Michail Alexandrowitsch Bakunin

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Michail Bakunin, Fotografie Anfang der 1860er Jahre
Michail Bakunin, Fotografie Anfang der 1860er Jahre

Michail Alexandrowitsch Bakunin (russisch Михаил Александрович Бакунин, wiss. Transliteration Michail Aleksandrovič Bakunin; * 18. Maijul./ 30. Mai 1814greg. in Prjamuchino, Oblast Twer; † 19. Junijul./ 1. Juli 1876greg. in Bern) war ein europaweit aktiver russischer Revolutionär und gilt mit seiner Theorie des kollektivistischen Anarchismus als einer der einflussreichsten Denker der anarchistischen Bewegung.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Kindheit und Jugendzeit in Russland (1814–1840)

Michail Bakunin wurde am 18. Maijul./ 30. Mai 1814greg. als drittes von elf Kindern einer aristokratischen Familie im Dorf Prjamuchino im Gouvernement Twer zwischen St. Petersburg und Moskau geboren. Sein Vater lebte lange Zeit im Ausland und gehörte dem fortschrittlichen und westlich orientierten Teil der russischen Gesellschaft an. Wegen der Verwicklung von Freunden in den Dekabristenaufstand und der drohenden Repression sah er sich zu absoluter Loyalität gegenüber dem Zaren Nikolaus I. verpflichtet, was für den Sohn Michail bedeutete, zum Militärdienst geschickt zu werden. So trat Bakunin im Alter von 14 Jahren als Kadett in die Artillerieschule St. Petersburg ein und schlug die Offizierslaufbahn ein. Er war zutiefst unzufrieden mit dem Militär und den militärischen Umgangsformen. 1832 wurde er im Alter von 18 Jahren als Leutnant nach Grodno geschickt, wo er kurz nach dem polnischen Aufstand eintraf. Die Brutalität, mit der das russische Reich bei der Niederschlagung vorging, schockierte den jungen Bakunin, seine Abscheu gegenüber dem Militär und dem Zaren wuchsen. Drei Jahre später meldete er sich krank und verließ das Militär.

Daraufhin zog Michail Bakunin gegen den Willen seines Vaters nach Moskau und versuchte, seinen Lebensunterhalt als Mathematiklehrer zu verdienen. Später nahm er an der Moskauer Universität ein Studium der Philosophie auf und schloss sich dort dem Stankewitsch-Zirkel an, einer literarischen und philosophischen Gruppe um Nikolai Stankewitsch, den er bereits während seiner Militär-Zeit kennengelernt hatte. Mehrere junge Studenten, später wichtige Persönlichkeiten des gesellschaftlichen und politischen Leben Russlands, gehörten dieser Gruppe an, darunter auch Wissarion Belinski, mit dem er eine enge Freundschaft schloss. Er interessierte sich in dieser Zeit besonders für die deutsche Philosophie, las Kant, Fichte und Schelling und übersetzte einige Werke in die russische Sprache. Durch sein intensives Studium von Hegel galt er als größter Hegel-Kenner seiner Zeit in Russland.

In Moskau lernte Bakunin die Slawophilen Konstantin Aksakow – auch Mitglied der Gruppe um Stankewitsch – und Pjotr Tschaadajew kennen. Viele von Bakunins späteren Aktivitäten wurden durch seine panslawistischen Ansichten angetrieben, die er in dieser Zeit entwickelte und die ihn für lange Zeit prägen würden. Eine weitere Inspiration war die Freundschaft mit dem Sozialisten Alexander Herzen und dessen Freund Nikolai Ogarjow, die in dieser Zeit entstand. Bakunin lernte Herzen 1839 in Moskau kennen, wo sie ein Jahr zusammen verbrachten, über das Herzen später rückblickend schrieb:

„Bakunin trieb mich dazu an, mich immer mehr in das Studium Hegels zu vertiefen; ich bemühte mich, mehr revolutionäre Elemente in seine strenge Wissenschaft einzuführen.“

Alexander Herzen an Jules Michelet: Brief vom November 1851.[1]

[Bearbeiten] Beteiligung in den revolutionären Kreisen Europas (1840–1848)

Im Sommer 1840 begab sich Michail Bakunin dank finanzieller Unterstützung Herzens nach Berlin, um sich auf eine Professur in Moskau vorzubereiten. In Berlin lernte er unter anderem Varnhagen von Ense und Turgenew kennen. Letzterer stellt ihn später in seinem Roman Rudin als großen Denker dar, der seine Ideen indes nie in die Tat umsetzt. Zwei Jahre später schreibt Michail an seinen Bruder Nikolai, dass er nicht mehr nach Russland zurückkehren würde. Sein Aufenthalt in Deutschland hatte ihn stark verändert und in seiner Beichte an den Zaren schrieb er rückblickend:

Der junge Michail Bakunin
Der junge Michail Bakunin

„Im übrigen aber heilte mich Deutschland selbst von der philosophischen Krankheit, an der es litt; als ich mit den metaphysischen Fragen näher vertraut wurde, überzeugte ich mich ziemlich rasch von der Nichtigkeit und Eitelkeit der ganzen Methaphysik: ich suchte Leben in ihr, aber sie ist langweilig, wirkt tödlich; ich suchte Taten, sie aber ist die absolute Untätigkeit. Ich gab die Philosophie preis und ergab mich der Politik.“

Michail Bakunin: Beichte an Zar Nikolaus I. vom Jahre 1851.[2]

„Russland wie es wirklich ist!“ Die Rede zum Jahrestag des polnischen Aufstands machte Bakunin europaweit bekannt.
„Russland wie es wirklich ist!“ Die Rede zum Jahrestag des polnischen Aufstands machte Bakunin europaweit bekannt.

In Deutschland kam er mit den Junghegelianern in Kontakt, die in dieser Zeit durch die Repression radikalisiert wurden und lernte Ludwig Feuerbach und Arnold Ruge in Dresden kennen. Letzterer war der Herausgeber der Zeitung Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst, das Organ der Junghegelianer, für das Bakunin 1842 unter dem Pseudonym Jules Elysard den Artikel Die Reaction in Deutschland schrieb. Der dialektische Schlusssatz „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“[3] machte ihn in weiten Kreisen der Revolutionäre berühmt. Bakunin begann sich nun verstärkt für den Sozialismus zu interessieren. Eine besondere Rolle spielte dabei das Buch Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreich von Lorenz von Stein, das die Ideen französischer Frühsozialisten sowie Louis Blanc und Pierre Joseph Proudhon im deutschsprachigen Raum popularisierte.

Weil sich Bakunin in Dresden nicht mehr sicher fühlte, verließ er mit Georg Herwegh das Königreich Sachsen in Richtung Zürich, das damals zahlreichen politischen Emigranten Asyl gewährte und wo mit dem Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur ein wichtiger Verlag für radikale deutsche Literatur entstanden war. Dort verkehrte er – vermittelt durch Herwegh – mit Wilhelm Weitling, dessen kommunistische Ideen er aber scharf kritisierte. Im selben Jahr wurde Weitling festgenommen; seine Schriften lieferten der zaristischen Polizei wichtige Hinweise zu den Aktivitäten Bakunins in Europa. Der russische Konsul forderte daraufhin Bakunins sofortige Rückkehr, und als er sich weigerte und nach Brüssel floh, wurde ihm durch einen Ukas des Zaren sein Adelstitel aberkannt und er wurde in contumacia zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.

