Amartya Sen

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Amartya Sen während einer Vorlesung an der Universität zu Köln 2007 anlässlich der Verleihung des Meister-Eckhart-Preises

Amartya Kumar Sen CH (Bengalisch: অমর্ত্য সেন Amartya Sen; * 3. November 1933 in Shantiniketan, Westbengalen) ist ein indischer Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Problematik der Armut und die Wohlfahrtsökonomie. Er ist Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts).

1998 erhielt Sen den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie, zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung und zum Lebensstandard.

Bahnbrechend waren außerdem seine Beiträge zur Interdependenz von ökonomischer Freiheit, sozialer Chancen und Sicherheit und politischer Freiheit (Demokratie), dem Zusammenhang zur Armutsbekämpfung und zur Theorie der kollektiven Entscheidungen. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker der Public Choice Theory.

Auf Sens Vorschläge geht die Einrichtung des Human Development Index zurück, den das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen seit 1990 regelmäßig aktualisiert herausgibt. Die Wohlfahrtsfunktion ist ein weiterer Vorschlag Sens. Auch ist der Sen-Index nach ihm benannt.

Leben und Schule[Bearbeiten]

Schulzeit[Bearbeiten]

Amartya Sen kommt aus einem gebildeten und wohl situierten Elternhaus. Sein Vater war Professor für Chemie an der University of Dhaka. So wurde er schon in frühen Jahren von den diversen Campus, auf denen er zusammen mit seiner Familie lebte, geprägt: “I was born in a University campus and seem to have lived all my life in one campus or another.” (deutsch: „Ich wurde auf einem Universitätscampus geboren und scheine mein ganzes Leben lang auf irgendeinem Campus gelebt zu haben.“)

Abgesehen von den politischen Unruhen, die Indien in den 1940er Jahren heimsuchten, gibt es zwei wichtige Erfahrungen mit sozialer Ungerechtigkeit, die ihn in jungen Jahren prägten und die sein Interesse für Ökonomie, Ethik und politische Philosophie weckten:

Die eine fand im Jahr 1941 statt, als Amartya Sen acht Jahre alt war. Dem muslimischen Tagelöhner Kader Mia wurde auf offener Straße von extremistischen Hindus in den Rücken gestochen. Er floh in das Haus der Familie Sen, von wo aus ihn der Vater sofort in das nächstgelegene Krankenhaus brachte. Auf dem Weg dorthin erzählte Kader Mia, dass er von seiner Frau davor gewarnt wurde, in einem Gebiet mit lokalen Unruhen zu arbeiten. Seine wirtschaftliche Lage zwang ihn jedoch, solche Gefahren in Kauf zu nehmen. Im Spital verstarb er. Dieses Erlebnis öffnete Amartya Sen die Augen dafür, wie eng soziale Ungerechtigkeit und der Mangel an Freiheit beisammen liegen.

Das zweite wichtige Erlebnis war die Hungersnot von Bengalen im Jahre 1943. Obwohl sie ca. drei bis fünf Millionen Menschenleben kostete, konnte Sen in seiner nächsten Umgebung nicht die geringsten Anzeichen der Katastrophe erkennen, denn betroffen waren nur die untersten, die „unsichtbaren“ Schichten der Gesellschaft.

Universität[Bearbeiten]

Nach dem Abschluss seiner Schulausbildung studierte Sen Wirtschaftswissenschaften am Presidency College in Kalkutta, wo er 1953 den Bachelor erhielt. Danach vertiefte er das Studium der Wirtschaftswissenschaften im englischen Cambridge. Dort erhielt er unter anderem im Jahre 1954 den Adam Smith-Preis der Cambridge University und auch einen Preis, der es ihm ermöglichte, ein vierjähriges Studium seiner Wahl zu belegen. Da Philosophie und Wirtschaft seiner Meinung nach einander auf vielen Ebenen nahestehen, entschloss er sich, erstere ebenfalls zu studieren. Den Bachelor-Grad im Fach Wirtschaftswissenschaften erlangte er im Jahr 1955 und den des Master 1959.

