Deutsch-französische Beziehungen

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Deutsch-französische Beziehungen
Lage von Deutschland und Frankreich
DeutschlandDeutschland FrankreichFrankreich
Deutschland Frankreich

Die heutigen deutsch-französischen Beziehungen sind das Ergebnis der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Jahrhunderten zuvor gab es mehrere (teils jahrzehntelange) Phasen, in denen diese Beziehungen versteckt oder offen feindselig waren. Im Blick auf diese Vergangenheit wurde und wird oft der Begriff „deutsch-französische Erbfeindschaft“ verwendet.

Sie war geprägt von revolutionären Unruhen (1830, 1848), von der Frage der Deutschen Einigung, der Einverleibung von Elsaß-Lothringen in den 1871 gegründeten ersten deutschen Nationalstaat sowie von Phasen heftiger Konkurrenz um die Hegemonie in Kontinentaleuropa während der Zeitspanne vom Krieg 1870/71 über den Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg. Erst nach diesem verheerenden letzten Krieg konnte die „deutsch-französische Erbfeindschaft“ überwunden werden. Sie wich der deutsch-französischen Freundschaft und der europäischen Integration, welche einen neuen Krieg unnötig und unmöglich machen soll. Bis heute finden sich die europäischen Kernstaaten Frankreich und Deutschland unter den engagiertesten Befürwortern einer weiteren EU-Integration, weshalb sie manchmal als „deutsch-französischer Motor“ bezeichnet werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Grundlegend für die Beziehungen der beiden Staaten war die Zugehörigkeit ihrer späteren Territorien zum Fränkischen Reich Karls des Großen im 9. Jahrhundert. Nach der späteren Teilung wurde aus seinem östlichen Teil (Ostfrankenreich) das mittelalterliche deutsche Reich (Heilige Römische Reich Deutscher Nation) und aus dem westlichen Teil Frankreich. Das Mittelreich Lothars I., Ursprung des späteren Lothringen, wurde noch im 9. Jahrhundert unter den beiden anderen Reichen aufgeteilt. Der Streit zwischen den (späteren) Nachfolgestaaten (Deutschland, Frankreich) um Teile des Mittelreichs reichte als sogenannte Deutsch-französische Erbfeindschaft bis ins 20. Jahrhundert hinein. So führte der habsburgisch-französische Gegensatz immer wieder zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Genannt seien der Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) sowie der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697).

Zur Zeit des Absolutismus ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts betrieb der damalige „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. eine expansive Außenpolitik. So eroberten französische Truppen auch Teile des Heiligen Römischen Reiches, insbesondere Elsass-Lothringen, das in den folgenden Jahrhunderten mehrfach die Zugehörigkeit wechseln sollte. Der größte Teil dieses Gebietes wurde im Zuge der Reunionspolitik nach und nach annektiert. Straßburg wurde 1681 von Truppen Ludwigs XIV. besetzt. Trotz dieser feindlichen Handlungen gegenüber den deutschen Staaten beeinflusste die damals in Europa führende französische Kultur auch den benachbarten deutschen Kulturkreis enorm. Die deutschen Fürstenhöfe orientierten sich am französischen Vorbild von Versailles.

1789 begann die Französische Revolution, die auch erhebliche Auswirkungen auf die deutschen Staaten hatte. Bereits 1792 schlossen sich Preußen und Österreich in einer Koalition gegen das revolutionäre Frankreich zur Verteidigung der Monarchie zusammen (Pillnitzer Deklaration). Die Kriegserklärung ging allerdings von Frankreich aus. 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer („Franzosenzeit“). Nachdem Frankreich aus diesem Ersten Koalitionskrieg erfolgreich hervorging, wurden die linksrheinischen Gebiete schließlich durch den Frieden von Campo Formio 1797 annektiert. Mit dem Frieden von Lunéville 1801 nach dem Zweiten Koalitionskrieg wurde diese Annexion bestätigt. Napoleon, der seit 1799 regierte, entschädigte jedoch mit Hilfe des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 die Fürsten für ihre verlorenen Gebiete. Dieser Beschluss beinhaltete zwei Maßnahmen, die die Landkarte erheblich verändern sollte und einer Flurbereinigung auf deutschen Boden gleich kommt. Sämtliche geistliche Gebiete wurden verweltlicht (Säkularisation) und zahlreiche reichsunmittelbare Reichsstände, d.h. Gebiete, die unmittelbar dem Kaiser unterstanden, darunter fast alle Reichsstädte, wurden mediatisiert und damit den Gebieten anderer Fürsten zugeschlagen (Mediatisierung). Auf diese Weise entstanden sog. Mittelstaaten wie Bayern, Baden und Württemberg und der „Flickenteppich“ des Heiligen Römischen Reiches wurde geordnet. 1806 wurde auf Initiative Napoleons der Rheinbund gegründet: 16 süd- und mitteldeutsche Staaten schlossen sich unter dem Schutz Frankreichs zusammen. Die Folge war das Ende des Heiligen Römischen Reiches durch die Niederlegung der Kaiserkrone Franz II.

