Heinrich Voit

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Dieser Artikel behandelt den badischen Orgelbauer. In Hessen gab es den Orgelbauer Heinrich Voigt (Orgelbauer).
Briefkopf von H. Voit & Söhne auf Rechnung von 1913

Heinrich Voit (* 18. März 1834 in Durlach; † Oktober 1914[1]) war ein badischer Orgelbauer und der namentlich bekannteste Vertreter der Orgelbauerfamilie Voit. Nach ihm hieß das Durlacher Orgelbauunternehmen von 1890 bis 1932, als es aufgegeben wurde, H. Voit & Söhne.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Familienunternehmen Voit stammte ursprünglich aus Franken. In Schweinfurt hatten gem. alten Urkunden „schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts sich Angehörige der Familie von Geschlecht zu Geschlecht im Orgelbau beschäftigt“. Johann Volkmar Voit (* 1772; † 1806) hatte vier Brüder. Carl Friedrich Voit baute ebenfalls Instrumente und Orgeln wie sein Vater und Großvater. Johann Volkmar Voit siedelte von Schweinfurt nach Durlach (heute Stadtteil von Karlsruhe) über, wo er 1794 Katherina Friederike Stein, die Tochter des Durlacher Orgel- und Klavierbauers Georg Marcus Stein (* 1738; † 1794), heiratete und nach dem Tod des Schwiegervaters das Unternehmen übernahm. Nach dem frühen Tod von Johann Volkmar Voit, den Kurfürst Karl Friedrich 1804 zum Badischen Hoforgelmacher ernannt hatte, heiratete die Witwe den Orgelmachergesellen Johann Ludwig Wilhelm Bürgy (* 1761; † 1838). Er bildete seinen Stiefsohn Louis Voit (* 1802; † 1883) zum Orgelbauer aus und machte ihn 1835 zu seinem Teilhaber und Nachfolger.

Inhaber Heinrich Voit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemaliges Fabrikportal (2005)

1870 wurde Louis’ Sohn Heinrich Voit Geschäftsführer und firmierte ab 1890 zusammen mit seinen Söhnen Emil (* 1865; † 1924) und Siegfried (* 1870; † 1939) als H. Voit & Söhne. Des Weiteren waren auch die jüngeren Söhne Heinrich Voit jun. (* 1871; † 1926) und Julius Voit (* 1883; † 1955) im Familienunternehmen tätig.

Bis zum Ersten Weltkrieg erlebte das Unternehmen seine Blütezeit. In das Jahr 1890 fällt die erste Voit-Orgel mit pneumatischer Traktur. Zu Heinrich Voits Zeit wurde 1899 ein der amerikanischen Rooseveltlade ähnliches, sehr reaktionsschnelles pneumatisches Windladensystem entwickelt. Angesichts der bereits ab etwa 1885 von Voit vereinzelt gebauten Scheibenlade, so in der Kirche Bühl-Neusatz erhalten, muss hinterfragt werden, ob Voit sich wirklich an dem US-Vorbild orientierte, wie in der spärlich vorhandenen Literatur vereinzelt behauptet wird.[2] Da die Scheibenlade gewissermaßen eine mechanische Version des 1899 von Voit patentierten pneumatischen Windladensystems ist, könnte sie durchaus ebenso als Vorbild gedient haben. Die ersten Versuche mit elektrischer Traktur fanden bereits 1885 in der Kirche St. Barbara in Forst (Baden) statt. Allerdings bezog Voit seit mindestens 1887 elektropneumatische Trakturen von M. Welte & Söhne, die Zusammenarbeit ist nicht erforscht.[3]

1903 wurde in Heidelberg der weltweit erste fahrbare elektrische Orgelspieltisch gebaut. In der Evangelischen Stadtkirche und der Kirche St. Bernhard, beide in Karlsruhe, wurden Hochdruckregister disponiert.

Eine Spezialität des Unternehmens waren großzügig gebaute Konzertsaalorgeln. Im Jahr 1912 lieferte Voit eine dreimanualige Orgel mit 50 Registern an eine Musikschule nach Paris.

Heinrich Voit belieferte auch verschiedene kleinere badische Orgelbauer mit Orgelteilen und Pfeifen, so zum Beispiel seinen ehemaligen Lehrling Mathias Burkart (* 1838; † 1922) in Heidelberg-Kirchheim oder Wilhelm Schwarz & Sohn in Überlingen.

Hans Voit (* 1904; † 1994), Sohn von Heinrich Voit jun., gründete 1930 in Stendal einen eigenen Betrieb.

Niedergang der Firma[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heutiges Kulturzentrum Orgelfabrik (2005)

Der Erste Weltkrieg schwächte das Unternehmen beträchtlich. Ab 1914 wurden bis zu Kriegsende beinahe alle Arbeiter eingezogen, Carl Hess (* 1879; † 1943), langjähriger Betriebsleiter und Intonateur, hielt zusammen mit Emil und Siegfried Voit in Durlach den Betrieb notdürftig aufrecht. Nur wenige der erfahrenen ehemaligen Mitarbeiter kehrten nach Kriegsende wieder heim.

An vielen der nach 1918 neu gebauten Orgelwerke waren bereits bei der amtlichen Abnahme schwerwiegende technische Mängel vorhanden. Den 1927 misslungenen Umbau der Orgel in Mannheim-Feudenheim nahm der für Baden tätige evangelische Orgelbauinspektor Walter Leib zum Anlass, öffentlich vor den Arbeiten des Unternehmens Voit zu warnen.

Firmenaufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betriebsleiter Carl Hess gründete 1920 in Durlach einen eigenen Orgelbaubetrieb und förderte systematisch den Niedergang seines ehemaligen Arbeitgebers. Im Frühjahr 1932 gab Siegfried Voit das Unternehmen auf. Die bis dahin noch bei Voit verbliebenen Orgelbaumeister Reinhold Sauder (als Intonateur) und Wilhelm Wagner (als Windladenschreiner) machten sich selbstständig. Die oft verbreitete Anmerkung, Hess habe sich in Voits Werkstätten eingerichtet, ist allerdings unbelegt und nicht haltbar. Bereits in den 1930er Jahren baute Carl Hess vereinzelt Schleifladen.

Nach dem Tod von Carl Hess führte die Witwe Anni Hess geb. Meyer (* 1900; † 1981) den Betrieb bis zum Jahresbeginn 1961 weiter. Dann erlosch auch die Firma Hess.