Amartya Sen unterrichtete in den 60er-Jahren am Massachusetts Institute of Technology, in Stanford, Berkeley und an der Harvard University als Gastprofessor. An der Delhi University und der Delhi School of Economics unterrichtete er Wirtschaftswissenschaften von 1963 bis 1971. Danach wirkte er an der London School of Economics und ab 1977 in Oxford, wo er sowohl Wirtschaftswissenschaften als auch politische Ökonomie unterrichtete und seine ersten Werke veröffentlichte, unter anderem das Buch Collective Choice and Social Welfare, das ihm ein weltweites Renommee verschaffte. Sen war einer der Gründerväter des World Institute for Development of Economic Research (WIDER) in Helsinki, einer Abteilung der United Nations University (UNU), für das er ab Mitte der 1980er Jahre in verschiedenen Projekten tätig war.[1] Ab dem Jahr 1987 arbeitete Sen dabei eng mit der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum zusammen, die zu seinem „Fähigkeiten-Ansatz“ eine konkrete Variante entwickelte.

Im Jahre 1988 wechselte Amartya Sen nach Harvard, wo er zehn Jahre lang eine Professur für Philosophie und Ökonomie innehatte. Von 1998 bis 2004 amtierte er als Oberhaupt des Trinity College in Cambridge, ehe er nach Harvard zurückkehrte.

Weiteres Wirken[Bearbeiten]

Sen ist Fellow der Britischen Akademie und Mitglied der American Philosophical Society. Des Weiteren ist Sen als ehrenamtlicher Berater für die Organisation Oxfam tätig.[2]

Sen ist einer der Gründer des World Institute for Development Economics Research of the United Nations University (UNU-WIDER) und war Research Adviser von mehreren UNU-WIDER Projekten während der Jahre 1985 bis 1991.

Seit Anfang 2008 war Sen wissenschaftlicher Leiter der Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission), die im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy innovative Messkriterien für ein qualitatives Wirtschaftswachstum (Wohlstandsindikator) ermittelte und im September 2009 ihren Abschlussbericht vorlegte. Im September 2010 war er an der Gründung der Spinelli-Gruppe beteiligt, die sich für den europäischen Föderalismus einsetzt.

Privat[Bearbeiten]

Sen war in erster Ehe mit Nabaneeta Dev Sen, einer indischen Schriftstellerin, verheiratet. Mit ihr hatte er zwei Kinder, den Sohn Antara und die Tochter Nandana. Nach dem Wechsel nach London wurde die Ehe 1971 geschieden.

Im Jahr 1973 heiratete er Eva Colorni, die Tochter von Ursula Hirschmann und Eugenio Colorni sowie Stieftochter von Altiero Spinelli,[3] die 1985 an Krebs starb. Sie haben zwei Kinder, die Tochter Indrani und den Sohn Kabir.[4]

1986 lernte er Martha Nussbaum am World Institute for Development of Economic Research in Helsinki kennen. Sie ist eine renommierte Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. In den folgenden sieben Jahren leitete Nussbaum an dem von Sen gegründeten Institut ein philosophisches Projekt, machte sich mit der Realität Indiens vertraut und führte dort später eigene Feldstudien durch. Die beiden lebten mehrere Jahre zusammen, erzogen gemeinsam ihre Kinder aus früheren Ehen und stießen Initiativen an, die Brücken zwischen engagierter Universität und (Entwicklungs-)Politik schlagen sollten.[5]

Sen ist seit 1991 mit Emma Rothschild in dritter Ehe verheiratet. Sie ist britische Wirtschaftshistorikerin und Professorin an der Harvard University.[6]

Denken und Werk[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Amartya Sens Denken ist von der Frage geprägt, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in der ökonomischen Theorie so abgebildet werden können, dass die Theorie Hinweise liefert, wie die allgemeine Wohlfahrt verbessert werden kann. Die traditionelle Wirtschaftstheorie befasst sich mit dieser Frage in der Mikroökonomie und dort speziell in der Haushaltstheorie bzw. in der Wohlfahrtsökonomie. Angestoßen durch die Arbeiten von Kenneth Arrow und dessen Unmöglichkeitstheorem entwickelte Sen eine umfassende Kritik an den klassischen und neoklassischen Theorien der Nationalökonomik. Zugleich beharrte er darauf, Lösungsansätze für sein Anliegen im Rahmen der ökonomischen Theorie zu suchen, und erarbeitete wichtige Beiträge zu der von Arrow begründeten Sozialwahltheorie (Social Choice). Im Jahr 1970 erschien hierzu sein grundlegendes Werk Collective Choice and Social Welfare.