Neben den territorialen Veränderungen hatte die Französische Revolution sowie die sich anschließende Napoleonische Ära auch nachhaltige Auswirkungen auf das Rechtssystem, die Verwaltung und auch die Mentalität der Deutschen. Durch die geographische Nähe der deutschen Staaten zu Frankreich und besonders durch ihre zeitweise Einverleibung durch oder enge Anbindung an Frankreich wurden diese von den „neuen Ideen“ sehr schnell beeinflusst. Die deutschen Fürsten fürchteten das Überspringen des revolutionären Funken. Tatsächlich kam es 1794 mit Ausrufung der Mainzer Republik zur ersten Republik auf deutschem Boden, wenngleich diese keinen dauerhaften Bestand hatte. Um eine Revolution im eigenen Land zu verhindern, reagierte einige deutsche Staaten grundlegenden Reformen des eigenen Staatswesens. Dazu zählen die Übernahme des Code civil oder die Einführung der Konstitutionellen Monarchie. Preußen reagierte nach der Niederlage im Vierten Koalitionskrieg und großen Verlusten im Frieden von Tilsit 1807 mit weit reichenden Reformen, die den Bestand des Staates sichern sollten (Preußische Reformen).

1812 startete Napoleon einen Russlandfeldzug. Für seine über 500.000 Mann starke Grande Armée wurden Truppen aus allen von Frankreich besetzten und kontrollierten Staaten zusammengezogen. Das Resultat des Feldzugs war jedoch verheerend: Zwar errang Frankreich einen Sieg, jedoch kehrten nur wenige Tausend Soldaten zurück, nachdem Hunger und Kälte große Teile der Armee dahingerafft hatten. Unter dem Eindruck dieser Verluste und der napoleonischen Fremdherrschaft entwickelte sich zunehmen ein deutsches Nationalbewusstsein und ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen. Die Folge waren die Befreiungskriege, die Napoleons Herrschaft über große Teile Europas beendeten. Anfang 1813 kündigte Preußen als erstes deutsches Land die Allianz mit Frankreich auf und verbündete sich mit Russland und Schweden. Im Sommer trat Österreich diesem Bündnis bei, das Napoleons Armee vom 16. bis 19. Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig entscheidend besiegte. Noch während der Schlacht wechselten auch die Sachsen die Seiten. Nach dem Einmarsch der Alliierten in Frankreich sah Napoleon sich im März 1814 gezwungen, abzudanken und auf die Insel Elba ins Exil zu gehen. Nach seiner Rückkehr und der Herrschaft der 100 Tage wurde er in der Schlacht von Waterloo im Juni 1815 endgültig besiegt und auf die Insel St. Helena im Atlantik verbannt.

Unterdessen hatten sich die Sieger auf dem Wiener Kongress bereits an die Neuordnung Europas gemacht. Zar Alexander I. regte eine Allianz zwischen Russland, Österreich und Preußen an und entwarf einen Vertrag. Kaiser Franz I. von Österreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen stimmten der Idee zu; die drei gründeten die Heiligen Allianz mit dem Ziel, diese Neuordnung zu garantieren. In Frankreich, das die Grenzen von 1792 erhielt, kehrten mit Ludwig XVIII. die Bourbonen auf den Thron zurück. Durch die Februarrevolution 1848 wurden die Bourbonen endgültig gestürzt. Präsident der Zweiten Republik wurde Louis Napoléon, der sich 1852 zum Kaiser Napoleon III. ernannte (Zweites Kaiserreich 1852–1870). Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich verschlechterte sich, so dass 1870 die Emser Depesche Anlass für eine französische Kriegserklärung gab. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Sedan während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) wurde Napoleon III. abgesetzt und machte der Dritten Republik Platz. Elsass-Lothringen musste an Deutschland abgetreten werden.