1844 ließ er sich in Paris nieder, dem damaligen Zentrum des europäischen Radikalismus, und gewann dort die Sympathien Joachim Lelewels und der Exilpolen. Die anfänglich intensiven Kontakte mit dem Herausgeberkreis um den Vorwärts stellte Bakunin ein, weil besonders die Diskussionen mit Karl Marx mehrfach im Streit endeten. Pierre Joseph Proudhon, der viel über Bakunin gehört hatte, wollte ihn kennen lernen, und die beiden schlossen eine enge Freundschaft, die bis zum Tode Proudhons im Jahre 1865 anhielt. Bakunin schrieb einige Zeitungsartikel, in denen er mit den Polen sympathisierte und kritisierte als erster russischer Revolutionär öffentlich den Zaren. Nachdem er im Jahre 1847, am Gedenktag für den polnischen Aufstand, eine Rede hielt („Russland wie es wirklich ist!“), in der er sich für einen gemeinsamen Kampf der Russen und Polen gegen den russischen Zaren aussprach, wurde er europaweit bekannt. Auf Forderung Russlands wurde er aus Frankreich ausgewiesen und ging ein weiteres Mal nach Brüssel.

[Bearbeiten] Bakunin in den Revolutionen von 1848/49

Nach dem Ausbruch der Februarrevolution 1848, die zum Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe von Orléans und zur Ausrufung der Zweiten Französischen Republik führte, kehrte Bakunin nach Paris zurück und nahm am revolutionären Kampf teil. Auf seinen Vorschlag hin, die Revolution auch im russisch besetzten Teil Polens zu unterstützen, wurde er von der republikanischen Regierung mit 2000 Francs und Pässen ausgestattet. Er begab sich nach Frankfurt, um die demokratischen Kräfte der Frankfurter Nationalversammlung für eine Zusammenarbeit mit den polnischen Revolutionären zu gewinnen, was er nach einigen Versuchen enttäuscht aufgab. Er reiste weiter nach Polen, um sich der polnischen Bauernarmee von Ludwik Mierosławski anzuschließen, der plante, von Posen aus Polen zu befreien. Als Bakunin in Breslau ankam, war der Aufstand bereits von der preußischen Armee niedergeschlagen worden. Nun unterstützte er die Deutsche Demokratische Legion von Herwegh, die versuchte, Friedrich Heckers Truppen in Baden zu verstärken und damit die Badische Revolution zu retten. Auch dieser Versuch scheiterte, denn die Truppen Herweghs wurden auf dem Weg von den Württembergern geschlagen, bevor die Legion Baden erreichte. Als Marx das Vorgehen Herweghs kritisierte, verteidigte ihn Bakunin, und es kam zum Bruch mit Marx.

Zeitgenössische Bilderreihe mit Szenen vom Prager Pfingstaufstand von 1848: Auslöser war der Misserfolg des Slawenkongresses, an dem Bakunin als einziger Russe teilnahm
Zeitgenössische Bilderreihe mit Szenen vom Prager Pfingstaufstand von 1848: Auslöser war der Misserfolg des Slawenkongresses, an dem Bakunin als einziger Russe teilnahm

Anfang Juni reiste Bakunin nach Prag, um als einziger Russe am Slawenkongress teilzunehmen. Die Forderung nach Gleichberechtigung der Völker in der Habsburgermonarchie stieß in Österreich auf offene Ablehnung, und es kam zum Aufstand der Tschechen gegen die österreichische Fremdherrschaft, bei der auch Bakunin mitkämpfte. Die Erhebung wurde nach fünf Tagen durch österreichische Truppen unter dem Befehl des Prager Stadtkommandanten Fürst Windisch-Grätz gewaltsam niedergeschlagen. Es war damit der erste entscheidende Sieg der Konterrevolution in den bis dahin in ganz Europa insgesamt erfolgreich verlaufenen Erhebungen gegen die herrschenden Kräfte der Restaurationsära.

Barrikadenkampf der Aufständischen in Dresden im Jahre 1849: Bakunin leitete mit anderen Revolutionären den Aufstand und wurde nach der Niederschlagung festgenommen.
Barrikadenkampf der Aufständischen in Dresden im Jahre 1849: Bakunin leitete mit anderen Revolutionären den Aufstand und wurde nach der Niederschlagung festgenommen.

Nach dem Scheitern des Aufstands begab sich Bakunin nach Breslau, wo er in Marx' Rheinischer Zeitung einen Artikel las, in dem behauptet wurde, George Sand hätte Beweise in der Hand, dass Bakunin ein Agent des russischen Zaren sei. Als sich George Sand mit einem Brief bei der Zeitung meldete und der Behauptung widersprach, wurde der Fehler korrigiert. Der Ruf, ein russischer Agent zu sein, begleitete Bakunin dennoch sein Leben lang und fand in der Person David Urquharts einen leidenschaftlichen Verfechter.

Bakunin war enttäuscht vom Verlauf der 1848er Revolutionen, vor allem von den Ergebnissen in Deutschland, wo die Frankfurter Nationalversammlung beschloss, von Polen und Tschechen bewohnte Gebiete unter deutsche Herrschaft zu stellen (siehe groß- und kleindeutsche Lösung). Ende 1848 erschien sein Appell an die Slawen, in dem er betonte, die nationale Frage sei untrennbar mit der sozialen Frage verbunden. Er kritisierte dabei die Vorgänge in Deutschland und rief zum gemeinsamen Kampf von Deutschen und Slawen gegen die Herrscher auf.

Im Mai 1849 beteiligte er sich gemeinsam mit Richard Wagner an führender Stelle am Aufstand in Dresden zur Durchsetzung einer sächsischen Republik. Anfangs verlief dieser zu Gunsten der Aufständischen, und König Friedrich August II., der zuvor das Parlament aufgelöst und die Verfassung abgelehnt hatte, musste flüchten. Praktisch kampflos übernahmen die Revolutionäre die Kontrolle über Dresden und organisierten sich. Mit Hilfe eines großen preußischen Militäraufgebots wurde Dresden belagert und nach sieben Tagen endete schließlich der Aufstand mit einer Niederlage für die Revolutionäre.

[Bearbeiten] Haft, Exil und Flucht (1849–1861)

Nach der Niederschlagung des Dresdner Aufstands konnte Bakunin zunächst entkommen, wurde aber am 10. Mai 1849 gemeinsam mit August Röckel und Otto Heubner in Chemnitz verhaftet und zuerst in Dresden, dann in der Festung Königstein inhaftiert. Im Königreich Sachsen wurde er nach der Festnahme zum Tode verurteilt, später wurde seine Strafe jedoch in lebenslange Haft umgewandelt. Kurz nach seiner Festnahme verlangten Russland und auch – wegen seiner Beteiligung am Slawenkongress in Prag und dem folgenden Prager Aufstand – Österreich seine Auslieferung.

Die Festung Königstein – Eine der Stationen auf Bakunins Haftweg quer durch Europa
Die Festung Königstein – Eine der Stationen auf Bakunins Haftweg quer durch Europa

Im Juni 1850 wurde der Bitte Österreichs Folge geleistet und Bakunin anfangs in der Prager Burg festgesetzt, 1851 nach Olmütz transferiert und ein weiteres Mal zum Tode verurteilt. Kurz darauf wurde Bakunin zu lebenslanger Kerkerhaft begnadigt und in Olmütz an eine Kerkerwand geschmiedet, wo ein Suizidversuch mittels Schlucken von Phosphor scheiterte. Zu dieser Zeit wusste niemand genau, wo sich Bakunin befand und ob er überhaupt noch am Leben war; Fehlmeldungen über seinen Tod gingen durch die Presse Europas.

