Jüdische Autonome Oblast
| Subjekt der Russischen Föderation
Jüdische Autonome Oblast
Еврейская автономная область
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
Die Jüdische Autonome Oblast (russisch Еврейская автономная область / Jewreiskaja awtonomnaja oblast; jiddisch ייִדישע אױטאָנאָמע געגנט / jidische ojtonome gegnt, auch Jüdisches Autonomes Gebiet) ist eine autonome Verwaltungsregion Russlands.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Geographie
Die Oblast liegt im russischen Föderationskreis Ferner Osten und befindet sich an der Grenze zur Volksrepublik China. Der Fluss Amur bildet hier die Grenze zwischen den beiden Staaten.
[Bearbeiten] Bevölkerung
Die Juden stellten nie die Bevölkerungsmehrheit im Gebiet, das die sowjetische Regierung als jüdisch-sowjetisches Zion vorsah. Den höchsten Anteil erreichten sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit rund einem Drittel. Noch 1989 waren 5,5 % der 220.000 Einwohner dieses Gebietes Juden, doch auch das waren damals kaum 0,5 % aller Juden in der Sowjetunion. Inzwischen (Stand: Volkszählung 2002) stellen sie nur noch 2.327 oder 1,22 % der Bevölkerung von insgesamt 190.915 Einwohnern, nachdem viele von ihnen nach Israel und Deutschland abgewandert sind. Fast 90 % der Einwohner (nämlich: 171.697 oder 89,93 %) sind Russen. Kleine Minderheiten bilden die Ukrainer mit 8.483 (4,44 %), die Weißrussen mit 1.182 (0,62 %) und die Tataren mit 1.196 (0,63 %). Vor den stalinistischen Säuberungen lebten auch rund 4.500 Koreaner im Gebiet, die dann im Zuge der neuen Politik vollständig nach Zentralasien deportiert wurden.
Während des Stalinismus wanderten auch einige (schätzungsweise 1000) Russlandmennoniten in die Amurregion und emigrierten wenig später über die Jüdische Autonome Oblast und China nach Paraguay.
Heutzutage wird Jiddisch wieder in den Schulen gelehrt; es gibt eine Rundfunkstation, die Sendungen auf Jiddisch sendet. Der Birobidshaner Shtern hat auch einen Abschnitt in dieser Sprache.
[Bearbeiten] Religionen
Im ausgehenden Zarenreich gab es in der heutigen Jüdischen Autonomen Oblast etwa 20 russisch-orthodoxe Gemeinden. Nach der Gründung der autonomen Oblast wurde jedoch in der Sowjetunion sämtliche Religionsausübung verboten.
Die Russisch-Orthodoxe Kirche zählt heute wieder 16 Gemeinden, die über die ganze Region verteilt sind. Die Jüdische Gemeinde „Freud“ wurde 1987 gegründet (siehe auch Synagoge in Birobidschan). Es existieren zwei Synagogen. Die Gemeinschaft der Subbotniki hat etwa 200 Anhänger, von denen in den letzten Jahren einige nach Israel abgewandert sind. Außerdem gibt es in der Jüdischen Autonomen Oblast protestantische Gemeinschaften. Die Baptisten haben in Birobidschan und in Naifeld ihre beiden Gemeinden, Pfingstchristen (Slawnaja Wetw) sowie eine offizielle Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten gibt es ebenfalls in Birobidschan. Früher wurden in der alten Holzsynagoge von Birobidschan Gottesdienste von älteren Frauen abgehalten, welche Jesus verehrten und sich an jüdische Gesetze hielten (Messianische Juden).
[Bearbeiten] Geschichte
Das Gebiet wurde durch eine russische Expedition 1644 erforscht, bald darauf ließen sich die ersten Siedler hier nieder. 1898 erreichte die Transsibirische Eisenbahn das Gebiet und sorgte für eine weitere Bevölkerungszunahme.
Die Jüdische Autonome Oblast wurde 1928 eingerichtet. Die erste jüdische Siedlung war Waldheim. Die Grundidee Stalins bei der Gründung war, dem westlichen Zionismus und der Abwanderung nach Palästina (Region) entgegenzuwirken und ein „sowjetisches Zion“ mit Jiddisch als Amtssprache zu errichten. Es ging dem Staat und der Partei aber nicht um die Erfüllung jüdischer Träume von einer Heimstatt. Vielmehr war ein Ziel, weitere jüdische landwirtschaftliche Siedlungen in der Ukraine und auf der Krim zu verhindern, da dies bei der nichtjüdischen Bevölkerung zunehmend auf Kritik stieß. Außerdem sollte die autonome Oblast so etwas wie eine Pufferzone gegenüber einer befürchteten chinesischen oder japanischen Expansion bilden. Nicht zuletzt erhofften sich die Machthaber eine Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wie Eisen, Holz, Zinn bis hin zu Gold. In der Sowjetunion wurde für den Plan unter der jüdischen Bevölkerung mit einem erheblichen Propagandaaufwand geworben. Faktisch trug das „pragmatische“ und „defensive“Projekt zur Stärkung der jüdischen Identität in der Sowjetunion bei und stärkte auch den jüdischen Nationalismus.[3] Der Vorsitzende des Allrussischen zentralen Exekutivkomitees der Sowjets Michail Kalinin meinte zu diesem Gebiet: „Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat.”