Nach diesem Krieg verbreitete sich in Frankreich ein Revanchismus gegen die Sieger, die im Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich gegründeten und den Besiegten somit eine tiefe Schmach zufügten. Das Ziel des neuen Reichskanzlers Otto von Bismarck war es daher Frankreich außenpolitisch zu isolieren, um somit einen erneuten Krieg zu verhindern. Bis zu seiner Entlassung durch den neuen Kaiser Wilhelm II. 1890 war die Bismarck'sche Bündnispolitik erfolgreich. Die Außenpolitik Wilhelm II. führte jedoch zur Bildung von zwei neuen Machtblöcken: auf der einen Seite der Dreibund, auf der anderen Seite die Triple-Entente aus Frankreich, Großbritannien und Russland. Diese Konstellation führte zum Ersten Weltkrieg (1914–1918). Deutsche und französische Truppen kämpften erbittert; an der Westfront gab es auf beiden Seiten Millionen Tote. Vor allem die Schlacht um Verdun wurde zum Symbol für die Schrecken des Krieges.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges durch die Kapitulation Deutschlands am 11. November 1918 verhandelten die Siegermächte den Versailler Vertrag. Vor allem Frankreich war daran interessiert Deutschland einen möglichst harten Frieden aufzuerlegen und es so zu schwächen, dass von den Deutschen nie wieder eine Gefahr ausgehen kann. Deutschland selbst war an den Verhandlungen nicht beteiligt. Zum Inhalt des Vertrages gehörten u.a. die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich sowie die Verpflichtung zu Reparationsleistungen. Als diese 1923 nicht pünktlich erfolgte, nutzten französische und belgische Truppen dies zum Vorwand das Ruhrgebiet zu besetzen. Unter der Ära des Außenministers Gustav Stresemann entspannte sich das deutsch-französische Verhältnis merklich, sodass Stresemann zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis erhielt.

Nach der Machtübernahme Hitlers verschlechterte sich das Verhältnis wieder. Nachdem Nazi-Deutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg losgetreten und einen Blitzkrieg gegen Polen geführt hat, errang Hitler mit derselben Strategie im Westfeldzug (10. Mai bis 22. Juni 1940) einen unerwartet schnellen Sieg über Frankreich. Es kam zur Errichtung des Vichy-Regimes und die Résistance entstand.

Nach der Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945 gab es zunächst drei Besatzungszonen; gemäß Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 übernahmen die Franzosen Gebiete von den britischen und amerikanischen Alliierten (Französische Besatzungszone).

Europäische Integration[Bearbeiten]

Deutschland und Frankreich sind die beiden EU-Staaten, die in Medien häufig als der „Motor“ der europäischen Einigung bezeichnet wurden. Staatsmänner beider Länder haben teilweise weitreichende Ideen zur europäischen Einigung vorgelegt. Seit der Europa-Erklärung von Jean Monnet und Robert Schuman am 9. Mai 1950 sind Frankreich und Deutschland treibende Kräfte der europäischen Integration.

Seit dem Beginn der deutsch-französischen Kooperation, die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle angestoßen wurde, haben sich jeweils „Paare“ aus den Staats- bzw. Regierungschefs der beiden Länder gebildet, die zum Teil große Fortschritte für Europa sowie die deutsch-französischen Beziehungen durchgesetzt haben. Gemeinsam mit Italien und den Benelux-Staaten gründeten Deutschland und Frankreich 1952 die EGKS (Montanunion).

Weitere Integrationsschritte gehen wesentlich auf deutsch-französische Initiativen zurück.

