Manfred Bissinger

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Pressesprecher Bissinger (links) mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Klose, 1979

Manfred Edwin Bissinger (* 5. Oktober 1940 in Berlin)[1] ist ein deutscher Publizist. Bissinger wird in der Medienbranche als einer der fähigsten Chefredakteure geschätzt.[2][3] Politisch der SPD nahestehend sieht er sich selbst als einen „klassischen Linksliberalen“.[4]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manfred Bissinger wurde als dritter Sohn des Verlegers und Journalisten Edgar Bissinger geboren.[1] Nach der Mittleren Reife machte er Volontariate unter anderem bei der Augsburger Allgemeinen, beim Donaukurier (einer Lokalausgabe der Augsburger Allgemeinen) und bei dpa.[1] 1964 wurde er Regieassistent beim NDR[5] und von 1965 bis 1966 arbeitete er als Reporter für das politische Fernsehmagazin Panorama unter Leitung von Joachim Fest.

Stern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1967 war er Redakteur, Reporter, geschäftsführender Redakteur und schließlich von 1975 bis 1978 stellvertretender Chefredakteur bei der Zeitschrift Stern. 1971 wurde Bissinger ein Vertragsentwurf zugespielt, wonach Axel Springer an seinem 60. Geburtstag im Mai 1972 33,3 % seines Verlages an Bertelsmann verkaufen werde – mit der Option auf mehr als 50 %. Bertelsmann war kurz zuvor als Mitgesellschafter bei Gruner + Jahr eingestiegen und wurde damit ein Miteigentümer am stern. Die linksliberal orientierte stern-Redaktion war damals gegen die Springer-Presse eingestellt und so auch Bissinger. Der Verleger Gerd Bucerius erschien persönlich bei Bissinger, um ihn von der Veröffentlichung seiner Enthüllungsgeschichte über die geplante Megafusion in der Medienbranche abzubringen. Doch Bissinger ließ sich nicht umstimmen, das Vorhaben wurde publik und Reinhard Mohn nahm von der Fusion Abstand.[6]

Mohn bot später Bissinger eine Million DM an Abfindung an, wenn er von sich aus kündigen würde. Bissinger lehnte erneut ab. Zur Jahreswende 1977/78 erschien im stern ein Artikel des Wirtschaftsredakteurs Kurt Blauhorn[4] („ ... und morgen die ganze Welt“) über Deutschlands Reiche und deren Auslandsinvestitionen, die auch als Steuerflucht gesehen werden konnten.[6] Darin war vermerkt, dass auch Reinhard Mohn sein Geld im Ausland und sogar in faschistischen Diktaturen angelegt hatte.[7] Viele Unternehmer beschwerten sich bei Mohn, woraufhin er von Bissinger verlangte, sich schriftlich zu verpflichten, nie wieder einen solchen Skandalbericht erscheinen zu lassen. Als Bissinger sich wieder weigerte Folge zu leisten, und Henri Nannen ihn trotz allem zu seinem Nachfolger bei stern ernannt hatte, ließ Mohn im Arbeitsvertrag einen Abschnitt einfügen, wonach Bissinger keinen Anspruch auf die Chefredaktion habe.[6] Nach seiner Entlassung unterstützten ihn in einem Offenen Brief viele Prominente, darunter Jürgen Habermas, Günter Grass und der ÖTV-Gewerkschaftsvorsitzende Heinz Kluncker.[7]

Daraufhin wurde er 1978 auf Vorschlag von Hamburgs Ersten Bürgermeister Hans-Ulrich Klose zum Pressesprecher des Hamburger Senats berufen. Die Bild-Zeitung schoss sich danach auf Bissinger ein wegen zweier „sehr Springer-kritische[n] Titelgeschichten“ im stern.[2] Gemeinsam verfolgten beide eine atomkraftkritische Politik gegenüber dem AKW Brokdorf.[4] „Drei Jahre hielten Klose und Bissinger stand, mußten aber dann, ziemlich zermürbt, zurücktreten.“[2] Ein Herzinfarkt erzwang eine Auszeit.[8]

Chefredaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1981 übernahm er die Chefredaktion der Zeitschrift konkret und verdoppelte in zwei Jahren die Auflage.[2] Besonders bekannt wurden Bissingers Veröffentlichungen von Erinnerungen des Ministerialdirigenten und Leiters des bayerischen Verfassungsschutzes Hans Langemann.[9] Nach einem kritischen Artikel über den damals neu gewählten Bundeskanzler Helmut Kohl folgte auf Antrag der Bundesregierung eine Hausdurchsuchung der Redaktion und eine Anklage der Bundesanwaltschaft wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen nach § 93 StGB.[10] Bissinger sprach von einer „Einschüchterung“ eines der Regierung mißliebigen Presseorgans.[9]

1985 wechselte er als Chefredakteur zu natur, er machte natur „politischer und stabilisierte das Blatt“.[2] Außerdem erweiterte er dessen Spektrum um Technik und Ökonomie.[11] 1989 wurde er Chefredakteur von Merian, „das er kräftig entrümpelte und modernisierte“.[2] Im Wendejahr 1990 brachte er fünf Merian-Hefte in einem Schuber über „Die fünf neuen deutschen Länder“ heraus und deckte damit einen großen Informationsbedarf über die frühere DDR bei den Westdeutschen.[7] Seit 1993 ist er als Herausgeber von Merian tätig.[12]

1992 sollte er Chefredakteur von Geo werden, das im Verlag von Gruner + Jahr erschien. Dieses Angebot war eine „Sensation“ in der Medienbranche, denn „jeder wußte, daß er nach einer Schamfrist den stern übernehmen sollte.“[2] Doch dann machte ihm der Verleger Thomas Ganske ein noch besseres Angebot, nämlich die Leitung einer neuen Wochenzeitung. Ein Teil der Investition stammte von den Einnahmen der fünf Merian-Sonderhefte über die frühere DDR.[7]

Von 1993 bis 2002 wirkte er als Geschäftsführer, Herausgeber und Chefredakteur der linksliberalen[13] Zeitung Die Woche. Diese Zeitung war eine Herzensangelegenheit von Verleger Ganske und sollte das Monopol der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit aufbrechen. Mit einem neuen lesefreundlichen Layout und Design sollten vor allem junge Leserschaften gewonnen werden. Die Woche erhielt viele Preise für ihre innovative Blattgestaltung. Das Projekt rechnete sich jedoch immer weniger, als Ursache für die Einstellung im Jahr 2002 werden viele Gründe genannt. Bissinger selbst wurde damit zitiert, dass „mit der Digitalisierung der Medienwelt [.] es unwahrscheinlich geworden [ist], dass noch jemals wieder eine Zeitschrift oder Zeitung mit einem umfassenden Themenanspruch außerhalb enger Marktnischen neu gegründet werde.“[14] Die Woche sei „nicht an zu wenig Lesern gescheitert; es fehlten einfach die Anzeigen.“[4]

Corporate Publishing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 2001 bis 2010 war Bissinger Geschäftsführer des Bereichs Corporate Publishing beim Verlagshaus Hoffmann und Campe.[15] 2013 gründete er zusammen mit seinen ehemaligen Hoffmann-und-Campe-Kollegen Kim Notz (ehemals Krawehl) und Andreas Siefke[16] in Hamburg die Corporate-Publishing-Agentur Bissinger plus, eigene Schreibweise in Großbuchstaben: Bissinger[+].[17] Seine Agentur arbeitet mit der Hamburger Werbeagentur KNSK und der Corporate-Publishing-Firma KircherBurkhardt zusammen.

Bissinger warnt vor einer Vermischung von Journalismus und Reklame, dieser Unterschied müsse immer transparent bleiben. Erst dann könnten die Unternehmen auch in glaubwürdiger Weise guten Journalismus finanzieren. Nach dem Stellenabbau der Redaktionen durch Digitalisierung und Wirtschaftskrise entstanden beim Content Marketing neue Arbeitsfelder.[18]

Politische Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manfred Bissinger gehörte zum Beraterkreis des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Er hatte zweimal das Angebot als Kulturstaatsminister in sein Kabinett einzutreten.[4] Zur Bundestagswahl 2005 verantwortete Bissinger presserechtlich eine Anzeige, die zur Wiederwahl von Gerhard Schröder aufrief.[19]

