Leonhardifahrt

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Der Heilige Leonhard (Figur in Bannacker)
Leonhardifahrt in Tölz (2006)

Die Leonhardifahrt oder der Leonhardiritt ist eine Prozession zu Pferde, die zum Brauchtum in Altbayern und Westösterreich zählt. Sie findet zu Ehren des heiligen Leonhard von Limoges (6. Jhdt.) an seinem Gedenktag, dem 6. November, oder einem benachbarten Wochenende statt. Einige Dörfer in Bayern feiern Leonhardi auch im Sommer.

Als Schutzpatron der landwirtschaftlichen Tiere, heute vor allem der Pferde, werden zu Leonhardi Wallfahrten mit Tiersegnung unternommen. Motiv für die Segnung (oft fälschlich auch Weihe genannt) der Tiere, insbesondere der Pferde, ist ihre Rolle, die sie als Last- und Arbeitstiere für die ländliche Bevölkerung spielten.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Leonhardiritt in Leonhardspfunzen ist der größte im Landkreis Rosenheim und hat eine lange Tradition. Aufzeichnungen über diese Veranstaltung finden sich schon in Schriften aus dem Jahr 1436.[1] Der bislang urkundlich älteste Ritt, der erstmals 1442 erwähnt wurde, findet in Kreuth am Tegernsee statt. 1809 erging ein staatliches Gebot, das religiöse Umritte untersagte. Als es 1833 durch König Ludwig I. (Bayern) wieder aufgehoben wurde, waren viele Leonhardifahrten und Ritte derart abgekommen, dass sie meist erst viele Jahre später neu eingeführt werden mussten oder ganz unterblieben. [2]

Als weltliches Rahmenprogramm findet meist das Leonhardifest mit Bierzeltbetrieb, Jahrmarkt und Tanzveranstaltungen statt. Auf bayerisch gibt es keine Unterscheidung zwischen Leonhardifest und Leonhardifahrt. Beides wird mit Lehardi (mancherorts auch Lehards oder Leachats) bezeichnet.

Orte mit Leonhardifahrten bzw. -ritten[3][4][5][Bearbeiten]

Peter von Hess: Sankt-Leonhardsfest in Fischhausen am Schliersee, 1825
150 Jahre Tölzer Leonhardifahrt, Briefmarke von 2005

In den letzten Jahren wurden einige Leonhardiritte wiederbelebt (z.B. in Leogang/Salzburg und in Meilenhofen). Andernorts wird die Tradition nur zu Jubiläen wieder aufgenommen (z.B. in Diepoldsberg bei Obing). Umgekehrt gibt es auch relativ junge Leonhardiritte, z.B. seit 1993 auf den Brandlberg (Stadt Bogen) im Bayerischen Wald.

Leonhardsfest in Siegertsbrunn (2006)
Leonhardifahrt in Augsburg-Bannacker (2009)
Leonhardifahrt in Augsburg-Bannacker (2009)

Truhenwagen[Bearbeiten]

Die Bauern und Pferdebesitzer der jeweiligen Umgebung fahren dabei in Gespannen, sogenannten Truhenwagen, zum Wallfahrtsziel, z.B. in:

  • Bad Tölz zur Leonhardikapelle auf den Kalvarienberg nördlich in Bad Tölz.
  • Benediktbeuern zum Innenhof der Abtei.
  • Grafing zur um 1400 entstandenen Wallfahrtskirche St. Leonhard.
  • Kreuth, wo nach dem Gottesdienst in der Leonhardi-Kirche die Gespanne dreimal zur Segnung durch den Ort fahren.
  • Rottenbuch zur Fohlenmarktwiese am Leonhardibrunnen mit Heiliger Messe und Pferdesegnung.

