Wurzen

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Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Stadt Wurzen
Wurzen
Deutschlandkarte, Position der Stadt Wurzen hervorgehoben
51.36666666666712.733333333333124Koordinaten: 51° 22′ N, 12° 44′ O
Basisdaten
Bundesland: Sachsen
Landkreis: Leipzig
Höhe: 124 m ü. NHN
Fläche: 68,79 km²
Einwohner: 16.521 (31. Dez. 2012)[1]
Bevölkerungsdichte: 240 Einwohner je km²
Postleitzahl: 04808
Vorwahlen: 03425, 034261
Kfz-Kennzeichen: L, BNA, GHA, GRM, MTL, WUR
Gemeindeschlüssel: 14 7 29 410
Stadtgliederung: 16 Ortsteile
Adresse der
Stadtverwaltung:
Friedrich-Ebert-Straße 2
04808 Wurzen
Webpräsenz: www.wurzen.de
Oberbürgermeister: Jörg Röglin (parteilos)
Lage der Stadt Wurzen im Landkreis Leipzig
Sachsen-Anhalt Thüringen Landkreis Mittelsachsen Landkreis Nordsachsen Leipzig Bennewitz Böhlen (Sachsen) Borna Borsdorf Brandis Colditz Frohburg Grimma Groitzsch Großpösna Kitzscher Kohren-Sahlis Lossatal Machern Markkleeberg Markranstädt Neukieritzsch Neukieritzsch Thallwitz Trebsen/Mulde Bad Lausick Otterwisch Geithain Narsdorf Belgershain Naunhof Parthenstein Elstertrebnitz Pegau Pegau Regis-Breitingen Espenhain Wurzen Zwenkau RöthaKarte
Über dieses Bild

Wurzen ist eine Große Kreisstadt im Norden des Landkreises Leipzig in Sachsen.

Geographie und Verkehr[Bearbeiten]

Wurzen liegt am östlichen Hochufer der Mulde, etwa 30 Kilometer östlich von Leipzig, an der ältesten deutschen Ferneisenbahnlinie Leipzig–Dresden und an der Bundesstraße 6. Die B 107 verläuft westlich der Stadt. Im Südosten grenzt das Stadtgebiet an den Wermsdorfer Forst. Der dort entspringende Mühlbach fließt durch das Stadtgebiet. Die südlich der Stadt verlaufende A 14 ist über den Anschluss Grimma (ungefähr 20 Kilometer) zu erreichen.

Ortsgliederung[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Auf der Wurzener Stadtflur (Crostigall) konnte durch jüngere archäologische Grabungen eine Siedlungskontinuität von etwa 6000 Jahren nachgewiesen werden. Die ältesten Siedlungszellen der heutigen Stadt sind – wie der Ortsname – slawischen Ursprungs. Wurzen wird erstmals 961 in einer Urkunde Ottos I. als Vurcine und Civitas erwähnt. Die Burg und die Marktsiedlung bezogen ihre Bedeutung aus ihrer Lage am Übergang der Via Regia über den Fluss Mulde und deren Kreuzung mit einer alten Salzstraße von Halle nach Prag. Wurzen gehörte zeitweise zum Bistum Merseburg und kam nach 995 an das Bistum Meißen. Bischof Herwig gründete 1114 das Kollegiatstift Wurzen, das im 16. Jahrhundert protestantisch wurde und noch besteht (Domkapitel). Eine Marktsiedlung wurde östlich der älteren Burgsiedlung um 1150 von den Bischöfen von Meißen angelegt. Der Landesausbau, vor allem durch die Ansiedlung von Bauern aus den westlichen Reichsgebieten („Kührener Ansiedlungsvertrag“ 1154 für 15 flämische Bauernfamilien) und das Begründen einer eigenen weltlichen Territorialherrschaft (Wurzener Land) ließen die Rolle der neu gegründeten Marktsiedlung als zentralen Ort rasch wachsen. Die Entwicklung der Stadt erreichte im 15. und 16. Jahrhundert einen Höhepunkt, als die Bischöfe von Meißen zeitweise hier residierten und eine nennenswerte Bautätigkeit entfalteten (Schloss, Domerweiterung, Stadtkirche St. Wenceslai). Nach der Teilung der wettinischen Lande (1485) wurde die Schutzherrschaft über Wurzen und das Wurzener Land von den Ernestinern und Albertinern gemeinsam ausgeübt. Beide Linien waren letztendlich auf eine Säkularisierung des bischöflichen Territoriums aus, was u. a. 1542 zur sogenannten „Wurzener Fehde“ („Fladenkrieg“) führte.