Der Kern von Sens Kritik an der traditionellen Ökonomie ist darauf gerichtet, dass diese ohne wesentliche Einschränkungen keine Aussagen über Soziale Ungleichheit und Verteilungsgerechtigkeit ermöglicht. Das Buch On Economic Inequality aus dem Jahr 1973 fasst seine Auffassungen zu diesem Thema zusammen. Mit der Frage von Armut und Hungersnöten befasste Sen sich in dem 1981 erschienenen Essay Poverty and Famines. Ziel von Sens Forschungen war neben der Verbesserung der zugrunde liegenden Theorien auch ein Ausbau der Methodik zur Erfassung und Messung sozialer Ungleichheit und vor allem der Armut. Eine Reihe wichtiger Aufsätze erschien in den Sammelbänden Choice, Welfare and Measurement (1982) sowie Resources, Values and Development (1984).

In dem 1980 veröffentlichten Aufsatz Equality of What? trat Sen in die Debatte um die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls ein und vertrat erstmals die Auffassung, dass es vorrangig nicht um die Verteilung von Gütern geht, sondern um Verwirklichungschancen, die Menschen erreichen können. Entscheidend für die Qualität des Lebens ist nicht das Einkommen, denn auch bei einem guten Einkommen können Unterdrückung und Unfreiheit bestehen. Der Maßstab des Lebensstandards ist ein Fortschritt in dieser Betrachtungsweise, aber noch nicht ausreichend, so Sen in seinen Tanner Lectures von 1985 (The Standard of Living, 1986). Die traditionelle Ökonomie muss zur Kenntnis nehmen, dass neben dem egoistischen Selbstinteresse auch andere Werte für das menschliche Handeln (agency) maßgeblich sind, auch wenn sich beides regelmäßig gegenseitig beeinflusst (On Ethics and Economics, 1987). Eingebunden in verschiedene UN-Projekte trug Sen wesentlich zur Entwicklung des erstmals 1990 im Weltentwicklungsbericht veröffentlichten Human Development Index bei. In den 1980er und 1990er Jahren befasste sich Sen zudem mit empirischen Arbeiten über das Problem des Hungers. Hierüber veröffentlichte er umfangreiche Studien gemeinsam mit Jean Drèze (Hunger and Public Action, 1989). Dabei lag ein Schwerpunkt bei seinem Heimatland Indien, wobei er den Erfolg der indischen Demokratie, auch bei der Bekämpfung von Hunger, betonte (India: Economic Development and Social Opportunity, 1995).

An ein breites Publikum wandte Sen sich mit seiner Schrift Development as Freedom (1999), in der er seine Gedanken unter Verzicht auf die formalen ökonomischen Darstellungen zusammenfasste. Ein weiterer Beitrag zur politischen Philosophie ist das Buch Identity and Violence (2006), in dem sich Sen gegen die Debatte über den Krieg der Kulturen wendet. Durch pauschale Zuschreibungen von Eigenheiten und Mentalitäten werden Vorurteile von Fundamentalisten bestärkt und die Identitätsfalle schnappt zu. Eine Überwindung ist möglich, wenn man Pluralismus nicht nur akzeptiert, sondern aktiv befördert.