Bakunin mit seiner Frau Antonia in Sibirien
Bakunin mit seiner Frau Antonia in Sibirien

Am 17. Mai 1851 betrat Bakunin als Gefangener wieder russischen Boden, nachdem Österreich ihn ausgeliefert hatte. Er kam, wie viele andere politische Gefangene Russlands, in die berüchtigte Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg und wurde dort von Graf Orlow darüber in Kenntnis gesetzt, dass Zar Nikolaus I. von ihm ein schriftliches Geständnis wünsche und zwar „wie ein geistiger Sohn an seinen geistigen Vater schreiben soll.“[4] Durch dieses Geständnis (bekannt als Beichte an den Zaren) erhoffte er sich eine Lockerung der Haftbedingungen und schilderte seine bisherigen revolutionären Aktivitäten. Sein Versuch, den Zaren milde zu stimmen scheiterte, denn dieser schätzte Bakunin immer noch als zu gefährlich ein.

1854 wurde er wegen der Nähe zur Front im Krimkrieg in die Schlüsselburg östlich von Petersburg verlegt. Durch die schlechte Ernährung erkrankte Bakunin an Skorbut, litt an Zahnausfall und versuchte ein weiteres Mal, sich das Leben zu nehmen. Als Zar Nikolaus 1855 starb, wurde Bakunin von seinem Nachfolger Alexander II. persönlich von der Amnestieliste gestrichen und seine lebenslange Haft bestätigt.

Auf wiederholte Gnadengesuche der Familie Bakunin hin wurde im März 1857 Bakunins lebenslange Haftstrafe in lebenslange Verbannung nach Sibirien umgewandelt. Er wurde über Omsk nach Tomsk gebracht, wo er die Polin Antonia Kwiatkowska kennen lernte und 1858 heiratete. Ein Jahr später wurde er nach Irkutsk, der damaligen Hauptstadt Ost-Sibiriens, deportiert und genoss wieder gewisse Freiheiten, weil der damalige Gouverneur von Ost-Sibirien, Murawjow-Amurski, ein Verwandter von ihm war. Mitte 1861 gab Bakunin an, eine Forschungsreise am Amur zu unternehmen und konnte fliehen. Dazu schrieb er später, formuliert als Wortspiel an seine Freunde: „L'Amour m'a sauvé“ – übersetzt: „Der Amur / Die Liebe hat mich gerettet“. Von Nikolajewsk aus entkam er und erreichte am 9. August 1861 mit einem amerikanischen Klipper Hakodate an der japanischen Küste.

[Bearbeiten] Rückkehr nach Europa und Abkehr vom Panslawismus (1861–1868)

Über Yokohama, San Francisco, Panama und Boston erreichte Bakunin Ende 1861 Europa und begab sich zu Alexander Herzen nach London „mehr denn je bereit zu jedem Versuch, zu jedem Opfer.“[5] Er nahm Kontakt mit Giuseppe Garibaldi auf, dessen Erfolge er bereits in Sibirien mitverfolgt hatte, und schrieb für Herzens Kolokol (‘Die Glocke’). Zeitweilig wurden die Beziehungen zu Marx wieder freundschaftlicher und dieser schätzte Bakunin als einen „der wenigen Leute, die ich nach 16 Jahren nicht zurück-, sondern weiterentwickelt finde.“[6] Bakunin übersetzte für Marx in London das Manifest der Kommunistischen Partei erstmals ins Russische.

Durch seine spektakuläre Flucht in Russland berühmt geworden, wurde er gemeinsam mit Herzen zum Feindbild der zaristischen und konservativen Öffentlichkeit Russlands. Kropotkin schrieb nach dem Brand in St. Petersburg in seinen Memoiren:

„Katkow, der Exliberale, der voller Hass gegen Herzen steckte und ganz besonders gegen Bakunin, […] beschuldigte gleich am Tag nach dem Brand die Polen und die russischen Revolutionäre der Anstiftung, eine Ansicht, die in St. Peterburg und Moskau allgemein vorherrschte.“

Peter Kropotkin: Memoiren eines Revolutionärs.[7]

Bakunins Mitgliedsausweis für die Internationale Liga für Frieden und Freiheit
Bakunins Mitgliedsausweis für die Internationale Liga für Frieden und Freiheit

Bakunin stand mit vielen Exilpolen und der Bewegung Semlja i wolja (‘Land und Freiheit’) im Kontakt, die sich für die Unabhängigkeit Polens einsetzte. Als 1863 der Januaraufstand in Polen ausbrach, versuchte Bakunin, sich über Kopenhagen nach Polen einzuschiffen, was indes scheiterte. Enttäuscht durch das Fehlen einer sozialen Revolution, gegen die sich die aristokratischen Führer der Aufständischen stellten, kehrte er nach London zurück und wandte sich vom Panslawismus ab.

Bakunin ließ sich 1864 in Italien nieder, wo er durch Empfehlungen von Garibaldi Freundschaften mit italienischen Revolutionären wie Giuseppe Mazzini und Aurelio Saffi schloss. Im selben Jahr gründete er die Fraternité Internationale (‘Internationale Bruderschaft’), eine Keimzelle der später einflussreichen anarchistischen Bewegung in Italien, in der auch Elisée Reclus Mitglied war. In dieser Zeit in Italien entwickelte er seine anarchistischen Auffassungen, die er in den Programmen der Internationalen Bruderschaft z. B. dem Revolutionären Katechismus festhielt. Ein Jahr später bezeichnete er sich erstmals in der italienischen Zeitung Libertà e Giustizia als Anarchist. Bakunin begab sich 1867 wieder nach Genf, um am Gründungskongress der Internationalen Liga für Frieden und Freiheit teilzunehmen. Seine Versuche, die Organisation von ihrem gemäßigten Kurs abzubringen, wurde von deren Mitgliedern mehrheitlich abgelehnt. Bereits am zweiten Kongress im Jahr darauf trat er unter Verlesung einer Protestnote mit 17 anderen Mitgliedern aus, weil er der Organisation jeglichen Nutzen zur Erhaltung des Friedens absprach. Fortan organisierten sich die Ausgetretenen in der neu gebildeten Allianz der sozialistischen Demokratie.

[Bearbeiten] Erste Internationale und Wachstum der anarchistischen Bewegung (1868–1873)

Logo der spanischen Regionalföderation der Internationalen Arbeiterassoziation. Sie ist auf Bakunins Initiative hin entstanden und wurde zum Keim der starken anarchosyndikalis- tischen Bewegung in Spanien.
Logo der spanischen Regionalföderation der Internationalen Arbeiterassoziation. Sie ist auf Bakunins Initiative hin entstanden und wurde zum Keim der starken anarchosyndikalis- tischen Bewegung in Spanien.

Zusammen mit einigen Freunden aus der Allianz entschloss sich Bakunin 1868, der Genfer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation (Erste Internationale) beizutreten und wurde Redakteur von L'Égalité, dem Organ der Genfer Sektion. Im selben Jahr plante er eine Agitationsreise nach Spanien, die Giuseppe Fanelli unternahm und die zur Bildung neuer Sektionen der Internationale in Spanien führte.

Die Proklamation der Lyoner Kommune wurde von Michail Bakunin verfasst. Der Aufstand in Lyon war von kurzer Dauer und wurde noch im selben Monat von der Regierung beendet.
Die Proklamation der Lyoner Kommune wurde von Michail Bakunin verfasst. Der Aufstand in Lyon war von kurzer Dauer und wurde noch im selben Monat von der Regierung beendet.

Im Jahr darauf lernte er Sergei Netschajew kennen, von dem er anfangs begeistert war. Doch nachdem ans Licht kam, dass Netschajew insgeheim Briefe und persönliche Dokumente Bakunins entwendete, um sie im geeigneten Zeitpunkt gegen ihn zu verwenden, kam es zum Bruch zwischen den Beiden.