Deutsch-Französische Freundschaft[Bearbeiten]

Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland schlug Bundeskanzler Konrad Adenauer einen klaren Kurs der Westintegration ein und bemühte sich um eine Annäherung an Frankreich. Sein Ziel war die Rehabilitierung Deutschland und die Wiedererlangung von Souveränität. Dazu dienten auch vertrauensbildende Maßnahmen wie die Gründung der EGKS und der EWG. Im Schulterschluss mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle verbesserten sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten zusehends und führten schließlich zum Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963, der die guten Beziehungen und die „Freundschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich institutionalisierte. Die politische Ausgestaltung des Vertrages sieht regelmäßige Konsultationen der deutschen und französischen Regierung vor. De Gaulle sah in Deutschland ein Mittel zum Zweck ein vereintes Europa unter französischer Führung zu schaffen und den Einfluss der USA in Europa zu mindern.

Da die Kontakte zwischen dem Kanzler Ludwig Erhard (1963–1966) bzw. Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) und Präsident de Gaulle (1958–1969) sowie zwischen Kanzler Willy Brandt (1969–1974) und dem französischen Präsidenten Georges Pompidou (1969–1974) eher frostig blieben,[1] beschränkte sich die Zusammenarbeit hauptsächlich auf schulpolitische Maßnahmen (siehe unten). Grund für diese Zurückhaltung war zum einen das wirtschaftliche Erstarken Deutschlands und zum anderen die neue Ostpolitik Willy Brandts. Auf französischer Seite fürchtete man das neue Selbstbewusstsein und hatte Sorgen vor „deutschen Unwägbarkeiten“.[2]

Mit dem Amtsantritt von Helmut Schmidt (1974–1982) und Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) im Jahr 1974 wurden die deutsch-französischen Beziehungen wieder herzlicher und produktiver: Zusammen regten die beiden die Bildung des Europäischen Währungssystems sowie die Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979 an.

Kohl und Mitterrand, 1987

Ähnlich verhielt es sich bei Helmut Kohl (1982–1998) und François Mitterrand (1981–1995), die 1984 gemeinsam das symbolträchtige Schlachtfeld von Verdun besuchten, auf dem beide Länder einst gegeneinander gekämpft hatten. Des Weiteren wirkten beide auf die Gründung des deutsch-französischen Sicherheits- und Verteidigungsrats sowie des Wirtschafts- und Finanzrats hin und plädierten für eine einheitliche europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Auch für die Entstehung der Einheitlichen Europäischen Akte 1987 mit dem Ziel eines europäischen Binnenmarktes bis 1993 und die Gründung EU mit dem Vertrag von Maastricht 1993 haben Kohl und Mitterrand einen wichtigen Beitrag geleistet.

Der Regierungswechsel tat den intensiven Beziehungen beider Länder keinen Abbruch: Jacques Chirac (1995–2007) und Gerhard Schröder (1998–2005) führten das Begonnene fort. Am 29. November 1999 spricht Schröder als erster Bundeskanzler vor der französischen Nationalversammlung. Die Treffen der beiden Staats- und Regierungschefs werden häufiger – die informellen sogenannten Blaesheim-Treffen finden seit 2001 zunächst etwa alle sechs bis acht Wochen statt (später wesentlich seltener). Im Rahmen des Irakkriegs positionierten sich beide gegen die amerikanische Politik; im Oktober 2003 ließ sich Gerhard Schröder sogar von Chirac bei einer Sitzung im Europäischen Rat vertreten.

Merkel und Sarkozy, 2009

Die Zusammenarbeit der beiden Nachfolger Angela Merkel (seit 2005) und Nicolas Sarkozy (2007–2012) zeichnete sich insbesondere durch die gemeinsame Koordinierung des weiteren Vorgehens der europäischen Staats- und Regierungschefs während der Eurokrise aus. Die in den gemeinsamen Treffen von Merkel und Sarkozy gefassten Beschlüsse mussten von den anderen Staats- und Regierungschefs meist nur noch abgesegnet werden. Während der Berichterstattung kreierten die Medien das aus den beiden Namen bestehende Kofferwort Merkozy.

