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Ingrid van Bergen

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Ingrid van Bergen (2010)

Ingrid Maria van Bergen[1] (* 15. Juni 1931 in Danzig-Langfuhr, Freie Stadt Danzig; † 28. November 2025 in Eyendorf[2]) war eine deutsche Schauspielerin und Synchronsprecherin.

Kindheit und Jugend

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Ingrid van Bergen wurde als zweites von vier Kindern des Lehrers Fritz van Bergen und seiner Ehefrau Ella im Danziger Stadtteil Langfuhr geboren.[3] Ihre frühe Kindheit verbrachte van Bergen in Frankenau in Masuren (Ostpreußen), wo ihr Vater als Dorfschullehrer arbeitete.[3] Sie besuchte aber häufig die Großeltern in Danzig. Der Tod des Vaters als Soldat an der Ostfront – er fiel am 22. Juni 1941,[4] dem ersten Tag des Unternehmens Barbarossa – machte sie zur Kriegswaise. Die Familie zog danach zu den Großeltern nach Zoppot, einer Nachbarstadt Danzigs. Van Bergen engagierte sich bei der Hitlerjugend in einer Spielschar und sang beispielsweise für Soldaten auf Fronturlaub und spielte Märchen oder sang Volkslieder. Ihre Mutter floh nach den sowjetischen Luftangriffen auf Danzig gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit den vier Kindern auf dem Schiff Moltkefels, das sie und 2000 weitere Menschen über die Ostsee nach Rostock, Lübeck oder Hamburg bringen sollte. Es wurde durch einen Angriff sowjetischer Bomber vor der Halbinsel Hela versenkt; etwa 500 Menschen starben. Die Familie wurde mit einem Beiboot gerettet und auf die Halbinsel gebracht. Sie gab später an, sie sei als 13-Jährige auf der Flucht vor der Roten Armee von einem russischen Soldaten vergewaltigt worden, ein traumatisches Erlebnis, von dem sie ihrer Mutter nie erzählt habe. Die Mutter entschloss sich ein weiteres Mal zu einem Fluchtversuch über See, diesmal mit dem Ziel Kopenhagen, weil die deutschen Häfen wegen havarierter Schiffe blockiert waren.[5][6] Van Bergen schilderte diese Situation: „Ich glaube, wir hatten überhaupt keine Angst mehr. Wir waren ganz fatalistisch …“

Sie erlebte das Kriegsende am 8. Mai 1945 in einem Auffanglager in Skagen, das an diesem Tag von den Dänen übernommen wurde. Dort blieb die Familie bis zur Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1948; van Bergen besuchte dort gemeinsam mit ihrem Bruder die Schule. Eine Stecknadel, die blind in eine Karte der französischen Besatzungszone gesteckt wurde, entschied über den zukünftigen Wohnort der Flüchtlinge, Metzingen. Von dort aus besuchte van Bergen die Isolde-Kurz-Oberschule in Reutlingen und legte 1950 das Abitur ab.[7]

Nach dem Abitur ließ sich van Bergen an der Staatlichen Hochschule für Musik Hamburg zur Schauspielerin, später auch zur Sängerin ausbilden und verwirklichte damit einen lange gehegten Traum. Im Jahr 1953 war sie Mitbegründerin des politischen Kabaretts Die Kleinen Fische, ein Engagement bei den legendären Berliner Stachelschweinen schloss sich an. Im folgenden Jahr entdeckte Helmut Käutner sie für den Film. Vor allem in Berlin trat sie im Theater auf.

In den 1950er und 1960er Jahren gehörte van Bergen zu den bekanntesten deutschsprachigen Filmschauspielerinnen und war bekannt für ihre rauchige Stimme. Ihr Rollenfach waren Bardamen, Prostituierte und untreue Hausfrauen. Sie spielte beispielsweise mit O. W. Fischer, Joachim Fuchsberger und Heinz Rühmann. Es folgten etwa 200 Film- und Fernsehproduktionen, auch im internationalen Bereich – darunter Filme mit Christopher Lee, Klaus Kinski, Kirk Douglas, Robert Mitchum, William Holden und Giulietta Masina. Neben ihrer Filmtätigkeit war sie weiterhin am Theater tätig und spielte an großen Bühnen in Berlin, Hamburg und München. Auch als Sängerin konnte sie Erfolge verzeichnen und veröffentlichte einige Schallplatten.