Im September 1870 nahm Bakunin am Aufstand in Lyon teil, nachdem sich eine Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg abzeichnete. Er verfasste eine Proklamation der Revolutionäre in Lyon, die später vor 6.000 Leuten verlesen und in der Region verteilt wurde. Der Aufstand wurde noch im selben Monat von der Regierung beendet, diente aber der Pariser Kommune als Vorbild, an der Bakunin nicht teilnehmen konnte. In seinem in Briefform gehaltenen Appell Lettres à un français sur la crise actuelle (‘Briefe an einen Franzosen zur aktuellen Krise’) forderte er eine Allianz der Arbeiter und Bauern zu einer gemeinsamen revolutionären Kraft und formulierte erstmals die Idee, die später als Propaganda der Tat bekannt wurde:

„Wir müssen unsere Prinzipien nicht mit Worten, sondern mit Taten verbreiten, denn dies ist die populärste, wirksamste und unwiderstehlichste Form der Propaganda.“

Michail Bakunin: Briefe an einen Franzosen zur aktuellen Krise.[8]

In der Internationale wuchsen die Konflikte zwischen den Anti-autoritären und dem Zentralrat in London mit Karl Marx und Friedrich Engels. Am Kongress in Den Haag wurde Bakunin schließlich gemeinsam mit James Guillaume aus der Internationale ausgeschlossen. In der Folge spaltete sich der anti-autoritäre Teil ab und gründete eine eigene Internationale in St. Imier, die erste anarchistische Internationale. Bakunin beteiligte sich mit einigen seiner Mitstreiter, wie Guillaume und Adhémar Schwitzguébel, an der Juraföderation, dem Kern der neuen Internationale.

Bakunin schrieb 1873 sein Werk Staatlichkeit und Anarchie, das in hohen Stückzahlen nach Russland geschmuggelt wurde und die Bewegung der Narodniki stark beeinflusste. Darin forderte er die jungen Revolutionäre in Russland dazu auf, am Leben der Bauern teilzunehmen, ihre Probleme mitzuerleben und so die Revolution ins Volk zu tragen. Ebenfalls in der Schweiz traf Bakunin den erst 18-jährigen Sozialrevolutionär Errico Malatesta, der in Italien steckbrieflich gesucht wurde und sich, von Bakunin beeinflusst, in den folgenden Jahrzehnten zu einem der Wortführer des italienischen Anarchismus entwickelte.

[Bearbeiten] Rückzug und Tod (1873–1876)

„Erinnert euch an den, der alles opferte für die Freiheit seines Landes“, Grabstein Bakunins im Bremgartenfriedhof Bern
„Erinnert euch an den, der alles opferte für die Freiheit seines Landes“, Grabstein Bakunins im Bremgartenfriedhof Bern

Im Oktober 1873 beschloss Bakunin seinen Rückzug aus der anarchistischen Arbeiterbewegung und verließ die Juraföderation, im Glauben, nichts mehr für die Bewegung tun zu können. Zu dieser Zeit war er von einer schweren Krankheit gezeichnet und resignierte, da sich seine Erwartung der nahen Revolution bislang nicht erfüllt hatte und der Glaube daran schwand. Von November 1869 an lebte Bakunin in Locarno und kaufte 1873 – mit finanzieller Unterstützung Carlo Cafieros – die Villa La Baronata in Minusio, die zum Zufluchtsort für polizeilich gesuchte Revolutionäre werden sollte. Später zog er sich nach Lugano zurück, das ebenfalls im Kanton Tessin und in der Nähe zu Italien liegt. Viele seiner engsten Freunde waren Italiener und er setzte die größten Hoffnungen auf revolutionäre Umwälzungen in Italien, das er aber nicht mehr betreten durfte. Bakunin versuchte 1875 trotz seiner Krankheit an einem Aufstand in Bologna teilzunehmen. Doch auch dieser letzte Versuch Bakunins scheiterte und er musste wieder in die Schweiz zurückkehren.

Als sich sein gesundheitlicher Zustand im Sommer 1876 weiter verschlechterte, war er gezwungen, in ärztliche Behandlung zu treten. In einer Krankenpension in Bern war er in der Obhut des Arztes Carl Vogt und wurde von Adolf Reichel gepflegt, beide waren langjährige Freunde Bakunins. Zu Adolf Reichel meinte Bakunin zehn Tage vor seinem Tod:

„Die Völker aller Nationen haben heute den revolutionären Instinkt verloren. Sie sind zu sehr mit ihrer Lage zufrieden, und die Furcht, auch noch das zu verlieren, was sie haben, macht sie harmlos und träge. Nein, wenn ich noch ein wenig zu Kräften komme, möchte ich eine Ethik schreiben, die auf den Grundlagen des Kollektivismus aufbaut, ohne philosophische und religiöse Phrasen.“

Adolf Reichel an Carlo Gambuzzi: Brief vom 6. / 7. Juli 1876.[9]

Dieses Werk konnte er nicht mehr in Angriff nehmen, da sich sein Gesundheitszustand überraschend schnell verschlechterte. Am 1. Juli 1876 kurz vor Mittag erlag Michael Bakunin im Alter von 62 Jahren seiner Krankheit.

[Bearbeiten] Denken Bakunins und politische Überzeugungen

Gott und der Staat, Titelblatt des ersten Drucks im Jahre 1882. Das Werk gehört zu den bekanntesten Schriften Bakunins und der anarchistischen Bewegung im allgemeinen
Gott und der Staat, Titelblatt des ersten Drucks im Jahre 1882. Das Werk gehört zu den bekanntesten Schriften Bakunins und der anarchistischen Bewegung im allgemeinen

Bakunins politische und philosophische Positionen veränderten sich im Laufe seines Lebens: Als junger Mann vertrat er stark religiös geprägte und panslawistische Ansichten, kehrte später davon ab und entwickelte auf der Basis des erkenntnistheoretischen Materialismus die Idee eines anti-autoritären Sozialismus und kollektivistischen Anarchismus, einem Gemeinschaftswesen, das sich darauf beschränkt dem Menschen die Arbeit und das Leben in größtmöglicher Autonomie und Chancengleichheit zu ermöglichen. Dieser Wandel zum Anarchisten zeichnet sich in den Schriften ab, die er von 1864 bis 1867 verfasste, also seiner Zeit in Italien. Dort formulierte er bereits seine Ideen, für die er in der Internationale einstand und die er in Gott und der Staat oder Staatlichkeit und Anarchie niederschrieb.[10]

Für Bakunin müssen Freiheit, Sozialismus und Föderalismus, durch eine soziale Revolution erkämpft, zu Fundamenten einer neuen Gesellschaftsordnung werden. Vielbeachtet ist außerdem Bakunins Kritik des Autoritarismus (≠ Autorität), der Religion (bzw. der Theologie) und der Wissenschaft.[10]

[Bearbeiten] Kollektivistischer Anarchismus

Der Begriff kollektivistischer Anarchismus wurde von Bakunin selbst nicht benutzt und wurde erst später gebräuchlich um Bakunins Vorstellungen einer anarchistischen Gesellschaft zu beschreiben. Er sieht dabei die Freiheit, den Sozialismus und den Föderalismus untrennbar voneinander als Grundprinzipien einer egalitären Gesellschaft und weist darauf hin „daß Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit bedeutet; und daß Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität ist.“[11] Der Föderalismus verhindere, daß sich Macht in einer zentralen Gewalt konzentriert, die Sozialismus und Freiheit unmöglich mache.[12]