Werkliste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen
1758/59 Weichtungen St. Josef technisch verändert erhalten
1840 Knittelsheim St. Georg Voit-Orgel-Knittelsheim.jpg 18 technisch verändert erhalten
1853 Friedrichshof St. Maria Rosenkoenig I/P 9 restauriert durch Vleugels 1993
1860 Gerolzahn Kath. St. Marien I/P 4 restauriert durch Vleugels 1974
1864 Baden-Baden Ev. Stadtkirche II/P 30 nicht erhalten
1867 Baden-Baden St. Bonifatius einige Register erhalten
1868 Ladenburg St.-Gallus-Kirche Voit-orgel-marbach-am-neckar-01.jpg III/P 41 heute Alexanderkirche Marbach → Orgel
1869 Weidenthal Ev. Christuskirche II/P 24 erhalten, restauriert 1997 durch Gerhard Kuhn, Esthal
1873 Sinsheim-Hilsbach Ev. Kirche II/P 28 erhalten
1875 Heidelberg Jesuitenkirche viele Register im Orgelmuseum Valley erhalten
1877 Mannheim St. Sebastian Mannheim-St-Sebastian-Orgel.jpg III/P 36 1875 auf der Kunst und Gewerbe-Ausstellung in Karlsruhe ausgestellt und 1877 in St. Sebastian eingebaut, teilweise erhalten
1878 Distelhausen Kath. St. Markus II/P 18 restauriert durch Vleugels 1971/88
1879 Weidenthal St. Simon und Judas Thaddäus II/P 24 nicht erhalten, 1972 ersetzt
1879 Gailingen Kath. St. Dionysius II/P 24 ehem. Domorgel St. Blasien, 1913 versetzt, Ausreinigung durch Vleugels 2011
1879 Zweibrücken Heilig-Kreuz-Kirche Voit-Orgel der Heilig-Kreuz-Kirche in Zweibrücken 1879-1945.jpg II/P 24 1911 auf 43 Register erweitert, 1945 zerstört
1879 Eppingen Evangelische Stadtkirche II/P 26 erhalten
1880er Lambrecht (Pfalz) Katholische Kirche St. Johannes Nepomuk (heute Herz Jesu) nicht erhalten; umgebaut und ersetzt 1946, 1954 und 1972
1887 Eschbach Kath. St. Agnes II/P 16 restauriert durch Vleugels 1993
1888 Hochstadt (Pfalz) Prot. Kirche Niederhochstadt bis auf die Prospektpfeifen original erhalten
1890 Forbach (Baden) St. Johannis II/P 30 erste Orgel Voits mit pneumatischen Kegelladen, 1965 abgebrochen
1891 Kirrlach Kath. Kirche III/P 35 verändert erhalten
1892 Schopfheim Ev. (neue) Stadtkirche II/P 26 erhalten und restauriert
1892 Kembach Ev. I/P 10 restauriert durch Vleugels 1979
1893 Otterbach Mariä Himmelfahrt z. T. erhalten, 1989 erweitert
1893 Edingen-Neckarhausen Ev. Kirche erhalten, jedoch eingelagert, soll in die Musikhochschule Trossingen transferiert werden
1893 Messelhausen Kath. St. Burkhard II/P 14 restauriert durch Vleugels 1981
1894 St. Ingbert St. Joseph III/P 59 (52) stark verändert erhalten
1894 Heckfeld Kath. St. Vitus I/P 12 restauriert durch Vleugels 1994
1895/1896 Durlach Stadtkirche Durlach Durlach Stadtkirche Orgel.jpg III/P 41 5 Register erhalten
1894 Dunzweiler Evang. I/P 8 Gehäuse bei einem Neubau durch Vleugels 1995 wieder verwendet
1896 Karlsruhe Großherzoglich-Badische Grabkapelle erhalten, aber z. Zt. unspielbar
1898 Münsterappel Klosterkirche Km3l innen neu.JPG
1900 Bischweier Kath. Kirche 1960 durch Neubau ersetzt, in dem Teile verändert erhalten sind
1900 Dirmstein Laurentiuskirche, katholischer Teil 2010-Dirmstein-Laurentiuskirche-kath-0037.jpg III/P 23 technisch verändert 1986, erhalten
1900 Erlenbach bei Dahn Sankt Maria Himmelfahrt und Ägidius I/P 6 erhalten, restauriert durch Peter Ohlert (Kirkel)
1900 Trier Treveris-Festhalle II/P 32 erste Konzertorgel Voits, 1946 Versetzung auf die Empore, vor Gebäudeabriss 1974 nach Mückeln verschenkt, wo sie teilweise erhalten ist[4]
1902 Gillenfeld-Eifel Kath. St. Andreas II/P 17 Teilrekonstruktion durch Vleugels 2016[5]
1903 Heidelberg Stadthalle Historischer Voit-Spieltisch Stadthalle Heidelberg.JPG III/P 56 restauriert durch Vleugels 1993
1903 Mannheim Musensaal des Rosengartens nicht erhalten
1903 Pfaffenthal Église Saint-Mathieu Pfarkirche Pfaffenthal, Orgel, Laurent Menage 8409-110.jpg II/P 25 1968 grosse Revision durch die Manufacture d'orgues luxembourgeoise Georg Westenfelder Lintgen. Die pneumatische Traktur wurde elektropneumatisch umgebaut, die Orgel erhielt einen neuen Spieltisch, das Pfeifenwerk blieb unangetastet.
1904 Weingarten Kath. St. Michael I/P 23 Gehäuse verwendet durch Vleugels bei Neubau 1981
1904 Asbach Kath. St. Mariae unbefl. Empfängnis II/P 11 restauriert durch Vleugels 2009
1905 Karlsruhe St. Bernhard mit drei Hochdruckregistern; nicht erhalten
1905 Baden-Baden Stiftskirche III/P 43 einige Register erhalten
1906 Karlsruhe St. Cyriakus im Silbermanngehäuse aus Baden-Baden; erhalten
1907 Karlsruhe Lutherkirche nicht erhalten
1907 Mannheim Lutherkirche Mannheim-Neckarstadt-West-Lutherkirche-03.jpg III/P 40 erhalten
1907 Lichtental (Baden-Baden) Lutherkirche II/P 1976 abgebrochen
1907 Budapest Kgl. Ung. Landes-Musik-Akademie Franz Liszt Prospekt erhalten, Rekonstruktion der Orgel geplant
1907 Russe St Paul vom Kreuz-Kathedrale Voit organ rousse bulgaria.jpg erhalten
1908 Karlsruhe St. Bonifatius gravierend umgebaut durch Hess 1950 und Bormann 1979, Reste erhalten
1910 Hoepfingen St. Aegidius II/P 23 Gehäuse verwendet durch Vleugels bei Neubau 1982
1910 Düsseldorf - Pempelfort Kreuzkirche III/P 44 nicht erhalten , 1966 ersetzt durch Neubau von Alexander Schuke, Postdam (III+P/45)[6]
1912 Baden-Baden Hofgut Maria Halden Hausorgel mit Organola; erhalten
1912 Prag Smetana-Saal III/P 70 erhalten, restauriert durch Vleugels 1997
1913 Mannheim Schlosskirche nicht erhalten
1913 Rotenberg (Rauenberg) St. Nikolaus nicht erhalten
1915 Karlsruhe Konzerthaus nicht erhalten
1915 Woellstein Kath. II/P 15 Teilrestaurierung durch Vleugels 1998
1916 Baden-Baden Kurhaus derzeit eingelagert bei Vleugels
1917 Krefeld Stadthalle nicht erhalten
1921 Baden-Baden St. Bernhard III/P 47 stark verändert erhalten
? Baden-Baden Dreieichenkapelle durch Brand 1979 zerstört

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Markus Zepp: „...ein Meisterwerk der bekannten Orgelfabrik H. Voit & Söhne in Durlach...“ Die Geschichte der Voit-Orgel im Kurhaus Baden-Baden. In: Ioculator Dei. Festschrift für Andreas Schröder zum 60. Geburtstag. Freiburg 1999.
  • Evangelisches Oberlandeskirchenarchiv Karlsruhe, Orgel- & Glockenprüfungsamt: Akte Orgelbauerempfehlungen,
  • Gerhard Wagner u. a.: Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg, Orgelrestaurierung – ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Heidelberg 1993, ISBN 978-3-924973-59-9.
  • Nachlass des Erzbischöflichen Orgelinspektors Otto Schäfer (1876–1967), Baden-Baden (Privatbesitz).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: H. Voit & Söhne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Blume, Ludwig Finscher: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Teil 2. Ausgabe 2. Band 17. Bärenreuter, 2007, ISBN 3-7618-1137-3, S. 197 f.
  2. Gerhard Wagner u. a.: Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg. Orgelrestaurierung – ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Heidelberg 1993.
  3. M. Welte & Söhne.
  4. Franz Bösken, Hermann Fischer, Matthias Thömmes: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins (= Beiträge zur Mittelrheinischen Musikgeschichte. Band 40). Band 4: Regierungsbezirke Koblenz und Trier, Kreise Altenkirchen und Neuwied. Schott, Mainz 2005, ISBN 978-3-7957-1342-3, S. 1144 f.
  5. Festschrift zur Orgelweihe am 13. März 2016.
  6. Oskar Gottlieb Blarr / Theodor Kersken, Orgelstadt Düsseldorf, Düsseldorf 1982, S. 68f., Abb. S. 66f.