Das jüngste Buch von Sen ist eine grundlegende Ausarbeitung zur Idee der Gerechtigkeit (2009). In ihm verbindet Sen u.a. die Ideen des Capability Approach, der Sozialwahltheorie, um eine Gerechtigkeitstheorie zu skizzieren, die er denen von John Rawls, Immanuel Kant, David Hume oder Jean-Jacques Rousseau entgegenstellt. Er kritisiert deren Theorien, weil sie laut ihm nur die idealtypische gerechte Welt definieren, was die ethische Evaluierung von realen Zuständen kaum möglich macht. Außerdem stellt er sich sowohl gegen Konsequentialismus als auch gegen eng verstandenen Prozeduralismus, und schlägt stattdessen vor, Gerechtigkeit sowohl auf Grundlage von tatsächlich Erreichtem als auch der dazu führenden Institutionen zu bewerten. Ein weiterer wichtiger Aspekt für ihn ist Objektivität und Unparteilichkeit (hier baut er auf einer Denkfigur von Adam Smith auf, dem impartial spectator).

Zur Sozialwahl (Social Choice Theory)[Bearbeiten]

Die Sozialwahltheorie behandelt die Beziehungen der kollektiven Entscheidung einer Gruppe mit den Präferenzen ihrer Individuen. Ihr Ziel ist deren Vereinigung und die Frage, ob solche Entscheidungen Ausdruck und Abbild der Präferenzen des Einzelnen sind.

Amartya Sen, der der Sozialwahltheorie mit großem Optimismus gegenübersteht, bemerkte, dass die Reaktionen und Wellen von Literatur der 1950er Jahre und ihre Interpretationen, die dem Arrow’schen „Unmöglichkeits-Theorem“ gefolgt waren, die Aussichten einer Sozialwahl negativ überschatteten. Sen genügten diese negativen Auslegungen jedoch nicht. Er machte sich daher auf die Suche nach einem Weg, der das systematische und axiomatische Wesen bewahren und trotzdem ein positives Resultat in der praktischen Dienlichkeit der Theorie erzielen konnte. Er nahm dabei an, die Idee, sich der Ratio für die Errichtung einer besseren und erstrebenswerteren Gesellschaft zu bedienen, habe die Menschheit immer schon angespornt. Die Zunahme der Freiheit und das Erreichen von Entwicklungszielen werden vor allem durch Werte und rationale Überlegungen geprägt. Er machte es sich in der Folge zur Aufgabe, den Beweis für deren Machbarkeit durch philosophische Reflexion und ökonomische Nachweise zu erbringen. Sen stellt fest, dass sich aus dem „Arrow’schen Theorem“ nicht auf die Unmöglichkeit einer Sozialwahl, sondern auf die Notwendigkeit der Nutzung mehrerer Informationsgrundlagen schließen lässt. Man sollte sich jedoch nicht nur auf die Mehrheitsregel bei Streitigkeiten auf wirtschaftlicher Ebene verlassen, denn es ist nicht klar, ob die sozialen und wirtschaftlichen Stellungen der Minderheiten miteinbezogen sind. Es könnten für Entscheidungen notwendige Informationen (z. B. Armut) ausgeblendet werden.

Eine auf soziale Einigkeit setzende Politik darf nicht auf der Basis vorgegebener individueller Präferenzen und Direktiven handeln, sondern muss sich auch an deren Entwicklung beteiligen. Dabei spielt die öffentliche Diskussion eine erhebliche Rolle. Für eine funktionierende Lösung ist dennoch kein sozialer Konsens vonnöten. Die Lösungen bergen zumeist ungeahnte und unbeabsichtigte Konsequenzen (vgl. Ideen der unbeabsichtigten Konsequenzen). Deren Wahrscheinlichkeit sollte mitreflektiert werden, um Argumente für bestimmte Institutionen besser bewerten zu können. So war zum Beispiel die Zunahme der Kindersterblichkeits- und Abtreibungsrate Chinas - speziell die der weiblichen Kinder und Föten - nach der Einführung der Ein-Kind-Politik enorm gestiegen. Die Gesetzgeber wollten allerdings nur das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen und nicht die Menschen zur Vernachlässigung oder gar Tötung ihrer Kinder veranlassen. Die Vorwegnahme ungewollter Folgen ist ein wichtiger Teil der Anstrengungen für institutionelle Umgestaltungen und des rational fundierten gesellschaftlichen Wandels.

