Srebrenica

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Dieser Artikel behandelt die bosnische Stadt Srebrenica. Oft wird Srebrenica als Synonym für das Massaker von Srebrenica (1995) verwendet.
Srebrenica
Сребреница

Wappen von Srebrenica

Srebrenica (Bosnien und Herzegowina)
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Basisdaten
Staat: Bosnien und Herzegowina
Entität: Republika Srpska
Gemeinde: Srebrenica
Koordinaten: 44° 6′ N, 19° 18′ O44.10333333333319.298333333333Koordinaten: 44° 6′ 12″ N, 19° 17′ 54″ O
Einwohner: 15.242 (2013)
Struktur und Verwaltung (Stand: 2012)
Bürgermeister: Ćamil Duraković (unabhängig)
Webpräsenz:
Panorama von Srebrenica

Srebrenica (serbisch-kyrillisch Сребреница, dt. veraltet Silberin) ist eine Stadt im Osten von Bosnien und Herzegowina, nahe der Grenze zu Serbien. Seit dem Abkommen von Dayton gehört sie zur Republika Srpska, einer von zwei Entitäten des Landes.

Die Gemeinde hatte zur Volkszählung 2013 etwa 15.000 Einwohner, das entspricht einem durch den Bosnienkrieg bedingten Bevölkerungsverlust von mehr als der Hälfte gegenüber 1991.

Geographie[Bearbeiten]

Der Ort befindet sich in einem engen Talkessel zwischen den dicht bewaldeten Bergen Ostbosniens, die sich hier bis auf etwa 1000 m erheben. Im Süden bildet die Schlucht der Drina die natürliche Grenze zwischen der Gemeinde Srebrenica und Serbien; im Norden befindet sich in der Ebene das Städtchen Bratunac.

Geschichte[Bearbeiten]

Srebrenica wurde unter dem Namen Srebrenik erstmals im Jahre 1376 erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt hatte es sich jedoch bereits zu einem wichtigen Wirtschafts- und Handelszentrum der westlichen Balkanhalbinsel entwickelt, dessen Bedeutung vor allem auf den reichen Silberbergwerken der Umgebung beruhte. Bereits die Römer wussten von den Erzvorkommen und beuteten sie z.B. nahe ihrer Siedlung Domavia aus. Zum Zeitpunkt der Ersterwähnung Srebrenicas hatte sich dort bereits eine größere Kaufmannskolonie der Ragusaner etabliert, da diese den Silberhandel innerhalb Bosniens kontrollierten und der Export über den Seeweg fast ausschließlich über den Hafen von Ragusa (Dubrovnik) abgewickelt wurde.[1] Im Laufe des 14. Jahrhunderts siedelten sich zahlreiche deutsche Bergleute in der Region an, die den Silberbergbau weiter vorantrieben und ebenso wie in Siebenbürgen als „Sachsen“ bezeichnet wurden.[2]

Nach seinem Bosnienfeldzug übergab König Sigismund Srebrenica 1411 an seinen Vasallen Stefan Lazarević, was ab der Mitte der 1420er Jahre zu heftigen Kämpfen zwischen Lazarević und dem bosnischen König Tvrtko II. um die reiche Stadt führte. Vor allem das Königreich Bosnien konnte den Verlust Srebrenicas schwer verkraften, deren Bergwerke nach den damaligen Quellen jährlich an die 20.000 Goldmünzen an Einnahmen brachten. Der Streit um Srebrenica verhinderte lange eine Zusammenarbeit der bosnischen Könige und serbischen Despoten gegen die anrückenden Osmanen, vielmehr wurden die osmanischen Sultane selbst von der einen oder anderen Seite um Hilfe gerufen.

Mit der ersten Eroberung Serbiens durch die Osmanen 1439 fiel Srebrenica an das Osmanische Reich. Nach deren Rückzug 1444 bemächtigte sich Stjepan Tomaš der Stadt und wehrte die Versuche von Đurađ Branković ab, die Herrschaft über Srebrenica zu erlangen. Diesem musste er es dennoch überlassen nach einem Schiedsspruch des osmanischen Sultans Murad II. im Jahre 1451. Die Herrschaft Branković' dauerte ebenfalls nicht lange, da der Nachfolger von Murad, sein Sohn Mehmed II., zur endgültigen Eroberung Serbiens (1458-59) und anschließend Bosniens (1463) ansetzte.

