Athabasken

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Fischcamp der Tanana-Athabasken Alaskas (1997)
Die Yellowknife-Athabasken Akaitcho und Sohn, 1821
Zwei Mädchen der Ahtna-Athabasken mit traditionellem Tragesystem
Anführer der Beaver-Athabasken mit Familie 1899
Ein Chipewyan Frau mit Kind auf der Jagd nach Bisamratten im Garson See in Saskatchewan

Athabasken oder Athapasken (Eigenbezeichnung: Dené oder Tiné) ist eine Sammelbezeichnung für die zahlreichen, kulturell eng verwandten, zerstreut lebenden indigenen Bands des nördlichen Zweiges der athapaskischen Sprachfamilie, die (bis auf eine Ausnahme) in den borealen Nadelwäldern, -Waldtundren und Bergwäldern Alaskas (2005 ca. 7.000) und Nordwest-Kanadas (2005 ca. 27.000) leben.[1]

Die Sprachfamilie gliedert sich in 13 Sprachen (die sich untereinander kaum verstehen können) und jede Lokalgruppe spricht einen eigenen Dialekt.[2]

Von Nordwesten nach Südosten werden die Athabasken in folgende Stämme unterteilt und diese wiederum in Bands oder Lokalgruppen (Eigenbezeichnungen in Klammern):[3]

Der Name „Athapaskaw“ stammt von den südlich benachbarten Wald-Cree und bedeutet „überall ist Gras oder Rohr“ und bezieht sich auf die Region im Westen des Athabasca Lake im nördlichen Alberta.[4]

Die Athabasken waren seit jeher nomadische Jäger und Sammler oder halbnomadische Fischer und bildeten den gesamten Westteil des subarktischen Kulturareales. Der Wald bot den Indianern reichlich Nahrung: Waldkaribus, Waldbisons, Hirsche und Elche. Entlang der Flüsse wurde rege Fischfang betrieben. Durch den Handel mit den Europäern wurde die Pelztierjagd im 18. Jahrhundert zur Basis ihrer Wirtschaft. Die herrscherlosen und basisdemokratisch organisierten Athapasken streiften in kleinen, egalitären Verwandtschaftsgruppen durch die Nadelwälder und Tundren ihrer Heimat.[4]

Kultur[Bearbeiten]

„Einige Dene sagen, daß die Erde unser Körper ist. Andere sagen, sie ist ein großer Selbstbedienungsladen. […]“

George Blondin, Déne-Indianer aus Kanada[5]

Der Alltag dieser im hohen Norden lebenden Menschen wurde früher vor allem durch die Umwelt- und Klimaverhältnisse geprägt, denen man sich möglichst gut anpassen musste, um gut zu leben. Die wichtigsten Materialien zur Herstellung von Kleidung und Gebrauchsgegenständen waren Leder, Pelze und Birkenrinde, aus der vor allem Behälter und Kanus hergestellt wurden. Die Behausungen bestanden früher aus konischen Zelten (ähnlich den Tipis der Prärie-Indianer) im Südosten und Pultdach-Zelten im Nordwesten, die mit Fell oder Rinde gedeckt waren. Dort kamen auch noch Blockhäuser und Erdhütten hinzu. Die längste Zeit des Jahres herrschte Winter. In dieser Zeit benutzte man den Toboggan – einen von Hunden oder dem Jäger gezogenen kufenlosen Schlitten – als Transportmittel. Wahrscheinlich führten die Athabasken in Nordamerika den Rahmenschneeschuh ein, zumindest haben sie ihn am vollkommensten entwickelt. Dieser ermöglicht ihnen auch bei hohem Schnee die Jagd auf Großwild. In den schneefreien Monaten diente vor allem das Kanu als Fortbewegungsmittel.

