Dornröschen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt das Volksmärchen. Für weitere Bedeutungen des Begriffs siehe Dornröschen (Begriffsklärung)
Dornröschen, Aquarell von Henry Meynell Rheam (1899)

Dornröschen ist ein Märchen (ATU 410). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der Erstauflage von 1812 an Stelle 50 (KHM 50). Die französische Fassung, La belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald[1]) von Charles Perrault, erschien allerdings schon viel früher im Druck, nämlich 1697. Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch als Das Dornröschen (1845 Nr. 63, 1853 Nr. 52).

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Inhalt

Die dreizehnte weise Frau verflucht Dornröschen. Briefmarke der Deutschen Bundespost (1964)

Nach langem Warten wird einem König endlich eine Tochter geboren. Aus Freude darüber lädt er seine Untertanen zu einem Fest, darunter auch zwölf weise Frauen (Feen). Die dreizehnte, die aus Mangel an Geschirr nicht zur Taufe der neugeborenen Königstochter eingeladen worden war, belegt das Mädchen mit einem Fluch, dass es sich an seinem fünfzehnten Geburtstag an einer Spindel stechen und daran sterben solle. Eine der zwölf übrigen Feen, die an dem Fest teilnehmen durften, wandelt den Todesfluch in einen hundertjährigen Schlaf um, woraufhin der König alle Spindeln im Königreich verbrennen lässt.

An des Mädchens fünfzehntem Geburtstag erkundet es ein Turmzimmer, in dem es eine alte Frau beim Spinnen entdeckt. Die Prinzessin will es auch einmal versuchen und sticht sich mit der Spindel in den Finger. Sie fällt gemeinsam mit dem gesamten Hofstaat in einen tiefen Schlaf. Das Schloss wird mit einer undurchdringlichen Dornenhecke umringt, die sich nach hundert Jahren in Rosen verwandeln. Erst an diesem Tag gelingt es einem Prinzen, in den Turm zu gelangen, wo er die Königstochter wachküsst, woraufhin auch der Schlaf des Hofstaats beendet ist. Dornröschen und der Prinz heiraten.

[Bearbeiten] Herkunft, Märchenforschung und Psychologie

Dornröschen entdeckt das Turmzimmer mit der alten Frau an der Handspindel. Illustration um 1890 von Alexander Zick (1845-1907)

Jacob Grimm notierte Dornröschen in der handschriftlichen Urfassung von Grimms Märchen (1810) nach Marie Hassenpflug. Wilhelm Grimm glich die Druckfassungen nach und nach an Perraults La belle au bois dormant (1697) an. Ihre Anmerkung erwähnt noch Basiles Version (die ihnen Clemens Brentano nahebrachte) und Brünhild. Zum Schlaf vergleichen sie Schneewittchen. Den Schluss der französischen und der italienischen Fassung fanden sie andernorts als Bruchstück Die Schwiegermutter wieder.

Der Stoff begegnet in seiner schriftlichen Fassung auch in zwei Werken des 14. Jahrhunderts, dem Roman de Perceforest (um 1330, altfranzösisch) und der Novelle Frayre de Joy e Sor de Plaser (um 1350, katalanisch), in denen das schlafende Mädchen geschwängert wird. Giambattista Basile nimmt in seinem Märchen Sonne, Mond und Talia das vollständige Thema auf, während bei Perrault die Schwangerschaft nicht mehr auftaucht.

„Dornröschen“ gilt manchen Forschern als eine entmythisierte Fassung der Figur der Brünhild (vergleiche die Nibelungensage). Zu beachten sind hier folgende Topoi: Das herangewachsene Mädchen wird (in der Sage von Wotan) mit dem „Schlafdorn“ (vergleiche die Spindel) gestochen und dadurch in einen langen Schlaf versetzt. Ihre Burg wird in der Sage von einem Feuerkranz (der „Waberlohe“ - vergleiche die rote Rosenhecke) gegen Zugang gesichert. Siegfried (vergleiche ‚ein Prinz‘) durchdringt sie dennoch und erweckt die Schlafende (vergleiche den andeutenden „Kuss“). Joachim Fernau interpretiert Dornröschen als die entschärfte und der sittlichen Moral der Zeit angepasste Fassung der Sage. [2]

Der Hofstaat ist in einen hundertjährigen Schlaf gefallen. Illustration von Gustave Doré (1867)

Ein verwunschenes Schloss kommt auch in den "Kinder- und Hausmärchen" KHM 62 Die Bienenkönigin, KHM 137 De drei schwatten Prinzessinnen, KHM 197 Die Kristallkugel, KHM 130a Der Soldat und der Schreiner, das Erwecken der Schlafenden in KHM 163 Der gläserne Sarg, KHM 82a Die drei Schwestern vor. Das Spinnen - als typisch weibliche Kunstfertigkeit - spielt in vielen Märchen eine Rolle (KHM 9, 14, 24, 49, 55, 65, 67, 79, 128, 156, 181, 179, 188).