Nach ihrer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe wegen Totschlags 1977 und ihrer Haftentlassung 1982 gelang es ihr zunächst nicht, an ihre alte Schauspielkarriere anzuknüpfen. Der Regisseur Rosa von Praunheim besetzte sie schließlich in seinem Film Horror Vacui (1984) und holte sie damit aus dem beruflichen Abseits. Auf die Theaterbühne kehrte sie am 12. Januar 1985 im Berliner Renaissance-Theater als Sinida in Leonid Andrejews Verliebte Narren zurück.[8] Eines ihrer ersten Fernseh-Engagements hatte sie in der Fernsehserie Losberg, in der sie bis 1988 die Parvenue Margot spielte. Trotz eines zeitweisen Umzugs nach Spanien wirkte sie in Deutschland in verschiedenen Fernsehproduktionen mit. In den 1990er Jahren verkörperte sie u. a. die sympathische Sekretärin Liebscher in der erfolgreichen Familienserie Unser Lehrer Doktor Specht und wirkte später in den Serien Mobbing Girls und Bewegte Männer mit. Die beruflichen Angebote nahmen allmählich wieder zu. 1994 veröffentlichte sie ihre Autobiographie.

Im Jahr 2005 eroberte sie sich mit dem Einpersonenstück Die Klatschmohnfrau nach einer Romanvorlage von Noëlle Châtelet eine Paraderolle und ging damit erfolgreich auf Theatertournee. Am Staatstheater Meiningen war sie im Jahr 2007 für vier Monate in der Produktion Love And War zu sehen.

In den Sommermonaten der Jahre 2005 bis 2008 war van Bergen Ensemblemitglied der Störtebeker-Festspiele in Ralswiek auf der Insel Rügen. Nach einer Pause im Jahr 2009 war sie 2010 als Signora de Rocca im Stück Der Fluch des Mauren wieder mit dabei. Im Januar 2009 nahm sie als Kandidatin an der RTL-Reality-Show Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! teil, in der sie von den Zuschauern zur „Dschungelkönigin Ingrid I.“ gewählt wurde.[9] Ab 2009 spielte van Bergen in der Serie Doctor’s Diary die Rolle der Mechthild von Buhren, welche Anfang 2011 den Serientod erlitt. Zuletzt war sie 2017 in einer Filmproduktion zu sehen.

2010 stand sie abermals als Klatschmohnfrau auf der Bühne und war mit dem Stück Die Nadel der Kleopatra von Philipp Moog und Frank Röth auf Tournee.

Einige Jahre lang war van Bergen als Hörspielsprecherin aktiv. Zu ihren Rollen zählten dort unter anderem die Lady Ducayne in Gesellschafterin gesucht!, die böse Westhexe in Der Zauberer von Oz, die Lappin in Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen und „Elvira, die dickste Frau der Welt“ in Sherlock Holmes – Die Affenfrau.[10]

Als eine Hommage anlässlich ihres Todes brachte der RBB in Abänderung des Fernsehprogramms einen ihrer Spielfilme, die Filmsatire Wir Kellerkinder aus dem Jahr 1960, im Spätabendprogramm.[2]

Ingrid van Bergen war viermal verheiratet, unter anderem mit dem Kabarettisten Erich Sehnke, dem Vater ihrer Tochter Andrea, und mit dem Schauspieler Michael Hinz, der unter anderem als Quentin Kirrin in der britischen Kinder-TV-Serie Fünf Freunde mitwirkte.[11] Ihre gemeinsame Tochter Carolin starb 1990 mit 26 Jahren.

In der Nacht auf den 3. Februar 1977 erschoss van Bergen mit einem Revolver ihren 33-jährigen Geliebten, den Finanzmakler Klaus Knaths, in einer Villa am Starnberger See. Knaths wurde von zwei Kugeln in Brust und Bauch getroffen und erlag kurz darauf seinen Verletzungen.[12] Ihre Töchter waren damals 12 und 19 Jahre alt. Der Strafprozess nach der Beziehungstat löste großes mediales Aufsehen aus; anwaltlich vertreten wurde sie von Rolf Bossi. Van Bergen wurde am 27. Juli 1977 wegen Totschlags zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.[13] Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe in der JVA Aichach in Bayern wurde sie am 2. Oktober 1981 auf Bewährung entlassen.[14]

Im Jahr 1994 zog van Bergen nach Mallorca, wo sie sich dem Tierschutz widmete und auf ihrer Finca über 100 Tiere beherbergte. 2001 kehrte sie mit ihren Tieren zurück nach Deutschland, auf einen Bauernhof im Ort Eyendorf in der Lüneburger Heide. In einem Interview mit dem Stern erklärte sie 2009, sie sei bekennende Buddhistin.[15] Ebenfalls im Stern erklärte sie 2013, sie lebe vegetarisch und schreibe Kurzgeschichten aus der Sicht von Tieren.[16] 2013 trat van Bergen in die Partei Mensch Umwelt Tierschutz ein.[17] Ab 2020 lebte sie auf ihrem Bauernhof in Wohngemeinschaft mit einer Freundin aus ihrer Haftzeit.[18] 2025 erblindete sie auf Grund einer Einblutung.[19] Im November 2025 starb Ingrid van Bergen im Alter von 94 Jahren.[20]