Bad Tölz[Bearbeiten]

Am bekanntesten ist die Leonhardifahrt von Bad Tölz, die immer am 6. November stattfindet, außer wenn dieser auf einen Sonntag fällt - dann wird sie am Samstag davor durchgeführt. Im Jahr 2011 fand sie aber ausnahmsweise am darauffolgenden Montag, d.h. am 7. November 2011, statt.[8] Sie ist mit etwa 80 Vierergespannen, zahlreichen Reitern und jährlich rund 25.000 Besuchern wohl die größte Leonhardifahrt, geht auf das 17. Jahrhundert zurück und findet seit 1855 jährlich statt (von wenigen Ausnahmen, wie etwa zu Kriegszeiten, abgesehen). Gelobt wird auch die Authentizität der Tölzer Leonhardifahrt. So dürfen beispielsweise die Wagen keine Gummireifen verwenden, wie mancherorts, sondern nur mit Eisen beschlagene Räder.

In Bad Tölz bildet den Abschluss der Wallfahrt das Leonhardidreschen (Goaßlschnalzen) in der berühmten Tölzer Marktstraße.

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich gibt es u.a. Leonhardiritte in:

  • Desselbrunn (Oberösterreich), erstmals 1945 und seither jährlich am Sonntag nach dem 6. November.
  • Kundl (Tiroler Unterinntal), wiederbelebt 1963 zur Finanzierung der Restaurierung der Leonhardskirche. Vom Ortszentrum aus setzt sich am Sonntag am oder nach dem 6. November eine Reiterprozession (circa 80 bis 100 Reiter in Tracht) in Richtung Leonhardskirche in Gang. Es sind auch Bauern und Vereine der Umgebung dabei. Hinter der Reitergruppe fährt eine Kutsche mit dem Priester, der die Heilige Messe bei der Wallfahrt feiert.
  • Neukirchen an der Vöckla (Oberösterreich), seit 1951 und seither jährlich am Sonntag nach dem 6. November.
  • Pettenbach (Oberösterreich): Alljährlich findet am Sonntag, der dem 6. November am nächsten liegt, bei der Filial- und Wallfahrtskirche Heiligenleithen (circa 2,5 km Richtung Scharnstein) ein Leonhardiritt statt. Ein besonderes Kleinod dieser spätgotischen Hallenkirche ist eine Statue des Hl. Leonhard aus dem 15. Jahrhundert. Durchschnittlich nehmen an diesem Ritt 100 bis 150 Reiter mit ihren Pferden teil.
  • St. Leonhard bei Grödig (Land Salzburg): Dieser Leonhardiritt findet seit 1975 alljährlich sonntags in der Zeit um den 6. November statt. Nach der Feldmesse mit Pferdesegnung sind zu sehen Reitervorführungen, Wagenwettbewerb und Kranzlstechen.
  • Thiersee (Tirol): Dieser geht zurück auf ein Gelöbnis im Jahre 1704 während des bayrischen Rummels und wird seit dem jedes Jahr am vorletzten Sonntag im Oktober durchgeführt. Bis zu 40 Gespanne und 130 Pferde nehmen an diesem traditionellen Ritt teil. Aus vielen Teilen Tirols, Salzburgs und Bayerns kommen die Pferdehalter, um ihren Schutzpatron zu feiern. Den Hauptanteil der Pferde haben die Noriker, die eine Wiedergeburt als Freizeit- und Arbeitspferd erleben.
  • Weißenkirchen im Attergau (Oberösterreich): Frühester Hinweis war 1711 und seither jährlich am Sonntag nach dem 6. November.
  • Leogang (Land Salzburg). Der Leoganger Leonhardiritt findet am 6. November statt. Nach der Morgenmesse um 9 Uhr folgt das heilige Amt für Vieh und Stalleute. Ab 14 Uhr versammeln sich die Teilnehmer zum Flurritt: der Vorreiter, die Musikkapelle in Knappenuniformen, dann folgt die hohe Geistlichkeit. Der Pfarrer, der „Heilige Leonhard“ und die „Heilige Barbara“ , reiten auf Pferden mit. Es folgt eine Abordnung der Bergknappen. Auch benachbarte Reiter– und Schnalzergruppen reiten mit. Der Umzug wird durch den Nostalgieverein „Anno 1900“ organisiert.