Wurzen um 1650
Ansicht um 1850
Wurzen 2013, mit Schloss, Dom, Wenzeslauskirche und Mühlenwerke

1581 kam Wurzen an das seit 1547 inzwischen albertinische Kursachsen, das Wurzen und das Stiftsgebiet (Wurzener Land) durch eine eigens eingesetzte Stiftsregierung verwalten ließ (bis 1818). In Wurzen wurden 1570–1659 Hexenverfolgungen durchgeführt: Fünf Personen gerieten in Hexenprozesse, ein Mann wurde 1570 wegen des Vorwurfs der Zauberei mit „Leibesfrüchten“ gerädert, eine Frau starb in der Haft.[2] Im 17. und 18. Jahrhundert erfolgte der durch Pestepidemien (besonders 1607), Stadtbrände und Kriegsfolgen verursachte wirtschaftliche und demografische Niedergang der Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt 1637 („Wurtznische Creutz- und Marter-Woche“) von den Schweden geplündert und fast vollständig niedergebrannt. Auch der Nordische Krieg, besonders aber der Siebenjährige Krieg und die Napoleonischen Kriege ließen die Stadt verkümmern. Erst nach der Verkleinerung Sachsens nach dem Wiener Kongress (1815) und dem Straßenbrückenbau über Mulde und Flussaue (1830/32) setzte wieder ein bemerkenswerter Aufschwung ein.

Am 31. Juli 1838 wurde Wurzen an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen (Leipzig-Dresdner Eisenbahn). Über die Mulde wurde die erste Eisenbahnbrücke Deutschlands gebaut. Danach kam es zur stürmischen Entwicklung als Industriestadt (besonders Lebensmittel- und Textilindustrie, Metallverarbeitung). Die Einwohnerzahl vervierfachte sich zwischen 1850 und 1914. Auch im 20. Jahrhundert setzte sich diese Entwicklung bis in die 70er Jahre fort. Nach der deutschen Wiedervereinigung ist erneut eine starke wirtschaftliche und demografische Rückentwicklung eingetreten, die Einwohnerzahl sinkt in bedrohlichem Maße und das Durchschnittsalter der Einwohner steigt an.

Von 1935 bis 1945 beherbergte die Stadt ein Wehrbezirkskommando und während des Zweiten Weltkrieges mehrere Flak-Einheiten. Von Juli 1939 bis Mai 1945 war Armin Graebert (1898–1947) Oberbürgermeister der Stadt; er erreichte am 24. April 1945 zusammen mit Mitgliedern der SPD, KPD und den Pfarrern der evangelischen und katholischen Kirchen die Kapitulation der Stadt gegenüber Major Victor G. Conley vom 273. US-Infanterieregiment und bewahrte sie so vor der Zerstörung.[3]

Eingemeindungen[Bearbeiten]

Bismarckturm in Dehnitz
Ehemalige Gemeinde Datum Anmerkung
Burkartshain[4] 1. Januar 1994 Zusammenschluss mit Kühren zu Kühren-Burkartshain
Dehnitz[5] 1. Juli 1950
Kornhain[6] vor 1880 Eingemeindung nach Mühlbach
Kühren[4] 1. Januar 1994 Zusammenschluss mit Burkartshain zu Kühren-Burkartshain
Kühren-Burkartshain[4] 1. Oktober 2006
Mühlbach[5][7] 1. Januar 1952 Eingemeindung nach Burkartshain
Nemt[4] 1. März 1993
Nitzschka[5] 1974 Eingemeindung nach Burkartshain
Oelschütz[6] 1. Juni 1936 Eingemeindung nach Nitzschka
Pyrna[5] 1. Januar 1956 Eingemeindung nach Burkartshain
Roitzsch[5][7] 1. Juli 1950
Sachsendorf[5] 1. Januar 1974 Eingemeindung nach Burkartshain
Streuben[5][7] 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Kühren
Trebelshain[5][7] 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Kühren
Wäldgen[6] 1. Juni 1936 Eingemeindung nach Sachsendorf

Politik[Bearbeiten]

Wappen[Bearbeiten]

Beschreibung: In Schwarz ein nach links springendes goldenes Pferd, rot gezäumt und mit roter Satteldecke, trägt einen goldenen Reiter mit Hut und Bischofsstab.

