Višegrad

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Dieser Artikel beschreibt die Stadt Višegrad in Bosnien und Herzegowina. Für weitere Bedeutungen siehe Wischegrad.
Višegrad
Вишеград

Wappen von Višegrad

Višegrad (Bosnien und Herzegowina)
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Basisdaten
Staat: Bosnien und Herzegowina
Entität: Republika Srpska
Gemeinde: Višegrad
Koordinaten: 43° 47′ N, 19° 18′ O43.78305555555619.2925389Koordinaten: 43° 46′ 59″ N, 19° 17′ 33″ O
Höhe: 389 m. i. J.
Einwohner: 11.774 (2013)
Telefonvorwahl: +387 (0) 58
Postleitzahl: 73240
Struktur und Verwaltung (Stand: 2012)
Bürgermeister: Slaviša Mišković (SDS)
Webpräsenz:

Višegrad (kyrillisch Вишеград; slawisch für „Hohe Burg“; deutsch veraltet Wischegrad) ist eine Kleinstadt und der Name der sie umgebenden Gemeinde im östlichen Bosnien und Herzegowina. Die Stadt liegt in der Republika Srpska, etwa acht Kilometer von der Grenze nach Serbien entfernt. Vordergründig der Drinabrücke aus osmanischer Zeit, eigentlich aber der Stadt Višegrad, wurde von Ivo Andrić in dem Roman Die Brücke über die Drina ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Bauwerk wurde 2007 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Geographie[Bearbeiten]

Drinabrücke um 1900

Višegrad liegt am rechten Ufer der Drina an der Mündung des Rzav in selbige. Oberhalb von Višegrad wird der Fluss zum über 20 Kilometer langen Višegradsko Jezero angestaut. Das enge, schluchtenreiche Tal der Drina öffnet sich bei Višegrad zu einem weiten Talkessel mit fruchtbaren Böden, der von über 1.000 m hohen Bergen umgeben ist. Durch ihre Lage erhielt die Stadt besonders nach dem Bau der Drinabrücke (1571-78) strategische und wirtschaftliche Bedeutung, da sie auf direktem Weg von Istanbul nach Sarajevo liegt.

Geschichte[Bearbeiten]

Vor dem Bosnienkrieg (1992–1995) hatte die Gemeinde Višegrad 21.199 Einwohner; davon waren etwa zwei Drittel Bosniaken und ein Drittel Serben. Die Stadt war aus verschiedenen Gründen strategisch bedeutend, vor allem wegen ihrer Lage an der Verbindungsstraße von Užice nach Sarajevo und des in der Nähe befindlichen Wasserkraftwerkes. Am 6. April 1992 begann der Beschuss von Višegrad durch serbische Einheiten. Daraufhin besetzte eine Gruppe bewaffneter Bosniaken den Drina-Staudamm und drohte damit, ihn zu sprengen. Am 12. April konnten Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) die Kontrolle über die Stadt und den Staudamm gewinnen. Als sich die JNA im Mai zurückzog, übernahmen lokale serbische Einheiten erneut die Kontrolle über Višegrad und begannen mit ethnischen Säuberungen und Vertreibungen. Im Zuge dessen kam es in der Stadt und der Umgebung zu Hunderten Morden an Zivilisten, Vergewaltigungen sowie der Zerstörung der beiden Moscheen von Višegrad und zahlreicher Wohnhäuser von Nicht-Serben.[1] In seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert verarbeitet Saša Stanišić den Krieg in Višegrad literarisch.

Ivo-Andrić-Denkmal auf dem Hauptplatz von Andrićgrad

Seit 2011 entsteht im Norden der Stadt auf einer Landzunge, die durch den Zufluss des Rzav in die Drina gebildet wird, Andrićgrad, ein Projekt und zu einem großen Teil auch finanziert vom Regisseur Emir Kusturica. Es handelt sich dabei um einen Stadtteil aus Häusern in antikem und mittelalterlich-balkanischem Stil, das vor allem der Tourismusförderung dienen soll. Die neue Stadt wird auch Kamengrad (deutsch: Steinstadt) in Anlehnung an das frühere Kusturica-Projekt Drvengrad (deutsch Holzstadt) bei Mokra Gora in Serbien genannt. Offizieller Baubeginn war der 28. Juni 2011, ein erster Bauabschnitt wurde am 28. Juni 2012 in Beisein des Regisseurs, des früheren serbischen Präsidenten Boris Tadić sowie des Präsidenten der Republika Srpska Milorad Dodik eröffnet. Das Projekt wird insbesondere von Seiten der Bosniaken kritisiert, da sie befürchten, dass das kulturelle Erbe der Stadt von serbischer Seite vereinnahmt wird.[2]