Im Mai 2012 folgte François Hollande Sarkozy nach. Im Zuge der Eurokrise gilt die Zusammenarbeit als besonders eng. Noch am Tag seiner Amtseinführung besuchte der neue französische Staatspräsident François Hollande Berlin. [3] Im Juli 2012 gedachte man der 50 Jahre zurückliegenden Versöhnungsmesse, die 1962 in Reims (Adenauer und de Gaulle) gefeiert wurde. [4] Merkel und Hollande trafen sich ebenfalls in Reims.[5] Am 22. September eröffneten die beiden in Ludwigsburg ein 'deutsch-französisches Jahr'.[6]

Versöhnungsgesten der Staatsoberhäupter und Regierungschefs[Bearbeiten]

Übersicht der französischen Präsidenten und deutschen Bundeskanzler[Bearbeiten]

Angela Merkel Gerhard Schröder Helmut Kohl Helmut Schmidt Willy Brandt Kurt Georg Kiesinger Ludwig Erhard Konrad Adenauer François Hollande Nicolas Sarkozy Jacques Chirac François Mitterrand Valéry Giscard d’Estaing Georges Pompidou Charles de Gaulle René Coty Vincent Auriol

Élysée-Vertrag: Die Entstehung und die Entwicklung bis heute[Bearbeiten]

Unterzeichnung des Elysée-Vertrags
Briefmarke 1973

Der am 22. Januar 1963 unterschriebene „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit“, bekannt als Élysée-Vertrag, ist in erster Linie als ein Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu sehen. Frankreich hatte Angst davor, dass die Bundesrepublik Deutschland in den Sog der Sowjetunion geraten könne. Deutschland dagegen hatte Befürchtungen, dass es eine französische Entspannungspolitik zu Lasten Deutschlands geben könnte. Obwohl beide Regierungen die Stalin-Note vom März 1952 und die Idee eines neutralen Gesamtdeutschlands ablehnten, gab es auf beiden Seiten jedoch sehr unterschiedliche Interessen.

Frankreich wollte Deutschland mit der Zusammenarbeit aus dem Machtbereich der USA herausholen und sich selbst wieder als „Grande Nation“ etablieren. Die Zustimmung Deutschlands zum Vertrag führte zu starker Kritik der Opposition im deutschen Bundestag, aber auch durch die USA. Der Grund dafür war die gleichzeitige Ablehnung eines britischen Beitritts zur EWG durch die französische Regierung.

Zu Beginn des Vertrages sah es nach einem Scheitern aus. Die Deutschen schafften es, dem Vertrag eine Präambel voranzustellen, in der als Ziel die Verpflichtung zu engen politischen, wirtschaftlichen und verteidigungspolitischen Beziehungen zu den USA, Großbritannien und der NATO sowie die Wiederherstellung der deutschen Einheit ausgegeben wurde.

Der Erfolg dieses Vertrages beruht vor allem auf der bilateralen Zusammenarbeit sowie auf der Koordination in Politik, Wirtschaft und Verwaltung als organisatorische Regel. Als Beispiel sei hier das halbjährliche Treffen der Staats- und Regierungschefs genannt. Es gab eine einzige Revision des Gesetzestextes. Diese stammt vom 22. Januar 1988. Die Treffen wurden auf allen Ebenen noch enger geknüpft.

Bei den Konsultationen ging es im Wesentlichen um vier Punkte. Man wollte:

  1. in außenpolitischen Fragen zu einer gemeinsamen Position kommen (z. B. im Rahmen der EG (später EU) oder der NATO)
  2. im Rahmen der Verteidigungs- und Rüstungspolitik gemeinsame Strategien entwerfen und militärisches Personal austauschen und
  3. im Bereich Jugend und Erziehung enger zusammenarbeiten, beispielsweise beim Schüler- und Studentenaustausch.
  4. im Bereich der Wirtschaftspolitik enger zusammenarbeiten.

Zu diesem Zweck wurden zwei Räte geschaffen: der DFFWR und der DFVSR.

Die ganze Entwicklung führte zu einem Aufschwung der deutsch-französischen Beziehungen und im Rahmen der Europapolitik zu einer stärkeren Verhandlungsposition gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika. Im Bereich der Europapolitik sind die Ansätze zwar weiter unterschiedlich, jedoch konnte man einige wichtige Erfolge verzeichnen (z. B. 1986 die Einigung auf einen gemeinsamen Binnenmarkt). Viele Punkte des Vertrages sind allerdings mittlerweile hinfällig, da sie durch die EU vorgegeben werden. Beide Länder sind mittlerweile als Integrationsmotor mit Blick einer Europäischen Vereinigung zu sehen.

