Disco (Musik)

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Beispiel von Kevin MacLeod
„Disco-Queen“ Donna Summer in einem Aufnahmestudio im Jahre 1977

Disco ist eine eng mit der Funkmusik verwandte Stilrichtung der Popmusik, die um 1975 zu einem eigenständigen Musikgenre wurde. Texte, Melodie und oft auch der Gesang treten bei Disco-Musik in den Hintergrund; Tanzbarkeit, Groove, ein Beat von etwa 100 bis 120 Schlägen pro Minute (bpm) und der Mix stehen im Vordergrund. Die Blütezeit der Disco-Musik war zwischen 1976 und 1979, sie war prägend für die Mode, den Zeitgeist und das Lebensgefühl dieser Jahre. Die etwa seit 1980 entstandenen Disco-Stile können zur Elektronischen Tanzmusik gezählt werden.

Disco und Discothèque[Bearbeiten]

Das Wort Disco ist das Kurzwort für Discothèque, das im Französischen um 1941 erstmals in der Umgangssprache auftauchte. Sprach man von einer Discothèque, so meinte man einen Nachtclub, in dem die Musik von Schallplatten anstatt von einer Band auf der Bühne kam. Bei dem Wort handelt es sich um ein Determinativkompositum aus dem griech. discos („Scheibe“) und thέkέ („Behältnis“) und bezeichnete ursprünglich ein Behältnis, in dem Platten aufbewahrt werden. (siehe auch Bezeichnung „Diskothek“)

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Vom Soul zum Underground-Disco[Bearbeiten]

Mitte der 1960er Jahre wurden in den USA und Westeuropa ("Swinging London") Diskotheken populär. Hier hörten junge Leute aktuelle tanzbare und eingängige Musik. Besonders populär war zunächst der Twist, zu dem ein eigener Tanzstil entwickelt wurde, später häufig Soul- und Funk-Musik.

Als 1969 nach den Stonewall-Riots der Schwulen und Lesben in New York das Tanzverbot für gleichgeschlechtliche Paare aufgehoben wurde und sich auch in der schwul-lesbischen Szene ein neues Selbstbewusstsein entwickelte, schossen in der Stadt schwule Clubs und Bars aus dem Boden, in denen die Anfänge der Discokultur der 70er Jahre lagen. Hier wurden ausgiebige Partys mit viel, mehr oder weniger öffentlichem, Sex gefeiert. Als Musik kristallisierte sich eine Mischung aus tanzbarem aktuellem Hardrock, Funk im Stil von James Brown, dem weicher, opulent arrangierten Soul-Unterstil namens Phillysound und lateinamerikanischer Musik heraus. Aus diesen Anfängen wurde um 1974 ein eigener Musikstil, der als "Disco" bezeichnet wurde.

Stilbildend dabei war DJ und Veranstalter David Mancuso, der in seiner Privatwohnung die legendären Loft-Partys veranstaltete. Hier wurden nicht nur zum ersten Mal nonstop Platten hintereinander gespielt, sondern Mancuso gestaltete den Raum mit Ballons und anderen Elementen und achtete auf die Qualität des Sounds und die Besonderheit der Atmosphäre. Das Publikum des Lofts war nicht nur vorrangig homosexuell, sondern auch eine Mischung aus Weißen und allen ethnischen Minderheiten der Stadt. Diese Eckpunkte wurden im weiteren Verlauf der Entwicklung der Disco-Kultur zunächst nur im New Yorker Untergrund ausgebaut. Um 1974/75 wurde Disco auch außerhalb des subkulturellen Untergrunds und New Yorks (oder speziell Manhattans) populär.

In den Mainstream[Bearbeiten]

Disco-Pionier Giorgio Moroder

Die Verknüpfung mit massentauglichen Refrains machte den Disco-Sound allmählich auch für das Mainstream-Radio interessant, und er verlor seinen subkulturellen Charakter. So schafften zwischen 1974 und 1975 die ersten Disco-Hits den Sprung in die Charts: Rock the Boat von Hues Corporation (1974), Rock Your Baby von George McCrae (1974 die meistverkaufte Single in Deutschland), Kung Fu Fighting von Carl Douglas (1974) oder Shame, Shame, Shame von Shirley & Company (1975).

Als die Plattenfirmen das kommerzielle Potenzial erkannten, begann man, Platten speziell für Discotheken zu produzieren. Um die Tänzer länger zu unterhalten, wurden Maxi-Singles (12") und spezielle Remixe von DJs entwickelt. Überhaupt spielte der DJ bei der Entwicklung der Disco-Musik zum ersten Mal in der Geschichte der Pop-Musik eine prominente Rolle. Seine Mixe und die Auswahl der Reihenfolge, in der er die Platten auflegte, entschieden darüber, ob die Tänzer Spaß hatten und auf der Tanzfläche blieben. Als Teil der Show forderte er oft zu kollektiven Begeisterungsgesten wie Schreie oder Hände-Hochheben etc. auf.

