Compagnie de Saint-Gobain

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Compagnie de Saint-Gobain
Compagnie de Saint-Gobain-Logo
Rechtsform Société anonyme
ISIN FR0000125007
Gründung 1665
Sitz Courbevoie, Frankreich
Leitung Pierre-André de Chalendar (CEO)
Mitarbeiter ca. 180.000 (2014)[1]
Umsatz 41 Mrd. Euro (2014)[1]
Branche Mischkonzern
Website www.saint-gobain.com

Die Compagnie de Saint-Gobain ist ein börsennotierter französischer Industriekonzern. Die unter ihrem Dach vereinten Unternehmen beschäftigten 2014 ca. 180.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von rund 41 Milliarden Euro. Die 1665 gegründete Saint-Gobain zählt zu den ältesten Unternehmen der Welt und ist weltweit in rund 66 Ländern vertreten. Namentlich bei Baustoffen, bei Glas, Industriekeramik, Hochleistungskunststoffen und im Baustoffhandel spielt die Unternehmensgruppe eine führende Rolle; bei etlichen Produkten aus diesen Bereichen sogar als Weltmarktführer oder als europäischer Marktführer. Ihre Aktivitäten sind in drei Hauptsparten unterteilt: Innovative Werkstoffe, Bauprodukte und Baufachhandel.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Muttergesellschaft ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Das Stammkapital besteht aus mehr als 561 Millionen Aktien. Die Investmentgesellschaft Wendel Investissement hält 11,7 % des Kapitals.[1]

Unter dem Dach der Muttergesellschaft werden rund 1200 Einzelgesellschaften konsolidiert. Saint-Gobain ist eine Matrixorganisation. Sie ist unterhalb der Generaldirektion in Generaldelegationen und Hauptsparten unterteilt.

In Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern wird Saint-Gobain vertreten durch die Generaldelegation für Mitteleuropa mit Sitz in Aachen. Sie stellt insoweit eine Besonderheit dar, als es sich um keine eigenständige Gesellschaft, sondern um eine Zweigniederlassung (Betriebsstätte) der französischen Muttergesellschaft handelt.

Management[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pierre-André de Chalendar, CEO (Président-Directeur Général) seit Frühjahr 2007
  • Claude Imauven, Chief Operating Officer

Senior Vice Presidents:

  • Benoît Bazin
  • John Crowe
  • Peter Hindle
  • Claire Pedini
  • Jean-François Phelizon

Corporate Secretary:

  • Antoine Vignial

Generaldelegierter für Mitteleuropa:

  • Benoît d'Iribarne

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehung des Unternehmens im Zeitalter des Merkantilismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss Versailles, Spiegelsaal

Unter König Ludwig XIV. erhält sein Finanzminister Jean-Baptiste Colbert den Auftrag, eine Compagnie des Glaces in Paris zu gründen. Dies ist die Geburtsstunde der Manufacture Royale des glaces de Miroirs (königliche Spiegelglasmanufaktur) im Pariser Stadtteil Faubourg Saint-Antoine. Wie manch andere Betriebe, die in jener Zeit entstehen, ist sie ein Element der zentral gesteuerten Wirtschaftspolitik Frankreichs im 17. Jahrhundert. Der damals vorherrschenden merkantilistischen Produktionslehre folgend, werden die Güter in solchen Betrieben in genau festgelegter Art und Qualität und in arbeitsteilig durchorganisierter Produktion hergestellt, im Gegensatz zur zuvor vorherrschenden kunsthandwerklichen Produktionsweise. Obwohl Markt und Produktion staatlich reguliert sind, liegt das Unternehmertum in privater Hand. Der erste Großauftrag des jungen Unternehmens ist die Glasproduktion für den Spiegelsaal des königlichen Schlosses in Versailles.

Nach mehreren Umgründungen und Umbenennungen firmiert die Gesellschaft unter dem Namen Compagnie des Grandes Glaces. Sie erhält 1688 von Staats wegen das Monopol auf die Herstellung von Flachglas aller Abmessungen ab 60 Zoll × 40 Zoll (1,56 m × 1,04 m) aufwärts. 1692 wird die Produktion in das Dorf Saint-Gobain in der Picardie in Nordfrankreich verlegt. In den folgenden Jahren kommen weitere Produktionsstätten hinzu. Die neuen Standorte dienen schließlich als Namensgeber für die neue Firma: Manufactures des Glaces et des Produits Chimiques de St. Gobain, Chauny et Cirey à Paris.