Im August 2010 unterstützte Bissinger als einer von 40 Unterzeichnern den Energiepolitischen Appell, einer Lobbyinitiative der vier großen Stromkonzerne, um für die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke zu werben. Bissinger verwahrte sich daraufhin gegen den Vorwurf, damit ein „Atomlobbyist“ geworden zu sein. Er sei „für eine Verlängerung der Atomenergie, soweit sie notwendig ist, um zu gewährleisten, dass die Erneuerbaren Energien ordentlich auf den Markt gebracht werden können.“ Anstatt im Hintergrund Entscheidungen zu treffen, unterstütze er daher das offene Bekenntnis der Energieunternehmen, da diese mittelfristig ebenfalls die Atomenergie abschaffen und durch regenerative Energien ersetzen wollten.[20]

Mitgliedschaften und Ehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bissinger wurde „in den Jahren nach Brandts Rücktritt“ im Mai 1974 Mitglied der SPD und blieb es bis 1992. Die von Björn Engholm durchgesetzten Petersberger Beschlüsse, die neben einer Einschränkung des Asylrechts erstmals Auslandseinsätze der Bundeswehr unterstützten (zunächst nur im Rahmen von UN-Friedensmissionen), lehnte er ab und trat daraufhin gemeinsam mit seinen Freunden Jürgen Flimm und Günter Grass aus der Partei aus.[8]

Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und war von 1991 bis 1993 dessen Generalsekretär. Bissinger ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.[1]

Verschiedenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1996 bis 2001 war er ein Ko-Moderator der politischen Talkshow „3 – 2 – 1“ des Hessischen Rundfunks.[12] Drei Moderatoren luden zwei Gäste ein, die zu einem kontroversen Thema diskutieren und streiten sollten. Die Gastgeber waren Luc Jochimsen (damals Chefredakteurin des Hessischen Fernsehens, später Bundestagsabgeordnete der Linken) in der Mitte, rechts von ihr Michel Friedman (damals CDU-Vorstandsmitglied sowie Mitglied des Zentralrats der Juden) und Bissinger zur Linken. Nach Friedmans Weggang 1997 ersetzte ihn Hugo Müller-Vogg (damals FAZ-Mitherausgeber und heute Berlin-Kolumnist von Bild). Gesprächsteilnehmer waren „Manager ebenso wie Gewerkschafter, Politiker wie Künstler, aufstrebende Talente, wie beispielsweise die junge Andrea Nahles oder Angela Merkel“.[4] Im Jahr 2016 erfuhr die Fernsehsendung eine einmalige Neuauflage.[21] Wie zuvor bei seiner Zeitung Die Woche wurde auch hier das Prinzip von Grundsatzdebatten mit gegensätzlichen Standpunkten und einer Moderation ausgetragen.

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manfred Bissinger hat zwei Töchter, die ebenfalls in der Medienbranche arbeiten,[8] und ist seit 2000 in zweiter Ehe[8] mit Ehefrau Margrit[22] verheiratet.

Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bissinger greift gerne mit seinen Artikeln und Büchern in den aktuellen politischen Diskurs ein.[3] Er umschreibt diese politisch motivierte Grundhaltung mit der Merker-Täter-Formel von Henri Nannen.[4] Er sei als Journalist kein „Merker“ und wolle daher nicht nur beschreiben, sondern lieber als „Täter“ auch für ein Anliegen kämpfen.[23] „Sich einmischen zu können lässt sich durch nichts aufwiegen.“[24] Bissinger möchte „der Aufklärung dienen und nicht dem Staat oder irgendwelchen Interessengruppen“.[4]

Der Journalist Reinhard Hesse beschrieb Bissinger als einen „bedächtig wirkende[n] Mann mit leisem Humor, der manchmal vergessen lässt, dass er wohl einer der Ausgeschlafensten seines Metiers ist“.[23] Ein Medienkollege meinte über ihn, er sei „mit einer feinen journalistischen Nase ausgestattet und furchtlos, wenn es um die Sache geht“.[3] Stets setze er sich „mit zurückhaltendem Auftreten und bestens getarnter Härte“ für seine Anliegen ein.[3]

Eine weitere Stärke Bissingers sei es, dass er gern auf Menschen zugehe, sie für sich einnehmen und den Kontakt über Jahrzehnte hinweg pflegen könne. Auf diese Weise habe er ein großes Netzwerk an Freunden und beruflichen Bekannten aufgebaut.[3][8] Seinen Mitarbeitern gegenüber pflegt er eine konstruktive und unterstützende Umgangsweise: „Manfred ist ein Magier, er gibt dir das Gefühl, daß du wahnsinnig wichtig für ihn bist. Das stimmt natürlich nicht, aber da hat er dich schon gewonnen“, so einer seiner früheren Kollegen vom stern.[2]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften

Gesprächsbände

Herausgeberschaften

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Manfred Bissinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Manfred Bissinger im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. a b c d e f g h Miklós Pataky: Hamburgs Medienmacher. Heute: Manfred Bissinger, Chefredakteur „Die Woche“. In: Hamburger Morgenpost, 14. Dezember 1998.
  3. a b c d e N.N.: Manfred Bissinger (70). In: BuchMarkt, 5. Oktober 2010.
  4. a b c d e f g h Statt eines Vorworts. Manfred Bissinger im Gespräch mit Roger Willemsen. In: Lauter Widerworte, ISBN 978-3-455-50206-0, S. 11–28.
  5. Anja Reschke: Manfred Bissinger. In: Die Unbequemen: Wie Panorama die Republik verändert hat. Redline Wirtschaft, München 2011, ISBN 978-3-86881-306-7.
  6. a b c Thomas Schuler: Wie Mohn Springer kaufen will – und am Stern scheitert. In: ders., Die Mohns. Vom Provinzbuchhändler zum Weltkonzern: die Familie hinter Bertelsmann. Campus Verlag, Frankfurt am Main und New York 2004, ISBN 3-593-37307-6, S. 190–194, online-Text in Google Bücher.
  7. a b c d Willi Winkler: Manfred Bissinger wird 70 – Mit der Enthüllungsgeschichte zur FDP. In: Süddeutsche Zeitung, 5. Oktober 2010.
  8. a b c d e Leif Kramp: Manfred Bissinger – Der Kontakter. In: Stephan Weichert, Christian Zabel (Hrsg.), Die Alpha-Journalisten, 2007, ISBN 978-3-938258-29-3, S. 114–124.
  9. a b Gerhard Spörl: Eine Affäre mit Nachspiel. (Memento vom 23. Mai 2016 im Internet Archive). In: Die Zeit, 14. Januar 1983.
  10. N.N.: Presse. Die Wende. In: Der Spiegel, Nr. 3, 17. Januar 1983.
  11. Berufliches. Manfred Bissinger. In: Der Spiegel, Nr. 46, 12. November 1984.
  12. a b Manfred Bissinger. In: VDZ Akademie, aufgerufen am 23. Juni 2017.
  13. Ulrike Simon: „Die Woche“: Schattengewächs. In: Tagesspiegel, 19. Februar 2000.
  14. dpa: Manfred Bissinger – ein besonderer Medienmacher. (Memento vom 13. Mai 2017 im Webarchiv archive.is). In: Hamburger Abendblatt, 4. Oktober 2015.
  15. Felicitas von Lovenberg, Helmut Mayer und Michael Hanfeld: Die Rechnungen für Wulffs Buch ließ Maschmeyer ändern. In: FAZ.net. 20. Dezember 2011, abgerufen am 14. Dezember 2014.
  16. Eine Branche in Bewegung: Manfred Bissinger und KircherBurkhardt begründen strategische Partnerschaft. In: C3 Creative Code and Content, 22. Oktober 2013.
  17. Bissinger[+]
  18. Manfred Bissinger: Diskussion um Content Marketing. Wer war der Mörder? In: Tagesspiegel, 11. Mai 2017.
  19. Frank Patalong: Haue für den Gegner. In: SpOn. 6. September 2005, abgerufen am 14. Dezember 2014.
  20. Dirk Müller: „Ich bin kein Atomlobbyist.“ Öffentlicher Appell zur Laufzeitverlängerung der AKWs. In: Deutschlandfunk, 23. August 2010, Manfred Bissinger im Gespräch.
  21. Petra Sitte: 3 – 2 – 1 – Eine Talkshow-Legende feiert Auferstehung. In: petra-sitte.de, 15. März 2016.
  22. Doris Banuscher: Fest mit vielen Lieblingsfreunden. In: WamS, 17. Oktober 2010.
  23. a b Ulrike Simon: Täter und Opfer: Manfred Bissinger wird 70 Jahre. Die Sache mit dem Zettel. In: Berliner Zeitung, 5. Oktober 2010.
  24. Jürgen Scharrer: Agenturchef Manfred Bissinger: „Wir arbeiten Kiosk-tauglich“. In: horizont.net, 19. Oktober 2015.
  25. Dagmar Haas-Pilwat: Promi-Fotograf Dieter Eikelpoth gestorben. In: Rheinische Post, 16. September 2015.