Bekannt geworden ist Amartya Sen außerdem für das Paradox des Liberalismus.

Entwicklung als Freiheit[Bearbeiten]

Die Gedanken zu diesem Thema legte Amartya Sen im Werk Development as Freedom dar. Die zwölf Kapitel des Buches (dt. Titel „Ökonomie für den Menschen“) basieren auf sechs Vorträgen, die er bei der Weltbank gehalten hatte.

Sens Hauptgedanke bezieht sich hier auf die Vergrößerung der individuellen Freiheiten zur Minderung der sozialen, globalen Ungerechtigkeit. Er entwirft zuerst ein Konzept, in dem die Freiheit beziehungsweise die Verwirklichungschancen die Basis des ethischen Handelns und das eigentliche Entwicklungsziel sind („Capability Approach“). Die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes ist nur eine Nebenerscheinung dieses Prozesses. Daraus folgert er die Wichtigkeit eines allgemeinen Bildungs- und Gesundheitssystems schon als ersten Schritt für Entwicklungsländer. Die Gleichberechtigung und Bildung der Frau ist nicht nur eine Notwendigkeit zur Erhöhung des Lebensstandards, sondern auch die beste Geburtenkontrolle.

Der Begriff der Entwicklung ist, wie man dem englischen Originaltitel entnehmen kann, von zentraler Bedeutung. Sein Verständnis von Entwicklung liegt weit entfernt von Modernisierungs- und Dependenztheorien. Den Maßstab für die Entwicklung versteht Sen nicht – wie in neoklassischer Sicht üblich – nur als reine Messung des Anstiegs des Pro-Kopf-Einkommens. Entwicklung wird bei ihm als die Freiheit der Menschen gesehen, ein Leben zu leben, das ihre Wertschätzung verdient. Dazu gehört deutlich mehr als nur ein hohes Einkommen – zumal das Bruttoinlandsprodukt keinen Aufschluss über Einkommensverteilung und Bedarf der Menschen bietet. Behinderte Menschen brauchen z. B. ein höheres Einkommen, um daraus dasselbe Ausmaß an Freiheit zu ziehen wie nichtbehinderte Menschen. Neben den wirtschaftlichen Faktoren spielen auch soziale und politische eine erhebliche Rolle.[7] Damit unternimmt er den Versuch, die ethische Dimension der Wirtschaftswissenschaften wiederzubeleben. Er möchte Ökonomie und Philosophie einander näherbringen. Entwicklung ist die Vergrößerung der Freiheiten der Menschen – sie soll die menschlichen Verwirklichungschancen (capabilities) erweitern.

Freiheit, ein Begriff, der mit dem der Entwicklung in ständiger Wechselwirkung steht, manifestiert sich in Verfahren, die sowohl Handlungs- als auch Entscheidungsfreiheit ermöglichen, und in Chancen, die die Menschen angesichts ihrer eigenen sozialen Umstände haben. Des Weiteren sind Freiheiten die Grundbausteine der Entwicklung, wobei die Freiheit zur Erweiterung der individuellen Verwirklichungschancen die größte Rolle spielt. Individuelle Freiheit ermöglicht es dem Menschen, sich selbst zu helfen und auf seine Umgebung einzuwirken. Sie ist daher zugleich Mittel und Ziel der Entwicklung.

Der Stand der Entwicklung kann auf zwei Ebenen sichtbar werden:

  • Evaluative Ebene: Sie wird dadurch festgestellt, ob die Freiheiten zugenommen haben.
  • Effektivitätsebene: Hier wird an der Handlungsfreiheit gemessen, ob Entwicklung erreicht wurde oder nicht.