Herstellung von Glas im Tischwalzverfahren

Nach dem Tod von Colbert werden Konkurrenzunternehmen zugelassen. Das Unternehmen gerät nach dem Verlust des Monopols zunächst in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es kann jedoch aus eigener Kraft erneut eine Vormachtstellung erringen: Louis Lucas de Nehou, Hüttendirektor bei Saint-Gobain, entwickelt ab 1688 ein neues Verfahren für die Herstellung von Flachglas, mit dem sich dieses in besserer Qualität, in größeren Mengen und in größeren Abmessungen herstellen lässt. Bei diesem so genannten Tischwalzverfahren wird die Glasschmelze auf ebenen Gießtischen ausgegossen, sodann mit schweren Walzen glatt gewalzt und schließlich mit Sand geschliffen. Zuvor wurde Flachglas zumeist durch Erhitzen, Aufschneiden und Flachwalzen von zylindrischem Glas gewonnen. Etwa ab 1691 gelangt das neue Gießverfahren zur Marktreife. Saint-Gobain verdrängt damit nach und nach die zuvor vorherrschende venezianische Glasproduktion vom europäischen Markt. Nehous Methode wird im Laufe der Zeit ständig verbessert, bleibt jedoch im Prinzip bis ins 19. Jahrhundert das Standardverfahren für die Herstellung von Flachglas.

Im 18. Jahrhundert profitiert Saint-Gobain noch von staatlichen Privilegien. Die französische Revolution bedeutet den endgültigen Abschied von dieser Wirtschaftsweise: Am 4. August 1789 beschließt die Nationalversammlung die Abschaffung des für die bourbonische Monarchie charakteristischen Privilegiensystems. Mit dem code de commerce von 1807 setzt die napoleonische Regierung ein neues Gesellschaftsrecht ein, auf der Grundlage von Gewerbefreiheit und Konkurrenz.

Wachstum zu einem europäischen Großunternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Saint-Gobain im 18. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekommt Saint-Gobain starke Konkurrenz durch die Aktiengesellschaft Manufacture royale des cristaux et de verres en table, die in ihrer Hütte St. Quirin Tafelglas herstellte. Um 1840 teilen sich beide Unternehmen jeweils rund zur Hälfte den europäischen Markt für Flachglas. Bei der Expansion nach Deutschland hat Saint-Quirin sogar einen Vorsprung. Andererseits beginnen die beiden Unternehmen seit 1830 bezüglich Verkauf und Lagerhaltung zu kooperieren und in den folgenden Jahren wiederholt Fusionsgespräche miteinander zu führen. Etwa ab 1850 wird die europäische Konkurrenz, vor allem in Großbritannien und Belgien, immer stärker. Unter diesem äußeren Druck wird die Fusion in den 1850er Jahren vorangetrieben und kommt 1858 schließlich zustande. Saint-Gobain wird damit zum dominierenden Flachglasproduzenten in Europa.

Mit der Fusion wird der Firmenname bestimmt: Société Anonyme des Manufactures des Glaces et Produits Chimiques de Saint-Gobain, Chauny & Cirey (Aktiengesellschaft der Spiegelmanufakturen und chemischen Fabriken von Saint-Gobain, Chauny & Cirey).

Spiegelglashütte in Stolberg, Gebäude von 1863

Um die gleiche Zeit wird die Expansion nach Deutschland vorangetrieben. 1853 wird, noch von Saint-Quirin, die erste Niederlassung in Deutschland gegründet, im badischen Waldhof, das heute ein Stadtteil von Mannheim ist. 1857 wird, diesmal direkt seitens Saint-Gobain, die seit 1837 bestehende Spiegelglashütte in Stolberg-Münsterbusch mit Unternehmenshauptsitz in Aachen übernommen.

Diese Aktivitäten sind der Beginn einer für mehr als hundert Jahre durchgehaltenen, klar umrissenen Expansions- und Arrondierungsstrategie. Im Kern bestand sie darin, sich auf den Sektor Glas und eng angrenzende Produktionsbereiche zu beschränken, aber auf diesem Sektor die Marktführerschaft durch geografische Expansion und fortwährende Modernisierung der Produktion zu behaupten. Die geografische Expansion wird meist durch Aufkauf und Ausbau bestehender Betriebe bewerkstelligt.