In der Freizeit war und ist den Dené Gesang und Tanz sehr wichtig: Es gibt ein sehr weitreichendes Liedgut zu allen Themen des Lebens. Früher waren die Lieder zudem eine Möglichkeit zur Wissensvermittlung an die Kinder, die bereits sehr früh mit der Musik konfrontiert wurden. Bei den Athabasken Alaskas kannte man zudem den Potlatch, ein rituelles Geschenkfest bei großen Zusammenkünften, das von den Nordwestküstenkulturen übernommen wurde.[2] Ein über die Grenzen Kanadas hinaus bekannter athabaskischer Musiker ist Jerry Alfred von den Selkirk-Tutchone.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt die Assimilation der Athabasken durch die moderne Gesellschaft immer mehr zu. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts sprechen noch rund 50 Prozent der Dené ihre Muttersprachen, die jedoch zum Teil vom Verschwinden bedroht sind.[1]

Sozialstrukturen[Bearbeiten]

Junge Athabaskenfrau aus Talkeetna mit traditionellen Kleidungsstücken

Das soziale Leben ist seit jeher von drei Prinzipien bestimmt:[2]

Der erste Grundsatz war Pragmatismus. Die Größe der Gruppen musste sich zwangsläufig an den zur Verfügung stehenden Ressourcen orientieren, die im hohen Norden räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich waren. War nur wenig Nahrung vorhanden, lebten die Familiengruppen für sich allein. War genügend vorhanden, zogen sie mit anderen Gruppen ihrer Band (siehe auch: Wildbeuter-Horde) zusammen. Noch größere Lager wurden errichtet, wenn Zeremonien, Feiern und ähnliches stattfanden. Dennoch waren die Territorien selbst der kleinsten Gruppen genau festgelegt.

Das zweite Prinzip hieß Verwandtschaft. Lokale Band-Mitglieder waren in der Regel untereinander in irgendeiner Weise verwandt. Zur Vermeidung von Inzest gehörten Männer und Frauen jedoch unterschiedlichen Totem-Clans an, die mit Tiernamen bezeichnet wurden. Für jeden Clanangehörigen waren sexuelle Beziehungen zu Mitgliedern des gleichen Clans tabu.

Der dritte soziale Grundsatz war Individualität. Jeder konnte seine Band-Zugehörigkeit frei wählen, sofern es dort Verwandte gab. Dieses Prinzip verhinderte unter anderem Streitigkeiten und sorgte für den Zusammenhalt der Band.

Trotz dieser Prinzipien, die eine völlige Isolation der Lokalgruppen verhinderte, bildeten sich überall abweichende Gewohnheiten, Bräuche, Dialekte und Überzeugungen heraus. So betrachteten sich die Athabasken nie als ein Volk, höchstens als verwandte Ethnien.[6]

Glaube[Bearbeiten]

James Teit, Medizinmann der Tahltan-Athabasken, ca. 1932

Die ursprüngliche Religion der Athabasken war animistisch: der Glaube, das alle Lebewesen und auch einige unbelebte Naturobjekte beseelt, bzw. von Geistern (Yega) bewohnt sind. Diese Yegas galten als sehr mächtig und mussten durch korrektes Verhalten (z. B. bei der Jagd) und Opfergaben wohl gestimmt werden. Prinzipiell wurden Tiere rituell verehrt. Verstöße gegen die Sitten hatten möglicherweise die Rache der Geister zur Folge, die sich in Krankheiten, Not und Elend äußern konnten. In solchen Fällen wurden bestimmte Beschwichtigungszeremonien durchgeführt. Half das nichts, musste ein Medizinmann oder eine Medizinfrau zu Rate gezogen, um die Geister zu beschwören und zu besänftigen.[2][1]

Offiziell sind fast alle Athabasken heute Christen. In Alaska fand die Missionierung bereits durch die Russen statt, so dass die dortigen Indianer in der Regel orthodoxe Christen sind.[7][8] In Kanada begann die Christianisierung in der Pelzhandelszeit, unter anderem auch, um den Handel für die Europäer abzusichern. Aufgrund der extrem dünn besiedelten Wohngebiete der Athabasken erreichten die Missionare die Menschen nur sporadisch, so dass die religiöse Praxis bis heute noch mehr oder weniger viele Elemente des traditionellen Glaubens enthält (siehe auch: Synkretismus).

Erforschung und Aufzeichnung[Bearbeiten]

Beaver-Athabasken vor ihrem Tipi

Die Geschichte der Athabasken ist wenig bekannt, da erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts ernsthafte Versuche gemacht wurden, sie zu erforschen. Noch mehr gilt dies für die an archäologischen Funden arme Vorgeschichte ihres Siedlungsgebiets, die erst seit den 1970er Jahren allmählich erhellt wird.[9] Seit ca. 1000 v.Chr. sind die Athabasken im Einzugsgebiet des Mackenzie River nachweisbar. Ihnen voraus (seit etwa 3000 / 2000 v.Chr.?) geht der archäologische Tayee Lake-Komplex im Süden Yukons.[10]

Um 1770 stießen Pelzhändler zum Athabaskasee vor, wo sie mit Gruppen der Athabasken in Verbindung traten, u.a. mit den Beaver, Slave, Dogrib und Gwich'in.

Im Jahre 1908 reiste der Anthropologe Robert Lowie nach Kanada, um die Lebensweise der Chipewyan zu erforschen und eventuell deren Geschichte zu rekonstruieren. Signifikant ist, dass Lowie nicht in der Lage war, mehr als nur Legenden herauszufinden. Im Nachhinein sagte Lowie: „Wissenschaftlich gesehen, war es der unfruchtbarste Forschungstrip meiner Karriere.“

Heutige Situation[Bearbeiten]

Kinder der Sarcee-Athabasken bei einer Parade. Die Sarcee waren historisch das nördlichste Volk der Präriekulturen

Athabasken leben heute weniger in Reservaten, sondern meist in Städten. Dennoch gibt es immer noch zahlreiche abgelegene Dörfer mit vorwiegend athabaskischen Einwohnern. Subsistenzorientierte Jagd und Sammelwirtschaft sowie die kommerzielle Pelztierjagd spielen dort bei manchen Gruppen immer noch eine wichtige Rolle.[11]

Athabasken haben als Indianer das Privileg einer freien Sozialversicherung sowie eigene Vertretungen, sogenannte Native Corporations, die eingeschränkt eigene Gesetze erlassen können. Dies hat zur Folge, dass manche Native Corporations das Glücksspiel legalisiert haben, obwohl es in dem Staat, in dem sie sich befinden, verboten ist. Dies und die Tatsache, dass sich zahlreiche erdölreiche Ländereien im Besitz von Native Corporations befinden, hat manchen zu Wohlstand verholfen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hunters of the Northern Forest. Time-Life, Alexandria (Virginia, USA) 1995, ISBN 0-8094-9570-8.
  • Der große Bildatlas Indianer. aus dem Engl. übers. von Werner Petermann, Orbis, München 1995, ISBN 3-572-00770-4. (engl. Originalausgabe: Colin F. Taylor, William C. Sturtevant: The Native Americans. Salamander Books, London, ISBN 0-86101-523-1)
  • Wendell H. Oswalt: This Land was Theirs. A Study of the North American Indian. 2. Auflage. Wiley, New York u. a. 1973, ISBN 0-471-65717-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Willi Stegner (Hrsg.): TaschenAtlas Völker und Sprachen. 1. Auflage. Klett-Perthes, Gotha 2006, ISBN 3-12-828123-8, S. 219.
  2. a b c d Introduction to Athabascans (Dené). Alaska Native Knowledge Network, University of Alaska, Fairbanks (USA), abgerufen am 18. April 2015.
  3. Werner Petermann (Übersetzer): Der große Bildatlas Indianer (engl. Originalausgabe: The Native Americans. Salamander Books, London). Orbis, München 1995, ISBN 3-572-00770-4, S. 182–191.
  4. a b Hartmut Motz: Sprachen und Völker der Erde – Linguistisch-ethnographisches Lexikon. 1. Auflage. Band 2, Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-368-9. S. Motz.
  5. Stimmen der Erde. Raben, BMAG (Hg.) Big Mountain Aktionsgruppe e.V.: München 1993, S. 42.
  6. Phyllis Ann Fast: Northern Athabascan Survival. University of Nebraska Press, 2002, S. 3 ff.
  7.  Jörg R. Mettke: Russlands Kolonie in Amerika. In: Der Spiegel. Nr. 1, 2004, S. 90–93 (online).
  8. Uwe Klußmann: Für eine Handvoll Dollar. In: Spiegel Geschichte. 1/2012, S. 99.
  9. Siehe die Datierungsversuche von J. P. Cook, R. A. McKennan, „The Athapaskan Tradition: A View from Healy Lake.” Paper presented to Athapaskan Conference, Museum of Man, Ottawa, March 1971.
  10. Handbook of North American Indians, Smithsonian Institute Washington DC, 1978–2001, ISBN 0-16-050400-7, vol. 5: Arctic. S. 133ff.
  11. Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 0-19-513877-5, S. 491, 495.