Im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik gab es anfangs nur sehr zögerlich eine Zusammenarbeit. Grund hierfür waren unterschiedliche Ziele. Frankreich verfolgt eine europäische, antiamerikanische Politik, während Adenauer die Annäherung an die USA suchte. Später intensivierten die Franzosen jedoch die Zusammenarbeit, da sie eine Hinwendung Deutschlands nach Osteuropa befürchteten. Mittlerweile stellt sich die Frage der Wiederbelebung der Zusammenarbeit beider Länder. Allerdings gibt es immer wieder Grenzen, beispielsweise beim Nationalbegriff oder den Strukturen beider Staaten.

Schulpolitische Maßnahmen und Hochschulpolitik[Bearbeiten]

Das bereits seit 1963 bestehende Deutsch-Französische Jugendwerk hat bis 2011 mehr als acht Millionen jungen Deutschen und Franzosen die Teilnahme an rund 270.000 Austauschprogrammen ermöglicht.[9] Schulpartnerschaften ermöglichen Auslandsaufenthalte.

Die Einführung von Französisch als Fremdsprache schon in den Grundschulen ist sehr bedeutend. Auch in Frankreich ist Deutsch nach Englisch und Spanisch eine der wichtigsten und meistgewählten Fremdsprachen. Insbesondere in den grenznahen Gebieten, also im Saarland, in Rheinland-Pfalz in den Regionen Trier und der südlichen Pfalz[10] sowie in Baden-Württemberg am südlichen Oberrhein zwischen Karlsruhe und Lörrach,[11] aber zum Beispiel auch in Berlin[12] ist die Amtssprache des Nachbarn in den Grundschulen ein zentrales Unterrichtsfach. Dem gegenüber steht jedoch die restriktive Politik Frankreichs gegenüber Minderheitssprachen und damit auch dem Deutschen, die trotz der Aussöhnung nach dem Krieg entschieden vorangetrieben wurde.

Das Erasmus-Programm führte Tausende französischer Studenten nach Deutschland und umgekehrt.

Deutsch-französische Institutionen und Projekte[Bearbeiten]

Kritik[Bearbeiten]

Yann Wehrling: transfrontalier2 (2010), Illustration zum Thema „deutsch-französische Beziehungen“

Bereits seit langem stellt die politische Presse (z. B. Der Spiegel) größere Abweichungen zwischen dem Ideal der deutsch-französischen Freundschaft und der Realität heftiger Konkurrenz zwischen beiden Ländern fest. Die Staatenkartelltheorie der Internationalen Beziehungen leitet hieraus den Befund ab, es handele sich bei der deutsch-französischen Freundschaft um ein strategisches Bündnis, um eine kalkulierte Machtallianz: Sie sei „wesentlich eine ideologisch unterfütterte Kartellbeherrschungsstrategie“ innerhalb der Europäischen Union.[18]

Diplomatische Beziehungen[Bearbeiten]

Frankreich verfügt über eine Botschaft in Berlin und Generalkonsulate in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Saarbrücken und Stuttgart. Honorarkonsuln residieren in Aachen, Bremen, Freiburg im Breisgau, Fürth, Hannover, Köln, Mannheim und Saarlouis.[19] Deutschland unterhält eine Botschaft in Paris und Generalkonsulate in Bordeaux, Lyon, Marseille und Straßburg. Honorarkonsuln sind in Avignon, Bastia, Brest, Dijon, Baie-Mahault auf Guadeloupe, Grenoble, Lamentin auf Martinique, Lille, Matoury (Französisch-Guyana), Montpellier, Nantes, Nizza, Nouméa (Neukaledonien), Papeete auf Tahiti, Perpignan, Reims, Rennes, Rouen, Saint-Denis auf Réunion, Toulouse und Tours tätig.[20]