Ausführliche und wichtige psychologische Deutungen finden sich bei Bruno Bettelheim (Kinder brauchen Märchen, 1975), Marie-Louise von Franz (Das Weibliche im Märchen, 1977) oder Eugen Drewermann (Dornröschen). Bettelheim interpretiert den Dornröschenschlaf als typisches Adoleszenz-Phänomen bei Mädchen und Jungen:

„Bei größeren Veränderungen im Leben wie bei der Adoleszenz sind für ein erfolgreiches Wachstum sowohl aktive wie geruhsame Perioden nötig. Zu einem Sich-nach-innen-Kehren, das nach außen wie Passivität (oder Verschlafenheit) wirkt, kommt es dann, wenn sich in dem Betreffenden innere Prozesse von solcher Wichtigkeit abspielen, dass er keine Energie mehr für nach außen gerichtete Aktivitäten aufbringt. (...) Der glückliche Ausgang gewährleistet dem Kind, dass es nicht dauernd im scheinbaren Nichtstun verhaftet bleiben wird.“

Bettelheim: Kinder brauchen Märchen, S. 262

Der Prinz findet Dornröschen im Schloss. Lichtdruck von Joseph Albert (1869) mit Prinz Otto als Prinz
Dornröschen erwacht in den Armen des Prinzen. Illustration von Walter Crane (um 1880)
Illustration von Offterdinger

[Bearbeiten] Rezeption

[Bearbeiten] Belletristik

  • Der Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz“, von DDR-Autorin Irmtraud Morgner 1974 veröffentlicht, variiert in der Spielfrau Beatriz de Diaz das Schlaf-Motiv.
  • In „Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel“ behandelt der Dichter Ludwig Harig 2002 ausführlich „Dornröschen“, wobei er besonders den Prinzen berücksichtigt, der den Kairos (glücklichen Moment) beim Schopf zu packen weiß.
  • „Der Fluch der achten Fee“ von David Henry Wilson (1991) beginnt mit der Erweckung der Prinzessin (hier „Saphira“) und behandelt einerseits die Folgen, als der Kronprinz eines mehr oder weniger „realistisch“ beschriebenen Reiches eine angeblich in einem nicht dokumentierten Schloss im Wald gefundene „verwunschene Prinzessin“ heiraten will, andererseits wird der auf ihr ruhende Fluch in einer neuen Variante ausgearbeitet.
  • A. N. Roquelaure, besser bekannt als Anne Rice, hat eine Trilogie namens Dornröschen (im Original: Sleeping Beauty) geschrieben, in der das Dornröschen-Märchen mit sadomasochistischen Elementen fortgesetzt wird.[3]
  • Märchen- und Kinderradioautor Christian Peitz hat 2009 eine neue Version des Dornröschen-Märchens veröffentlicht. Im selben Buch findet sich mit „Rosdörnchen“ auch seine Parodie des Stoffes.

[Bearbeiten] Theaterfassung

  • Im Jahre 1920 schuf der Schauspieler Robert Bürkner eine Theaterfassung des Märchens, das sich weitgehend an der Originalvorlage orientierte.

[Bearbeiten] Oper

[Bearbeiten] Musik

  • Die Dresdner Band tauReif veröffentlichte auf ihrem Album Zwei Welten (2001) das Lied Dornröschen.
  • Im Jahre 1995 veröffentlichte die Band dornRöSCHEN ein gleichnamiges Debüt-Album.

[Bearbeiten] Ballett

[Bearbeiten] Musical

[Bearbeiten] Film

[Bearbeiten] Literatur

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. Artemis & Winkler Verlag und Patmos Verlag, Düsseldorf und Zürich 1999, ISBN 3-538-06943-3.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hgg. von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 97, 463-464.
  • Jakob und Wilhelm Grimm: Dornröschen. illustriert von Markus Lefrançois. Reclam Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-15-010772-0.
  • Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Fondation Martin Bodmer, Cologny-Genf 1975, S. 106-111, 359.
  • Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 117-122.

[Bearbeiten] Weblinks

 Commons: Dornröschen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Dornröschen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Dornröschen – Quellen und Volltexte

Gebrüder Grimm

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Die schlafende Schöne im Wald und nicht Die Schöne im schlafenden Wald (auch wenn diese letzte Titelform besser klingt und viele Franzosen diesen Fehler machen). Im Französischen kann nämlich La belle au bois dormant beide Bedeutungen haben. Charles Perrault, Contes (introduction, notices et notes de Catherine Magnien), Editions Le Livre de Poche Classique.
  2. Joachim Fernau, Disteln für Hagen. Bestandsaufnahme der deutsche Seele, Ulm 2005, S.38-39
  3. Die letzten beiden Bände sind in Deutschland indiziert, jedoch in den USA frei erhältlich.
Meine Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Mitmachen
Drucken/exportieren
Werkzeuge
In anderen Sprachen