Unter Freiheit versteht Bakunin kein abstraktes Ideal, sondern einen Zustand der gleichen Freiheit für jeden durch die Freiheit aller. In Anlehnung an Immanuel Kant definiert er die negative Freiheit (die Freiheit von) und die positive Freiheit (die Freiheit zu). Die negative Freiheit beschreibt Bakunin als die Auflehnung gegen die göttliche, kollektive oder individuelle Autorität[13] und schreibt, „die Freiheit des Menschen besteht einzig darin, daß er den Naturgesetzen gehorcht, weil er sie selbst als solche erkannt hat und nicht, weil sie ihm von außen her von irgend einem fremden Willen, sei er göttlich oder menschlich, kollektiv oder individuell, auferlegt sind.“[14] Die positive Freiheit bestehe darin, die Möglichkeit zu haben, seine Fähigkeiten bestmöglich zu entwickeln, und zwar durch Bildung und den nötigen materiellen Wohlstand.[15] Das Opfern der Freiheit unter dem Vorwand der Verteidigung der Freiheit oder für den Staat sieht Bakunin als gefährlich, denn man könne die Freiheit nur mit derselben erhalten.[12]

Bakunin versteht unter Sozialismus wirtschaftliche und soziale Gleichheit, also eine Gesellschaft ohne Klassen und den gleichen Zugang zu Produktionsmitteln und Bildung.[16] Den Sozialismus sieht er als natürliche Form des Zusammenlebens und warnt, daß „jede bevorrechtete Stellung die Eigentümlichkeit [hat], Geist und Herz der Menschen zu töten.“[14]

Unter Föderalismus versteht Bakunin gemäß dem Materialismus den Aufbau der Gesellschaft von unten nach oben, das heißt, von der Basis zur Spitze. Diese Föderation solle auf freier Assoziation der Individuen, Produktionsgemeinschaften und Kommunen basieren und zur größtmöglichen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung führen, zu einer Ordnung, „die keine andere Grundlage hat als die Interessen, Bedürfnisse und die natürliche Affinität der Bevölkerung.“[17] Im Programm der Slawischen Sektion der Internationale fasst er die föderalistische Idee folgendermaßen zusammen:

„Allein die Vernichtung des Staats, des Eigentumsrechts und der juristischen Familie macht es möglich, das Leben des Volkes von unten nach oben auf der Basis der kollektiven Arbeit und des kollektiven Eigentums zu organisieren […] und zwar durch die absolut freiheitliche Verbindung der Individuen in Assoziationen oder in unabhängigen Gemeinden oder, außer den Gemeinden und allen regionalen und nationalen Abgrenzungen, in großen, gleichartigen Assoziationen, die durch die Identität ihrer Interessen und ihrer sozialen Bestrebungen miteinander verknüpft sind, sowie durch die Föderation der Gemeinden in Nationen und der Nationen in der Menschheit.“

Michail Bakunin: Programm der Slawischen Sektion in Zürich.[18]

[Bearbeiten] Soziale Revolution

Die Pariser Kommune als Beispiel einer sozialen Revolution: Bakunin war begeistert von ihrem Versuch der ökonomischen Umverteilung
Die Pariser Kommune als Beispiel einer sozialen Revolution: Bakunin war begeistert von ihrem Versuch der ökonomischen Umverteilung

Revolutionen wie die Französische Revolution von 1789 oder die misslungene polnische Revolution von 1863, die bloß zu einem politischen Umsturz führten, lehnt Bakunin ab. Er ist davon überzeugt, dass auch eine soziale Revolution stattfinden muss, mit der sich das Los der wirtschaftlich Benachteiligten direkt verbessern soll und nennt als Beispiele die Versuche Stenka Rasins und vor allem die Pariser Kommune.[19] Dabei rief er auf zum Kampf gegen alle alten Institutionen, die Privilegien schaffen, wie Staat und Kirche:

„Entfesselt die soziale Revolution! Macht, daß alle Bedürfnisse wirklich solidarisch werden; daß die materiellen und sozialen Interessen eines jeden seinen menschlichen Pflichten gleich werden! Hierzu gibt es nur ein einziges Mittel: Zerstört alle Einrichtungen der Ungleichheit, gründet die wirtschaftliche und soziale Gleichheit aller, und auf dieser Grundlage wird sich die Freiheit, die Sittlichkeit und die solidarische Menschlichkeit aller erheben.“

Michail Bakunin: Gott und der Staat.[14]

Es darf aber keine Avantgarde oder Vorhut der Arbeiterklasse die Revolution anführen oder eine (Arbeiter-)Regierung gebildet werden, wie im Marxismus propagiert. Die Menschen selbst sollen die Verantwortung für die weitere Entwicklung ihrer lokalen Gemeinschaften und insbesondere den Verlauf der ökonomischen Umverteilung tragen. Durch eine spontane Volksrevolution können so die Arbeitergewerkschaften und Bauern die Produktionsmittel und das Land in Besitz nehmen, um dadurch eine gemeinschaftliche Produktion zu ermöglichen.[20] Dabei sieht Bakunin es als notwendig, dass ein Zusammenschluss von prinzipientreuen Revolutionären sich damit befasst, die Revolution vor der möglichen Machtübernahme von einzelnen Individuen oder Gruppen zu schützen.[21] Die soziale Revolution soll aber nicht die Einzelrevolution eines Volkes sein, sondern eine internationale Revolution.[22]

[Bearbeiten] Anti-Autoritarismus

Bakunin lehnt den Staat und allgemein alle Formen institutionalisierter und zentralisierter Autorität ab, weil diese „stets auf gleiche Weise der Freiheit der Massen verhängnisvoll und feindlich sind, weil sie ihnen ein System äußerlicher und daher despotischer Gesetze aufzwingen. […] sie würde, wie alle bestehenden Mächte, sich damit befassen, sich ewige Dauer zu verschaffen, indem sie die ihr anvertraute Gesellschaft immer dümmer und folglich ihrer Regierung und Leitung immer bedürftiger machen würde.“[14] Bakunin beschreibt in Gott und der Staat ausführlich, was er unter Autorität versteht:

„Folgt heraus, daß ich jede Autorität verwerfe? Dieser Gedanke liegt mir fern. Wenn es sich um Stiefel handelt, wende ich mich an die Autorität des Schusters; handelt es sich um ein Haus, einen Kanal oder eine Eisenbahn, so befrage ich die Autorität des Architekten oder des Ingenieurs. […] Aber ich erkenne keine unfehlbare Autorität an, selbst nicht in ganz speziellen Fragen; folglich, welche Achtung ich auch immer für die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit einer Person habe, setze ich in niemanden unbedingten Glauben. Ein solcher Glaube wäre verhängnisvoll für meine Vernunft, meine Freiheit und den Erfolg meines Unternehmens, er würde mich sofort in einen dummen Sklaven und ein Werkzeug des Willens und der Interessen anderer verwandeln. Wenn ich mich vor der Autorität von Spezialisten beuge und bereit bin, ihren Angaben und selbst ihrer Leitung in gewissem Grade und, solange es mir notwendig erscheint, zu folgen, tue ich das, weil diese Autorität mir von niemand aufgezwungen ist, nicht von den Menschen und nicht von Gott. […] Ich neige mich vor der Autorität von Spezialisten, weil sie mir von meiner eigenen Vernunft auferlegt wird. Ich bin mir bewußt, daß ich nur einen sehr kleinen Teil der menschlichen Wissenschaft in allen Einzelheiten und positiven Entwicklungen umfassen kann. Die größte Intelligenz genügt nicht, alles zu umfassen. Daraus folgt für die Wissenschaft wie für die Industrie die Notwendigkeit der Arbeitsteilung und Vereinigung. Ich empfange und ich gebe, so ist das menschliche Leben. Jeder ist abwechselnd leitende Autorität oder Geleiteter. Es gibt also keine stetige und feststehende Autorität, sondern einen beständigen Wechsel von gegenseitiger Autorität und Unterordnung, die vorübergehend und vor allem freiwillig ist.“

