Wallonische Region

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Wallonien ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Für das gleichnamige Reichsgau siehe Reichsgau#Flandern und Wallonien (Belgien)
Wallonische Region

Waals Gewest (niederländisch)
Région wallonne (französisch)

Flag of Wallonia.svg
Belgischer Gliedstaat
Institution Region
Informationen
Amtssprache Französisch, Deutsch
Verwaltungssitz Namur
Ministerpräsident Paul Magnette (PS)
Fläche 16.844 km²
Einwohnerzahl 3.546.329 (1. Januar 2012[1])
Bevölkerungsdichte 209 Einwohner pro km²
Feiertag dritter Sonntag im September
ISO 3166-2 BE-WAL
Website www.wallonie.be
Lage
Luxemburg Niederlande Frankreich Nordsee Deutschland Brüssel Flandern Wallonische RegionWalloon Region in Belgium.svg
Über dieses Bild

Die Wallonische Region (oft nur die Wallonie, zuweilen auch Wallonien genannt) ist eine der drei Regionen des Königreichs Belgien. Die Bevölkerung ist überwiegend muttersprachig Französisch, im äußersten Osten Deutsch. Die Hauptstadt ist Namur, größte Stadt ist Charleroi, das eigentliche kulturelle und wirtschaftliche Zentrum ist Lüttich. Weitere wichtige Städte sind Mons, Tournai, Arlon, Bastogne, Wavre, Verviers, Dinant und die ehemals preußischen Städte Eupen und Malmedy. Die Wallonie umfasst geographisch die südliche Hälfte Belgiens.

Sprachbezeichnungen[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte Belgiens

Formell wurde die Wallonische Region erst 1980 bei der Zweiten belgischen Staatsreform geschaffen. Ihre Ursprünge sind aber weitaus älter.[2]

Als Belgien 1830 gegründet wurde, beschlossen die Brüsseler Eliten, die die Belgische Revolution ausgelöst hatten, dass Belgien ein französischsprachiger Einheitsstaat werden sollte und die Flamen daher französisch assimiliert werden sollten. Bereits früh nach der belgischen Unabhängigkeit widersetzten sich die niederländischsprachigen Flamen diesem Vorhaben und gründeten in der nördlichen Hälfte des Landes die so genannte „Flämische Bewegung“, die einen verstärkten Gebrauch des Niederländischen in Flandern durchsetzen wollte. Im südlichen Teil gab es vorerst keine entsprechenden Forderungen für den Schutz der wallonischen Sprache, die von manchen als französischer Dialekt betrachtet und von anderen als eigenständige romanische Sprache eingestuft wurde.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Belgien mit seiner wallonischen Montanregion zum nach England am stärksten industrialisierten Land Europas. Ende des Jahrhunderts gab es erste Anzeichen auch für eine „Wallonische Bewegung“ als Reaktion auf das „Gleichheitsgesetz“ vom 18. April 1898, das beide Sprachen offiziell zu Amtssprachen erklärte (siehe auch: Sprachgesetzgebung in Belgien).[3][4] Erst nach einem ersten wallonischen Kongress im Jahre 1890 vereinten sich die verschiedenen wallonischen Versammlungen und riefen unter dem Vorsitz von Jules Destrée den zweiten wallonischen Kongress im Jahre 1912 aus. Im selben Jahr wies Destrée in einem Brief an den belgischen König Albert I. auf den entstandenen flämisch-wallonischen Konflikt hin.[5]

„Il n’y a pas de Belges, mais des Wallons et des Flamands.“

„Es gibt keine Belgier, sondern Wallonen und Flamen.“

Jules Destrée, Brief an den König, 1912

Insbesondere während des Ersten Weltkrieges führten die flämisch-wallonischen Sprach- und Kulturunterschiede zu großen Problemen, weil flämische Soldaten die französische Sprache des vorgesetzten wallonischen Offiziers nicht verstanden. Nach dem großen Krieg wurden die Rufe nach einer Föderalisierung Belgiens von flämischer Seite lauter. Aber auch in der Wallonischen Region gab es mancherseits, besonders nach Einsetzen der Kohlekrise, ein Bestreben nach mehr Eigenverantwortung. Der Zweite Weltkrieg und die darauffolgende „Königsfrage“ vertiefte den emotionellen Graben zwischen Wallonen und Flamen. Weitere Wallonische Kongresse folgten ab 1945.