Es folgen Gründungen von Fabriken im italienischen Pisa (1888), im böhmischen Bilin (1897), an den belgischen Produktionsstandorten Franière (1898) und Sas van Gent (1904) und im spanischen Arija. Auf dem amerikanischen Markt ist Saint-Gobain seit 1831 präsent, zunächst durch eine Verkaufsniederlassung in New York. Später, um 1920, wird der Kauf von Unternehmensanteilen verschiedener Glas produzierender Unternehmen in den USA folgen.

Im deutsch-französischen Spannungsfeld zwischen 1866 und 1919[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lokomotive Deutz 46385/1947 der VEGLA Stolberg

Trotz dieser internationalen Expansion spielt die Produktion in Deutschland eine herausragende Rolle: Um 1872 macht die Produktion der Fabriken in Waldhof und Stolberg rund 40 % an der gesamten Produktion von Saint-Gobain aus.

Bei einer solch engen Verflechtung blieb es nicht aus, dass die bis 1945 oft von Feindschaft und Krieg gekennzeichneten französisch-deutschen Beziehungen und die sprunghafte und oft gegenläufige Entwicklung der beiden wirtschaftlichen und politischen Systeme ihre Spuren in der Unternehmensgeschichte hinterließen. Bereits vor dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 waren im Konzern Verwicklungen und Einbußen befürchtet worden. Dennoch war 1866, auf Grund der hohen Nachfrage in den USA und in Großbritannien, ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr.

Hingegen brachte der Deutsch-Französische Krieg von 1870/1871 Produktion und Verkauf fast völlig zum Erliegen. Über den Hafen von Antwerpen konnte der Export nach England, Amerika und Skandinavien aufrechterhalten werden. Dadurch konnten die nicht zum Kriegsdienst eingezogenen Unternehmensangehörigen weiter beschäftigt und der komplette Zusammenbruch des Betriebes verhindert werden.

1863 kaufte Saint-Gobain die Glashütte in Stolberg und begann mit dem Bau eines neuen Werkes am heutigen Standort im Schnorrenfeld an der Einmündung des Vichtbachs in die Inde. Hier entstand 1866 die erste Gussglashalle Deutschlands.

Am 11. Dezember 1867 eröffnete die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft nur für Güterverkehr die Bahnstrecke Stolberg–Stolberg-Spiegelmanufaktur mit 1,4 km Länge.

Im Ersten Weltkrieg wurde das Vermögen der Saint-Gobain-Gruppe als Feindvermögen der Zwangsverwaltung durch deutsche Direktoren unterworfen. Die Produktionsstätten in Waldhof und im schlesischen Altwasser wurden von den Zwangsverwaltern an deutsche Unternehmer versteigert. Die Saint-Gobain-Beteiligungen an den Hütten Herzogenrath und Sindorf wurden veräußert. Das Werk Stolberg wurde vom dortigen Zwangsverwalter weitergeführt. Jedoch brach auch dort, wie in der gesamten deutschen Glasindustrie, wegen des Mangels an Kohle und an Arbeitskräften die Produktion bis 1918 auf rund ein Fünftel des Vorkriegsniveaus ein.

In den Jahren 1919 bis 1921 bekam Saint-Gobain aufgrund des Versailler Vertrages die im Krieg verkauften Betriebe wieder zurück. Die zwischenzeitlichen Eigentümer erhielten eine Entschädigung. In der Tradition der Vorkriegszeit nahm Saint-Gobain die Geschäftstätigkeit in der Weimarer Republik wieder auf.

Saint-Gobain in der Weimarer Republik und im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glastänzer (Vorbereitung des Poliervorgangs), um 1920

1919–1920 eröffnete Saint-Gobain ein Zentralbüro für Deutschland. Es hatte seinen Sitz zunächst in Stolberg, jedoch wurde dieser 1924 nach Aachen verlegt, wo er sich bis in die Gegenwart in der Viktoriaallee befindet. Das Zentralbüro hat die Aufgaben, die Interessen und Finanzen des Konzerns in Deutschland zu vertreten und die Finanzen für Deutschland zu verwalten. Zuvor waren die deutschen Betriebe lediglich Niederlassungen mit geringem Handlungsspielraum. Alle finanziellen Transaktionen, einschließlich der Löhne und Gehälter, wurden von Paris aus abgewickelt. Insbesondere in der Nachkriegszeit mit ihrer strikten Devisenbewirtschaftung, bei der alle Auslandsüberweisungen sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite von Amts wegen genehmigt werden mussten, war dies hinderlich.