Michail Bakunin: Gott und der Staat.[14]

Für Bakunin spielt es keine Rolle, ob die Herrschaft eine königliche Herrschaft ist, die marxistische Diktatur des Proletariats oder die auf allgemeinem Wahlrecht basierende Volksherrschaft, denn:

„Kein Staat […] kann dem Volke das geben, was es braucht, nämlich die freie Organisation der eigenen Interessen von unten nach oben, ohne jede Einmischung, Bevormundung oder Nötigung von oben, weil jeglicher Staat, selbst der republikanischste und demokratischste, und sogar der Pseudo-Volksstaat, wie ihn Marx geplant hat, letzten Endes nichts anderes darstellt als die Beherrschung der Massen von oben nach unten durch eine intellektuelle und eben dadurch privilegierte Minderheit, die angeblich die wahren Interessen des Volkes besser erkennt als das Volk selbst.“

Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.[23]

[Bearbeiten] Atheismus

Bakunin sieht Gott als Produkt menschlichen Denkens an, „das erste Erwachen der [menschlichen] Vernunft […] in Gestalt der [göttlichen] Unvernunft.“[24] Somit erkennt er den Glauben an Gott als entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit an, die es jedoch zu überwinden gilt, um Freiheit zu erlangen. Die Religion und die Theologie lehnt er ab, weil diese den Menschen nicht als kreativen Schöpfer sehen und der menschlichen Vernunft und dem Gerechtigkeitssinn entgegengesetzt sind:

„So wird die menschliche Vernunft, das einzige Organ, das wir besitzen, um die Wahrheit zu erkennen, durch ihre Verwandlung in göttliche Vernunft unverständlich für uns und erscheint dem Gläubigen zwangsläufig als Offenbarung des Absurden. So äußert sich die Ehrfurcht vor dem Himmel in der Verachtung für die Erde und die Verehrung der Gottheit in der Herabwürdigung der Menschheit. Die menschliche Liebe, dieses unermessliche Band natürlicher Solidarität, das alle Individuen, alle Völker umspannt und die Freiheit und das Glück jedes einzelnen von der Freiheit und dem Glück aller anderen abhängig macht und die Menschen, allen Unterschieden der Rasse und Hautfarbe zum Trotz, früher oder später zu einer brüderlichen Gemeinschaft verbinden muß – diese Liebe wird, wenn sie sich in Liebe zu Gott und religiöse Nächstenliebe verwandelt, alsbald zu einer Geißel der Menschheit: Alles Blut, das seit Anbeginn der Geschichte im Namen der Religion vergossen wurde, die Millionen Menschen, die dem höchsten Ruhm der Götter geopfert wurden, legen davon Zeugnis ab…“

Michail Bakunin: Föderalismus, Sozialismus, Antitheologismus.[25]

In Gott und der Staat versucht er, die Existenz Gottes zu widerlegen, was in einer berühmten Stelle des Buches in der Aussage gipfelt:

„Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden auf, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen.“

Michail Bakunin: Gott und der Staat.[14]

[Bearbeiten] Kritik der Wissenschaft

Für Bakunin stellt die Forderung Auguste Comtes, dass das gesellschaftliche Leben den Gesetzen der Wissenschaft unterworfen sein müsse, eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Bakunin betrachtet eben diese „Herrschaft der Wissenschaft“[14] als Problem, weil die Wissenschaft durch ihre privilegierte Stellung in der Gesellschaft nicht fähig und nicht gewillt sei, den Menschen zu dienen, sondern den Privilegierten selbst. Bakunin beschreibt dies folgendermaßen:

„Bis jetzt war die ganze Geschichte der Menschheit nur ein beständiges und blutiges Opfern von Millionen armer menschlicher Wesen für irgendeine unerbittliche Abstraktion: Götter, Vaterland, Staatsmacht, nationale Ehre, geschichtliche Rechte, juristische Rechte, politische Freiheit, öffentliches Wohl. […] Dass die Theologen, Politiker und Juristen dies sehr schön finden, ist klar. Als Priester dieser Abstraktionen leben sie nur von dieser beständigen Opferung der Volksmassen. […] Dass aber selbst die positive Wissenschaft bis jetzt das gleiche Bestreben zeigte, müssen wir feststellen und beklagen. Sie konnte es nur aus zwei Ursachen tun: einmal, weil sie, außerhalb des Volkslebens stehend, von einer bevorrechteten Körperschaft vertreten wird, und dann, weil sie sich selbst bis jetzt als absolutes und letztes Ziel aller menschlichen Entwicklung aufgestellt hat, während sie aufgrund bedachter Kritik, die sie anzuwenden fähig ist und die sie sich letzten Endes gegen sich selbst anzuwenden gezwungen sehen wird, hätte verstehen müssen, dass sie nur ein notwendiges Mittel zur Verwirklichung eines viel höheren Zweckes ist: das der vollständigen Humanisierung der wirklichen Lage aller wirklichen Individuen, die auf der Erde geboren werden, leben und sterben.“

Michail Bakunin: Gott und der Staat.[14]

Für Bakunin stellt also die privilegierte Wissenschaft eine Hürde dar, die freie Wissenschaft dagegen sei der Schlüssel zu Freiheit und Gleichheit.[14] Im Gegensatz zu Pjotr Lawrow sieht Bakunin aber in der wissenschaftlichen Bildung und Erziehung des Volkes nicht die Lösung des Problems, denn:

„Sie [die Lawristen] verstehen nicht, dass das Denken […] sich aus dem Leben ergibt und dass man, um das Denken zu ändern, zunächst das Leben ändern muss. Gebt dem Volk die ganze Weite des menschlichen Lebens, und es wird Euch durch die tiefe Rationalität seines Denkens erstaunen.“

Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.[26]

[Bearbeiten] Weitere Überzeugungen

[Bearbeiten] Bakunins Rolle in der anarchistischen Bewegung

Symbol der anarchistischen Bewegung heute
Symbol der anarchistischen Bewegung heute

Michail Bakunin beeinflusste die anarchistische Bewegung in Theorie und Praxis äußerst stark und wird deshalb auch als Vater des Anarchismus bezeichnet.[32] Mit dem kollektivistischen Anarchismus grenzte er sich vom Mutualismus Pierre Joseph Proudhons ab und schuf eine Theorie, die in der Anfangszeit der anarchistischen Bewegung die Theorie des Anarchismus schlechthin war und zum Beispiel in anarchosyndikalistischen Kreisen teilweise bis in die heutige Zeit vertreten wird. Bakunin gilt als erster Organisator der anarchistischen Bewegung, insbesondere in Italien[33] und Spanien[34], wo durch Bakunins direktes Wirken der Anarchismus eingeführt wurde und die Bewegung entstanden ist. Darüber hinaus beeinflussten seine Werke und Ideen überall auf der Welt neue anarchistische Bewegungen, beispielsweise die chinesischen Anarchisten[35] oder die Anarchisten auf Kuba.[36] Richtungsweisend für die gesamte sozialistische Bewegung war der Konflikt zwischen Karl Marx und Bakunin in der Ersten Internationale. Dieser Konflikt endete mit dem Ausschluss Bakunins aus der Internationale und einer definitiven Trennung der anarchistischen von der restlichen sozialistischen Bewegung und speziell der Marxisten.

