Chi-Quadrat-Verteilung
Die Chi-Quadrat-Verteilung ist eine stetige Wahrscheinlichkeitsverteilung über der Menge der positiven reellen Zahlen. Im Allgemeinen ist mit „Chi-Quadrat-Verteilung“ die zentrale Chi-Quadrat-Verteilung gemeint. Ihr einziger Parameter
muss eine natürliche Zahl sein und heißt ihre Zahl der Freiheitsgrade.
Sie ist eine der Verteilungen, die aus der Normalverteilung abgeleitet wird. Hat man
Zufallsvariablen
, die unabhängig und standardnormalverteilt sind, so ist die Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden definiert als die Verteilung der Summe der quadrierten Zufallsvariablen
. Solche Summen quadrierter Zufallsvariablen treten bei der Schätzung der Varianz einer Stichprobe auf. Die Chi-Quadrat-Verteilung findet außerdem Anwendung bei den Chi-Quadrat-Tests.
Sie wurde 1875 eingeführt von Friedrich Robert Helmert, die Bezeichnung stammt von Karl Pearson (1900).[1]
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Definition
Die Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden beschreibt die Verteilung der Summe
stochastisch unabhängiger quadrierter standardnormalverteilter Zufallsvariablen
, mit
für
.
Das Zeichen
ist Kurzschreibweise für ' ist verteilt wie '. Die Summe quadrierter Größen kann keine negativen Werte annehmen.
[Bearbeiten] Dichte
Die Dichte
der
-Verteilung mit
Freiheitsgraden hat die Form:
Dabei steht
für die Gammafunktion. Die Werte von
kann man auch berechnen mit