Damit wurde auch Srebrenica von den Osmanen erobert.[3] Das ansässige Franziskanerkloster wurde – wie in Jajce oder Zvornik – in eine Moschee umgewandelt. Die große Zahl der „Sachsen“ und Ragusaner, die beide überwiegend römisch-katholischen Glaubens waren, führte allerdings dazu, dass die Islamisierung in Srebrenica nach der osmanischen Eroberung wesentlich langsamer verlief als in den meisten anderen Städten des Landes.[4] Mit dem schwindenden Einfluss der Republik Ragusa im nun zum Osmanischen Reich zählenden Bosnien nahm auch die wirtschaftliche Stärke und Bedeutung Srebrenicas sowie – bedingt durch den Niedergang der ragusanischen und deutschen Kolonien – die Zahl der christlichen Einwohner ab.

Der Berliner Kongress stellte 1878 die osmanischen Provinzen Bosnien, Herzegowina sowie den Sandschak von Novi Pazar unter Verwaltung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Die formale Annexion der Provinzen erfolgte im Jahre 1908. Im Ersten Weltkrieg war eines der Hauptkampfgebiete der Region in Ostbosnien und der Drina gelegen, von wo aus die Einheiten Österreich-Ungarns in Richtung Königreich Serbien vorrückten. Im Spätsommer 1914 wurde Srebrenica von serbischen Freiwilligen unter Kosta Todorović eingenommen. Kurz darauf wurden diese jedoch von Einheiten der Doppelmonarchie vertrieben, welche den serbischen Kommandanten töteten und zusammen mit muslimisch-kroatischen Legionären Vergeltung an der Zivilbevölkerung übten.[5]

Auch im Zweiten Weltkrieg war Srebrenica Kriegsschauplatz. Nach Smail Balic kamen in Srebrenica 2000 Muslime durch Cetniks und andere extreme serbische Organisationen ums Leben.[6] Die kroatische Ustascha setzte 1943 ein Massaker unter der serbischen Zivilbevölkerung in Gang.[7]

Im 19. Jahrhundert wurde die Bedeutung der arsenhaltigen Mineralquellen von Guber, etwa zwei Kilometer östlich des Stadtzentrums, erkannt (die bekannteste ist Crni Guber). Zunächst wurde das Wasser abgefüllt und von Mattoni europaweit verschickt. Im 20. Jahrhundert errichtete man schließlich Hotels und Kureinrichtungen. 1980 hatte das Kurbad mehr als 25.000 Gäste.[8]

Bosnienkrieg[Bearbeiten]

Ruinen des Heilbades Guber

Srebrenica wurde elf Tage nach Beginn des Bosnienkrieges, am 17. April 1992, erstmals von serbischen paramilitärischen Kräften angegriffen. Dabei kam es zu Plünderungen und Verwüstungen. Kurz darauf gewannen die bosniakischen Verbände unter Naser Orić die Kontrolle zurück. Zur Vergeltung wurden mehrere serbische Dörfer in der Gegend niedergebrannt, woraufhin die meisten Serben Srebrenica verließen. Die Zahl der tatsächlichen serbischen Opfer ist bis heute umstritten. In einer Dokumentation des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation wird unter Bezugnahme auf serbische Quellen von mindestens 1000 serbischen Zivilisten ausgegangen.[9] Das Research and Documentation Center in Sarajevo nennt eine Zahl von 424 bzw. 446 serbischen Soldaten und 119 serbischen Zivilisten.[10]

Im Sommer 1992 begann die dreijährige Belagerung der Stadt. Erst im März 1993 traf der erste Hilfskonvoi der UN in Srebrenica ein. Zwischenzeitlich hatte sich die Bevölkerungszahl durch Flüchtlinge aus den umliegenden Gebieten deutlich erhöht. Einen Monat später wurde offiziell eine UN-Schutzzone eingerichtet.