Filmografie, Serien, Fernsehauftritte (Auswahl)

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Synchronisation

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Als Synchronsprecherin lieh sie ihre Stimme unter anderem Honor Blackman (El Capitano), Annie Girardot (Die Novizinnen), Lee Grant (Hotelgeflüster) und Kathleen Turner (Californication).[21]

  • 2002: Evelyn Dörr: Der Mann im Mond – Ein Radioballett mit Charlie Chaplin. Stück für Akustische Bühne (in der Rolle Hedda Hopper) – Regie: Claudia Leist (Hörspiel / Feature – WDR)
  • 2012: Mechthild Borrmann: Wer das Schweigen bricht – Regie: Annette Kurth (WDR)
  • Ingrid van Bergen: Ingrid van Bergen. Autobiographie. Zebulon Verlag Düsseldorf 1994, ISBN 3-928679-27-9, 368 Seiten.
Commons: Ingrid van Bergen – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. Vollständiger Name nach: Johann Caspar Glenzdorf: Glenzdorfs internationales Film-Lexikon. Biographisches Handbuch für das gesamte Filmwesen. Band 1: A–Heck. Prominent-Filmverlag, Bad Münder 1961, S. 104.
  2. a b Nach Tod von Ingrid van Bergen: ARD-Sender zeigt Film mit Schauspiel-Ikone. In: Watson. 29. November 2025, abgerufen am 29. November 2025.
  3. a b Ingrid van Bergen im Munzinger-Archiv, abgerufen am 12. März 2024 (Artikelanfang frei abrufbar)
  4. Gräbersuche Online: Fritz van Bergen. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, abgerufen am 28. November 2025.
  5. 70 Jahre Kriegsende: Promis und ihre Erinnerung. (Memento vom 22. Dezember 2015 im Internet Archive) In: ndr.de. 7. Mai 2015, abgerufen am 29. November 2025. Die Halbinsel Hel wurde erst im Mai 1945 von der Roten Armee besetzt.
  6. 12 Städte, 12 Schicksale – Kriegsende in Augsburg: Vox zeigt heute neue Aufnahmen. In: Augsburger Allgemeine. 23. April 2015, archiviert vom Original am 25. April 2015; abgerufen am 15. Mai 2020 (Zusammenfassung einer Dokumentation des Fernsehsenders Vox).
  7. Gabriele Böhm: Was Ingrid van Bergen mit der Schwäbischen Alb verbindet… In: Der Teckbote. 15. November 2020, abgerufen am 29. November 2025.
  8. Persönliches, in: Schwäbische Zeitung vom 12. Januar 1985, S. 5.
  9. Hans Hoff: Im Dschungel siegt das Alter. In: Süddeutsche Zeitung. 17. Mai 2010, abgerufen am 29. November 2025.
  10. Hörspiele, ingrid-van-bergen.de (Memento vom 3. Juli 2013 im Internet Archive), abgerufen am 29. November 2025.
  11. Michael Hinz gestorben: Der gute Onkel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. November 2008, archiviert vom Original am 29. September 2024; abgerufen am 29. November 2025.
  12. Katharina Miklis: Der Fall Ingrid van Bergen: Nutten, Gin und ein toter Geliebter. In: Stern. 15. Januar 2009, abgerufen am 28. November 2025.
  13. Jost Nolte: Zwischen Rolle und Realität. In: Die Zeit. 32/1977, 29. Juli 1977, abgerufen am 28. November 2025.
  14. Bergen frei, nun wieder auf der Bühne. In: Arbeiter-Zeitung. Wien,  3. Oktober 1981, S. 8.
  15. Interview Ingrid van Bergen: „Wir Alten lassen uns nicht unterkriegen“. In: Stern. 25. Januar 2009, abgerufen am 28. November 2025.
  16. Interview: Was macht eigentlich Ingrid van Bergen. In: Stern. 4/2013 vom 17. Januar 2013, S. 138.
  17. Ingrid van Bergen neues Parteimitglied – Herzlich willkommen in unseren Reihen! (Memento vom 27. September 2021 im Internet Archive) In: tierschutzpartei.de. 2. Mai 2013, abgerufen am 28. November 2025.
  18. Lena Zander: WIR haben getötet. In: BILD+. 14. November 2023, abgerufen am 28. November 2025 (Bezahlschranke).
  19. Ingrid van Bergen ist vollständig erblindet. In: NTV. 6. November 2025, abgerufen am 28. November 2025.
  20. Uli Sarrazin: Theater, Film und Gefängnis: Ingrid van Bergen stirbt im Alter von 94 Jahren. NDR, 28. November 2025, abgerufen am 28. November 2025.
  21. Ingrid van Bergen. In: Deutsche Synchronkartei. Abgerufen am 28. November 2025.