.
[Bearbeiten] Verteilungsfunktion
Die Verteilungsfunktion kann man mit Hilfe der regularisierten unvollständigen Gammafunktion schreiben:
Wenn n eine natürliche Zahl ist, dann kann die Verteilungsfunktion (mehr oder weniger) elementar dargestellt werden:
wobei Erf die Fehlerfunktion bezeichnet. Die Verteilungsfunktion beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass
im Intervall [0, x] liegt.
[Bearbeiten] Eigenschaften
[Bearbeiten] Erwartungswert
Der Erwartungswert der Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist
.
Unter der Voraussetzung einer standardnormalverteilten Grundgesamtheit sollte also bei richtiger Abschätzung der Varianz der Grundgesamtheit der Wert
in der Nähe von 1 liegen.
[Bearbeiten] Varianz
Die Varianz der Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist
.
[Bearbeiten] Modus
Der Modus der Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist
für
.
[Bearbeiten] Schiefe
Die Schiefe
der Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist
.
Die Chi-Quadrat-Verteilung besitzt eine positive Schiefe, d.h. sie ist linkssteil bzw. rechtsschief. Je höher die Anzahl der Freiheitsgrade
, desto weniger schief ist die Verteilung.
[Bearbeiten] Kurtosis
Die Kurtosis (Wölbung)
der Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist gegeben durch
.
Der Exzess
gegenüber der Normalverteilung ergibt sich damit zu
.[2] Daher gilt: Je höher die Anzahl der Freiheitsgrade
, desto geringer der Exzess.
[Bearbeiten] Charakteristische Funktion
Die charakteristische Funktion für
hat die Form
.
[Bearbeiten] Summe
-verteilter Zufallsvariablen
Sind
unabhängige Zufallsvariable, mit
, so gilt:
.
Die Chi-Quadrat-Verteilung ist also reproduktiv.
[Bearbeiten] Nichtzentrale Chi-Quadrat-Verteilung
Wenn die normalverteilten Zufallsvariablen nicht bezüglich ihres Erwartungswertes
zentriert sind (d.h. wenn nicht alle
sind), erhält man die nichtzentrale Chi-Quadrat-Verteilung. Sie hat als zweiten Parameter neben
den Nichtzentralitätsparameter
.
Seien
, so ist
mit
.
Insbesondere folgt aus
und
, dass
ist.
Eine zweite Möglichkeit, eine nichtzentrale Chi-Quadrat-Verteilung zu erzeugen, ist als Mischverteilung der zentralen Chi-Quadrat-Verteilung. Dabei ist
,
wenn
aus einer Poisson-Verteilung gezogen wird.
[Bearbeiten] Dichtefunktion
Die Dichtefunktion der nichtzentralen Chi-Quadrat-Verteilung ist
für
,
für
.
[Bearbeiten] Darstellung durch modifizierte Bessel-Funktion
Die Dichtefunktion kann alternativ auch mit Hilfe der modifizierten Bessel-Funktion erster Gattung
dargestellt werden:
für
.
[Bearbeiten] Verteilungsfunktion
Die Verteilungsfunktion der nichtzentralen Chi-Quadrat-Verteilung kann mit Hilfe der Marcum-Q-Funktion
dargestellt werden. [3]
[Bearbeiten] Beispiel
Man macht
Messungen einer Größe
, die aus einer normalverteilten Grundgesamtheit stammen. Sei
der Mittelwert der
gemessenen Werte und
die Stichprobenvarianz. Dann lässt sich z. B. das 95 %-Konfidenzintervall für die Varianz
angeben:
wobei
durch
und
durch
bestimmt wird, und deshalb auch
. Die Grenzen ergeben sich daraus, dass
wie
verteilt ist.
[Bearbeiten] Herleitung der Verteilung der Stichprobenvarianz
Sei
eine Stichprobe von
Messwerten, gezogen aus einer normalverteilten Zufallsvariablen
mit arithmetischem Mittelwert
und Stichprobenvarianz
als Schätzfunktionen für Mittelwert
und Varianz
der Grundgesamtheit.
Dann lässt sich zeigen, dass
verteilt ist wie
.
Dazu werden nach Helmert[4] die
mittels einer orthonormalen Linearkombination in neue Variablen
transformiert. Die Transformation lautet:
Die neuen unabhängigen Variablen
sind wie
normalverteilt mit gleicher Varianz
, aber mit Erwartungswert
beides aufgrund der Faltungsinvarianz der Normalverteilung.
Außerdem gilt für die Koeffizienten
in
( falls
, ist
) wegen der Orthonormalität
(Kronecker-Delta) und damit
Deshalb ergibt sich nun
und schlussendlich nach Division durch 
Der Ausdruck auf der linken Seite ist offenbar verteilt wie eine Summe von quadrierten standardnormalverteilten unabhängigen Variablen mit
Summanden, wie für
gefordert.
Demnach ist also
, während laut Definition der Chi-Quadrat-Summe
. Ein Freiheitsgrad wird hier 'verbraucht', denn der berechnete Mittelwert
ist im Gegensatz zum Mittelwert der Grundgesamtheit
von den
abhängig.
[Bearbeiten] Beziehung zu anderen Verteilungen
[Bearbeiten] Beziehung zur Gammaverteilung
Die Chi-Quadrat-Verteilung ist ein Spezialfall der Gammaverteilung. Ist
, so gilt
[Bearbeiten] Beziehung zur Normalverteilung
- Die Summe
von
unabhängigen quadrierten standardnormalverteilten Zufallsvariablen
genügt einer Chi-Quadrat-Verteilung
mit
Freiheitsgraden.
- Für
ist
näherungsweise standardnormalverteilt.
- Für
ist die Zufallsvariable
näherungsweise normalverteilt, mit Erwartungswert
und Standardabweichung
bzw. bei einer nicht-zentralen Chi-Quadrat-Verteilung mit Erwartungswert
und Standardabweichung
.
[Bearbeiten] Beziehung zur Exponentialverteilung
Eine Chi-Quadrat-Verteilung mit 2 Freiheitsgraden ist eine Exponentialverteilung
mit dem Parameter
.
[Bearbeiten] Beziehung zur Erlang-Verteilung
Eine Chi-Quadrat-Verteilung mit
Freiheitsgraden ist identisch mit einer Erlang-Verteilung
mit
Freiheitsgraden und
.
[Bearbeiten] Beziehung zur F -Verteilung