Varia[Bearbeiten]

Beim Wallfahrtszug mit Pferdesegnung sind zahlreiche heimische Trachten zu sehen. Die Wagen und Pferde werden festlich geschmückt. Mancherorts werden Figuren bzw. Reliquien des Hl. Leonhard mitgeführt.

Manchmal wird versucht, den Unterschied zwischen Leonhardiritt und Leonhardifahrt daran festzumachen, dass bei dem Ritt ausschließlich Männer auf den Pferden reiten (so dass Frauen ausgeschlossen waren und bei manchen Ritten auch noch sind), während bei der Fahrt vor allem auch die Bäuerinnen, Mägde und Kinder gefahren werden.

Ähnliche Feste[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Paul Zauner: Siegertsbrunn, seine Leonhardi-Wallfahrtskirche und die Leonhardifahrt. Leonhardi-Verein, Siegertsbrunn 1909 (Nachdruck. Pfarrei St. Peter, Siegertsbrunn 1995).
  • Georg Schierghofer: Altbayerns Umritte und Leonhardifahrten. Bayerland-Verlag, München 1913.
  • Rudolf Hindringer: Weiheross und Rossweihe. Eine religionsgeschichtlich-volkskundliche Darstellung der Umritte, Pferdesegnungen und Leonhardifahrten im germanischen Kulturkreis. Lentner'sche Buchhandlung, München 1932.
  • Heinz Böhnisch: Der Leonhardiritt in Tölz. Reichsstelle für den Unterrichtsfilm, Berlin 1938.
  • Marin Oswald: Chronik der Leonhardifahrt in Grafing. 1708–1966 (= Grafinger heimatkundliche Schriften 4, ZDB-ID 2295729-7). Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde u. a., Grafing b. München 1967.
  • Günther Kapfhammer: Leonhardifahrt in Murnau. Institut für den Wissenschaftlichen Film, Göttingen 1973.
  • Gabriele Stangl: Leonhardifahrt in Bad Tölz. Aehlig, Bad Tölz 1977.
  • Günther Kapfhammer: St. Leonhard zu Ehren. Vom Patron der Pferde. Von Wundern und Verehrung. Von Leonhardifahrten und Kettenkirchen. Rosenheimer Verlag, Rosenheim 1977, ISBN 3-475-52196-2.
  • German Fischer: Leonhardsverehrung und Leonhardiritt seit 1803. In: Wilhelm Liebhart (Hrsg.): Inchenhofen. Wallfahrt, Zisterzienser und Markt. Thorbecke, Sigmaringen 1992, ISBN 3-7995-4169-1, S. 83–105.
  • Wunibald Iser: Der Meilenhofener Leonhardiritt. Ein Bericht über die Wiederbelebung eines Brauchtums. In: Schönere Heimat. 81, 2, 1992, ISSN 0177-4492, S. 105–106.
  • 375 Jahre Leonhardiritt in Guntersberg. Festschrift zum Jubiläumsritt am 9. November 1997. s. n., Guntersberg 1997.
  • Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt. cs Press and Print, Bad Tölz 2005, ISBN 3-00-016788-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.rosenheim24.de/land/pferde-leonhardiritt-leonhardspfunzen-tradition-ro24-502270.html
  2. Hans Halmbacher: Das Tegernseer Tal in historischen Bildern. Fuchs-Druck, Hausham 1980, S. 69 f.
  3. http://www.br.de/themen/bayern/inhalt/kult-und-brauch/leonhardiritt-leonhardi-festtag100.html
  4. http://www.ganz-muenchen.de/tourist/brauchtum/leonhardifahrt/uebersicht/info.html
  5. http://www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/leonharditradition-hoch-ross-110883.html
  6. http://www.doeberitzerheide-ev.de/
  7. VI. Sonderausgabe der Tiroler Bauernzeitung - 3. Okt. 2012, S. 9
  8. Stadtratsbeschluss vom Dezember 2010; Berichterstattung im Tölzer Kurier vom 22. Dezember 2010: „Leonhardifahrt 2011 auf Montag verlegt“.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Leonhardifahrt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

www.toelzer-leonhardi.de