Es dauerte rund zehn Jahre bis die Glasproduktion in Deutschland wieder den Vorkriegsstand von 1913 erreichte. Allgemeine wirtschaftliche Schwierigkeiten im Deutschland der Zwischenkriegszeit, besonders die Inflation von 1923, führten dazu, dass die Erholung nur langsam und krisenhaft verlief.

In dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit führte das Unternehmen über die gesetzlich festgelegte soziale Sicherung hinaus zusätzliche Maßnahmen ein, indem es zum Beispiel 1923 Inflationsgeld für die Mitarbeiter drucken ließ oder 1926 die Pensionskassen-Aktien-Gesellschaft der Deutschen Saint-Gobain-Gruppe gründete.

Notgeld von Saint-Gobain 1924
Glasarchitektur bei der Weltausstellung 1937

Die Liquiditätsprobleme in der Nachkriegswirtschaft setzten der Glasindustrie, mit ihrem ständigen hohen Innovations- und Kapitalbedarf, zu. Hinzu kamen starker Druck durch amerikanische Konkurrenz. Das Aufblühen der Automobilindustrie und die Wolkenkratzerarchitektur mit ihren großen Glasfassaden schufen in den Vereinigten Staaten eine enorme Nachfrage nach Flachglas, die der dortigen Glasindustrie zugute kam. Obwohl insgesamt ein Wachstum zu verzeichnen war und das Konzernvermögen durch weitere Zukäufe von Betrieben und Innovation gemehrt werden konnte, kam es mehrfach zu unternehmerischen Krisen. So wurde die Spiegelglasproduktion im Traditionswerk Waldhof 1930 eingestellt. Drei Viertel der rund 400 Stellen in jenem Werk gingen verloren. Unter diesem wirtschaftlichen Druck errichtete der Verein deutscher Spiegelglasfabrikenmit Beteiligung von Saint-Gobain 1931 ein Produktionskartell. Saint-Gobains Anteil an diesem Kartell betrug 46 Prozent. 1936 entstand aus dem Zusammenschluss von vier Glashütten die Vereinigte Glaswerke Aachen. Zweigniederlassung der Aktiengesellschaft der Spiegelmanufakturen und chemischen Fabriken von Saint-Gobain, Chauny & Cirey mit Sitz in Stolberg.

In den ersten Jahren der NS-Diktatur, von 1933 bis 1938, wurde die Autonomie des Unternehmens nicht angetastet. Saint-Gobain konnte sich vergrößern, Beteiligungen erwerben und wichtige Innovationen vorantreiben. Erst nach der militärischen Niederlage Frankreichs im Juni 1940 wurde die deutsche Saint-Gobain-Beteiligung unter Zwangsverwaltung gestellt. Zu einer Zerschlagung des Konzerns, einer Herauslösung der deutschen Beteiligung, kam es jedoch nicht, obwohl das Reichsministerium für Wirtschaft dies anstrebte. Am 29. Juli 1942 quartierte die Stolberger VEGLA in einem Lager auf ihrem Betriebsgelände 68 männliche Zwangsarbeiter ein. Bis 1943 blieb der Geschäftsgang stabil, mit einer Umsatzentwicklung wie in Friedenszeiten. Jedoch in den Jahren 1944 und 1945 kam es zum Zusammenbruch.

Innovation im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bicheroux-Verfahren

Ab 1910 setzte sich eine neue Methode der Glasherstellung durch: Beim Bicheroux-Verfahren, benannt nach Max Bicheroux, wird das geschmolzene Glas nicht zu einem Gießtisch transportiert und dort ausgegossen, sondern direkt aus dem Schmelzofen auf eine schiefe Ebene. Dort wird es zwischen zwei Walzen im Endlosverfahren glatt gewalzt. Diese Methode wurde zunächst in französischen Saint-Gobain-Fabriken eingeführt und zwischen 1910 und 1914 im Werk Herzogenrath perfektioniert. Im Stolberger Werk wurde sie dann während des Ersten Weltkrieges eingeführt. Sie trug dazu bei, dass nach dem Ersten Weltkrieg die Produktion der deutschen Glasindustrie binnen weniger Jahre wieder das Vorkriegsniveau erreichte.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach herrschte Steinkohlemangel, bedingt durch den Mangel an Transportkapazität, Zwangslieferungen von Steinkohle an Frankreich und die Ausfälle während der Ruhrbesetzung. Die rheinische Glasindustrie überbrückte diesen Mangel durch Umstellung der Produktion auf die vor Ort vorhandene Braunkohle. Damit trug sie zur Entstehung des linksrheinischen Braunkohle-Tagebaus bei.

