Dettmar Cramer (Fußballtrainer)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Dettmar Cramer (* 4. April 1925 in Dortmund) ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler und -trainer.

Berufliches Leben[Bearbeiten]

Anfänge und Abstecher zum Journalismus[Bearbeiten]

Cramers Fußballerlaufbahn begann bei Viktoria Dortmund und Germania Wiesbaden. Bei einem Jugendlehrgang 1941 lernte er im Alter von 16 Jahren Sepp Herberger kennen, der sein Förderer wurde.[1] Cramers frühe Karriere als Trainer und Spielertrainer führte ihn zu den Vereinen Teutonia Lippstadt, VfL Geseke, FC Paderborn und TuS Eving-Lindenhorst. Vom Jahreswechsel 1948/49 bis zum 30. Juni 1963 war er als Cheftrainer des Westdeutschen Fußball-Verbandes in Duisburg tätig.

Zwischendurch bemühte er sich, im Journalismus Fuß zu fassen. Er wurde Erster Redakteur im Bereich Sport beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Allerdings hielt es ihn dort nur drei Monate. Nach seinen eigenen Worten vermisste er den direkten Kontakt zum Fußball. Er ging stattdessen drei Monate lang nach Japan, um wieder als Fußball-Lehrer zu arbeiten.

Zeit beim DFB und bei Nationalmannschaften[Bearbeiten]

Am 1. Januar 1964 kehrte er zum Deutschen Fußball-Bund zurück. Er war unter anderem Assistent von Helmut Schön. In dieser Position begleitete er auch die Fußball-Weltmeisterschaft 1966, zusammen mit Udo Lattek. Cramer, der bis zum 30. Juni 1974 DFB-Trainer war, wurde in dieser Zeit in rund 70 Ländern auch als FIFA-Trainer eingesetzt. So erwarb er sich den später oft zitierten Ruf als „Weltenbummler“. Zum 1. August 1974 verpflichtete ihn der US-amerikanische Fußballverband als Nationaltrainer.

Bundesliga, Erfolge im Europapokal[Bearbeiten]

Im Laufe der Jahre hatte Cramer mehrere Angebote aus der Bundesliga erhalten, die er stets abgelehnt hatte. Für die Saison 1974/1975 einigte er sich dann mit Hertha BSC und ging als Trainer mit der kürzesten Amtszeit in die Bundesligageschichte ein (Stand 06/2013): er löste seinen Vertrag bereits nach dem ersten Training wieder auf. Laut Spiegel hatte er es abgelehnt, mit dem in den Bundesligaskandal verwickelten und vom DFB gesperrten Wolfgang Holst zusammenzuarbeiten. Als dieser die anschließende Pressekonferenz, in der Cramer vorgestellt werden sollte, dann leiten wollte, trat er von seinem Vertrag zurück.[2] Offiziell ließ er "zwingende persönliche Gründe" verlautbaren.

Am 16. Januar 1975 wurde Cramer Cheftrainer des FC Bayern München. Zu Beginn stand er stark in der Kritik. Seine nüchterne Art unterschied ihn sehr von seinem Vorgänger, dem Medienmann Udo Lattek, was sowohl den Vorstand als auch die Fans irritierte. Zudem zeigte sich der US-Verband unzufrieden mit dem überraschenden Ausscheiden seines Cheftrainers und deutete an, die Vertragsauflösung überprüfen zu lassen. Auch tauchte immer wieder der Name Max Merkel, der den Nachbarclub TSV 1860 München trainierte, als möglicher Nachfolger auf. Dass Cramer diese schwierige Phase überstand, hatte er vor allem dem Führungsspieler Franz Beckenbauer zu verdanken, den Cramer beim DFB einst vor dem Rauswurf aus der DFB-Jugend bewahrt hatte.[3]

Mit den Bayern wurde Cramer 1975 und 1976 Europapokalsieger der Landesmeister. 1976 wurde er zudem Weltpokalsieger. Da der FCB allerdings die Deutsche Meisterschaft verfehlte, wurde er schließlich zum Abschied gezwungen. Im Dezember 1977 machte der Verein ein Tauschgeschäft mit Eintracht Frankfurt: Cramer wechselte an den Main, Gyula Lóránt kam an die Isar. Allerdings wurde keiner der beiden Vereine damit glücklich: der FC Bayern wurde in der Saison 1977/78 nur Tabellenzwölfter (schlechteste Platzierung der Bundesligageschichte), und auch die Frankfurter warteten nur mit durchschnittlichen Leistungen auf. Cramers Engagement bei der Eintracht endete am 30. Juni 1978.[4]

Saudi-Arabien und Rückkehr in die Bundesliga[Bearbeiten]

Von Herbst 1978 bis Dezember 1981 war er in Saudi-Arabien als Nationaltrainer sowie beim Club Al-Ittihad tätig.[5] Von Dezember 1981 bis Mai 1982 trainierte er den griechischen Verein Aris Thessaloniki.