Um Belgien stärker zu befrieden, wurde schließlich in den Jahren 1962–1963 eine so genannte Sprachgrenze zwischen Flandern (dem niederländischsprachigen Norden) und Wallonien (dem französischsprachigen Süden) festgelegt. Für Brüssel wurde eine zweisprachige Lösung gefunden. Im Osten erhielt die deutsche Minderheit, deren Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg dem belgischen Staat angeschlossen worden war, erste Anerkennung.[6] Während in der Region Brüssel-Hauptstadt die Partei „Front démocratique des francophones“ (FDF) für die politischen Belange der französischsprachigen Brüsseler Bürger eintrat, entstand in der Wallonie die Partei „Rassemblement Wallon“ (RW). Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie François Perin, Jean Gol oder später Paul-Henry Gendebien gehörten der Partei bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1985 an.

Die Kulturgemeinschaften (flämische, wallonische und deutsche), Vorgängerinnen der heutigen Sprachgemeinschaften und Regionen, wurden 1970 bei der Ersten belgischen Staatsreform in die Verfassung aufgenommen.[7] Während jedoch die Kulturgemeinschaften sofort arbeitsfähig waren, bekamen die Regionen nur eine provisorische Anerkennung. Man beschloss, vorerst eine vorbereitende Regionalisierung durchzuführen, mit Regionalräten, die aus Senatoren bestanden und nur eine beratende Funktion besaßen. Ende der 1970er Jahre wurde das sogenannte „Egmont-Stuyvenberg-Abkommen“ unterzeichnet, das die Schaffung von Regionen vorsah. Doch das Problem um die Brüsseler Region löste eine politische Krise aus, die mit dem Rücktritt des Premierministers Leo Tindemans im Jahre 1978 ihren Höhepunkt erreichte.[8]

Schließlich gab man von frankophoner Seite nach und einigte sich darauf, das Brüsseler Problem vorerst unangetastet zu lassen. Bei der zweiten Staatsreform 1980 wurde die Verfassung abgeändert und die Regionen bekamen eigene Institutionen und Zuständigkeiten. Die Wallonische Region erhielt ihr erstes Parlament (damals noch „Rat“) und unter Jean-Maurice Dehousse ihre erste Regierung (damals noch „Exekutive“).[9][10] Bedingt durch ihre Demographie ist seit der Schaffung der Wallonischen Region die Sozialistische Partei (PS), die sich auf eine starke Arbeiter- und Gewerkschaftlerbasis berufen kann, in der Regierung der Wallonischen Region vertreten. Die Zuständigkeiten der Regionen beschränkten sich, grob gesehen, auf alles, was den Boden betrifft (Raumordnung, Städtebau, Umwelt, Wohnungswesen, aber auch Wirtschaft etc.). Eine Fusion der regionalen Institutionen mit denen der Französischen Gemeinschaft, so wie dies in Flandern der Fall war, wurde abgelehnt. Bei der Schaffung der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Jahr 1983 sah man die Möglichkeit vor, dass die Gemeinschaft Zuständigkeiten von der Wallonischen Region übernehmen könnte.

Die 1980er Jahre waren vor allem durch den Kampf der Wallonen in der Gemeinde Voeren (frz. Fourons) geprägt, die sich unter dem Sozialisten José Happart für einen Anschluss der Gemeinde an die Wallonische Region einsetzten. Eine erneute Regierungskrise und der Rücktritt des Premierministers Wilfried Martens waren die Folge (siehe auch: Sprachgesetzgebung in Belgien). Darauf folgte die dritte Staatsreform von 1988, bei der einerseits das Problem Voeren und andererseits das Problem Brüssel durch die Schaffung der Region Brüssel-Hauptstadt vorerst behoben wurden. Bei dieser Staatsreform erhielten die Regionen weitere Zuständigkeiten vom Föderalstaat (öffentliches Verkehrswesen, öffentliche Arbeiten und Regionalisierung gewisser Wirtschaftszweige).[11] Innerhalb der Wallonischen Region ist vor allem die Ermordung des mächtigen Präsidenten der Parti Socialiste und Vorkämpfer der Wallonischen Bewegung, André Cools, am 18. Juli 1991 zu erwähnen. Bis heute gibt es Spekulationen über die Gründe der Ermordung (politischer Mord, Mafia, Machtkämpfe, etc.).[12]

Es war die Vierte Staatsreform (1994), die Belgien definitiv in einen Bundesstaat (oder Föderalstaat) verwandelte. Die Regionen erhielten wiederum neue Zuständigkeiten (Außenbeziehungen innerhalb ihrer Kompetenzen etc.).[13] Nach der Teilung der ehemaligen Provinz Brabant erhielt die Wallonische Region mit der Provinz Wallonisch Brabant eine fünfte Provinz. Im Anschluss an diese Staatsreform wurde der Wallonischen Region auch erlaubt, gewisse Zuständigkeiten von der Französischen Gemeinschaft (Tourismus, Schülertransport etc.), die sich in großen finanziellen Schwierigkeiten befand, zu übernehmen. In Brüssel wurden diese Kompetenzen dann von der COCOF ausgeübt.

Die Fünfte Staatsreform von 2001 erweiterte den Zuständigkeitsbereich der Regionen erneut (gewisse Steuerhoheit, Landwirtschaft, Außenhandel, lokale Behörden etc.).[14] Besonders seit dieser Staatsreform ist die politische Aktualität in der Wallonischen Region weniger durch äußere Faktoren, als durch innere Angelegenheiten beeinflusst worden. Ein politischer Skandal entstand im Jahr 2005, nachdem sich herausgestellt hatte, dass verschiedene Lokalpolitiker der Sozialistischen Partei (PS) in Charleroi öffentliche Gelder veruntreut hatten („Carolorégienne-Affäre“).[15] Dies hatte zur Folge, dass der amtierende wallonische Ministerpräsident Jean-Claude Van Cauwenberghe zurücktreten musste.[16] Auch andere Persönlichkeiten der PS, wie der Bürgermeister von Charleroi Jacques Van Gompel, der ehemalige wallonische Ministerpräsident und Bürgermeister von Namur Bernard Anselme oder die Bürgermeisterin von Huy Anne-Marie Lizin, wurden daraufhin verdächtigt, in ihren Gemeinden organisierten Klientelismus zu betreiben.

Sprachen[Bearbeiten]

Sprachgrenzen: Die Deutschsprachige Gemeinschaft (gelb) innerhalb der ansonsten französischsprachigen Wallonischen Region

Amtssprache in der Wallonischen Region ist Französisch. Amtssprache im äußersten Osten, im Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft, die der Wallonischen Region politisch angeschlossen ist, ist Deutsch. Aufgrund der Größe der Bevölkerungsgruppen dominiert in Parlament und Regierung der Wallonischen Region zwar das Französische, alle Regionalgesetze müssen aber auch in einer deutschsprachigen Version veröffentlicht werden und Schreiben an deutschsprachige Bürger müssen auf Deutsch verfasst sein.

Wichtigste Mundart in der Wallonie ist das mit dem Französischen verwandte Wallonisch, das einige Linguisten als eigenständige Sprache betrachten. Im westlichen Teil der Wallonie werden die mit dem Französischen verwandten picardischen Mundarten gesprochen. Ihre Sprecher betrachten sie als eigenständige Sprache. Als Regionalsprache genießt sie eine begrenzte (offizielle) Anerkennung. An den südlichen Rändern der Wallonie pflegt man noch das Lothringische und Luxemburgische.

Neben Französisch und Deutsch wird in der Wallonie und ihren Randgebieten von einer Minderheit Niederländisch gesprochen. In den Gemeinden Comines-Warneton (Komen-Waasten), Enghien (Edingen), Flobecq (Vloesberg) und Mouscron (Moeskroen) gibt es gewisse sprachliche Erleichterungen für die niederländischsprachigen Einwohner (s. Fazilitäten-Gemeinde). Die Gemeinden Baelen (Balen), Plombières (Bleyberg/Bleiberg) und Welkenraedt (Welkenrath/Welkenraat) haben für ihre niederländischsprachigen Einwohner 1966 diese Möglichkeit gleichfalls bekommen, jedoch bis heute davon in der Verwaltung keinen Gebrauch gemacht.

Politik[Bearbeiten]

Wie die anderen Gemeinschaften und Regionen des Landes besitzt die Wallonische Region ein Parlament (Legislative) und eine Regierung (Exekutive). Sie üben die Zuständigkeiten der Regionen auf dem französischen und deutschen Sprachgebiet aus. Des Weiteren ist die Wallonische Region in fünf Provinzen unterteilt.

Das Wallonische Parlament[Bearbeiten]

Das Parlament der Wallonischen Region (oder Wallonisches Parlament), früher „Rat der Wallonischen Region“, zählt 75 Abgeordnete, die in den dreizehn Wahlbezirken der Wallonischen Region für fünf Jahre gewählt werden. Die Abgeordneten, die im französischen Sprachgebiet gewählt wurden, sind gleichzeitig Mitglieder des Parlamentes der Französischen Gemeinschaft. Die Abgeordneten des deutschen Sprachgebietes (zurzeit 2) sind ebenfalls beratende Mandatare im Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Der Sitz des Wallonischen Parlamentes in Namur

Das Wallonische Parlament stimmt über sogenannte Dekrete ab, die im belgischen Föderalstaat auf dem Gebiet der Wallonischen Region Gesetzeskraft haben. Da das Wallonische Parlament über die sogenannte „konstitutive Autonomie“ verfügt, kann es mittels einer Zweidrittelmehrheit auch über Sonderdekrete abstimmen, mit denen es teilweise seine eigene Funktionsweise abändern kann (Art. 118, §2 der Verfassung) (siehe auch: Gesetzgebungsverfahren (Belgien)). Solche Sonderdekrete sind auch notwendig, wenn das Parlament Zuständigkeiten von der Französischen Gemeinschaft übernehmen will (Art. 138 der Verfassung) oder wenn es die Ausübung gewisser Zuständigkeiten an die Deutschsprachige Gemeinschaft abtreten will (Art. 139 der Verfassung).

Das Parlament hat seinen Sitz in Namur. Eine Besonderheit des Plenarsaales ist, dass sich Mehrheit und Opposition, ähnlich wie im britischen Parlament, gegenübersitzen.

Die Zusammensetzung des Parlamentes 2014-2019
Partei Sitze
Parti Socialiste (PS) 30
Mouvement Réformateur (MR) 25
Centre Démocrate Humaniste (cdH) 13
Ecolo 4
PTB-GO! 2
Parti Populaire 1
 Total
75
Regierungsparteien sind mit einem Punkt (•) gekennzeichnet

Die Wallonische Regierung[Bearbeiten]

Die Regierung der Wallonischen Region (oder Wallonische Regierung), früher „Exekutive der Wallonischen Region“, ist das ausführende Organ in der Wallonischen Region. Sie führt die Dekrete des Parlamentes durch Regierungserlasse aus. Dabei wird sie von der Verwaltung, dem Öffentlichen Dienst der Wallonie (frz. Service public de Wallonie, SPW), unterstützt.

Die Regierung zählt seit den Regionalwahlen von 2009 neben dem Ministerpräsidenten 7 weitere Minister. Von 2008 bis 2014 war Rudy Demotte (PS) gleichzeitig Ministerpräsident Walloniens und der Französischen Gemeinschaft.

Der Sitz der Wallonischen Regierung („L'Élysette“) in Namur
Der Hauptsitz des SPW in Jambes
Liste der wallonischen Ministerpräsidenten
Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit Partei
Jean-Maurice Dehousse (I) 22. Dezember 1981 26. Januar 1982 PS
André Damseaux 26. Januar 1982 25. Oktober 1982 PRL
Jean-Maurice Dehousse (II) 25. Oktober 1982 11. Dezember 1985 PS
Melchior Wathelet 11. Dezember 1985 3. Februar 1988 PSC
Guy Coëme 3. Februar 1988 9. Mai 1988 PS
Bernard Anselme 11. Mai 1988 7. Januar 1992 PS
Guy Spitaels 7. Januar 1992 25. Januar 1994 PS
Robert Collignon 25. Januar 1994 15. Juli 1999 PS
Elio Di Rupo (I) 15. Juli 1999 4. April 2000 PS
Jean-Claude Van Cauwenberghe 4. April 2000 30. September 2005 PS
André Antoine (kommissarisch) 30. September 2005 6. Oktober 2005 CDH
Elio Di Rupo (II) 6. Oktober 2005 20. Juli 2007 PS
Rudy Demotte (I + II) 20. Juli 2007 23. Juli 2014 PS
Paul Magnette 23. Juli 2014 amtierend PS

Zuständigkeiten[Bearbeiten]

Die unter Denkmalschutz stehende Kathedrale in Tournai
Das Herver Land zählt viele Natura 2000-Gebiete
Ein Linienbus der TEC

Die Zuständigkeiten der Wallonischen Region (und der Regionen im Allgemeinen) sind in Artikel 6, 6bis und 7 des Sondergesetzes vom 8. August 1980 zur Reform der Institutionen festgehalten:

  • Untergeordnete Behörden, d. h. vor allem
    • die Finanzierung der untergeordneten Behörden
    • die Gesetzgebung über die Gemeinden, Provinzen und Interkommunalen
    • Kirchenfabriken, Grabstätten und Bestattungen

Dazu hat die Wallonische Region seit 1993 in Ausführung von Artikel 138 der Verfassung eine Anzahl von Zuständigkeiten von der Französischen Gemeinschaft übernommen:

  • gewisse Aspekte der Gesundheitspolitik
  • gewisse Aspekte des Personenbeistands
  • Berufliche Umschulung und Fortbildung
  • Schülerverkehr
  • Soziale Förderung (u. a. Behindertenpolitik)
  • Sportinfrastrukturen
  • Tourismus

Dagegen übt die Wallonische Region gewisse Zuständigkeiten nicht mehr auf dem deutschen Sprachgebiet aus. Diese wurden in Ausführung von Artikel 139 der Verfassung an die Deutschsprachige Gemeinschaft übertragen. Für die Angelegenheiten des Denkmal- und Landschaftsschutzes (1994), der archäologischen Ausgrabungen und der Beschäftigungspolitik (2000) sowie der Gemeindeaufsicht und -finanzierung (2005) war dies bis heute der Fall.

Politische Gliederung[Bearbeiten]

Die Wallonische Region ist in fünf Provinzen gegliedert (Art. 3 der belgischen Verfassung). Diese Provinzen stellen die Zwischenebene zwischen der Wallonischen Region und den 262 wallonischen Gemeinden dar. Die Provinzen kümmern sich laut der Verfassung um alles, was von „provinzialem Interesse“ ist (Art. 162). Sie unterstehen dabei aber immer noch der Verwaltungsaufsicht der Wallonischen Region. Auch kann die Region die reine Ausübung gewisser regionaler Zuständigkeiten an die Provinzen abgeben. Die Provinzgouverneure sind die Kommissare der Wallonischen Regierung vor Ort.

Die fünf wallonischen Provinzen
Provinz Hauptstadt Einwohner Stand
1. Wallonisch-BrabantWallonisch-Brabant Provinz Wallonisch-Brabant (Brabant Wallon) Wavre 373.492 1. Januar 2008
2. HennegauHennegau Provinz Hennegau (Hainaut) Mons 1.300.097 1. Januar 2008
3. Provinz LüttichProvinz Lüttich Provinz Lüttich (Liège) Lüttich (Liège) 1.053.722 1. Januar 2008
4. Provinz LuxemburgProvinz Luxemburg Provinz Luxemburg (Luxembourg) Arlon 264.084 1. Januar 2008
5. Provinz NamurProvinz Namur Provinz Namur (Namur) Namur 465.380 1. Januar 2008

Wirtschaft[Bearbeiten]

Bis in das 20. Jahrhundert hinein wurde die Wirtschaft der Wallonie von Eisenerz- und umfangreichen Kohlevorkommen nahe Mons, Chaleroi und Lüttich geprägt. Der Abbau oberflächennaher Flöze lässt sich bereits für die Zeit des Römischen Reichs und für das Hochmittelalter belegen.[17]

1720 nahm die erste Dampfmaschine auf dem europäischen Festland, ein Modell von Thomas Newcomen, in einer Kohlemine bei Lüttich ihren Betrieb auf.[18] Die Wallonie war im 19. Jahrhundert die erste Region Kontinentaleuropas, die von einer massiven Industrialisierung erfasst wurde. Kohle- und Stahlindustrie, aber auch Glasindustrie konzentrierten sich dabei entlang des in West-Ost-Richtung verlaufenden Henne-Sambre-Maas-Weser-Tals.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie verlor die Wallonie ihre Funktion als wirtschaftliche Antriebskraft Belgiens an die nördliche Nachbarregion Flandern. Auf dem Gebiet des früheren Industriegürtels leben heute etwa zwei Drittel der wallonischen Bevölkerung.

Im Vergleich mit dem Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union ausgedrückt in Kaufkraftstandards erreicht die Wallonie einen Index von 85.0 (EU-25: 100) (2003), deutlich niedriger als der belgische Durchschnitt von 118.1.[19]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wallonia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Bevölkerung nach Gemeinden am 1. Januar 2012 (XLS; 214 KB)
  2. Die historische Zusammenfassung ist einlesbar in französischer oder englischer Sprache auf der Webseite des CRISP (Centre de recherche et d'information socio-politiques).
  3. Lesoir.be: Saga Belgica (6/30): Le mouvement wallon est né (… à Bruxelles, dites donc) (30. Mai 2008) (frz.).
  4. F. Joris: Les étapes du combat wallon (3 parties), Institut Jules Destrée, 1995 (frz.).
  5. Lesoir.be: Saga Belgica (8/30): Destrée et l’horrifiante vérité (2. Juni 2008) (frz.).
  6. Lesoir.be: Saga Belgica (18/30): Le pays se coupe en quatre pour rester uni (13. Juni 2008) (frz.).
  7. Lesoir.be: Saga Belgica (21/30): Requiem (ouverture) (17. Juni 2008) (frz.).
  8. Lesoir.be: Saga Belgica (22/30): Un désaccord grandiose (18. Juni 2008) (frz.).
  9. Lesoir.be: Saga Belgica (24/30): Requiem (moderato) (20. Juni 2008) (frz.).
  10. Für eine besonders detaillierte Beschreibung der ersten Jahre der Wallonischen Region, siehe: P. Destatte: Histoire politique de la Wallonie 1970–1994. Du rêve autonomiste à la souveraineté internationale (4 parties), Institut Jules Destrée, 1995 (frz.).
  11. Lesoir.be: Saga Belgica (26/30): Requiem (allegretto) (23. Juni 2008) (frz.)
  12. Institut Jules Destrée: Cent wallons du siècle. André Cools (1995) (frz.).
  13. Lesoir.be: Saga Belgica (27/30): Requiem (fortissimo) (24. Juni 2008) (frz.).
  14. Lesoir.be: Saga Belgica (29/30): Requiem (con forza) (26. Juni 2008) (frz.).
  15. Lalibre.be: Démissions à la tête de la Carolorégienne (16. September 2005) (frz.).
  16. Lalibre.be: Van Cauwenberghe démissionne (30. September 2005) (frz.)
  17. Malte Helfer: Aufschwung und Niedergang des Steinkohlenbergbaus, GR-Atlas (abgerufen am 20. Februar 2014)
  18. Europäische Route der Industriekultur: Industriegeschichte Belgiens (abgerufen am 23. August 2012)
  19. (Eurostat News Release 63/2006: Regional GDP per inhabitant in the EU 25 (Version vom 12. März 2007 im Internet Archive))

50.3166666666675.0833333333333Koordinaten: 50° N, 5° O