Eine weitere Produktivitätssteigerung ergab sich durch Ziehglas-Verfahren, namentlich das Fourcault-Verfahren und das amerikanische Libby-Owens-Verfahren in den 1920er und das Pittsburgh-Verfahren in den 1930er Jahren. Dabei wurde das flüssige Glas mittels eines Rahmens aus der Schmelze gezogen. Es ergab sich ein dramatischer Umbruch in der Glasindustrie: Nur Unternehmen, die an diesen neuen Verfahren partizipierten und sie mit vorantrieben, konnten bei den Produktionskosten mithalten. Traditionell arbeitende Betriebe mussten schließen.

Produktion von Glaswolle
VEGLA-Haus (Verwaltungsgebäude in Aachen)
Gemengeaufgabe der Schmelzwanne einer Floatglas-Anlage

Saint-Gobain modernisierte die Produktion, beteiligte sich an Betrieben in Deutschland und den USA, die mit den neuen Verfahren arbeiteten, und konnte seine Konkurrenzfähigkeit wahren. Allerdings führten die neuen Verfahren Ende der 1920er Jahre zu hohen Überkapazitäten und zwischen 1925 und 1936 zum Verlust von mehr als der Hälfte der ursprünglich rund 16.000 Arbeitsplätze in der deutschen Tafelglasindustrie.

1927 präsentierte Saint-Gobain das Sicherheitsglas Securit. 1929–1930 wurde das Einscheiben-Sicherheitsglas, das bis in die heutige Zeit als Standard-Sicherheitsglas im Automobilbau verwendet wird, von Saint-Gobain auf den Markt gebracht.

1931 bis 1935 erwarb Saint-Gobain Rechte und Unternehmensbeteiligungen zur Herstellung von Glaswolle. Das Verfahren war ursprünglich von Friedrich Rosengarth beim Unternehmen Hager in Bergisch Gladbach entwickelt und von diesem patentiert worden. Rosengarth hatte bei einem Kirmesbesuch bei der Herstellung von Zuckerwatte zugesehen und sich dadurch inspirieren lassen, ein ähnliches Schleuderverfahren für Glas zu erproben. Ab Mitte der 1930er Jahre eroberte das neue Produkt rasch seinen Markt und wurde zu einer gängigen Alternative der bis dahin gebräuchlichen Dämmstoffe.

In ähnlicher Weise engagierte sich der Konzern bei dem neuen Produkt Glasfaser. 1936 wurden die notwendigen Rechte erworben, 1938 begann die Produktion im Herzogenrather Werk von Saint-Gobain. In den Zwischenkriegs- und Kriegsjahren war Glasfaser zunächst ein wichtiges Isoliermaterial im U-Boot-Bau. Die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten setzten sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nach und nach durch. Im Jahre 1952 übernahm Saint-Gobain in Aachen die von Ferdinand Kinon aufgebaute und von seinem Vater 1871 gegründete Spezialglasfabrik. Diese firmiert nun unter Vetrotech Saint-Gobain Kinon GmbH. Mit der Übernahme erhielt Saint-Gobain deren gesamten Bestand an Patent- und Schutzrechten. Kinon war führend auf dem Sektor für schussfestes Glas für militärische und zivile Anwendungen, gefärbte Verbundgläser für Fliegerbrillen und Verbund-Sicherheitsglas.

1966 nahm im Köln-Porzer Saint-Gobain-Werk die erste deutsche Floatglas-Anlage ihren Betrieb auf und begründete damit in Deutschland das noch übliche Verfahren, nach dem inzwischen rund 95 Prozent des gesamten Flachglases hergestellt werden.

Entwicklung von 1970 bis 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren seit 1970 vollzog Saint-Gobain eine Abkehr von der zuvor seit Generationen durchgehaltenen Geschäftsstrategie: Das Unternehmen entwickelte sich zu einem internationalen Mischkonzern.