Internationale Aufmerksamkeit erfuhren im Juli 1995 die Stadt und die Lage der Flüchtlinge in der bosniakischen Enklave – damals UN-Schutzzone – , als bosnische Serben unter Führung des Generals Ratko Mladić die Stadt eroberten und alle männlichen Personen, derer sie habhaft werden konnten, verschleppten und im Massaker von Srebrenica ermordeten. Die Rolle der niederländischen Blauhelm-Soldaten und die ihres Kommandanten Thomas Karremans, die nicht entschieden einschritten, um die Morde zu verhindern, ist bis heute umstritten. Die jahrelange Diskussion in den Niederlanden und der 2002 veröffentlichte kritische Report des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation führte aber im April 2002 zum Rücktritt der zweiten Regierung von Wim Kok.[11] Am 6. September 2013 entschied das niederländische Höchstgericht, dass die Niederlande haftbar für den Tod von drei bosnischen Muslimen sind und bestätigt somit ein Urteil aus einer früheren Instanz.[12][13]

Bevölkerung[Bearbeiten]

Im Jahre 1991 hatte die Gemeinde Srebrenica 36.666 Einwohner; davon bezeichneten sich 75 % als Bosniaken, 23 % als Serben und 2 % als Angehörige anderer Volksgruppen. Die Stadt selbst hatte 11.673 Einwohner, davon 64 % Bosniaken und 28 % Serben. Von den 80 Dörfern in der Gemeinde waren 23 mehrheitlich serbisch, die restlichen überwiegend bosniakisch. Die meisten Dörfer waren ethnisch homogen, gemischte Bevölkerung bildete die Ausnahme.[14]

Im Bosnienkrieg änderte sich die Bevölkerungszusammensetzung dramatisch. Die meisten bosniakischen Bewohner wurden vertrieben, flohen oder fielen den Truppen der Republika Srpska zum Opfer. Gleichzeitig gab es Übergriffe bosniakischer Truppen auf die serbischen Dörfer der Region.

Mittlerweile sind einige Tausend Bosniaken in die Gemeinde zurückgekehrt, nachdem die Region nach 1995 praktisch verlassen war. Die Serben sind zumeist Flüchtlinge aus den Vororten Sarajevos.

Zur Volkszählung 2013 hatte die Gemeinde Srebrenica 15.242 Einwohner, also 59 Prozent weniger als 1991.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Selman Selmanagić (1905–1986), Architekt und Dozent
  • Naser Orić (* 1967 in Potočari), während des Bosnienkrieges Kommandeur der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina in Srebrenica

Literatur[Bearbeiten]

Dragutin J. Dereko: Srebrenica. In: Drina. Geografsko-turistička monografija. Društva Fruška Gora, Novi Sad 1939, Reprint: Čigoja, Belgrad 2004, ISBN 86-7558-299-4. S. 203–214

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Konstantin Jireček: Die Handelsstrassen und Bergwerke von Serbien und Bosnien während des Mittelalters: historisch-geographische Studien. Prag: Verl. der Kön. Böhmischen Ges. der Wiss., 1879
  2. Mihailo Dinić: Za istoriju rudarstva u srednjevekovnoj Srbiji i Bosni. S. 46
  3. Noel Malcolm: A Short History of Bosnia. Macmillan, London 1994. S. 22
  4. A Short History of Bosnia. S. 53 ff.
  5.  Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2010. Seite 72
  6. zit. nach Hajo Funke, Alexander Rhotert: Unter unseren Augen: Ethnische Reinheit: die Politik des Regime Milosevic … S. 52
  7. Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2010, S. 204
  8. Thomas Schmid: Die toten Seelen von Srebrenica In: Die Zeit, Nr.28, 7. Juli 2005
  9. Srebrenica - Reconstruction, background, consequences and analyses of the fall of a ‘safe’ area (PDF; 26,3 MB)
  10. Reasearch and Documentation Center Sarajevo zu den Opferzahlen unter den Serben in der Region Bratunac/Srebrenica zwischen April 1992 and Dezember 1995 (engl.)
  11. Niederlande - Regierung tritt wegen Massakers von Srebrenica zurück In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. April 2002
  12. Die Zeit - "Gericht verurteilt Niederlande für drei Srebrenica-Opfer" vom 5. Juli 2011
  13. Die Welt - "Niederlande haften für drei Tote von Srebrenica" vom 6. September 2013
  14. po naseljenim mjestima.pdf Volkszählung 1991

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Srebrenica – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien