Vera Lengsfeld

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Vera Lengsfeld (2009)

Vera Lengsfeld (* 4. Mai 1952 in Sondershausen, Thüringen) ist eine deutsche Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zunächst bis 1996 für die Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. Im Juli 2012 wurde sie zur Landesvorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) Berlin-Brandenburg gewählt.[1]

Werdegang in der DDR[Bearbeiten]

Nach dem Abitur begann Vera Lengsfeld 1970 ein Studium der Geschichte der Arbeiterbewegung an der Karl-Marx-Universität Leipzig und studierte ab 1972 Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Anschluss an das Studium arbeitete sie als Lektorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Philosophie in der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1975 war sie Mitglied der SED. Nach einem Parteiverfahren wurde sie an das Wissenschaftliche Informationszentrum der Akademie der Wissenschaften versetzt.

Seit 1981 war sie in verschiedenen Oppositionsgruppen tätig. Im Herbst 1981 gründete sie den Friedenskreis Pankow mit. Wegen dieser Aktivitäten erhielt sie ein Berufsverbot und ging daraufhin zum Verlag Neues Leben, wo sie bis 1983 als Lektorin arbeitete. Wegen ihrer öffentlichen Proteste gegen die Aufstellung von Atomraketen in der DDR wurde sie 1983 aus der SED ausgeschlossen. Ab 1985 arbeitete sie als Imkerin und Übersetzerin und begann ein Studium der Theologie am Sprachenkonvikt Berlin. Sie war in der Gruppe Gegenstimmen aktiv[2] und moderierte im Jahre 1986 das erste Menschenrechtsseminar in der evangelischen Gemeinde Berlin-Friedrichsfelde. 1987 gründete sie die Kirche von Unten mit. Zudem verkehrte sie in der Umwelt-Bibliothek im Gemeindehaus der Zionskirche und beteiligte sich hier an Protestaktionen. Ihr Engagement umfasste die Organisation zahlreicher Großveranstaltungen der Friedens- und Umweltbewegung der DDR. Sie war Mitglied des Fortsetzungsausschusses für das Delegiertentreffen der Friedenskreismitglieder, die unter dem Titel Konkret für den Frieden jährlich zusammenkamen.

Im Januar 1988 wurde sie auf dem Weg zur Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin verhaftet. Nach ihrer Untersuchungshaft in der zentralen Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen des MfS wurde sie vom Stadtbezirksgericht Lichtenberg wegen „versuchter Zusammenrottung“ zu sechs Monaten Haft verurteilt. Ihr Anwalt Wolfgang Schnur (damals Inoffizieller Mitarbeiter des MfS) erreichte, dass sie ihrer Abschiebung ins westliche Ausland zustimmte, statt ihre Haft abzusitzen. Sie ging für knapp zwei Jahre nach Cambridge in Großbritannien, wo sie am St. John’s College Philosophy of Religion studierte und einen Master-Studiengang abschloss. Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, kehrte sie aus privaten Gründen in die DDR zurück.[3]

Parteiämter nach der Wende[Bearbeiten]

Im Zuge der Friedlichen Revolution trat die Bürgerrechtlerin in die Grüne Partei in der DDR ein, wurde für diese am 18. März 1990 in die Volkskammer der DDR gewählt und war bis zu deren Auflösung am 2. Oktober 1990 stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Abrüstung und Verteidigung. Außerdem arbeitete sie als Vertreterin der Grünen Partei an der Arbeitsgruppe Neue Verfassung der DDR des Runden Tisches mit. Dieser Verfassungsentwurf wurde allerdings von der Volkskammer nicht behandelt. Sie war im Wahlkreis Berlin gewählt worden und gehörte zu den Abgeordneten, die zum 3. Oktober 1990 aus der Volkskammer in den Bundestag entsandt wurden.

Vera Wollenberger (1990)

Mit den Wahlen zum 12. Deutschen Bundestag am 2. Dezember 1990 wurde Vera Wollenberger für das Wahlbündnis aus Bündnis 90 und den ostdeutschen Grünen erneut Mitglied des Deutschen Bundestages.