Wenn
und
unabhängige
-verteilte Zufallsvariablen mit den Freiheitsgraden
und
sind, dann ist der Quotient
eine Zufallsvariable, die der F-Verteilung mit den Freiheitsgraden
genügt.
[Bearbeiten] Beziehung zur stetigen Gleichverteilung
Für gerade
kann man die
-Verteilung als
-fache Faltung bilden mit Hilfe der gleichmäßig stetigen Dichte
:
,
worin die
unabhängige gleichmäßig stetig verteilte Zufallsvariablen sind.
Für ungerade
gilt dagegen
[Bearbeiten] Herleitung der Dichtefunktion
Die Dichte der Zufallsvariable
, mit
unabhängig und standardnormalverteilt, ergibt sich aus der gemeinsamen Dichte der Zufallsvariablen
. Diese gemeinsame Dichte ist das
-fache Produkt der Standardnormalverteilungsdichte:
Für die gesuchte Dichte gilt:
mit 
Im Grenzwert ist die Summe im Argument der Exponentialfunktion gleich z, sie darf deshalb vor das Integral und den Limes gezogen werden.
Das verbleibende Integral
entspricht dem Volumen der Schale zwischen der Kugel mit Radius
und der Kugel mit Radius
,
wobei
das Volumen der n-dimensionalen Kugel mit Radius R angibt.
Es folgt: 
und nach Einsetzen in den Ausdruck für die gesuchte Dichte:
.
[Bearbeiten] Quantilfunktion
Die Quantilfunktion der
-Verteilung
ist die Lösung der Gleichung
und damit prinzipiell über die Umkehrfunktion zu berechnen. Konkret gilt hier
mit
als Inverse der regularisierten unvollständigen Gammafunktion. Dieser Wert
ist in der Quantiltabelle unter den Koordinaten
und
eingetragen.
Für wenige Werte
(1, 2, 4) kann man die Quantilfunktion explizit angeben:
wobei
die Fehlerfunktion,
den unteren Zweig der Lambertschen W-Funktion bezeichnet und
die Eulersche Zahl.
[Bearbeiten] Literatur
- Joachim Hartung, Bärbel Elpelt, Karl-Heinz Klösener: Statistik. 12. Auflage. Oldenbourg, 1999, ISBN 3-486-24984-3, S. 152 ff.
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ F. R. Helmert. In: Zeitschrift fuer Math. und Physik 21, 1875, S. 102-219. Karl Pearson: On the Criterion that a Given System of Deviations from the Probable in the Case of a Correlated System of Variables is such that it Can Reasonably Be Supposed to have Arisen from Random Sampling. In: Philosophical Magazine 5, Band 50, 1900, S. 157-175. Zitiert nach L. Schmetterer: Mathematische Statistik. Springer, Wien 1966, S. 93
- ↑ Wolfram Mathworld
- ↑ Albert H. Nuttall: Some Integrals Involving the QM Function. In: IEEE Transactions on Information Theory. Nr. 21, 1975, ISSN 0018-9448, S. 95–96 (IEEE Xplore).
- ↑ Helmert, Astronomische Nachrichten 88, 1876, S.113-132
[Bearbeiten] Weblinks
- uni-konstanz – Interaktive Animation
- Webrechner für Werte der Chi-Quadrat-Verteilung
-
Wikibooks: Tabelle der χ2-Verteilung – Lern- und Lehrmaterialien
Diskrete univariate Verteilungen für endliche Mengen:
Benford | Bernoulli | beta-binomial | binomial | kategorial | hypergeometrisch | Rademacher | Zipf | Zipf-Mandelbrot
Diskrete univariate Verteilungen für unendliche Mengen:
Boltzmann | Conway-Maxwell-Poisson | negativ binomial | erweitert negativ binomial | Compound-Poisson | diskret uniform | discrete-Phase-Type | Gauss-Kuzmin | geometrisch | logarithmisch | parabolisch-fraktal | Poisson | Poisson-Gamma | Skellam | Yule-Simon | Zeta
Kontinuierliche univariate Verteilungen mit kompaktem Intervall:
Beta | Cantor | Kumaraswamy | raised Cosine | Dreieck | U-quadratisch | stetig uniform | Wigner-Halbkreis
Kontinuierliche univariate Verteilungen mit halboffenem Intervall:
Beta prime | Bose-Einstein | Burr | Chi-Quadrat | Coxian | Erlang | Exponential | F | Fermi-Dirac | Folded normal | Fréchet | Gamma | Gamma-Gamma | Extremwert | verallgemeinert invers Gauß | halblogistisch | halbnormal | Hotellings T-Quadrat | hyper-exponentiale | hypoexponential | invers Chi-Quadrat | scale-invers Chi-Quadrat | Invers Normal | Invers Gamma | Lévy | log-normal | log-logistisch | Maxwell-Boltzmann | Maxwell-Speed | Nakagami | nichtzentriert Chi-Quadrat | Pareto | Phase-Type | Rayleigh | relativistisch Breit-Wigner | Rice | Rosin-Rammler | shifted Gompertz | truncated normal | Type-2-Gumbel | Weibull | Wilks’ Lambda
Kontinuierliche univariate Verteilungen mit unbeschränktem Intervall:
Cauchy | Extremwert | exponential Power | Fishers z | Fisher-Tippett (Gumbel) | generalized hyperbolic | Hyperbolic-secant | Landau | Laplace | alpha-stabil | logistisch | normal (Gauß) | normal-invers Gauß’sch | Skew-normal | Studentsche t | Type-1-Gumbel | Variance-Gamma | Voigt
Diskrete multivariate Verteilungen:
Ewen | multinomial | Dirichlet compound multinomial
Kontinuierliche multivariate Verteilungen:
Dirichlet | generalized Dirichlet | multivariat normal | multivariat Student | normalskaliert invers Gamma | Normal-Gamma
Multivariate Matrixverteilungen:
Invers Wishart | Matrix-normal | Wishart
, mit
für
.

.


.
.
.
.
.
mit
.
,
für
,
für
.
für 











von
genügt einer Chi-Quadrat-Verteilung
mit
ist
näherungsweise standardnormalverteilt.
ist die Zufallsvariable
bzw. bei einer nicht-zentralen Chi-Quadrat-Verteilung mit Erwartungswert
und Standardabweichung
.
,![\chi_n^2 = \chi_{n-1}^2 + \left[\mathcal{N}(0,1)\right]^{2}](http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/math/7/5/1/7517e0386bccec47dd488dc55ff3ad90.png)



.