Die Planungen sahen vor, in der Region bis 1937 etwa 150.000 Juden anzusiedeln. Bei ausländischen jüdischen Kommunisten löste das Projekt anfangs Begeisterung aus. Otto Heller schrieb, „Die Juden sind in die sibirischen Wälder gezogen, wenn man sie nach Palästina fragt, lachen sie nur. (…) Diese Siedler begründen in der sibirischen Taiga nicht nur eine Heimstätte für sich selbst, sondern für Millionen Angehörige ihres Volkes.“ Selbst jüdische Antikommunisten wie Chaim Schitlowsky zeigten sich beeindruckt. Man glaubte, Birobidschan würde zu einer Republik und zu einem Zentrum einer jüdisch-sozialistischen Kultur. Trotz des rauen Klimas zogen zunächst tausende Juden in das Gebiet.[4] Von den späten 1920 bis in die Mitte der 1930er-Jahre kamen auch ausländische Siedler in die Region. Viele von ihnen hatten russische Wurzeln und hatten sich in Europa oder Amerika nicht eingewöhnen können. Neben Einwanderern aus Litauen kamen auch solche aus den USA und Argentinien. Die meisten Neusiedler kehrten allerdings oft nach nur wenigen Monaten wieder enttäuscht von den miserablen Lebensbedingungen in ihre Heimat zurück.
Die Besiedlung stoppte jedoch bereits Mitte der 1930er-Jahre, als im Zuge der Stalinschen Säuberungen viele Juden getötet und jiddische Schulen geschlossen wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die Idee eines jüdischen Territoriums erneut Aufwind, und der Anteil der Juden erreichte mit rund einem Drittel seinen Höhepunkt. Danach wurde die jüdische Ansiedlung aber nie mehr forciert. Während Stalins Säuberungsplänen ließ er mehrere Politiker und Schriftsteller der Region festnehmen.
Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde das Gebiet eine eigenständige Verwaltungseinheit innerhalb Russlands; es gibt allerdings Bestrebungen, das Gebiet mit der Region Chabarowsk zu vereinigen.
[Bearbeiten] Politik
Gouverneur der Jüdischen Autonomen Oblast ist seit 2010 Alexander Aronowitsch Winnikow.
In der Jüdischen Autonomen Oblast gibt es 14 Parteien, die dort auch ein regionales Büro haben.
[Bearbeiten] Verwaltungsgliederung
Die Republik gliedert sich in fünf Rajons sowie einen Stadtkreis, den das Oblastverwaltungszentrum Birobidschan bildet. Den Rajons sind insgesamt 12 Stadt- und 18 Landgemeinden unterstellt (Stand: 2010).
| [A 1] | Name | Einwohner[5] | Fläche (km²) |
Bevölkerungs- dichte (Ew./km²) |
Stadt- bevölkerung |
Land- bevölkerung |
Verwaltungssitz | Weitere Orte[A 2] | Anzahl Stadt- gemeinden |
Anzahl Land- gemeinden |
Lage |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I | Birobidschan[A 3] | 75.440 | 169 | 446,4 | 75.440 | – | 1 | – | |||
| 1 | Birobidschan | 13.806 | 4.443 | 3,1 | – | 13.806 | Birobidschan[A 4] | – | 6 | ||
| 2 | Leninskoje | 21.953 | 6.068 | 3,6 | – | 21.953 | Leninskoje | – | 5 | ||
| 3 | Oblutschje | 33.241 | 13.294 | 2,5 | 28.071 | 5.170 | Oblutschje | Bira, Birakan, Chingansk, Iswestkowy, Kuldur, Londoko, Teploosjorsk | 8 | 2 | |
| 4 | Oktjabrski | 12.833 | 6.440 | 2,0 | – | 12.833 | Amurset | – | 3 | ||
| 5 | Smidowitsch | 27.766 | 5.837 | 4,8 | 18.802 | 8.964 | Smidowitsch | Nikolajewka, Priamurski, Wolotschajewka Wtoraja | 4 | 2 |
Anmerkungen:
- ↑ Nummer des Rajons in der Karte (Rajons in alphabetischer Reihenfolge der Namen im Russischen)
- ↑ Siedlungen städtischen Typs
- ↑ Stadtkreis
- ↑ Stadt gehört nicht zum Rajon, sondern bildet eigenständigen Stadtkreis; Einwohnerzahl der Stadt nicht bei der Berechnung der Bevölkerungsdichte berücksichtigt
[Bearbeiten] Städte
Einzige größere Stadt ist das Verwaltungszentrum Birobidschan. Es gibt eine weitere Kleinstadt (Oblutschje) sowie elf Siedlungen städtischen Typs.