In einer Bundestagsdebatte zum Zweiten Golfkrieg 1991 drückte sie ihre Kritik daran aus, indem sie eine Minute ihrer Redezeit mit Schweigen füllte, bis ihr Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth das Wort entzog, begleitet von Zurufen aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wie „Zirkus!“, „Die soll sich untersuchen lassen!“[4] Nach dem Zusammenschluss von Bündnis 90 und den Grünen zu einer neuen Partei 1993 wurde Vera Lengsfeld bei den Bundestagswahlen 1994 erneut in den Bundestag gewählt.

Im Juni 1996 war Vera Lengsfeld an der Gründung des Berliner Bürgerbüro e.V. beteiligt, einem Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur.[5]

Aus Protest gegen eine von ihr befürchtete zukünftige rot-rot-grüne Koalition, also einer Koalition von Bündnis 90/Die Grünen zusammen mit der PDS und einen „Schmusekurs“ oder eine „offene Anbiederung“ an diese schloss sie sich mit anderen Bürgerrechtlern wie Günter Nooke und Ehrhart Neubert am 17. Dezember 1996 der CDU an. Lengsfelds Vorwürfe wurden von führenden Grünen zurückgewiesen. Mit ihrem damaligen Parteiwechsel enttäuschte sie andere Mitglieder der Grünen wie die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung der Wendezeit besser bei den Grünen aufgehoben sahen.[6] Lengsfeld wechselte zur CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gab trotz Aufforderung ihr laufendes Mandat, das sie über die Liste der Grünen-Partei erhalten hatte, nicht ab.

Bei den Wahlen zum 14. Deutschen Bundestag am 27. September 1998 wurde sie über die Landesliste der CDU in Thüringen gewählt und bei der Wahl zum 15. Deutschen Bundestag am 22. September 2002 über die gleiche Liste wiedergewählt. Im gleichen Jahr erschien auch ihre Autobiographie.

2005 unterlag sie in ihrem Thüringer Wahlkreis bei der Aufstellung für die Direktkandidatur zum Bundestag, woraufhin sie erklärte, auch nicht mehr als Listenkandidatin zur Verfügung zu stehen. Damit endete ihre Zeit als Abgeordnete im Deutschen Bundestag vorerst mit der Konstituierung des Parlaments zur 16. Wahlperiode am 18. Oktober 2005. Für die Wahlen zum Bundestag 2009 kandidierte Lengsfeld im Bundestagswahlkreis Berlin-Friedrichshain – Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost erneut für die CDU.[7] Für Aufsehen sorgte ihr Wahlplakat, das Lengsfeld und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel tief dekolletiert mit dem Slogan „Wir haben mehr zu bieten“ zeigt.[8][9][10] Das angestrebte Direktmandat verfehlte sie mit 11,6 % der abgegebenen Erststimmen deutlich. Es war das schlechteste aller CDU-Direktkandidaten bundesweit.[11]

Publizistische Tätigkeit[Bearbeiten]

Lengsfeld ist Autorin mehrerer Bücher und schrieb Beiträge für Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Der Spiegel und Focus. Sie ist zudem Kolumnistin der Weblogs Die Achse des Guten und Die Freie Welt.[12] Vera Lengsfeld ist auch Autorin der Monatszeitschrift eigentümlich frei[13] und verfasst Artikel für die Preußische Allgemeine Zeitung und den Bayernkurier.

2003 verteidigte sie in der Jungen Freiheit Martin Hohmann, nachdem er wegen einer als antisemitisch kritisierten Rede mit Lengfelds Stimme aus der CDU ausgeschlossen worden war.[14] Gegenüber dem Handelsblatt verglich sie 2012 den Bundestag in Bezug auf die Abstimmungen zum Rettungsschirm ESM und zum Fiskalpakt mit der DDR-Volkskammer.[15]

Privatleben[Bearbeiten]

Lengsfeld ist zweimal geschieden, hat drei Kinder und war in erster Ehe mit dem Journalisten Sebastian Kleinschmidt, Sohn von Karl Kleinschmidt, verheiratet.[16] 1991 erfuhr sie aus den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, dass ihr zweiter Ehemann, der Lyriker Knud Wollenberger, sie als IM Donald bespitzelt hatte. Sie reichte die Scheidung ein und nahm ihren Geburtsnamen wieder an.[17]

Im Dokumentarfilm Stasikinder – Mein Vater war beim MfS gab Lengsfeld an, sie habe im Alter von 17 Jahren durch Zufall erfahren, dass ihr Vater hauptamtlicher Offizier in der Auslandsspionage beim Ministerium für Staatssicherheit gewesen sei.[18][19]

Ihr Sohn Philipp Lengsfeld wurde im Herbst 1988 aus politischen Gründen von der Ost-Berliner Carl-von-Ossietzky-Oberschule relegiert.[20][21] Er ist Physiker und seit 2013 Bundestagsabgeordneter (CDU).