Beide Staaten sind Mitglieder zahlreicher supranationaler (Europäischen Union, inkl.Eurozone) und internationaler Organisationen (z.B.NATO, OSZE, OECD, Europarat). Darüber hinaus gehören beide der G7 bzw. der G20 an. Gemeinsam mit Polen bilden sie die Staaten des Weimarer Dreiecks.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelne Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Nicole Colin, Corine Defrance, Ulrich Pfeil und Joachim Umlauf (Hg.): Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945, Narr, Tübingen 2013.
  • Anne Kwaschik, Ulrich Pfeil (Hrsg.): Die DDR in den deutsch-französischen Beziehungen. Peter Lang, Brüssel, 2013.
  • Helène Miard-Delacroix: Im Zeichen der europäischen Einigung 1963 bis in die Gegenwart. Deutsch-französische Geschichte, Band 11, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011.
  • Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hrsg): La construction d’un espace scientifique commun ? La France, la RFA et l’Europe après le « choc du Spoutnik », Peter Lang, Brüssel, 2012.
  • Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hrsg.): La France, l’Allemagne et le traité de l’Élysée, 1963–2013, CNRS Éditions, Paris 2012.
  • Corine Defrance, Ulrich Pfeil: Deutsch-Französische Geschichte. Eine Nachkriegsgeschichte in Europa 1945–1963, WBG, Darmstadt 2011.
  • Corine Defrance, Michael Kißener, Pia Nordblom (Hrsg.): Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945. Zivilgesellschaftliche Annäherungen, Narr, Tübingen 2010 (edition lendemains 7).
  • Damien Ehrhardt: Les relations franco-allemandes et la musique à programme 1830–1914, Symétrie, Lyon 2009.
  • Ansbert Baumann: Begegnung der Völker? Der Elysée-Vertrag und die Bundesrepublik Deutschland. Deutsch-französische Kulturpolitik von 1963 bis 1969, Peter Lang, Frankfurt 2003.
  • Ansbert Baumann: Die organisierte Zusammenarbeit. Die deutsch-französischen Beziehungen am Vorabend des Elysée-Vertrags 1958 – 1962, Ludwigsburg 2002.
  • Hans Manfred Bock: Tradition und Topik des populären Frankreich-Klischees in Deutschland von 1925 bis 1955. Avec résumé français, in: Francia. Hrsg. Deutsches Historisches Institut Paris. Band 14, 1986, S. 475 ff. (online).
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte (B 03-04/2003): Deutsch-französische Beziehungen (Online-Version)
  • Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hrsg.): Le Traité de l’Élysée et les relations franco-allemandes 1945 – 1963 – 2003, CNRS Éditions, Paris 2005.
    • deutsch: Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen 1945 – 1963 – 2003, Oldenbourg, München 2005.
  • Ralph Erbar (Hrsg.): Quellen zu den deutsch-französischen Beziehungen 1919–1963, WBG, Darmstadt 2003. Reihe: Quellen zu den Beziehungen Deutschlands zu seinen Nachbarn im 19. und 20. Jahrhundert. Freiherr-vom Stein-Gedächtnisausgabe Bd. 6.
  • Wolfgang Geiger: Das Frankreichbild im Dritten Reich. (PDF-Datei; 113 kB) Vortrag an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, 2000.
  • Ulrich Pfeil: Die »anderen« deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949–1990 (Zeithistorische Studien des ZZF Potsdam, Bd. 26), Böhlau, Köln 2004.
  • Ulrich Lappenküper: Die deutsch-französischen Beziehungen 1949–1963. Von der Erbfeindschaft zur Entente élémentaire, 2 Bände, Oldenbourg, München 2001.
  • Gilbert Ziebura: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten, Stuttgart 1997.
  • Hans Manfred Bock, Reinhart Meyer-Kalkus, Michael Trebitsch (Hgg.): Entre Locarno et Vichy. Les relations culturelles franco-allemandes dans les années 1930 (2 Bände), 1993.[21]
  • Robert Picht u. a. (Hrsg.): „Esprit – Geist.“ 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen, mit Jacques Leenhardt, Piper, München 1989 & 1993.
    • veränd. Fassung: Fremde Freunde. Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert, hrsg. mit Vincent Hoffmann-Martinot, René Lasserre & Peter Theiner, Piper, München 1997 & 2002.
    • Französ. Fassungen: mit Jacques Leenhardt: Au jardin des malentendus. Le Commerce franco-allemand des idées, Actes Sud, Arles 1992 & ebd. 1997.
  • Heinz-Otto Sieburg: Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts (1815–1848). Wiesbaden 1954. Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz; Bd. 2.
  • Heinz-Otto Sieburg: Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts (1848–1871). Wiesbaden 1958. Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz; Bd. 17.

