschließt, soll der Akademische Senat im Januar 2018 über die Vorschläge zur (Neu-)Gestaltung abstimmen.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alice Salomon: Zur Eröffnung der sozialen Frauenschule. In: Die Frau. 16. Jg., 1908, Nr. 2, S. 103–107 (leicht überarbeitete Fassung); wiederabgedruckt in:
    • Alice Salomon: Frauenemanzipation und soziale Verantwortung (= Ausgewählte Schriften in drei Bänden. Bd. 1: 1896–1908.). Hrsg. von Adriane Feustel unter Mitarb. von Edith Bauer. Luchterhand, München/Unterschleißheim 1997, ISBN 3-472-03013-5, S. 480–485.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alice Salomon: Moderne Bildung. In: Centralblatt. 10. Jg., Nr. 6, S. 41–42.
  • Anita Burgheim: Von der Sozialen Frauenschule zur Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik – aufgezeigt an den drei gegenwärtigen Fachhochschulen für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. Berlin 2002 (unveröffentlichte Diplomarbeit)
  • Manfred Berger: Alice Salomon. Pionierin der sozialen Arbeit und der Frauenbewegung (= Wissen & Praxis. Band 76). 2., korrigierte Auflage. Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-86099-276-7.
  • Sabine Hering: „Immer an der Spitze“? Alice Salomon im Spektrum ihrer Erfolge und Widersprüche. In: Beate Kortendiek, A. Senganata Münst (Hrsg.): Lebenswerke. Porträts der Frauen- und Geschlechterforschung. Budrich, Opladen 2005, ISBN 3-938094-56-7, S. 16–32.
  • Adriane Feustel, Gerd Koch (Hrsg.): 100 Jahre soziales Lehren und Lernen. Von der Sozialen Frauenschule zur Alice Salomon Hochschule Berlin. Schibri-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86863-008-4.
  • Adriane Feustel: 100 Jahre soziales Lehren und Lernen. Von der Sozialen Frauenschule zur Alice Salomon Hochschule Berlin. In: aktuell. Informationen aus und über Berlin. Hrsg. vom Presse- und Informationsamt des Landes Berlin. Dezember 2008, Nr. 82, S. 30–32 (online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistisches Bundesamt: Studierendenzahlen Studierende und Studienanfänger/-innen nach Hochschularten, Ländern und Hochschulen, WS 2012/13. S. 66–113. In: destatis.de, abgerufen am 3. November 2013 (PDF; 3,9 MB).
  2. Soziale Frauenschule. In: Berliner Adreßbuch, 1910, II, S. 14.
  3. Hering 2005, S. 22.
  4. Rede von Alice Salomon zur Eröffnung der Sozialen Frauenschule (Memento vom 17. Januar 2012 im Internet Archive). In: alice-salomon-archiv.de, abgerufen am 29. Oktober 2017 (PDF; 62 kB).
  5. Alice Salomon: Zur Eröffnung der sozialen Frauenschule. In: Die Frau. 16. Jg., 1908, Nr. 2, S. 103.
  6. Burgheim 2002, S. 12 ff.
  7. Salomon: Moderne Bildung. 1908, S. 42.
  8. Mitgliedsnummer: 5916653. Manfred Berger: Wer war… Charlotte Dietrich? In: Sozialmagazin. 2003, H. 1, S. 8.
  9. Feustel/Koch 2008, S. 85.
  10. Vgl. Burgheim 2002, S. 127 ff.
  11. Elke Weisgerber: 100-jähriges Jubiläum der Sozialen Frauenschule. In: Stadtteilzeitung Schöneberg. Oktober 2008.
  12. Ellen Schwitalski: »Werde, die du bist«: Pionierinnen der Reformpädagogik. Die Odenwaldschule im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. transcript Verlag, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-206-6; ebenda 2015, ISBN 978-3-89942-206-1, S. 111, urn:nbn:de:101:1-201512024794 (Vorschau in der Google-Buchsuche. Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss.).
  13. Mitbestimmung bei der (Neu-)Gestaltung der Südfassade. Einreichung von Vorschlägen noch bis zum 31. Oktober 2017 möglich // Podiumsdiskussion „Kunst und die Macht der Worte“ // Linkliste mit Presseberichten. In: ash-berlin.eu. Hochschulkommunikation, 24. Oktober 2017, abgerufen am 29. Oktober 2017.
  14. Pressespiegel über die Debatte der Hochschulfassade. In: ash-berlin.eu, abgerufen am 29. Oktober 2017.
  15. Harald Martenstein: Über Sexismus und das Ende der Kunst. In: Zeitmagazin. Nr. 44, 26. Oktober 2017, S. 8 (online)

Koordinaten: 52° 32′ 13″ N, 13° 36′ 19″ O