Auch in Europa knüpfte man bald an den kommerziell erfolgreichen US-amerikanischen Trend an, die sogenannte Eurodisco. In Deutschland begann 1976 u. a. der Erfolgsweg von Boney M. mit Daddy Cool. Der Munich-Sound von Giorgio Moroder - geprägt durch die Dominanz von Violinklängen zu sich ständig wiederholenden Refrains - brachte Welthits wie Love To Love You Baby von Donna Summer, Fly, Robin, Fly und Get Up And Boogie des Mädchentrios Silver Convention hervor.

Das deutsche Logo zum Kino-Hit Saturday Night Fever

Die Beliebtheit von Disco bei der Masse in Nordamerika und Westeuropa gipfelte in dem Film Saturday Night Fever (1977). Die Handlung des Films entsprach in etwa dem Lebensgefühl der Disco-Generation: Aus dem tristen Alltagsleben auszubrechen und für eine Nacht ein Star zu sein. Während nun für ein, zwei Jahre Disco die Popmusikszene regierte, gab es auch bald Unmutsbekundungen wie „Disco sucks“ („Disco ist scheiße“), und Disco wurde von einigen auch für tot erklärt.

Nur wenigen Künstlern gelang es, als Star der Disco-Welle über das Genre hinaus eine lang anhaltende Karriere aufzubauen: Donna Summer wurde ebenso wie Barry White ein Weltstar. Die Bee Gees schafften mit dem Disco-Sound ein sehr erfolgreiches Comeback und waren auch maßgeblich am Erfolg des Saturday Night Fever-Albums beteiligt. Jedoch konnten die Bee Gees sich selbst produzieren, eine Tatsache, die besonders in der Disco-Ära wichtig war. Selten zuvor hatten Produzenten bessere Chancen, selbst zu Stars zu werden: Giorgio Moroder, der Stars wie Donna Summer, The Three Degrees und Blondie produzierte und Frank Farian, der beispielsweise für Boney M. verantwortlich zeichnete, zählten zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Disco-Ära in den 70ern.

Einflüsse auf Pop- und Rockmusiker der 1970er Jahre[Bearbeiten]

Auch unzählige Pop- und Rockstars wie The Rolling Stones, Rod Stewart, Queen, Electric Light Orchestra und Cher gaben ihren Songs eine discoartige Note. Inflationär weitete sich der Disco-Beat in fast alle Genres aus, selbst Country-Künstler wie Dolly Parton oder Hard-Rock-Gruppen wie Kiss übernahmen ihn und konnten damit mehr oder weniger große Erfolge feiern. Auch ABBA ließen speziell in ihrem 1979 erschienenen Album Voulez-Vous mit unüberhörbaren Disco-Anklängen aufhorchen.

Hingegen völlig unbeachtet blieb beispielsweise Liza Minnellis Disco-Album Tropical Nights.

Umgekehrt coverten zahlreiche Discoformationen Rock- und Popklassiker, etwa Neil Youngs Heart of Gold (Boney M.), oder sogar Beethovens 5te (A Fifth of Beethoven von Walter Murphy).

Einfluss auf neue Stilrichtungen seit den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Die Disco-Welle beeinflusste auch in den 1980er Jahren weiter die Musik, unter anderem im House und Hi-NRG mit verstärkt elektronischer Instrumentalisierung und Verwendung von Samples. Während sich in Europa in den 80er Jahren Euro Disco und Italo Disco entwickelte, die mehr dem Synthie Pop als dem Soul und Funk der 70er Jahre entstammen, wurde vor allem in den USA R&B wieder populär. Aus diesen Stilen hat sich dann auch ein Teil der Dance-Musik entwickelt. Mit der eigentlichen Discomusik aus den 70er Jahren hat vor allem House eine engere musikalische Verwandtschaft. Heute wird Discomusik meist umgangssprachlich generell für tanzbare Musikstile elektronischen Ursprungs, die in Discotheken gespielt werden verwendet.

Stil und Instrumentation[Bearbeiten]

Der Produzent und Chic-Gründer Nile Rodgers in seinen Le Crib Studios, 1999

Typische Instrumente der Discomusik sind die rhythmische Gitarre, die Bassgitarre, das Klavier und Keyboards. Zum unverwechselbaren Discosound gehören auch Streicher wie Violine, Cello oder Harfe, Blasinstrumente wie Trompete, Saxophon, Klarinette oder Flöte und das Schlagzeug. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die damals aufkommenden elektronischen Modelle, die sogenannten E-Drums. Typisch für viele Disco-Nummern ist der 4/4-Takt, 1/16-Schläge auf der Hi-Hat, die durchlaufende Bassdrum (Four-on-the-floor) und die oftmals rhythmisch komplexen, häufig synkopierten, also gegen das Metrum laufenden, Basslinien.

Das 1/16-Feel wird oft von anderen Instrumenten wie der rhythmischen Gitarre unterstützt, wobei Lead-Gitarren selten sind. Keyboards und andere Instrumente übernehmen hauptsächlich harmonische Funktionen und treten im Mix eher in den Hintergrund. In der Spätphase der Disco-Musik wurde die Gitarre durch teilweise durch Synthesizer ersetzt.

Des Weiteren fällt der Perkussion eine wichtige Rolle zu. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Handtrommeln (Congas), die meist während des ganzen Stücks im Hintergrund zu hören sind. Charakteristisch für einige Disco-Stücke ist das Zusammenspiel des durchgängigen Beats des Schlagzeugs mit den Perkussionsinstrumenten in Zwischenteilen, den sogenannten "Breaks", die oftmals einen großen Teil eines Stücks ausmachen. In diesen "Breaks" setzt ein Großteil der Instrumente aus und nur noch Schlagzeug und Perkussion sind zu hören. Nach und nach oder auf einen Schlag beginnen wieder alle Instrumente zu spielen.

Der stilistische orchestrale Stil der Disco-Musik entsteht vor allem durch die häufige Verwendung von unisono gespielten Streicher- und Bläserlinien in Verbindung mit ansteigenden und nachhallenden Gesängen oder durch lange instrumentale Zwischenstücke, die eine "Wall of Sound" entstehen lassen. In den späten 1970er Jahren, als der Discosound sich verselbständigte und zahlreiche One Hit Wonder hervorbrachte, entstand ein minimalistischerer Discosound mit transparenterer und verringerter Instrumentation. Als Wegbereiter dafür ist unter anderem die Gruppe Chic zu nennen.

Vertreter der klassischen Disco-Musik (1970er Jahre bis Anfang der 1980er Jahre)[Bearbeiten]

Interpreten, Gruppen und Projekte[Bearbeiten]

aus dem (Philly-)Soul und Funk kommend[Bearbeiten]

aus dem Jazz kommend[Bearbeiten]

aus der Pop- oder Rock-Musik weiterentwickelt[Bearbeiten]

Künstler[1] Songs Alben
ABBA Dancing Queen (1976), Voulez-vous (1979), Lay All Your Love on Me (1980)
Andy Gibb Shadow Dancing (1977)
Barry Manilow Copacabana (at the Copa) (1978)
Bee Gees Stayin’ Alive, Night Fever (1978), Tragedy (1979) Studio-Alben zwischen 1975-1979 sowie der Soundtrack zu Nur Samstag Nacht (1977)
Bette Midler Married Men (1979) Thighs And Whispers (1979)
Blondie Heart of Glass (1979), Call Me (1980), Rapture (1981)
Cher Take Me Home (1979) Take Me Home, Prisoner (1979)
Dolly Parton Baby I'm Burnin’ (1978)
Dr. Hook When You’re in Love with a Beautiful Woman, Better Love Next Time (1979), Sexy Eyes (1980)
Dusty Springfield That’s the Kind of Love I’ve Got for You (1978)
Electric Light Orchestra Shine a Little Love, Last Train to London (1979) Discovery (1979), Xanadu (1980, Soundtrack mit Olivia Newton-John)
Elton John Victim of Love (1979) Victim of Love (1979)
Ethel Merman The Ethel Merman Disco Album (1979)
Herb Alpert Rise (1979) Rise (1979)
Johnny Mathis Gone, Gone, Gone (1979)
Kiss I Was Made for Lovin’ You (1979)
Liza Minnelli Tropical Nights (1977)
Queen Another One Bites the Dust (1980)
Rita Coolidge You (1978)
Rod Stewart Da Ya Think I’m Sexy? (1979)
Santana One Chain (Don’t Make No Prison) (1979)
Sarah Brightman I Lost My Heart to a Starship Trooper (1978, mit Hot Gossip)
The Four Seasons Who Loves You, December, 1963 (Oh, What a Night) (1975)
The Rolling Stones Miss You (1978)
Yvonne Elliman If I Can’t Have You (1977), Love Pains (1979)

Anmerkung zur Tabelle: Eine Auswahl von bekannten Pop-, Rock- und anderen Unterhaltungskünstlern, die in der Hochzeit der Disco-Musik mit den jeweiligen Songs einen Hit hatten und/oder ganze Alben in diesem Stil aufnahmen.

Neo Disco[Bearbeiten]

Wichtige Produzenten[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kitty Hanson: Disco-Fieber. Heyne, 1979.
  • Andy Blackford: Disco Dancing Tonight. Octopus Books, 1979.
  • Alan Jones & Jussi Kantonen: Saturday Night Forever – The Story Of Disco. Mainstream Publishing, 1999.
  • John-Manuel: A Brief History of Disco. HarperEntertainment, 2001 ISBN 0-380-80907-9.
  • Peter Shapiro: Turn The Beat Around - The Secret History Of Disco. Faber And Faber, 2005 ISBN 0-86547-952-6.
  • Larry Harris, Curt Gooch und Jeff Suhs: And Party Every Day - The Inside Story of Casablanca Records. Backbeat Books, 2009, ISBN 978-0-87930-982-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Unlikely Disco Artists A-C, DiscoMusic.com, abgerufen am 19. März 2014