Zeitschriften[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • Geliebter Feind – 1000 Jahre Deutsche und Franzosen, Komplett-Media (August 2014), ISBN 978-3-8312-8139-8, ZDF / ARTE 2013, Lizenz von ZDF Enterprises GmbH

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsch-französische Beziehungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Bilder von bekannten Politikergesten

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format„Ahlers’ off-the-record comments on de Gaulle’s visit to Bonn“. Central Intelligence Agency, 7. Oktober 1968, archiviert vom Original am 2. August 2012, abgerufen am 23. April 2010.
  2. Wolfram Vogel: Die deutsch-französischen Beziehungen, in: Adolf Kimmel / Henrik Uterwedde (Hrsg.): Länderbericht Frankreich, Bonn 2005, S. 418–435.
  3. bundesregierung.de.
  4. Merkel würdigt deutsch-französische Freundschaft.
  5. [1].
  6. „Wir sind zu unserem Glück vereint“ – Vor 50 Jahren hatte dort der damalige französische Präsident Charles de Gaulle eine „Rede an die deutsche Jugend“ gehalten. Gemeinsame Pressekonferenz 23. September 2012.
  7. Christoph Gunkel: Kohl und Mitterrand in Verdun: Geschichte zum Anfassen. Serie einestages, Spiegel Online, abgerufen am 11. Oktober 2012.
  8. spiegel.de 4. September 2013: Gauck-Besuch in Frankreich: Der anstrengende Gast. Zuvor war Gauck schon in Sant’Anna di Stazzema (Toskana – bundespraesident.de), Lidice (Tschechien) und Breda (Niederlande).
  9. Deutsch-Französisches Jugendwerk (deutsch, französisch und englisch). Abgerufen am 13. November 2011.
  10. Grundschulen mit bilingualem Unterricht auf der Website des Bildungsservers Rheinland-Pfalz, abgerufen am 11. Oktober 2012.
  11. Französisch in der Grundschule. Broschüre des baden-württembergischen Kultusministeriums von 2003. Digitalisat, pdf-Datei, 1,76 MB, abgerufen am 11. Oktober 2012.
  12. Grundschulen mit Französisch als 1. Fremdsprache auf der Website eines berliner Vereines zur Förderung mehrsprachiger Erziehung, abgerufen am 11. Oktober 2012.
  13. Portail franco-allemand, in Deutsch
  14. Online
  15. 2013: Preisträgerinnen Tamara Bach und Marjolaine Jarry, diese für Pieds nus dans la nuit
  16. Preisträger 2012: Eva Moldenhauer und Bernard Lortholary. Dieser (1936 in Talence geboren) war Herausgeber für Klassiker der deutschen Literatur in Frankreich, darunter Goethes Faust 1 und 2, Wilhelm Meister und Büchners Gesamtwerk. Er arbeitete als Lektor für deutschsprachige Werke für die Verlage Flammarion und Gallimard und lehrte an der Universität Sorbonne. Seit Ende der 1960er Jahre übersetzte er eine Vielzahl deutsch-schreibender Autoren, wie Bertolt Brecht, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Franz Kafka, Patrick Süskind und Bernhard Schlink in das Französische.
  17. Informationen auf der Website des Deutschen Bundestags, abgerufen am 3. März 2014.
  18. Holm A. Leonhardt: Die Europäische Union im 21. Jahrhundert. Ein Staatenkartell auf dem Weg zum Bundesstaat?, in: Michael Gehler (Hrsg.), Vom Gemeinsamen Markt zur Europäischen Unionsbildung. 50 Jahre Römische Verträge 1957–2007, Wien 2009, S. 706–708.
  19. Frankreich in Deutschland – Französische Botschaft in Deutschland (deutsch und französisch). Abgerufen am 12. November 2011.
  20. Deutsche Botschaft Paris (deutsch und französisch). Abgerufen am 12. November 2011.
  21. Rezension (Frz.)