Stadtrat[Bearbeiten]

Kommunalwahl 2009[8]
Wahlbeteiligung: 44,5 % (2004: 44,4 %)
 %
50
40
30
20
10
0
41,4 %
17,9 %
15,9 %
14,7 %
7,1 %
3,0 %
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2004
 %p
 14
 12
 10
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
-6,1 %p
-1,1 %p
+13,3 %p
-6,6 %p
-2,5 %p
+3,0 %p

Nach der Kommunalwahl am 7. Juni 2009 setzt sich der Stadtrat wie folgt zusammen:

Rathaus
Bahnhof
Dom St. Marien
Mühlenwerke am Mühlgraben
Wenzeslauskirche
Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges
Altes Postamt
Briefmarke mit dem Wurzner Posttor
Hauswand in Wurzen mit einem Zitat von Joachim Ringelnatz

Partnerstädte[Bearbeiten]

Besonderheiten[Bearbeiten]

Wurzen und das die Stadt hauptsächlich östlich der Mulde umgebende sogenannte „Wurzener Land“ gehörten bis 1581 nicht zu den wettinischen Landen, sondern waren weltlicher Besitz der Bischöfe von Meißen, die mehrmals, seit 1487 immer häufiger und länger, in Wurzen residierten. Auch nach der „Kapitulation“ und „Resignation“ des letzten Bischofs Johann von Haugwitz 1581 wurde das Gebiet noch bis 1818 von einer eigens eingesetzten kursächsischen Stiftsregierung verwaltet. Erst danach kam das Wurzener Land als Amtsbezirk im eigentlichen Sinne zu Sachsen.

Wurzen liegt am Ökumenischen Pilgerweg, der 2003 vom sächsischen Jugendpfarramt initiiert und eingerichtet wurde. Im Wurzener Land folgt dieser Wanderweg weitgehend der alten Trasse der mittelalterlichen Via Regia. Wie keine zweite Stadt in Mitteldeutschland besitzt Wurzen Erinnerungen an die mittelalterliche Jakobspilgerschaft: Jakobsplatz, Jakobsgasse und – bis zum Dreißigjährigen Krieg daran gelegen – Jakobskirche, Jakobskirchhof und Jakobshospital. Im Stadtgebiet (Gerhart-Hauptmann-Platz) kreuzt zudem die Via Regia einen zweiten alten transkontinentalen Fernweg, eine alte Salzstraße von Halle nach Prag. Diese von Nord nach Süd verlaufende Altstraße ist Teil der künftigen transkontinentalen Kulturstraße Via Salaria (LübeckTrapani/ Sizilien).

Infolge der stürmischen Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Wurzen auch früh die Arbeiterbewegung. Julius Künzel war in den 1880er Jahren eine Zeitlang der einzige sozialdemokratische Stadtrat in Sachsen. 1903 wurde in Wurzen ein Unterbezirk der SPD gegründet. Während der Novemberrevolution agierte in Wurzen einer der ersten Arbeiter- und Soldatenräte im damaligen Sachsen. Albert Kuntz wirkte bis 1923 als prominentes KPD-Mitglied in Wurzen, u. a. im Stadtrat. 1926 gelang es einer Koalition aus SPD und KPD, die Mehrheit im Stadtrat zu stellen und mit Georg Boock erstmals einen sozialdemokratischen Bürgermeister zu wählen.

Wurzen ist seit 2002 eines der Pilotprojekte im Freistaat Sachsen für den Stadtumbau Ost. Durch die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte bedingt gilt es, erstmals in der Geschichte Sachsens einen planmäßigen Rückbau städtischer Wohnsubstanz und die sinnvolle Neunutzung der geräumten Flächen zu organisieren.

Wie in anderen vergleichbaren Kommunen Ostdeutschlands versucht die rechtsradikale Szene seit den 1990er Jahren, in der Stadt insbesondere bei den Jugendlichen Einfluss zu erlangen. Das Netzwerk für Demokratische Kultur[9], die Standortinitiative Wurzen[10], die Kirchgemeinden und die Stadtverwaltung engagieren sich gegen die verschiedentlich durch die Medien gehende[11][12][13][14] Konzentration rechter Gewalt in Wurzen. Gleichwohl stellt sie ein anhaltendes Problem für die Stadt dar.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Wurzen ist heute trotz des Bevölkerungsrückganges und des Verlustes einiger wichtiger Industriebetriebe (u. a. Wurzener Teppichfabrik) ein wichtiger Standort mit einer größeren Zahl mittelständischer, meist mit Spezialprodukten auf dem Weltmarkt agierender Unternehmen. Die Arbeitslosigkeit ist derzeit die niedrigste im Arbeitsamtsbezirk. Einen wirtschaftlichen Schwerpunkt bildet die Produktion von Gebäck- und Süßwaren. Darüber hinaus sind in der Stadt eine größere Anzahl leistungsstarker mittelständischer Maschinenbaubetriebe und Spezialfirmen (Transportanlagen, Beleuchtungsgerätebau, Filzfabrikation) ansässig.

Das Krankenhaus ist ein Haus der Regelversorgung in der Trägerschaft des Landkreises. Gemeinsam mit dem Krankenhaus in Grimma gehört es zur Muldentalkliniken GmbH.

Baudenkmäler und Erinnerungsstätten[Bearbeiten]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Ebert: Terra Wurcinensis. Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Wurzen und der Stadtteile Dehnitz, Roitzsch und Nemt, Beucha 2008
  • Wolfgang Ebert: Wurzen und die Muldenaue. Ein Führer durch die Stadt, ihre Landschaft und Geschichte, Beucha 2010
  • Richard Klinkhardt: Die Wurzener Industrie 1797–2002, Beucha 2005
  • Nathanael Riemer (zum Wurzener Hebraisten Johann Christian Schöttgen): Der Rabbiner – Eine vergessene Zeitschrift eines christlichen Hebraisten. In: PaRDeS. Zeitschrift der Vereinigung für Jüdische Studien e. V. (2005) Nr. 11, S. 37–67.
  • Hermann Arthur Lier: Schütz, George Ludwig Christoph. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 33, Duncker & Humblot, Leipzig 1891, S. 121–124.
  • Christian Schöttgen: Historie der kursächsischen Stiftsstadt Wurzen. Leipzig 1717 (Volltext)
  • Stadtverwaltung Wurzen; Wurzen im Wandel. Ein bebilderter Streifzug durch die Stadt von 1850 bis in die Gegenwart, (Horb am Neckar) 2011
  • Cornelius Gurlitt: Wurzen. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 20. Heft: Amtshauptmannschaft Grimma (2. Hälfte). C. C. Meinhold, Dresden 1898, S. 270.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wurzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Wurzen – Reiseführer

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aktuelle Einwohnerzahlen nach Gemeinden 2012 (Einwohnerzahlen auf Grundlage des Zensus 2011) (Hilfe dazu)
  2. Manfred Wilde: Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen, Köln, Weimar, Wien 2003, S. 647–649
  3. Annette Kaminsky: Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 2. Aufl. Ch. Links Verlag, 2007. ISBN 978-3-86153-443-3. S. 383
  4. a b c d Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen: Gebietsänderungen
  5. a b c d e f g h Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 01.01.1948 in den neuen Ländern, Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart, 1995, ISBN 3-8246-0321-7, Herausgeber: Statistisches Bundesamt
  6. a b c Das Sachsenbuch, Kommunal-Verlag Sachsen KG, Dresden, 1943
  7. a b c d Verzeichnisse der seit Mai 1945 eingemeindeten Gemeinden und Nachweis über die Aufgliederung der selbständigen Gutsbezirke und Staatsforstreviere, 1952, Herausgeber: Ministerium des Innern des Landes Sachsen
  8. http://www.statistik.sachsen.de/wpr_neu/pkg_w04_ver.prc_ver?p_bz_bzid=GR09&p_ebene=GE&p_ort=14729410
  9. http://www.ndk-wurzen.de/ ndk.de
  10. http://www.standortinitiative-wurzen.de standortinitiative-wurzen.de
  11. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27114/1.html Telepolis:Rechtsextremismus auf dem Fußballplatz
  12. http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/reportagen/spaziergang-wurzen Beklemmendes aus Wurzen
  13. http://www.standortinitiative-wurzen.de/cms/index.php?name=News&file=article&sid=71 Wieder Bombenanschlag in 2008
  14. http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_1303243.html RBB:Schläger, Hetzer und Ideologen in Sachsen: Kulturrevolution von rechts?