Elie Wiesel

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Elie Wiesel (2012)

Elie Wiesel (* 30. September 1928 in Sighetu Marmației, Rumänien) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Überlebender des Holocausts. 1986 erhielt Wiesel, als Verfasser zahlreicher Romane und sonstiger Publikationen, unter anderem auf Vorschlag von Mitgliedern des Deutschen Bundestags, den Friedensnobelpreis für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus. 2003 wurde Wiesel zum Vorsitzenden der Internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien, kurz Wiesel-Kommission, berufen. 2005 erhielt er den Dignitas Humana Award.

Neben anderen Einflüssen spiegelt Wiesels Denken auch sein eingehendes jahrzehntelanges Talmudstudium, unter anderem bei den Rabbinern Mordechai Schuschani (Paris) und Saul Lieberman (New York), wider. Wiesel ist überzeugter Zionist.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Frühe Jahre und Erfahrungen mit dem Holocaust[Bearbeiten]

Siebter von links in der zweiten Reihe von unten: Wiesel im KZ Buchenwald, 16. April 1945, 5 Tage nach der Befreiung.

Elie Wiesel wurde 1928 im rumänischen Sighetu Marmației als Sohn des jüdischen Kaufmanns Shlomo und dessen Frau Sarah, geb. Feig, geboren. Sein Großvater mütterlicherseits, Reb Dodye Feig, war ein tief religiöser Chassid. Elie Wiesel wuchs in einem stark von orthodoxen Juden beeinflussten Umfeld auf. Er besuchte die Schule in seinem Heimatort und wurde 1944, unter ungarischer Herrschaft, von den deutschen Nationalsozialisten gemeinsam mit seiner Familie in das Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz deportiert. Nach drei Wochen wurde er mit seinem Vater in das Lager Auschwitz-Monowitz verlegt. Später kam er in das Konzentrationslager Buchenwald, aus dem er am 11. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Im Jahr 2000 sprach Elie Wiesel anlässlich der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag.

Journalistische Laufbahn[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Wiesel nach Straßburg und lernte Französisch. Von dort ging er zum Studium an die Sorbonne in Paris. 1948 bereiste er Israel und berichtete für die französische Zeitung L'Arche über die israelische Staatsgründung. Ab 1952 war er Korrespondent in Paris für die Zeitung Jedi'ot Acharonot, die in Tel Aviv erschien. Für dieselbe Zeitung ging er 1956 nach New York City und arbeitete als Berichterstatter bei den Vereinten Nationen.

Im Jahr 1963 siedelte er vollständig in die USA über und wurde amerikanischer Staatsbürger. Er erhielt 1972 eine Professur an der City University of New York und lehrte Philosophie, Judaistik und Literatur. Seit 1978 ist er Professor für jüdische Studien an der Universität in Boston.

1979 bis 1986 war er Vorsitzender des U.S. Holocaust Memorial Councils.[1] 1978 bis 1979 war er auch Vorsitzender des Vorgängers President’s Commission on the Holocaust, welches von Jimmy Carter zur Errichtung des United States Holocaust Memorial Museum initiiert wurde. Eine Kontroverse entstand in der Kommission unter seiner Führung darüber, welcher Opfer im Museum gedacht werden soll. Wiesel forderte eine ausschließliche Konzentration auf Juden in der Gedenkstätte zum Holocaust und setzte sich dabei weitgehend unter anderem gegen Simon Wiesenthal durch, der den Begriff „Holocaust“ weiter fasste und auch nicht-jüdischer Holocaust-Opfer gedenken wollte.

Schriftstellerische Tätigkeit[Bearbeiten]

Wiesel verarbeitet in seinen Büchern vor allem die Geschehnisse während des Holocaust, um ein Vergessen oder eine Gleichgültigkeit gegenüber dieser Zeit zu verhindern. Zugleich kritisiert er die politischen Führer jener Zeit, die durch öffentlichen Protest gegen Deutschland die Lage hätten ändern können, es jedoch nicht getan haben. Seine schriftstellerische Laufbahn ist dabei vor allem zu Beginn durch den Zuspruch von François Mauriac geprägt. Dieser motivierte ihn, seine Erfahrungen literarisch aufzuarbeiten. Wiesel schreibt überwiegend auf französisch.