| Name | Russisch | Rajon | Einwohner[5] |
|---|---|---|---|
| Bira | Бира | Oblutschje | 3.455 |
| Birakan | Биракан | Oblutschje | 2.457 |
| Birobidschan* | Биробиджан | Stadtkreis | 75.440 |
| Chingansk | Хинганск | Oblutschje | 1.850 |
| Iswestkowy | Известковый | Oblutschje | 1.929 |
| Kuldur | Кульдур | Oblutschje | 1.832 |
| Londoko | Лондоко | Oblutschje | 1.236 |
| Nikolajewka | Николаевка | Smidowitsch | 7.852 |
| Oblutschje* | Облучье | Oblutschje | 10.425 |
| Priamurski | Приамурский | Smidowitsch | 4.004 |
| Smidowitsch | Смидович | Smidowitsch | 5.100 |
| Teploosjorsk | Теплоозерск | Oblutschje | 4.887 |
| Wolotschajewka Wtoraja | Волочаевка Вторая | Smidowitsch | 1.846 |
[Bearbeiten] Verkehr und Wirtschaft
Die Transsibirische Eisenbahn führt durch das Gebiet und verbindet es mit anderen russischen Großstädten. Wichtigste Wirtschaftszweige sind der Bergbau (Gold, Eisenerz), die Holzindustrie und die Landwirtschaft.
[Bearbeiten] Literatur
- Robert Weinberg: Birobidshan. Stalins vergessenes Zion. Verlag NEUE KRITIK, Frankfurt/Main 2004, ISBN 3-8015-0367-4.
[Bearbeiten] Weblinks
- Offizielle Webseite (russisch, englisch, chinesisch)
- Birobidshan. Stalins vergessenes Zion (englisch)
- Uni-Hausarbeit über die Geschichte des Gebiets von seiner Gründung bis heute (pdf) (709 kB)
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Predvaritel'nye itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Rosstat, Statistika Rossii, Moskau 2011, ISBN 978-5-902339-98-4 (Vorläufige Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010; russisch; Download).
- ↑ Naselenie po nacional'nosti i vladeniju russkim jazykom po sub"ektam Rossijskoj Federacii. In: Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2002 goda. Rosstat, abgerufen am 1. November 2011 (XLS, russisch, Ethnische Zusammensetzung und Kenntnis der russischen Sprache nach Föderationssubjekt, Ergebnisse der Volkszählung 2002).
- ↑ Jacques Hersh, Inconvenient Truths about 'Real Existing' Zionism’, Monthly Review, vol. 61, 2009, issue 1
- ↑ Walter Laqueur: Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus. Wien, 1972. S.447
- ↑ a b Einwohnerzahlen 2010 beim Föderalen Dienst für staatliche Statistik Russlands (Berechnung per 1. Januar; Exceldatei)
Republiken: Adygeja | Altai | Baschkortostan | Burjatien | Chakassien | Dagestan | Inguschetien | Kabardino-Balkarien | Kalmückien | Karatschai-Tscherkessien | Karelien | Komi | Mari El | Mordwinien | Nordossetien-Alanien | Sacha (Jakutien) | Tatarstan | Tschetschenien | Tschuwaschien | Tuwa | Udmurtien
Regionen (Krai): Altai | Chabarowsk | Kamtschatka | Krasnodar | Krasnojarsk | Perm | Primorje | Stawropol | Transbaikalien
Gebiete (Oblast): Amur | Archangelsk | Astrachan | Belgorod | Brjansk | Irkutsk | Iwanowo | Jaroslawl | Kaliningrad | Kaluga | Kemerowo | Kirow | Kostroma | Kurgan | Kursk | Leningrad | Lipezk | Magadan | Moskau | Murmansk | Nischni Nowgorod | Nowgorod | Nowosibirsk | Omsk | Orenburg | Orjol | Pensa | Pskow | Rjasan | Rostow | Sachalin | Samara | Saratow | Smolensk | Swerdlowsk | Tambow | Tjumen | Tomsk | Tscheljabinsk | Tula | Twer | Uljanowsk | Wladimir | Wolgograd | Wologda | Woronesch
Städte mit Subjektstatus: Moskau | Sankt Petersburg
Autonome Oblaste: Jüdische Autonome Oblast
Autonome Kreise: Chanten und Mansen/Jugra | Jamal-Nenzen | Nenzen | Tschuktschen
48.478611111111132.13916666667Koordinaten: 48° N, 132° O