Zur Saison 1982/83 kehrte Cramer als Trainer von Bayer 04 Leverkusen in die Bundesliga zurück. Während seiner dreijährigen Tätigkeit erreichte Bayer mit ihm 1983/84 erstmals einen einstelligen Tabellenplatz. Als sich dieser Erfolg in der Saison darauf nicht wiederholte, verließ er den Verein und die Bundesliga.[6]

Japan[Bearbeiten]

Nach seiner Bundesligazeit wirkte er noch auf einigen Auslandsstationen, unter anderem wieder in Japan. Als Berater der japanischen Trainer hatte Cramer eine Schlüsselposition beim, bis dahin größtem Erfolg der japanischen Fußballnationalmannschaft, der Bronzemedaille bei den 19. Olympischen Spielen in Mexiko, bei denen Japan den Gastgeber Mexiko im Spiel um Platz 3 mit 2:0 besiegte, inne.[7] In Japan wird Cramer noch bis heute als Begründer des modernen Fußballs verehrt. 2005 wurde er in einer ersten Gruppe in die japanische Fußball-Ruhmeshalle aufgenommen. Bis vor wenigen Jahren ging er auch regelmäßig auf Vortragsreisen in das Land.[8]

2002 verkündete Cramer offiziell, er befinde sich ab nun im Ruhestand.

Privates[Bearbeiten]

Cramer war im Zweiten Weltkrieg Oberleutnant der Fallschirmjäger.[9]

Er ist zum zweiten Mal verheiratet. Seine Frau Anna Marie lernte er während eines Auslandsaufenthalts in Bangkok kennen. In der zeitgenössischen Presse wurde damals kolportiert, Cramer habe das Angebot von Bayern München akzeptiert, um seiner Frau einen Gefallen zu tun. Diese wollte, dass die Familie, zu der auch ein damals fast volljähriger Sohn gehörte, endlich sesshaft wurde.

Cramer lebt mit seiner Familie im bayerischen Reit im Winkl.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Als Anerkennung für sein Engagement im Ausland erhielt Cramer zwei Ehrenprofessuren, außerdem wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Kaiser Hirohito persönlich verlieh ihm den höchsten Kulturorden Japans für sein Engagement als Trainer der Nationalmannschaft anlässlich der Olympischen Spiele 1968. Ferner wurde Cramer ehrenhalber zum Häuptling der Mohikaner und Sioux ernannt.[10]

2013 wurde Dettmar Cramer von der Initiative „Deutscher Fußball Botschafter“ der Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen.[11]

Trivia[Bearbeiten]

Aufgrund seiner akribischen Arbeit wurde Cramer „Fußball-Professor“ genannt; wegen seiner Körpergröße von nur 1,61 m trug er auch den Spitznamen „Napoleon“. Er ließ sich auch einmal in einer entsprechenden Kostümierung von Diana Sandmann, der damaligen Freundin von Franz Beckenbauer, fotografieren. Sepp Maier nannte ihn scherzhaft „Laufender Meter“. In seiner Jugend betätigte sich Cramer auch als Boxer.

Anfang März 2009 schaltete der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken e.V. eine TV-Kampagne, in der in kurzen Einspielungen auch Dettmar Cramer zu sehen ist. Der Spot stand unter dem Motto „Jeder hat etwas, das ihn antreibt“ und wurde von der Berliner Agentur Heimat konzipiert. Begleitend dazu wurden 10 Porträtfilme entwickelt, deren Verbreitung nur im Internet erfolgte. In den mehrminütigen Filmen erzählten die Protagonisten der eigentlichen Kampagne aus ihrem Leben. Cramer erläuterte in diesem Zusammenhang, wie er den Fußball nach Japan brachte. Im Januar 2010 wurde der Werbespot der Volksbanken und Raiffeisenbanken von den horizont.net-Lesern zum erfolgreichsten Werbespot des Jahres 2009 gewählt.[12]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hinweis in Interview in: Reviersport 27/2012
  2. Alles für Hertha
  3. Der sanfte Pate
  4. Der 34. Spieltag der Bundesliga 1977/1978, in: www.t-online.sport-dienst.de
  5. Dietrich Schulze-Marmeling: Strategen des Spiels, Verlag Die Werkstatt, 2005, Seite 360, ISBN 3-89533-475-8
  6. Dettmar Cramer, in: www.transfermarkt.de
  7. Cramer, Dettmar (*1925) クラマー. デットマール, Fussballtrainer, Deutsch-japanische Erinnerungskultur
  8. Ulrike John: Der „Napoleon“ des Fußballsports wird 80. In: stern.de, 4. April 2005.
  9. Verrat vermieden. In: Der Spiegel, Heft 46/1968, 22. Jahrgang, S. 122.
  10. Boris Hermann: Trainerfuchs Dettmar Cramer – Ein Napoleon auf Weltreise. In: spiegel.de, 8. Juli 2005.
  11. Preisträger 2013, Ehrenpreis 2013. In: fussballbotschafter.de. Abgerufen am 24. Mai 2013.
  12. horizont.net.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

"So lange besser möglich ist, ist gut nicht genug", ausführliches Interview in: RevierSport 27/2012, S. 52f.