Im Jahr 1958 erschien sein erstes Buch unter dem Titel Nacht. Dieses wurde von ihm ursprünglich als Buch in jiddischer Sprache mit einem Umfang von etwa 800 Seiten geschrieben. Erst als er es auf 127 Seiten kürzte, wurde es veröffentlicht. In dem Buch stellte er seine Erfahrungen dar, indem er sie der Hauptperson „Elischa“ andichtete. Es stellte den ersten Band einer Trilogie dar, die er als Die Nacht zu begraben, Elischa benannte. Deren weitere Bände Morgendämmerung (1960) und Tag (1961) schildern das weitere Leben des Elischa, zuerst als Terrorist in Palästina und später bei seinen Versuchen, einen normalen Anschluss an das Leben und die Gesellschaft zu finden. 1962 erschien Gezeiten des Schweigens, in dem Wiesel die heimliche Rückkehr eines Juden in seine Heimat Ungarn nach dem Krieg thematisierte. Der Roman Der Gesang der Toten (1967) schildert das Leben der Gefangenen in den deutschen Vernichtungslagern, der zugleich eine autobiographische Skizze darstellt.

Das Leben als Jude während des Sechstagekrieges schildert er in dem Roman Der Bettler von Jerusalem (1968), in dem er einen Juden darstellt, der Schwierigkeiten hat, seine reale Lebensweise mit den Gesetzen des Talmud in Einklang zu bringen. In Zalmen (1968) und Das Testament eines ermordeten jüdischen Dichters (1980) geht es um das Leben der Juden unter der Regierung Stalins in der Sowjetunion.

Elie Wiesel schrieb das Vorwort zur deutschen Ausgabe der Lebensgeschichte von Jan Karski (Jan Karski. Einer gegen den Holocaust. Als Kurier in geheimer Mission). In vielen weiteren Werken und auch in wissenschaftlichen Studien stellte Elie Wiesel die Lebensweise der Juden weltweit dar, machte jedoch auch auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam, etwa auf die Hungernden in den afrikanischen Staaten oder die Flüchtlingslager in Kambodscha.

Elie-Wiesel-Stiftung[Bearbeiten]

Elie Wiesel bei einer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2003

Elie Wiesel ist Gründer der Elie-Wiesel-Stiftung. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, gegen Intoleranz und Ungerechtigkeit in der Welt zu kämpfen. Im Zuge der Investoren-Affäre um Bernard L. Madoff wurde am 25. Dezember 2008 bekannt, dass die Stiftung insgesamt 15,2 Millionen US-Dollar, was fast ihrem gesamten Vermögen entspricht, durch Madoff habe verwalten lassen. Dieses Vermögen ist verloren.[2]

Überfall in San Francisco[Bearbeiten]

Am 1. Februar 2007 wurde Wiesel in San Francisco vom damaligen Holocaustleugner Eric Hunt aus einem Fahrstuhl gezerrt. Wiesel schrie daraufhin und Hunt flüchtete. Hunt erklärte später im Internet, er habe Wiesel dazu nötigen wollen, zu erklären, dass die Inhalte seines Buchs über den Holocaust Die Nacht fiktiv seien.[3] Hunt wurde später gefasst, angeklagt und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.[4]

Rede im Konzentrationslager Buchenwald[Bearbeiten]

In seiner Rede anlässlich des Besuches von US-Präsident Barack Obama im Konzentrationslager Buchenwald am 6. Juni 2009 sagte Elie Wiesel, die Welt habe nichts gelernt aus den Schrecken von Buchenwald: „Wie kann es sonst ein Darfur, ein Ruanda und ein Bosnien geben?“[5] Elie Wiesel hat den amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der selbst nur eine kurze Rede hielt, bei seinem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald begleitet.