Ehrungen[Bearbeiten]

Für ihren Einsatz für Menschen- und Bürgerrechte in der DDR erhielt Lengsfeld 1990 den Aachener Friedenspreis. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Müller-Enbergs, Marianne Schulz, Jan Wielgohs (Hrsg.): Von der Illegalität ins Parlament. Werdegang und Konzept der neuen Bürgerbewegungen. Ch. Links Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-86153-017-1.
  • Marianne Subklew-Jeutner: Der Pankower Friedenskreis. Geschichte einer Ost-Berliner Gruppe innerhalb der Evangelischen Kirchen in der DDR 1981–1989. Der Andere Verlag, Osnabrück 2003, ISBN 3-89959-145-3
  • Marianne Subklew: Massive Belagerung. Der „Große Friedenskreis“ Pankow als Stasi-Zersetzungsobjekt. In: Horch und Guck, 18. Jg., Heft 65 (3/2009), S. 20–23.
  • Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs: Lengsfeld, Vera. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vera Lengsfeld leitet den VOS Berlin-Brandenburg. In: Die Welt. 4. Juli 2012
  2. Gruppe Gegenstimmen abgerufen am 21. Juli 2010
  3. Eckhard Jesse: Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Christoph Links Verlag, 2001, ISBN 3-86153-223-9, S. 287f. und S. 321
  4. 3. Sitzung des Deutschen Bundestages in der 12. Wahlperiode am 17. Januar 1991 (PDF; 611 kB)
  5. Webseite des Bürgerbüros.
  6. Bürgerrechtler verlassen Bündnisgrüne. In: Berliner Zeitung. 17. Dezember 1996; Stefan Reker: Ostdeutschland: Neue Heimat. In Focus. Nr. 52/1996
  7. Ulrich Zawatka-Gerlach: Vera Lengsfeld tritt für die CDU in Kreuzberg an. In: Der Tagesspiegel. 23. Oktober 2008
  8. Thorsten Denkler: CDU: Lengsfeld wie Merkel – Das politische Dekolleté. In: Süddeutsche Zeitung, 10. August 2009
  9. Schelte für Vera Lengsfeld: Frauen-Union kritisiert busenbetonten Wahlkampf. In: Spiegel Online, 11. August 2009
  10. Lutz Kinkel: CDU: Das verrückteste Wahlplakat. In: stern.de. 11. August 2009
  11. Wahlinfo 2009
  12. Vera Lengsfeld. In: freiewelt.net
  13. André F. Lichtschlag: Autoren - Vera Lengsfeld. Abgerufen am 27. Dezember 2012.
  14. Vera Lengsfeld verteidigt Hohmann. Spiegel Online, 19. Dezember 2003
  15. Lengsfeld sieht Parallelen zur DDR-Volkskammer. Welt Online, 20. Juli 2012
  16. Detlef Kühn: Rezension: Sachbuch: Viele Niederlagen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. August 2002
  17. Christoph Dieckmann: Vera Lengsfeld: Wund fürs Leben. In: Die Zeit, Nr. 18/2012
  18. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSebastian Haak: Film "Stasikinder - Mein Vater war beim MfS" in Erfurt gezeigt. tlz.de, 29. April 2013, abgerufen am 18. Juni 2013.
  19. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatFrank Neubert: MDR Fernsehen: Stasikinder - Mein Vater war beim MfS. mdr.de, 19. Februar 2013, abgerufen am 18. Juni 2013.
  20. Wiebke Hollersen: Die Geschichte von zwei Schülern, die vor zwanzig Jahren in der DDR zu Staatsfeinden wurden: Der Rausschmiss. In: Berliner Zeitung, 30. September 2009
  21. Ereignisse an der Berliner Ossietzky-Schule, abgerufen am 21. Juli 2010