Fünf einander ergänzende Freiheiten sind unter anderem für den Entwicklungsprozess von Bedeutung:

1. Die politische Freiheit

Bei ihr spielt die Demokratie eine wesentliche Rolle, denn sie vergrößert die Verwirklichungschancen der Menschen und ist deshalb die beste Regierungsform. Sie ist ein wesentlicher Weg zur Erweiterung der Freiheiten. Das liegt daran, dass sie den Menschen ermöglicht, ihre Meinungen auszudrücken. Zugleich kann man die Werte und Prioritäten der Gesellschaft öffentlich kommunikativ festlegen.

2. Ökonomische Einrichtungen

Ein zusätzlicher wichtiger Faktor für die Entwicklung ist der ungestörte und freie Zugang zum Markt und zum Arbeitsmarkt. Angesichts dessen, dass staatliche Regulierungen unter bestimmten Umständen legitim oder sogar notwendig sind, spricht sich Sen nicht für eine reine Marktwirtschaft aus.

3. Soziale Chancen

Beginnend mit den sozialen Institutionen wird es den Menschen ermöglicht, am wirtschaftlichen Fortschritt teilzuhaben. Die Leistung des Marktes hängt nicht nur von den politischen, sondern auch stark von den sozialen Bedingungen ab.

4. Gesellschaftliche Transparenz

Transparenz ist die Basis des Vertrauens, auf der eine funktionierende Gesellschaft aufbaut. Sie wirkt vorbeugend gegen Korruption und einen unverantwortlichen Umgang mit Finanzmitteln und Macht. Politische und ökonomische Freiheiten werden stark durch Transparenzgarantien beeinflusst. Im selben Atemzug nennt Sen als das historische Verdienst des Kapitalismus die Entwicklung einer kapitalistischen Moral.

5. Soziale Sicherheit

Sie gehört zu den instrumentellen Freiheiten, die einerseits Ziel, anderseits aber auch ein Mittel der Entwicklung sind. Sozialversicherungen verhindern oft, dass außerordentliches Elend oder Armut entstehen, sie können Menschen sogar vor dem Tod bewahren. Unter anderem gehören in diese Sparte die Hilfe für Arbeitslose, Unterstützung bei Hungersnöten und von Mittellosen. In Die Ökonomie für den Menschen spricht sich Amartya Sen gegen zwei übliche Einsprüche gegen staatliche Sozialsysteme aus. Einerseits die Aussage, zu viel Unterstützung würde dem Arbeitslosengeldempfänger die Motivation zur Arbeitssuche nehmen. Da es aber aus der Empirie keine Daten und Statistiken über dieses angebliche Phänomen gibt, ist es sehr fragwürdig, ob dies auch zutrifft. Abgesehen davon ist es für den Empfänger der Unterstützung ein erniedrigender Zustand, weil sie ihn mehr oder weniger zu einem Empfänger von Almosen macht. Die zweite Kritik, die besagt, das System würde oft missbraucht werden, weist er zurück. Er legt hier dar, dass man solche Unterstützungen nicht verringern oder eliminieren könne, ohne die wirklich Bedürftigen dabei in Mitleidenschaft zu ziehen.

Im Gegensatz zu Ansichten, wie sie zum Beispiel Robert Nozick vertritt und die Sen als „neoliberalistisch“ bezeichnet, ist er der Meinung, dass Staat und Gesellschaft die individuellen Verwirklichungschancen zu erweitern haben, damit Grundlagen für ein eigenverantwortliches Handeln geschaffen werden können, denn die Menschen sind aktiv an der Gestaltung ihres Schicksals beteiligt.[8]

Anschließend erläutert Sen die Perspektiven der Entwicklung – die Überwindung von Hunger und Unterernährung, Bekämpfung von Armut und Ungleichheit, Erhöhung der Lebenserwartung und die Eindämmung des Bevölkerungswachstums.

Das Problem des Hungers in der Welt ist, dass er akzeptiert und hingenommen wird, als ob man nichts gegen ihn tun könne. Hungersnöte sind weniger das Ergebnis von Nahrungsmittelknappheit als vielmehr häufig Resultat eines Verteilungsproblems im Sinne eines unzureichenden Zugangs zu den vorhandenen Nahrungsmitteln.