Kritik an Wiesel[Bearbeiten]

Kritik existiert unter anderem an Wiesels Position, im Holocaust-Museum nur jüdischer Holocaust-Opfer zu gedenken, seiner Position, dass Jerusalem alleine Israel zustehe, und Kommentaren zum Holocaust. Der Historiker Howard Zinn bezeichnete Wiesels Position zum Holocaust-Museum als höchst beschämend.[6] Zu den weiteren Kritikern Wiesels gehören die US-amerikanischen Publizisten Noam Chomsky und Norman Finkelstein. Wiesel schrieb unter anderem: „Auschwitz kann weder erklärt werden noch kann man es sich vorstellen [...] Der Holocaust steht außerhalb der Geschichte“. Norman Finkelstein wirft Wiesel vor, den Holocaust somit zu mystifizieren, und kritisiert Wiesels Thesen zur „Einzigartigkeit des Holocausts“.[7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Elie Wiesel wird von George W. Bush im Kapitol begrüßt (2007)

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Geschichten gegen die Melancholie. Die Weisheit der chassidischen Meister.
  • Adam oder das Geheimnis des Anfangs. Legenden und Porträts.
  • Der Vergessene. Roman.
  • Der fünfte Sohn. Roman.
  • Gezeiten des Schweigens. Roman.
  • Den Frieden feiern. Mit einer Vorrede von Václav Havel.
  • Die Weisheit des Talmud. Geschichten und Porträts.
  • Gesang der Toten. Erinnerungen und Zeugnis.
  • Der Prozess von Schamgorod.
  • Die Nacht zu begraben, Elischa. Mit Vorreden von Martin Walser und François Mauriac. Aus dem Französischen übersetzt von Curt Meyer-Clason, München / Eßlingen 1962, ISBN 3-7628-0446-X.
  • Alle Flüsse fließen ins Meer. Autobiographie. 1995, ISBN 3-455-11108-4.
  • ... und das Meer wird nicht voll. Autobiographie 1969–1996. 1996, ISBN 3-455-11110-6.
  • Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung. M. Grünewald, Mainz 1999, ISBN 3-7867-1825-3.
  • Die Richter. Roman, 1999 (deutsche Ausgabe 2001, ISBN 3-7857-1524-2).
  • Schuldig sind nur die Schuldigen. In: Martin Doerry (Hg): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3-421-04207-1 (auch als CD) S. 204 - 211.

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von Elie Wiesel. Herausforderung für Kultur und Gesellschaft.[10] Lit, Münster 1998, ISBN 3-8258-3576-6 (Religion – Geschichte – Gesellschaft 10).
  • Joë Friedemann: Langages du désastre. Robert Antelme, Anna Langfus, André Schwarz-Bart, Jorge Semprun, Elie Wiesel. Nizet, Saint-Genouph 2007, ISBN 978-2-7078-1296-4 (in Franz.; ausführl. Bibliographie zu allen Autoren).
  • Andreas Völker: Elie Wiesel. Zeichen setzen, selbst zum Zeichen werden. Grammatik eines Lebens für Frieden und Versöhnung. Lit, Berlin u. a. 2008, 2. neu bearbeitete und ergänzte Auflage 2011, ISBN 978-3-8258-1527-1 (Erinnern und Lernen 5).
  • Beate Wolfsteiner: Untersuchungen zum französisch-jüdischen Roman nach dem Zweiten Weltkrieg. Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-55042-2 (Mimesis. Untersuchungen zu den romanischen Literaturen der Neuzeit 42), (Zugleich: Diss. phil. Universität Regensburg 2000), auch über: André Schwarz-Bart: Der Letzte der Gerechten; Albert Cohen; und Albert Memmi: Die Salzsäule.
  • Elie Wiesel im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Elie Wiesel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biographyWiesel.html Jewish Virtual Library: Biographie Elie Wiesel, By Shira Schoenberg
  2. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,598345,00.html
  3. Police arrest man accused of attacking Wiesel, Associated Press, 18. Februar 2007
  4. Jaxon Van Derbeken: Jury convicts man in attack on Elie Wiesel, San Francisco Chronicle, 22. Juli 2008
  5. Eine deutsche Reise. In: Berliner Zeitung vom 6./7. Juni 2009.
  6. Counterpunch: How Elie Wiesel Perpetuates the Fraud, 21. April 2010
  7. Vgl. Norman Finkelstein: Die Holocaust Industrie. Piper 2001, ISBN 3-492-04316-X (S. 53 ff.).
  8. http://nol.hu/kulfold/elie_wiesel_visszaadta_a_nagykeresztjet_nyiro_miatt
  9. http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/elie_wiesel_genf_1.7998275.html
  10. Auszüge