Richard Willstätter

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Richard Willstätter
Willstätter im neuen Berliner Labor des KWI für Chemie

Richard Martin Willstätter (* 13. August 1872 in Karlsruhe; † 3. August 1942 in Muralto) war ein deutscher Chemiker und erhielt 1915 den Nobelpreis für Chemie.

Ausbildung und Hochschullaufbahn[Bearbeiten]

Richard Willstätter wuchs in Nürnberg in einer wohlhabenden Großkaufmannsfamilie auf. Er war Mittelschüler und als Jugendlicher wohl sehr unordentlich, was seine Mutter zur Bemerkung „Richard, aus Dir wird nix!“ verleitet haben soll.

Willstätter war Mitglied der Schülerverbindung Rot-Weiss-Rote Absolvia Nürnberg, welche 1867 am königlichen Realgymnasium gegründet wurde. Heute trägt das Gymnasium den Namen „Willstätter-Gymnasium Nürnberg“. Sein Verhältnis zur Ordnung änderte sich aber bald – wahrscheinlich hätte er sonst sein großes Arbeitspensum gar nicht bewältigen können.

Nach dem Abitur studierte er Chemie in München bei Adolf von Baeyer und wurde 1894 bei Alfred Einhorn über die Struktur des Kokains promoviert. Erst 20 Jahre später gelang ihm die vollständige Strukturaufklärung des Kokains.

1902 wurde er zum außerordentlichen Professor für Chemie ernannt. Bereits 1905 folgte er dem Ruf an die ETH in Zürich, wo er bis 1912 den Lehrstuhl für allgemeine Chemie innehatte.

Von 1912 bis 1916 war Richard Willstätter Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem und wurde danach als Ordinarius an die Universität München berufen, wo er den Lehrstuhl von Adolf von Baeyer übernahm. Zugleich wurde er Direktor des „Chemischen Laboratoriums des Staates“. 1914 wurde Richard Willstätter korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1916 wurde er zu ihrem ordentlichen Mitglied ernannt.

Willstätters Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten]

Willstätters Interesse galt schon früh den Problemen allgemein naturwissenschaftlicher Bedeutung, das heißt der Lebensvorgänge oder Biochemie – ein bis zum heutigen Tag aktuelles Thema. Seine Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der Farbstoffchemie des Chlorophylls, des Hämoglobins, der Anthocyane und den Anfängen der Biochemie. Mit heute einfach anmutenden Mitteln griff er Probleme auf, die damals Neuland erschlossen. Seine Forschungen waren erfolgreich, weil er die Versuche klar plante und die Auffassung vertrat, man müsse die Natur mit schonenden, naturnahen Methoden erforschen. Wesentlich für die Beurteilung von Willstätters wissenschaftlicher Leistung ist, dass er sowohl epochale Entdeckungen in der klassischen organischen Chemie machte als auch komplizierte neuartige Fragestellungen – wie in seinen Studien über das Chlorophyll, die Photosynthese und die Enzyme – bearbeitete.

Willstätters Pionierarbeit[Bearbeiten]

Auf dem Gebiet der organischen Chemie leistete Willstätter Pionierarbeit. Er hatte sich auf die Untersuchung komplexer organischer Verbindungen, darunter von Chlorophyll und Enzymen, spezialisiert. Ihm gelang die mehrstufige Totalsynthese des Alkaloids Kokain. Auch für seine Untersuchungen der Farbstoffe im Pflanzenreich, vor allem des Chlorophylls und der Anthocyanidine, wurde ihm 1915 der Nobelpreis für Chemie verliehen.

Hitler-Putsch[Bearbeiten]

Seit 1923, zur Zeit des Hitler-Putsches, gab es an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der „Zweiten philosophischen Fakultät“[1], Chemisches Institut[2], antisemitische Aktionen gegen Willstätter, der jüdischer Herkunft war. Dazu gehörte der Skandal um die Nachfolge von Paul Heinrich von Groth durch Victor Moritz Goldschmidt aus Oslo. Hierbei verteidigten Willstätters Freunde, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch sowie der Internist F. v. Müller, ihn nach Kräften; Sauerbruchs akademischer Schüler Rudolf Nissen erlebte ein Solidaritätstreffen von Willstätters Schülern mit, eine Erklärung dazu war von 337 Studierenden unterzeichnet.[3] Die Erfahrung, wie virulent der akademische Antisemitismus geworden war, lehrte Nissen, nach der Machtübergabe an die Nazis und dem „Judenboykott“ vom April 1933 zügig Deutschland zu verlassen, weil er die vom Nationalsozialismus ausgehende Gefahr erkannt hatte. Willstätter legte aus Protest gegen die aufkommende antisemitische Politik an der Universität schon 1925 sein Amt nieder.

Willstätter flieht in die Schweiz[Bearbeiten]

Willstätter gab seine Professur 1924 auf und begründete seinen Schritt mit der opportunistischen Haltung einiger Professoren, die in Berufungsverfahren antisemitischen Erwägungen höheres Gewicht einräumten als wissenschaftlichen Leistungen.[4] Er forschte weiter an der Universität München, ohne über eine Professur zu verfügen. Dabei arbeitete er mit dem Privatdozenten Heinrich Kraut und mit Karl Lobinger zusammen.[5] Ab 1928 hielt ihm Margarete Rohdewald, eine frühere Doktorandin von Richard Kuhn, als Privatassistentin – trotz ungünstigster Randbedingungen – zehn Jahre lang die Treue; Laborarbeitsplätze stellte Heinrich Wieland zur Verfügung.[6] Vor der weiteren rassistischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten floh Willstätter am 4. März 1939,[7] nach Verlust fast seines gesamten Besitzes in die Schweiz und wurde Mitarbeiter in der chemischen Industrie, bei Sandoz in Basel. Er setzte dort seine Forschungsarbeiten als Privatgelehrter fort. In Locarno verbrachte Richard Willstätter die letzten drei Jahre seines Lebens.

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chemie und Pharmazie wechselten 1892 von der Medizinischen zur Philosophischen Fakultät.
  2. Bezeichnung Nissens, S. 102; offiziell „Chemisches Laboratorium des Staates“.
  3. Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim/Bergstrasse, 2. Nachdruck der 2. Auflage, 1973, S. 344−345, ISBN 3-527-25322-X.
  4. Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim/Bergstrasse, 2. Nachdruck der 2. Auflage, 1973, S. 343−344, ISBN 3-527-25322-X.
  5. Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim/Bergstrasse, 2. Nachdruck der 2. Auflage, 1973, S. 356, ISBN 3-527-25322-X.
  6. Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim/Bergstrasse, 2. Nachdruck der 2. Auflage, 1973, S. 355, ISBN 3-527-25322-X.
  7. Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim/Bergstrasse, 1. Auflage, 1949, S. 413.
  8. Aufnahme in den Orden Pour le mérite am 31. Januar 1924
  9. Willard Gibbs Medal in 1933

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Willstätter: Aus meinem Leben, Verlag Chemie, Weinheim, 2. Nachdruck der 2. Auflage 1973, ISBN 3-527-25322-X.
  • Rudolf Nissen: Helle Blätter, dunkle Blätter. Autobiografie. DVA Stuttgart 1969 u. ö. (auch in and. Verlagen), Willstätter: S. 102–104.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Richard Willstätter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Richard Willstätter – Quellen und Volltexte