[Bearbeiten] Bakunin und der italienische Anarchismus

Im Jahre 1864 zog Bakunin aus finanziellen Gründen von London nach Florenz und knüpfte Kontakte mit italienischen Revolutionären, denen er durch Giuseppe Garibaldi empfohlen wurde. Nach erfolglosen Versuchen, die örtliche Freimaurerloge für seine Ideen zu gewinnen, gründete er die Internationale Bruderschaft, einen losen internationalen Geheimbund von Revolutionären. Er gewann durch seinen Ruf als berühmter Teilnehmer von 1848 schnell das Vertrauen der italienischen Revolutionäre.[33]

Im Jahr darauf verließ Bakunin Florenz und begab sich nach Neapel. Im Süden Italiens war man von der Herrschaft Sardinien-Piemonts enttäuscht, weil sie vielen Menschen keine besseren Lebensbedingungen brachte als die vorherige bourbonische Herrschaft. Somit schwanden auch der Enthusiasmus für das Risorgimento und die Lehren Giuseppe Mazzinis. Es bildete sich nach kurzer Zeit ein Gruppe von Italienern um Bakunin, darunter Giuseppe Fanelli, Alberto Tucci und Carlo Gambuzzi. Nach Artikeln in Il Popolo d'Italia gab Bakunin eine eigene Zeitung heraus: La Situazione italiana, das erste sozialrevolutionäre Blatt Italiens. Die Zeitung war gegen die Ideen Mazzinis und Garibaldis gerichtet und war klar anarchistisch und atheistisch ausgerichtet.[37]

Bakunin verließ Italien 1867 und der Kreis seiner italienischen Freunde gründete 1869 die ersten italienischen Sektionen der Internationale. Als Giuseppe Mazzini in Artikeln die Pariser Kommune und die Internationale kritisierte und die italienischen Arbeiter vor dem Sozialismus warnte, antwortete Bakunin mit dem Zeitungsartikel Antwort eines Mitglieds der Internationale an Giuseppe Mazzini, der durch seine hohe Resonanz der Internationale in Italien entscheidenden Auftrieb gab. Die italienische sozialistische Bewegung blieb durch Bakunins Wirken lange anarchistisch geprägt.[33]

[Bearbeiten] Bakunin und der spanische Anarchismus

Erster Kongress der ‘Spanischen Föderation’ in Barcelona, 1870: Bereits nach 1½ Jahren waren ca. 40.000 Arbeiter in der spanischen Sektion der Internationale organisiert
Erster Kongress der ‘Spanischen Föderation’ in Barcelona, 1870: Bereits nach 1½ Jahren waren ca. 40.000 Arbeiter in der spanischen Sektion der Internationale organisiert

Bakunin trat 1868 der Internationalen Arbeiterassoziation bei und plante eine Reise nach Spanien, um die Ideen der Internationale bekannt zu machen. Spanien hatte zu dieser Zeit noch keine Sektionen der Internationale und war geprägt durch Ideen französischer Frühsozialisten, wie Charles Fourier oder Étienne Cabet. Die Reise nach Spanien unternahm schließlich Giuseppe Fanelli, ein enger Freund Bakunins. Im Winter 1868/69 begab er sich nach Barcelona und Madrid und traf sich mit einigen spanischen Gewerkschaftern wie beispielsweise Anselmo Lorenzo. Es entstanden daraufhin als Resultat erste Sektionen. Weitere Sektionen bildeten sich kurz darauf in anderen größeren Städten Spaniens wie Cádiz, Saragossa und Palma. Noch schneller als in den Städten verbreiteten sich die anarchistischen Ideen bei der Landbevölkerung, von denen viele durch weitreichende Landreformen in existenzielle Nöte geraten waren.

Die Ideen Bakunins übten einen großen Einfluss auf die junge anarchistische Bewegung Spaniens aus, die von Anfang an beschloss, sich nicht an der bürgerlichen Politik zu beteiligen und stattdessen die soziale Revolution anzustreben. Am ersten spanischen Kongress dieser sogenannten Spanischen Föderation in Barcelona zeigte sich, dass die Reise ein voller Erfolg war: Nach 1½ Jahren gab es in Spanien bereits 150 Teilgesellschaften mit zirka 40.000 Mitgliedern.[34]

Der Anarchismus in Spanien blieb in der Folge lange die praktisch einzige sozialistische Bewegung; kommunistische und sozialistische Parteien konnten erst spät Fuß fassen.

Siehe auch: Beginn des Anarchismus in Spanien

[Bearbeiten] Konflikt mit Marx

Der Konflikt zwischen Karl Marx (siehe Bild) und Bakunin führte zur Spaltung der Internationale
Der Konflikt zwischen Karl Marx (siehe Bild) und Bakunin führte zur Spaltung der Internationale

Der Konflikt zwischen Karl Marx und Bakunin bezeichnet allgemein die Differenzen in der Internationale zwischen einem Antiautoritären Teil, der jegliche Beteiligung an der Politik ablehnte und die soziale Revolution anstrebte, und auf der anderen Seite einem Teil, der auf politische Einflussnahme und Übernahme der Staatsmacht im Interesse des Proletariats setzte. Bakunin und Marx wurde dabei als wichtige Exponenten der jeweiligen Richtungen die größte Rolle zugeschrieben.

Marx, der im Generalrat der Internationale war, sah im Eintritt Bakunins und der Allianz im Jahre 1868 einen Versuch Bakunins, die Macht in der Internationale an sich zu reißen und startete eine Verleumdungskampagne gegen Bakunin, um ihn zu diskreditieren und in der Internationale zu isolieren. Dieser Versuch gipfelte in der Confidentiellen Mittheilung an die deutsche Sozialdemokratie, wo Marx verschiedene Unwahrheiten aus zweiter Hand über Bakunin verbreitete und Bakunin selbst dadurch verärgerte.[34] Der Streit zwischen den Beiden wurde nicht direkt ausgetragen, eskalierte aber bei der Frage des Erbrechts auf dem Kongress in Basel im Jahr darauf: Bakunins Vorschlag zur Abschaffung des Erbrechts wurde mit 32 zu 23 Stimmen befürwortet, verpasste aber das nötige absolute Mehr von 35 Stimmen knapp. Der Gegenvorschlag von Marx dagegen, wurde mit 19 zu 37 Stimmen klar abgelehnt.[38] Marx war über dieses Ergebnis verärgert und schaffte es durchzusetzen, dass der nächste Kongress der Internationale in London stattfindet, wo die Bakunisten, wie er seine Gegner nannte, größtenteils nicht teilnehmen konnten. Marx brachte in der Folge seinen Vorschlag zur Bildung von Arbeiterparteien durch, was von den Sektionen von Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Holland, England, den USA und dem Schweizer Jura indes abgelehnt und für ungültig erklärt wurde. Nach dem Ausschluss von James Guillaume und Bakunin aus der Internationale im Jahre 1872 folgten mehrere Sektionen und organisierten sich fortan in einer eigenen Antiautoriären Internationale.

Damit spaltete der Konflikt die sozialistische Bewegung und führte zu einer Trennung des Anarchismus, vom marxistischen Kommunismus und der frühen Sozialdemokratie.