Kausal für Hungersnöte können sein:

  • unerwartete Schwankungen des relativen Preisniveaus von Produkten,
  • eine generelle Knappheit an Arbeitsplätzen,
  • ein einseitiger ökonomischer Aufschwung, der nicht der Mehrheit der Bevölkerung zugutekommt,
  • eine übertriebene Furcht vor Lebensmittelmangel, die die Preise kurzfristig steigen lässt.

Laut Sen gibt es drei Strategien, die man nützen könne, um dem Hunger zu entrinnen:

  1. Man soll systematisch ein Mindestmaß an Einkommen und Zugangsrechten für alle wiederherstellen, die vom ökonomischen Wandel betroffen sind.
  2. Öffentliche Arbeitsbeschaffungsprogramme sollen zuverlässig sein, damit das Opfer der Hungersnot nicht zu einer passiven, Almosen empfangenden Person degradiert wird.
  3. Das beste Mittel gegen Hungersnöte ist jedoch die Demokratie.

Armut ist der Ausdruck eines Mangels an grundsätzlichen Verwirklichungschancen. Die Beziehung zwischen Einkommen und Verwirklichungschancen wird beeinflusst durch:

  • Familienstand, Zahl der Kinder, Geschlecht und die soziale Rolle,
  • Schwierigkeiten in der Umänderung von Einkommen in Ämtern,
  • Innerfamiliäre Aufteilung – z. B. die Bevorzugung des männlichen Geschlechts,
  • durch eine entsprechende Verknappung an Einkommen, die eine universelle Verknappung an Verwirklichungschancen mit sich bringt.
  • Arbeitslosigkeit ist eine hauptsächliche Behinderung menschlicher Verwirklichungschancen.

Größere Realeinkommen und ein schnelles Wirtschaftswachstum führen nicht, wie oft behauptet, automatisch zu einer Erhöhung der Lebenserwartung. Sen unterscheidet zwischen einer wachstumsbedingten und einer sozial geförderten Senkung der Sterblichkeitsrate.