Bevölkerung[Bearbeiten]

Bei der Volkszählung 1991 lebten 21.199 Einwohner in der Gemeinde Višegrad. Davon bezeichneten sich 13.471 (63,5 %) als Bosniaken, 6743 (31,8 %) als Serben und 319 (1,5 %) als Jugoslawen. In der Stadt selbst lebten 11.828 Menschen, davon waren 7413 (62,7 %) Bosniaken, 3512 (29,7 %) Serben und 300 (2,5 %) Jugoslawen.

Nach den Vertreibungen und Umsiedlungen des Bosnienkrieges stellen heute die Serben die Bevölkerungsmehrheit. Dabei handelt es sich teilweise um Vertriebene und Flüchtlinge aus anderen Landesteilen. Insgesamt ist die Bevölkerungszahl um fast die Hälfte auf knapp 12.000 gesunken.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Stadt und Brücke im Jahr 2007
Stadtansicht mit der neuen Moschee
Dampflokomotive vor dem Kulturhaus
Serbisch-orthodoxe Mariä Geburtskirche und Soldatenfriedhof

Neben der Drinabrücke und den Ruinen der Burg von Višegrad ist der serbisch-orthodoxe Klosterkomplex in Dobrun etwa 12 km östlich kulturhistorisch bedeutend.

Verkehr[Bearbeiten]

Višegrad liegt an der Magistralstraße 5 (Europastraße 761) zwischen Užice und Sarajevo, etwa 20 km westlich des Grenzüberganges zu Serbien. Die Stadt war eine Station an der nach der Besetzung Bosniens durch Österreich-Ungarn errichteten und in den 1970er Jahren stillgelegten Schmalspurbahn-Strecke BelgradSarajevo. In der Literatur wurde diese Strecke als Bosnische Ostbahn, im Volksmund als Ciro bezeichnet. Ein Wiederaufbau des landschaftlich besonders reizvollen Abschnittes zwischen Višegrad und der serbischen Staatsgrenze als Touristikbahn wurde 2010 vollendet, allerdings im Jahr 2011 noch kaum kommerziell genutzt. Sie schließt an die als Šarganska osmica bezeichnete, ebenfalls als Touristikprojekt wiederaufgebaute Fortsetzung der Ostbahn in Serbien an. Bosnien und Herzegowina erhielt für dieses Tourismusprojekt internationale Geldmittel. Eine Dampflokomotive (jedoch keine Schmalspurlok) ist heute vor dem Višegrader Kulturzentrum aufgestellt.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Anklageschrift des UN-Tribunals gegen Milan Lukić, Sredoje Lukić und Mitar Vasiljević
  2. Filip Gaspar: Finger in die offene Wunde. In: Die Welt, 17. Juni 2011.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ivo Andrić: Die Brücke über die Drina, ISBN 3-518-39960-8, Eine literarische Chronik des Lebens in Višegrad seit dem Bau der Brücke bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs
  • Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammophon repariert, ISBN 3-630-87242-5, Literarische Verarbeitung einer Kindheit in Višegrad vor und während des Bosnienkrieges
  • Ibrahim Kljun: Visegrad. Hronika genocida nad Bosnjacima, KDP Zenica 1996. Verlag Preporod.
  • Mirzeta Memišević: Toliko rasta, ISBN 9958-9289-4-9, Sarajevo 2001. Verlag UG Obrazovanje gradi.
  • Mustafa Sućeska: Krvava Cuprija na Drini, ISBN 9958-728-35-4, Sarajevo 2001. Verlag DES.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Višegrad – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien