Reichskommissariat Ukraine

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Übersichtskarte der Generalbezirke und Kreisgebiete
Ein Propagandaplakat mit der Aufschrift „Hitler, der Befreier“ in ukrainischer Sprache

Das Reichskommissariat Ukraine (RKU) bestand während der deutschen Besatzungszeit zwischen 1941 und 1944 in den westlichen und zentralen Teilen der Ukraine.

Das Reichskommissariat Ukraine und das Reichskommissariat Ostland wurden vom zivilen Berliner Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) verwaltet, das von dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg geführt wurde. Die von diesem Ministerium verfolgten politischen Hauptziele waren die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und die Germanisierung von großen Bevölkerungsteilen. Die Germanisierungspolitik wurde auf der Grundlage des Generalplans Ost sowie spezieller Erlässe und Richtlinien im Ostland durchgeführt. Entsprechend der Rassenideologie von Rosenberg und anderer führender Nationalsozialisten wurden im Reichskommissariat Ukraine Hunderttausende von Juden ermordet, vor allem von den Einsatzgruppen C und D der Sicherheitspolizei und des SD.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Monate nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde am 1. September 1941, 12:00 Uhr, das Reichskommissariat Ukraine gebildet. Es entstand aus Teilen des rückwärtigen Heeresgebiets Süd beziehungsweise Mitte und dem Sicherungsbereich Brest, der bereits seit dem 18. Juli 1941 dem Militärbefehlshaber im Generalgouvernement unterstellt worden war. An seine Spitze wurde ein Reichskommissar berufen. Erster Verwaltungssitz war die Stadt Rowno.

Die vorläufigen Grenzen des Reichskommissariats Ukraine wurden wie folgt festgelegt:

  • Westen: Ostgrenze des Generalgouvernements,
  • Süden: Verlauf des Dnister in ostwärtiger Richtung bis Mogilew Podolskij.
  • Osten: Bar/Letitschew/Ljubar am Slutsch/Verlauf des Slutsch bis zur Einmündung in die Horyn/Verlauf der Horyn bis zu ihrer Einmündung in den Pripjet/Senkewitschi (20 km nördlich Dawid-Gorodok) (Orte und Orte an den Flüssen einschließlich),
  • Norden: Grenze zum Reichskommissariat Ostland.

Zum Reichskommissar wurde der Oberpräsident und Gauleiter der NSDAP Erich Koch aus Königsberg ernannt. Da er seit dem 1. August 1941 auch die Stellung eines Chefs der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok bekleidete, herrschte er nunmehr von der Ostsee bis in die Ukraine.

Zum 20. Oktober 1941, 12:00 Uhr wurde das Reichskommissariat Ukraine räumlich nach Osten erweitert, seine neuen Grenzen verliefen nun wie folgt:

  • Westen: Bisherige Ostgrenze des Reichskommissariats Ukraine,
  • Süden: von Row bis nach Bar bis zur Einmündung des gleichnamigen Flusses in den Bug/Verlauf des Bug bis Perwomajsk/Nowo Ukrainka/ Nowomirgorod/Smela/Tscherkassy (Orte und Bahnlinie Perwomajsk-Tscherkassy ausschließlich),
  • Osten: Verlauf des Dnepr bis Retschiza (Kiew, Retschiza und Dnepr-Brücken einschließlich),
  • Norden: Bahnlinie Retschiza-Luninez (Bahnlinie einschließlich) bis zur bisherigen Ostgrenze des Reichskommissariats Ukraine.

Die nächste Änderung folgte entsprechend dem Fortgang der Kampfhandlungen zum 15. November 1941, 12:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Reichskommissariat Ukraine aus dem rückwärtigen Heeresgebiet Süd erweitert, soweit innerhalb der folgenden Grenzen gelegen:

  • Nordwesten: Bisherige Ostgrenze des Reichskommissariats Ukraine,
  • Südwesten: Verlauf des Bug von Perwomajsk bis zur Einmündung in das Schwarze Meer/Küste des Schwarzen Meeres bis zur Mündung des Dnjepr,
  • Süden, Osten und Nordosten: Verlauf des Dnepr bis Tscherkassy (Ort einschließlich).

Die letzte Erweiterung galt vom 1. September 1942 ab 12:00 Uhr. Danach traten aus dem rückwärtigen Heeresgebiet Süd folgende Teile der Ukraine östlich des Dnjepr hinzu:

  • zum Generalbezirk Kiew: der ostwärts des Dnepr gelegene Teil des ehemaligen Gebietes Kiew und des ehemaligen Oblastes Poltawa,
  • zum Generalbezirk Dnepropetrowsk: der ostwärts des Dnepr gelegene Teil des ehemaligen Oblastes Dnepropetrowsk und vom ehemaligen Oblast Saporoshje der Teil, der nicht zum Generalbezirk Krim fällt,
  • zum Generalbezirk Krim (Teilbezirk Taurien): der südlich des unteren Dnepr gelegene Teil des ehemaligen Oblastes Nikolajew und vom ehemaligen Oblast Saporoshje die Rayons Melitopol, Nischnije Sjegorosy, Nowowassilewka, Priasowskoje, Weseloje und die südlich davon gelegenen Rayons.

Damit war die weiteste Ausdehnung erreicht.

Im Laufe des Jahres 1943 wurde das Reichskommissariat Zug um Zug von der Roten Armee zurückerobert. Anfang 1944, als die noch nicht zurückeroberten Kreisgebiete Brest, Kobryn und Pinsk keine eigenständige Verwaltung mehr zuließen, wurde dieser Randstreifen des Reichskommissariats Ukraine der Verwaltung des Generalbezirks Weißruthenien im Reichskommissariat Ostland unterstellt.

Kollaboration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der deutschen Herrschaft war das Verhältnis zu den Ukrainern zunächst zwiespältig. Einerseits gab man sich als Befreier, welche die Ukrainer von Stalinismus und Holodomor erlösten. So rekrutierte man Ukrainer für das Wehrmachtsbatallion "Bataillon Nachtigall" unter der Führung von Roman Schuchewytsch und schuf zunächst mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten und der Ukrainischen Aufstandsarmee eine brüchige Zweckallianz, deren Anführer sich einen von Hitler abgesegneten ukrainischen Nationalstaat erhofften.

Politische Teilnahme erhielten sie im Reichskommissariat jedoch nicht. Die Anführer Stepan Bandera und Jaroslaw Stezko wurden bereits 1941 in „Schutzhaft“ genommen, später jedoch wieder entlassen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler machte in seiner rassischen Verachtung keinen Unterschied zwischen Ukrainern und anderen Slawen, und Hitler hielt sie für „genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch ... wie die Großrussen[1] Der Generalplan Ost sah die Germanisierung der Ukraine und die Vernichtung von 25 % der Ukrainer und eine Ausweisung von weiteren 30–40 % Richtung Osten vor. Deutsche Siedlungen, z. B. Hegewald, wurden geschaffen.

Reichskommissar Koch und seine Unterführer, aber auch Stellen der Wehrmacht betrieben eine brutale Ausbeutungspolitik. Die Kolchosen aus der Sowjetzeit wurden beibehalten und ihre Ablieferungsquoten erhöht, über 1 Million Ukrainer als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Vor Kolchosenarbeitszwang und „Fremdarbeiter“-Rekrutierung flohen viele Ukrainer in die Wälder. Ab 1943 kämpften dann OUN und UPA sowohl gegen die Wehrmacht als auch gegen die Sowjetunion.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Reichskommissariat Ukraine teilte sich in sechs Generalbezirke mit der entsprechenden Anzahl von deutschen Kreisgebieten, denen die ukrainischen Rajons unterstellt waren. Die deutschen Aufteilungen folgten größtenteils den früheren ukrainischen Abgrenzungen. Die Generalbezirke fassten mehrere Oblasts, die Kreisbezirke mehrere Rajons zusammen.

Zum Sitz des Generalkommissars für Wolhynien-Podolien (zuvor Brest-Litowsk) wurde die Stadt Luzk bestimmt. Der Generalkommissar für den Generalbezirk Krim (Teilbezirk Taurien) hatte seinen Sitz in Melitopol.

Obwohl das Reichskommissariat Ukraine formell dem RMfdbO unterstand, handelte der Reichskommissar Erich Koch jedoch faktisch nahezu selbstständig.

Am 7. April 1941 schlug Alfred Rosenberg vor, zusätzlich zum Reichskommissariat Ukraine ein Reichskommissariat Don-Wolga einzurichten und dort als Reichskommissar Dietrich Klagges einzusetzen. Im Mai/Juni änderte er diesen Vorschlag dahingehend, dass er nun das dortige Gebiet dem Reichskommissariat Ukraine zuordnete.[2] Die geplante Erweiterung des Reichskommissariats Ukraine bis zur Wolga wurde aufgrund des Kriegsverlaufs nicht verwirklicht.

Ortsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es blieb im Allgemeinen bei den bisher geläufigen (russischen) Ortsnamen, die nach einheitlichen Grundsätzen in die Lateinschrift transkribiert wurden. Allerdings erhielten Orte mit bolschewistischen Namen ihre früheren Bezeichnungen zurück. Einige Städte erhielten deutsche Namen, wie Alexanderstadt, Halbstadt, Hegewald usw.

Kreisgebiete im Reichskommissariat Ukraine 1943[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die untergeordneten Verwaltungseinheiten hießen Generalbezirke. Die folgende Tabelle zeigt die Zuordnung von Städten und Gebieten zu den jeweiligen Generalbezirken.

lfd. Nr. Dnepropetrowsk Kiew Krim
(Teilbezirk Taurien)
Nikolajew Shitomir Wolhynien-Podolien
1 Berdjansk Bila Zerkwa Akimowka Alexanderstadt
[früher: Bolschaja Alexandrowka]
Berditschew Antoniny
2 Chortiza Borispol Aleschki Alexandria Bragin Bar
3 Dnepropetrowsk-Stadt Chabnoje Genitschesk Alexandrowka Chmelnik Brest-Litowsk
4 Dnepropetrowsk-Land Chorol Kachowka Bobrinez Gaissin Dubno
5 Halbstadt Gadjatsch Melitopol Cherson Hegewald Dunajewzy
6 Kamenka Iwankow - Dolinska Kasatin Gorochow
7 Kamenskoje-Stadt Karlowka - Gaiworon Korosten Jarmolinzy
8 Kriwoi Rog-Stadt Kiew-Stadt - Kirowograd Korostyschew Kamenez Podolsk
9 Kriwoi Rog-Land Kiew-Land - Nikolajew Monastyrischtsche Kamen Kaschirsk
10 Nikopol Kobeljaki - Nowibug Mosyr Kobryn
11 Nowo Moskowsk Korssun - Nowo Mirgorod Nemirow Kostopol
12 Oreschow Krementschug - Perwomaisk Olewsk Kowel
13 Pawlograd Lochwiza - Wosnessensk Owrutsch Kremianez
14 Petrikowka Lubny - Otschakow Petrikow Letitschew
15 Pjatichatka Mirgorod - - Retschiza Luboml
16 Pokrowskoje Oposchnia - - Shitomir Luzk
17 Pologi Perejaslaw - - Winniza Pinsk
18 Saporoshje-Stadt Pirjatin - - Zwiahel Proskurow
19 Sinelnikowo Poltawa - - - Rowno
20 Werchne-Dnjeprowsk Smela - - - Sarny
21 - Solotonoscha - - - Saslaw
22 - Swenigorodka - - - Schepetowka
23 - Taraschtscha - - - Staro Konstantonow
24 - Uman - - - Stolin
25 - Wassilkow - - - Wladimir Wolynsk

Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zivilverwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichskommissar
Generalkommissare
  • Alfred Eduard Frauenfeld, Generalkommissar für den Generalbezirk Krim (Teilbezirk Taurien)
  • Kurt Klemm, Generalkommissar für den Generalbezirk Shitomir
  • Helmut Quitzrau, Generalkommissar für den Generalbezirk Kiew (September 1941 - Februar 1942)
  • Waldemar Magunia, Generalkommissar für den Generalbezirk Kiew (seit 14. Februar 1942)
  • Ewald Oppermann, Generalkommissar für den Generalbezirk Nikolajew
  • Heinrich Schoene, Generalkommissar für den Generalbezirk Wolhynien-Podolien
  • Nikolaus Selzner, Generalkommissar für den Generalbezirk Dnepropetrowsk (1. September 1941 – 21. Juni 1944)
Sonstige

Militärverwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wehrmachtsbefehlshaber Ukraine (WBU)
Höherer SS- und Polizeiführer Russland-Süd
  • SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln (Juni bis Oktober 1941)
  • SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann (Oktober 1941 bis 1944; ab Oktober 1943 auch „Höchster SS- und Polizeiführer Ukraine“)
Höherer SS- und Polizeiführer Schwarzes Meer

Für weitere SS- und Polizeiführer siehe Liste der SS- und Polizeiführer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen
  • Heinz Boberach (Hrsg.): Regimekritik, Widerstand und Verfolgung in Deutschland und den besetzten Gebieten. Meldungen und Berichte aus dem Geheimen Staatspolizeiamt, dem SD-Hauptamt der SS und dem Reichssicherheitshauptamt 1933–1945. Erschließungsband zur Mikrofiche-Edition. K.G. Saur, München 2003, ISBN 3-598-34418-X. (Dokumente.)
Forschung
  • Blanka Jerabek: Das Schulwesen und die Schulpolitik im Reichskommissariat Ukraine 1941–1944 im Lichte deutscher Dokumente. München 1991, DNB
  • Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub. Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-0994-0.
  • Stefan Lehr: Ein fast vergessener 'Osteinsatz'. Deutsche Archivare im Generalgouvernement und im Reichskommissariat Ukraine. Düsseldorf 2007, ISBN 3-7700-1624-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. 2., aktualisierte Aufl., C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-45971-4, S. 218.
  2. Andreas Zellhuber: Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945, München 2006, S. 87. (Abb. 6: Vorschläge zur Besetzung der Reichskommissariate, April bis Juli 1941.)