Da die Erde ohne Zweifel gegen Ende des 21. Jahrhunderts bei anhaltendem Bevölkerungswachstum übervölkert sein wird, rät Sen zu Gegenmaßnahmen. Die wirksamste Methode ist die Gleichberechtigung, Beschäftigung und Bildung der Frau in allen Erdteilen. Vor allem die Verbesserung der Stellung junger Frauen in der Gesellschaft wäre ein wirkungsvoller Ansatz. Er verdeutlicht das mit einigen Studien, die den Zusammenhang von erhöhtem Bildungsniveau der Frauen, beziehungsweise deren Integration in den Arbeitsprozess, mit der Senkung der Geburtenrate in Zusammenhang bringen.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Im Jahr 1990 wurde Amartya Sen mit dem internationalen Agnelli-Preis ausgezeichnet.[9] 1998 erhielt Sen den Alfred-Nobel-Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Wohlfahrtsökonomie und zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein Jahr später wurde er mit dem indischen Verdienstorden Bharat Ratna ausgezeichnet. Ebenfalls 1999 wurde er von Premierministerin Sheikh Hasina zum Ehrenbürger von Bangladesch ernannt. 2000 wurde Sen aufgrund seines herausragenden Beitrags zur ökonomischen Theorie mit dem Leontief-Preis des Global Development and Environment Institute geehrt. Im gleichen Jahr erhielt er auch den Order of the Companions of Honour und die Eisenhower-Medaille. 2003 wurde er für sein Lebenswerk durch die indische Handelskammer ausgezeichnet und 2007 durch die Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik (UNESCAP). Im gleichen Jahr erhielt er für sein Wirken den deutschen Meister-Eckhart-Preis.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Collective choice and social welfare. Holden-Day, San Francisco 1970.
  • Equality of What? Vortrag im Rahmen der Tanner Lectures on Human Values, gehalten an der Stanford University am 22. Mai 1979, online (PDF; 181 kB), aufgerufen 10. Mai 2012.
  • Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation. Clarendon Press, Oxford 1982, ISBN 0-19-828463-2.
  • The Profit Motive. 1983, In: Amartya Sen (Hrsg.): Resources, Value and Development. Blackwell, Oxford 1984, ISBN 0-631-13342-9.
  • Commodities and Capabilities. North Holland, Amsterdam 1985, ISBN 0-19-565038-7.
  • The Moral Standing of the Market. In: Dieter Helm (Hrsg.): The Economic Borders of the State. Clarendon Press, Oxford 1986, ISBN 0-19-828606-6.
  • Freedom of Choice. Concept and Content. In: European Economic Review. März 1988, S. 269–294, doi:10.1016/0014-2921(88)90173-0.
  • Socialism, Markets and Democracy 1958. In: Indian Economic Journal. April–Juni 1990.
  • The Standard of Living. Tanner Lectures in Human Values, The Press Syndicate of the University of Cambridge, Cambridge 1987.
    • deutsch: Der Lebensstandard. übersetzt von Ilse Utz. Rotbuch-Verlag, Hamburg 1990, ISBN 3-434-53062-2.
  • On Economic Inequality. Neuauflage. 1973, ISBN 0-19-828193-5.
  • Inequality reexamined . Oxford University Press, 1992, ISBN 0-19-828334-2.
  • Martha Nussbaum, Amartya Sen (Hrsg.): The quality of life. A study for the World Institute for Development Economics Research (WIDER) of the United Nations University. Clarendon Press, Oxford 1995, ISBN 0-19-828797-6.
  • On Economic Inequality. (Erweiterte Ausgabe mit einem Anhang: "On Economic Inequality" after a Quarter Century mit James Foster). Clarendon Press, Oxford 1997, ISBN 0-19-828193-5.
  • mit Jean Drèze: Poverty and Famines. zusammen mit Hunger and Public Action. und India - Economic Development and Social Opportunity. In: The Amartya Sen and Jean Drèze Omnibus. Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-564831-5.
  • Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft.. übersetzt von Christiana Goldmann. Hanser, München 2000, ISBN 3-446-19943-8. (auch: dtv, München 2002, ISBN 3-423-36264-2)
    • Original Development as Freedom. 1999.
  • Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. übersetzt von Friedrich Griese. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55812-2. (auch: dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-34601-6)
    • Englische Originalausgabe Identity and Violence: The Illusion of Destiny. W. W. Norton, New York 2006.
  • Die Idee der Gerechtigkeit. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60653-3.
  • Arbeitspapier in Zusammenarbeit mit Joseph E. Stiglitz und Jean-Paul Fitoussi: The Measurement of Economic Performance and Social Progress Revisited: Reflections and Overview. Document de travail OFCE 2009, (PDF; 437 kB).
    • Auch veröffentlicht als Buch: Mismeasuring Our Lives: Why GDP Doesn't Add Up. The New Press, New York/London, 2010. ISBN 978-1-59558-519-6.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Franz F. Eiffe: Auf den Spuren von Amartya Sen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59456-8.
  •  Julia Leininger: Amartya Sen. In: Gisela Riescher (Hrsg.): Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young. Kröner, Stuttgart 2004, ISBN 3-520-34301-0, S. 441–444.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Amartya Sen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. UNU WIDER: Amartya Sen - Publications and CV
  2. WHO-Biographie
  3. Autobiografie auf der Homepage des Nobelpreis-Komitees.
  4. nytimes.com: Like (professor) father, like (rapper) son, Zugriff am 19. Februar 2011.
  5. zeit.de: Wer denkt für morgen?: Nicht vom Brot allein, Zugriff am 19. Februar 2011.
  6. histecon.kings.cam.ac.uk: Emma Rothschild, Zugriff am 19. Februar 2011.
  7. Interview mit Amartya Sen, in: Herlinde Pauer-Studer (Hrsg.): Konstruktionen der praktischen Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt 2000, 185.
  8. Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Hanser, München 2000, S. 70–89.
  9. Georges Enderle: Amartya Sen: Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften 1998 und Wegbereiter der Wirtschaftsethik, Forum Wirtschaftsethik 1/1999.