Titanic-Effekt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Titanic-Effekt (englisch Titanic effect), benannt nach der RMS Titanic, bezeichnet verschiedene Phänomene, die in irgendeiner Weise mit dem Schiffsunglück assoziiert werden können. Die Assoziation kann sich auf kausale Mechanismen der Katastrophe beziehen, auf ihren zwangsläufigen Ablauf oder auf ihre Folgen.

Bedeutungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachfolgend einige Beispiele für die Begriffsverwendung. Bei jedem Listenpunkt wird zu Beginn mit einem Satz oder Satzteil ausformuliert, was mit Titanic-Effekt gemeint ist.

Mechanismen, die zu einer Katastrophe führen

  • Eine unvorstellbare Katastrophe kann gerade deswegen eintreten, weil man sie für ausgeschlossen hält.[1][2]
  • Die schlimmsten Unfälle ereignen sich oft in Systemen, die man für völlig sicher gehalten hat.[3]
  • Der größte Teil eines Problems, das zur Katastrophe führen wird, ist nicht erkennbar. Wie auch der größte Teil des Eisbergs, der den Untergang der Titanic auslöste, unter Wasser verborgen und nicht sichtbar war. In diesem Fall wird der Begriff Titanic-Effekt mit dem Eisbergmodell in Verbindung gebracht.[4]
  • Die Selbsttäuschung von Menschen, die ihre fast aussichtslose Lage nicht erkennen oder verdrängen, führt zur Katastrophe. (Während die Titanic sank, spielte das Bordorchester lustige Melodien.) Viele Menschen verdrängen sogar bekannte oder absehbare große Gefahren, wie etwa die globale Erwärmung oder das Artensterben, mit der Haltung „Es wird schon gutgehen“.[5]

Gemeinsames Merkmal in diesen Fällen ist: Die Menschen haben zu wenig Angst oder Sorge vor einer (möglichen oder bereits stattfindenden) Katastrophe.

Unaufhaltsame Katastrophe oder Verschlechterung

  • die Unaufhaltsamkeit eines (z. B. politischen oder wirtschaftlichen) Verfalls, Abstiegs oder Untergangs[6]
  • eine stetige Verschlechterung von Gehirnfunktionen, z. B. der Fähigkeit, flüssig zu sprechen oder geordnet zu denken. In diesem Fall handelt es sich um einen Fachbegriff in der Kognitionswissenschaft.[7][8]

Fatale Auswirkung der Angst vor einer Katastrophe

  • Die Angst vor der Wiederholung einer eindrücklichen Katastrophe kann dazu führen, dass aus einer vergleichsweise kleinen Gefahr eine größere Gefahr oder sogar eine Katastrophe wird. Der US-amerikanischen Literaturprofessor Stephen D. Cox beschrieb, wie die Passagiere bei der Havarie der Costa Concordia aus unangemessener Angst vor einer Katastrophe wie beim Untergang der Titanic die Besatzung bedrängte, die Rettungsboote trotz extremer Schräglage und der nur geringen Entfernung vom Land herabzulassen, was zu mehr Panik und Desorganisation bei der Evakuierung führte und die Gefahr vergrößerte. Cox führte auch ein früheres Beispiel für diese Art von Titanic-Effekt an: Die Regierung der USA hatte als Reaktion auf den Untergang der Titanic per Gesetz dafür gesorgt, dass alle großen Schiffe ausreichend Rettungsboote mitzuführen hatten. Der erste erhebliche Effekt dieser Maßnahme war, dass der Dampfer Eastland, der wegen der Beladung mit Rettungsbooten an Stabilität eingebüßt hatte, im Chicago River kenterte. Bei dem Unglück starben 844 Menschen.[9]

Im Gegensatz zu den Fällen in der erstgenannten Gruppe haben die Menschen in diesem Fall zu viel Angst.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerald M. Weinberg: The Secrets of Consulting: A Guide to Giving and Getting Advice Successfully. Dorset House Publishing, 1986, ISBN 978-0932633019. Zitat: “The thought that disaster is impossible often leads to an unthinkable disaster.” (Zitiert bei John D. Cook: The Titanic Effect, 18. Oktober 2010.)
  2. Beispiele aus der Schifffahrt bei Stephan Cramer: Riskanter Segeln: Innovative Sicherheitssystem im 19. Jahrhundert und ihre unbeabsichtigten Folgen am Beispiel der nordwestdeutschen Segelschiffahrt. Hauschild, Bremen, ISBN 978-3-89757-355-0
  3. Nancy Leveson: Titanic Effect, 22. Februar 1986. Zitat: “the worst accidents often occur in systems which are thought to be completely safe”.
  4. Das Titanic-Syndrom: Eisberg voraus! Das Eisberg-Modell in der Personalauswahl persolog-blog.de
  5. Markus Zimmermann (Ecopop), 2003: Tragfähigkeit der Erde. Zitat: „Der Titanic-Effekt ‚es wird schon gut gehen‘ ist in unserer Beziehung zu mechanischen Systemen grossmehrheitlich überwunden, da wir aus diversen Vorkommnissen lernen konnten. Beim Ökosystem Natur scheint leider der Titanic-Effekt immer noch vorzuherrschen.“
  6. Beispielsatz (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mydict.com, zitiert bei mydict.com
  7. Catherine Crenshaw Price, et al.: Towards an operational definition of bradyphrenia II: The 'Titanic Effect' in verbal fluency. Presented at the Sigma Xi Drexel University MCP/Hahnemann University Research Synergies Symposium, May 1999.
  8. Joel Eppig et al.: Dysexecutive functioning in mild cognitive impairment: derailment in temporal gradients. In: Journal of the International Neuropsychological Society : JINS. Band 18, Nummer 1, Januar 2012, S. 20–28, doi:10.1017/S1355617711001238, PMID 22014116, PMC 3315354 (freier Volltext). Zitat: “This negative slope or precipitous and continuous decline in test performance […] is termed the ‘Titanic Effect.’” Dazu in einer Fußnote: “The Titanic Effect is a reference to ill-fated voyage of 1912. […] Thus, the trajectory of the Titanic is analogous to the negative slope or precipitous decline in performance observed among patients with dysexecutive impairment.”
  9. Stephen Cox: The Titanic Effect lewrockwell.com, 20. Januar 2012. Zitat: “telling yourself that every accident is like the Titanic is an excellent way to produce a Titanic-scale disaster”.