Siehe auch: Anarchismus versus Marxismus

[Bearbeiten] Kritik an Bakunin

[Bearbeiten] Revolutionäre Gewalt und Terrorismus

Feier in Paris zum 100. Geburtstag von Bakunin
Feier in Paris zum 100. Geburtstag von Bakunin

Bakunin wird vorgeworfen, dass er Gewalt und Zerstörung predigte. Der dialektische Schlusssatz seines Zeitungsartikels von 1842, „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“[3] wird bis in die heutige Zeit als Beispiel und Beweis für Bakunins terroristische Gesinnung verwendet.[39][40][41] Seine Einstellung zur revolutionären Gewalt beschreibt Bakunin an anderer Stelle folgendermaßen:

„Diese destruktive Leidenschaft reicht zwar als Grundlage einer revolutionären Tat bei weitem nicht aus, aber ohne sie ist eine Revolution undenkbar, unmöglich, denn es kann keine Revolution geben ohne weitreichende, leidenschaftliche Zerstörung, ohne rettende und fruchtbringende Zerstörung, weil nämlich aus ihr und nur durch sie neue Welten entstehen.“

Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.[42]

Diese Gewalt und Zerstörung der Revolution soll aber „mehr gegen Stellungen und Einrichtungen als gegen Menschen Krieg führen, in der Gewissheit, dass die Einrichtungen und die privilegierten und antisozialen Stellungen, welche sie schaffen, viel mächtiger sind als die Individuen und den Charakter und die Macht unserer Feinde ausmachen.“[43] Bakunin war ein entschiedener Gegner von Methoden nach dem Motto Der Zweck heiligt die Mittel, die beispielsweise Sergei Netschajew propagierte und war auch kein Verfechter von politisch motivierten Attentaten, die nach Bakunins Tod eine Zeit lang die anarchistische Bewegung prägten. Dennoch sah er in der Gewalt das einzige Mittel zur sozialen Revolution, weil sie gegen die Gewalt des Staats durchgesetzt werden musste. Durch die Erfahrung mit der Pariser Kommune sah er sich bestätigt und schrieb:

„Um erfolgreich gegen militärische Gewalt kämpfen zu können, die künftig vor nichts mehr Achtung hat und zudem noch mit den schrecklichsten Vernichtungswaffen ausgerüstet und bereit ist, bei der Zerstörung nicht nur von Häusern und Strassen, sondern von ganzen Städten mit all ihren Bewohnern von ihnen Gebrauch zu machen, um also gegen eine so wilde Bestie ankämpfen zu können, muss man eine andere, nicht weniger wilde, dafür aber gerechtere Bestie haben: die organisierte Revolte des ganzen Volkes, die soziale Revolution, welche genauso erbarmungslos ist wie die militärische Reaktion und vor nichts zurückschreckt.“

Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.[44]

[Bearbeiten] Nationalismus und Antisemitismus

Bakunin wiederholte in seinen Schriften viele antisemitische Klischees seiner Zeit, wie z.B. die „Herrschaft der jüdischen Hochfinanz.“[45] Diese antisemitische Haltung verstärkte sich nach dem Konflikt mit Marx deutlich. Des Weiteren benutzte Bakunin auch den – im 19. Jahrhundert – populären Begriff der Rassen um Unterschiede in Charakter und Zusammenleben der Menschen zu erklären. Er schreibt beispielsweise in Staatlichkeit und Anarchie: „Es gibt […] trotz aller Unterschiede in den Mundarten, Sitten und Bräuchen einen gemein-italienischen Charakter und Typ, wonach man sofort den Italiener von einem Menschen anderer Rasse […] unterscheiden kann.“[46] An anderer Stelle schreibt Bakunin, dass „jeder Deutsche den Knüppel küsst, freiwillig und aus Überzeugung.“[47] Im Gegensatz zum Sozialdarwinismus sieht Bakunin aber in den Unterschieden der verschiedenen Rassen keine biologischen Ursachen und sieht sein Ideal in „einer Organisation, die auf freien wirtschaftlichen Bündnissen unter den Völkern, ungeachtet aller alten Staatsgrenzen und aller nationalen Unterschiede auf der einen Grundlage beruht, und zwar der Grundlage produktiver, ganz vermenschlichter und bei aller Vielfalt völlig solidarischer Arbeit.“[48] Seine Einstellung zum Nationalismus erklärt Bakunin folgendermaßen:

„Es [gibt] nichts Unsinnigeres und zugleich Schädlicheres, nichts Verderblicheres für das Volk […] als das Pseudoprinzip der Nationalität als Ideal aller Bestrebungen des Volkes aufzustellen. Die Nationalität ist kein allgemein menschliches Prinzip, sondern eine historische, lokale Tatsache, die wie alle wirklichen und harmlosen Tatsachen unbezweifelbar ein Anrecht auf allgemeine Anerkennung hat. Jedes Volk oder sogar jedes ganz kleine Volk hat seinen Charakter, seine besondere Art zu existieren, zu sprechen, zu fühlen, zu denken und zu handeln; und dieser Charakter, diese Art, die gerade das Wesen der Nationalität ausmachen, ergeben sich aus dem gesamten historischen Leben und aus allen Lebenbedingungen des Volkes. Jedes Volk ist genau wie jedes Individuum nolens volens das, was es ist, und hat das unbestreitbare Recht, es selbst zu sein. Darin besteht das ganze sogenannte nationale Recht. Wenn aber ein Volk oder ein Individuum nur auf eine Art und nicht anders existieren kann, so folgt daraus noch nicht, dass das Volk oder das Individuum das Recht oder gar einen Nutzen davon hätte, Nationalität beziehungsweise Individualität als besondere Prinzipien hinzustellen, und dass sie sich damit ewig herumschlagen müssten. Im Gegenteil, je weniger sie an sich selbst denken, und je mehr sie von allgemein-menschlicher Substanz durchdrungen sind, um so mehr belebt sich die Nationalität des einen und die Individualität des anderen und um so mehr bekommen beide Sinn.“

Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.[49]

[Bearbeiten] Postanarchistische Kritik

Postanarchistische Theoretiker kritisieren Bakunin, weil sein Denken auf essentialistischen Konzepten beruhe. Nach Saul Newman ist Bakunin zwar ein Kritiker der Unterdrückung durch den Staat und das Göttliche, setzt an deren Stelle aber essentialistische Konzepte der Aufklärung und des Humanismus, wie die Menschlichkeit und die Moral. Postanarchistischen Theoretikern zufolge können diese Konzepte dagegen auch unterdrückend wirken, weil sie abstrakte Konzepte sind, die man nicht in der Realität festmachen kann und deshalb einen äußeren Zwang auf den Menschen darstellen.[50]

[Bearbeiten] Werke

Portrait Bakunins von Félix Vallotton
Portrait Bakunins von Félix Vallotton

Obwohl Bakunin viel geschrieben hat, sind zu Lebzeiten nur zwei größere Werke von ihm erschienen (Das Knuto-germanische Kaiserreich und die soziale Revolution. Teil I. und Staatlichkeit und Anarchie). Übrig blieben vor allem Fragmente, die posthum veröffentlicht wurden. Zu Lebzeiten auf seine fragmentarischen Arbeiten angesprochen, pflegte er zu antworten: „Mein Leben ist bloß ein Fragment!“[51] Bakunin wurde oft ein Talent als Redner attestiert und so erinnern seine Schriften stark an Reden.[52] Dass Bakunins Schreibstil die Proportionen zwischen Wichtigem und Nebensächlichem vermissen lasse, wird beispielsweise von Élisée Reclus bemängelt.[53] Dagegen sieht Max Nettlau den Schreibstil Bakunins als „intellektuelle Reise“ oder „Spaziergang mit einem brillanten libertären Gesprächspartner“.[54]

[Bearbeiten] Schriften Bakunins (Auswahl)

[Bearbeiten] Sammelbände

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. zitiert nach Lehning, Arthur: Unterhaltungen mit Bakunin. Nördlingen, 1987, S. 49.
  2. zitiert nach Bakunin, Michail: Beichte aus der Peter-Pauls-Festung an Zar Nikolaus I. Frankfurt a.M., 1973, S. 55.
  3. a b zitiert nach Elysard, Jules (Michail Bakunin): Die Reaction in Deutschland. Ein Fragment von einem Franzosen. In: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst, Nr. 247-251, 1842.
  4. zitiert nach Brupbacher, Fritz: Michael Bakunin: Der Satan der Revolte. Zürich 1929, S. 67.
  5. zitiert nach Herzen, Alexander: Mein Leben, Bd. III, 1852