Der Anfang dieser Entwicklung war die Fusion mit Pont-à-Mousson 1970. Pont-à-Mousson war seinerseits ein traditionsreiches, seit 1856 bestehendes Unternehmen, aber aus einer anderen Branche, der Eisenindustrie. Der Firmenname geht zurück auf den Gründungsort des Unternehmens, die lothringische Stadt Pont-à-Mousson. Neben weiteren Werken am Stammsitz und an anderen Orten in Frankreich bringt Pont-à-Mousson auch die seit 1756 bestehende Halbergerhütte in Saarbrücken in die Konzernfusion ein.

Pont-à-Mousson mit Moselbrücke
Hitzebeständige Industriekeramik

Das heutige Unternehmenslogo von Saint-Gobain erinnert an diese Fusion: Es zeigt in stilisierter Form die Moselbrücke in Pont-à-Mousson.

1971–1972 erwarb Saint-Gobain eine Mehrheitsbeteiligung von 89 Prozent an der Grünzweig+Hartmann AG, einem ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert bestehenden Unternehmen. Grünzweig+Hartmann hält mit einer Reihe von Patenten eine starke Stellung auf dem Markt für Dämmstoffe aller Art, unter anderem mit der bekannten Marke ISOVER.

Einen Umbruch ganz anderer Art brachte das Jahr 1981 mit sich. Die neu gewählte französische Regierung unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand ordnete die Verstaatlichung des Konzerns an. Nach dem Wahlsieg der Gaullisten 1986 wurde diese Maßnahme jedoch widerrufen und der Konzern reprivatisiert. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs engagierte sich die Unternehmensgruppe in zunehmendem Maße in Osteuropa. Eine erste Niederlassung in Ungarn wurde 1991 gegründet. Eine Niederlassung in der tschechischen Republik folgte 1993.

Die Erweiterungsstrategie des Konzerns in der jüngsten Vergangenheit kennzeichnen weitere Zukäufe.

  • 1990 der Erwerb des auf dem Sektor Industriekeramik und Schleifmittel weltweit vertretenen amerikanischen Norton-Konzerns.
  • 1991 eine weitere Expansion in die Hohlglasindustrie durch den Kauf der Mehrheit der Anteile an der weltweit vertretenen Oberland Glas AG. 1994 wird dieser Anteil durch ein weiteres Übernahmeangebot an die anderen Aktionäre von 60 auf 88 Prozent ausgebaut.
  • 1996 der Einstieg in die Baustoff-Branche und in den Baufachhandel, verbunden mit dem Kauf der Poliet-Gruppe in Frankreich.
  • 1999 eine Erweiterung der Aktivitäten im Rohrleitungsguss, verbunden mit dem Erwerb des Schalker Vereins von der Thyssen-Gruppe. Weitere Zukäufe in Großbritannien und Frankreich, auch verbunden mit dem Kauf von Handelsgesellschaften wie Reisser D+K, arrondieren diesen Bereich.
  • 2000 schließlich die bis dahin größte Akquisition in der Unternehmensgeschichte: der Kauf des Handelskonzerns Raab Karcher von der Stinnes-Logistik-Gruppe. Das Stammunternehmen von Raab-Karcher, 1848 gegründet, war ursprünglich eine Kohleneinkaufgesellschaft. Bis 1998 hatte sich das Unternehmen zu einem Handelshaus mit mehr als 300 Niederlassungen und einem Jahresumsatz von 12,5 Milliarden DM entwickelt.
Glasbehälterproduktion, Saint-Gobain Oberland AG

Eine solche Erweiterungsstrategie bringt nicht immer und in allen Teilbereichen stetiges Wachstum. In manchen Fällen wurde Teile der zuvor erworbenen Beteiligungen wieder verkauft. Beispielsweise wurde ein Teil der Beteiligungen, die Pont-à-Mousson in die Fusion der beiden Konzerne einbrachte, bis 1975 verkauft. Es handelte sich dabei um Beteiligungen in der Eisen- und in der chemischen Industrie. Die 1997 erworbene Beteiligung an Essilor, einem der weltweit tonangebenden Hersteller von Brillengläsern, wurde bereits 2000 wieder abgestoßen. Weiterhin wurden Schrumpfungsmaßnahmen durchgesetzt, beispielsweise Anfang der 1990er Jahre bei den von Grünzweig+Hartmann erworbenen Unternehmen im Dämmstoffbereich oder bei von Pont-à-Mousson eingebrachten Werken.

Die jüngste Vergangenheit seit 1990 brachte die größte Dynamik und die größten Umschichtungen in der langen Unternehmensgeschichte mit sich. 50 Prozent der Tätigkeiten, die zehn Jahre zuvor noch ausgeübt worden waren, sind veräußert worden. 60 Prozent der Umsatzerlöse bis 1998 stammten aus Neuerwerbungen der zehn Jahre davor.[2]

Jüngste Unternehmensentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Saint-Gobain in Stolberg 2006
Kamin Eschweiler Straße 2006

Im August 2005 legt Saint-Gobain den Aktionären seines Zulieferers BPB plc ein Übernahmeangebot in Höhe von 7,20 Pfund (rund 10,50 Euro, Wechselkurs Stand Oktober 2005) pro Aktie vor. Der Gesamtwert des Angebots beläuft sich auf rund 5,25 Milliarden Euro. BPB ist Weltmarktführer bei Gipskartonplatten und unter anderem Muttergesellschaft des deutschen Unternehmens Rigips. Die Akquisition war die größte in der Geschichte von Saint-Gobain und würde, so hoffte das Unternehmens, die Marktstellung auf dem Gebiet der Bau-Dämmstoffe entscheidend verstärken.

Das BPB-Management empfiehlt seinen Aktionären das Angebot abzulehnen und versucht, die feindliche Übernahme mit dem Kauf eigener Aktien abzuwehren. Im November 2005 erhöht Saint-Gobain sein Angebot auf 7,75 Pfund pro Aktie, entsprechend einem Gesamtwert von 5,7 Milliarden Euro. Es kommt zu weiteren Verhandlungen zwischen den beiden Unternehmensleitungen, die schließlich zu einer Übereinkunft führen. Das BPB-Management empfiehlt seinen Aktionären eine Annahme des Angebots. Ende 2005 kommt die Übernahme schließlich zustande.

2007 übernahm der Konzern die Baustoff-Tochter Maxit vom deutschen Unternehmen Heidelberg Cement. Saint-Gobain bezahlte dafür 2,13 Milliarden Euro.

Im November 2007 wurde durch EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes gegen das Unternehmen eine Geldstrafe von 134 Millionen Euro verhängt. Saint-Gobain war an einem internationalen Kartell mit den Unternehmen Guardian aus den Vereinigten Staaten, Pilkington aus Großbritannien und Asahi aus Japan beteiligt, die illegale Preisabsprachen getroffen hatten.[3] Im November 2008 verhängte die Europäische Union ein weiteres Bußgeld in Höhe von 900 Millionen Euro.[4]

Im Dezember 2014 kündigte Saint-Gobain an, für rund 2,5 Milliarden Euro die Stimmenmehrheit an der Schweizer Sika AG erwerben zu wollen. Aufgrund des Widerstands des Managements und eines Teils der Aktionäre blieb dieser Versuch bis Ende 2016 vorläufig erfolglos.[5]

Im Oktober 2015 veräußert Saint-Gobain seine Verpackungssparte Verallia an den Finanzinvestor Apollo Global Management LLC und Bpifrance.

Forschung und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Eröffnung eines neuen Forschungszentrums in Chennai, Indien, ist Saint-Gobain jetzt mit sieben interdisziplinären F&E-Zentren weltweit vertreten (Aubervilliers, Cavaillon und Chantereine in Frankreich, Herzogenrath in Deutschland, Northboro in den Vereinigten Staaten, Shanghai in China und Chennai in Indien). Darüber hinaus betreibt Saint-Gobain 12 Fachforschungszentren und rund 100 Entwicklungsabteilungen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Möller: Saint-Gobain in Deutschland. Von 1853 bis zur Gegenwart. Beck, München 2001, ISBN 3-406-46772-5.
  • Hamon, Maurice: Du soleil à la terre – Une histoire de Saint-Gobain. ISBN 2-7096-1933-4.
  • de Laubier, Marie: Die Vergangenheit der Zukunft. Übersetzt von Andrea Libiszewski. Albin Michel, Paris 2015. ISBN 978-2-226-34407-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Compagnie de Saint-Gobain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Geschäftsbericht Geschäftsjahr 2014 der Compagnie de Saint-Gobain.
  2. aus dem Geschäftsbericht für 1998
  3. Tagesschau: Halbe Milliarde Euro Strafe für Glashersteller
  4. Tagesschau: Rekord-Bußgeld gegen Autoglas-Kartell
  5. Denis Cosnard: Saint-Gobain englué dans le bourbier suisse. In: Le Monde. Spezialteil Éco & Entreprise. 6. Dezember 2015, S. 1 & 4.