Division 1 1992/93

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Saison 1992/93 war die 55. Austragung der professionellen französischen Fußball-Division 1. Es war die bisher (Stand: April 2012) einzige Spielzeit, in der kein Meister gekürt wurde; dem die Tabelle nach 38 Spieltagen anführenden Olympique Marseille wurde der Titel nachträglich aberkannt und auch nicht dem Vizemeister zugesprochen (siehe das Kapitel zur „Affäre OM-VA“ weiter unten).

Teilnahmeberechtigt waren die Vereine, die die Vorsaison nicht schlechter als auf dem 17. Platz abgeschlossen hatten, dazu zwei direkte Aufsteiger aus der zweiten Division und der Gewinner der Relegationsrunde. Somit spielten in dieser Saison folgende Mannschaften um den Meistertitel:

Erster Spieltag war der 8. August 1992, letzter Spieltag der 2. Juni 1993. Über Weihnachten und Neujahr gab es eine dreiwöchige „Winterpause“.[1]

Verlauf, Ergebnisse und Tabelle[Bearbeiten]

Es galt die Zwei-Punkte-Regel; bei Punktgleichheit gab die Tordifferenz den Ausschlag für die Platzierung.

Die Spielzeit begann mit einem kleinen Jubiläum, denn für den FC Sochaux war es das 50. Jahr in Frankreichs höchster Liga.[2] Ansonsten verlief die Saison eher erwartungsgemäß, was den Kreis der Meisterschaftsanwärter betraf, und die französische Öffentlichkeit erfreute sich zusätzlich am Erfolgsweg von Marseille im europäischen Meisterwettbewerb.[3] In den ersten drei Vierteln hatten sich die üblichen Favoriten an der Spitze abgewechselt; zu Beginn war das der durch die Sponsorenmillionen von Canal+ verstärkte Hauptstadtclub PSG,[4] dann Nantes und schließlich Monaco; den Monegassen war dabei insbesondere ihre Heimstärke zugutegekommen, die sich schließlich in einer nahezu makellosen Bilanz von 17 Siegen und nur zwei Unentschieden im Stade Louis II äußerte.[5] Am 30. Spieltag rückte schließlich Marseille auf den ersten Platz der Tabelle der Division 1 vor und gab diesen bis zum Ende nicht mehr ab. Was folgte, war die affaire OM-VA und die rückwirkende Aberkennung des Meistertitels (siehe unten).

Am unteren Ende der Tabelle standen Toulon und insbesondere Nîmes relativ frühzeitig als Absteiger in die Division 2 fest; Schlusslicht Nîmes gewann insgesamt lediglich drei Partien, und davon nur eine vor eigenem Publikum. Die beiden Mannschaften wurden zur folgenden Saison durch die Zweitligisten SCO Angers und FC Martigues ersetzt; dazu gesellte sich aufgrund ihres Sieges in den Barrages als dritter Aufsteiger die AS Cannes.

AJ
Aux
Gi.
Bor
SM
Cae
AC
LeH
RC
Len
OSC
Lil
Ol.
Lyo
Ol.
Mar
FC
Met
AS
Mnc
HSC
Mpl
FC
Nan
Ol.
Nîm
SG
Par
AS
StÉ
FC
Soc
RC
Str
SC
Tln
FC
Tls
US
Val
AJ Auxerre 1:0 3:2 4:1 1:1 2:0 2:1 0:2 4:0 4:1 2:0 1:1 5:2 1:2 1:0 0:3 2:0 2:1 0:0 3:2
Girondins Bordeaux 1:0 2:0 3:0 0:0 3:0 0:0 1:0 2:1 1:0 2:1 3:0 1:1 1:1 0:0 3:0 1:1 1:1 2:0 3:0
SM Caen 2:1 1:0 3:3 0:1 4:3 3:2 2:3 0:1 1:0 2:3 1:1 2:2 0:2 0:0 2:0 3:0 2:1 4:1 3:0
Le Havre AC 0:0 0:1 2:3 0:1 1:0 2:0 1:3 2:1 0:0 1:1 2:0 2:0 1:1 0:1 0:0 3:0 2:1 3:2 0:0
Racing Lens 0:3 1:2 0:3 0:0 0:0 0:3 2:2 2:0 0:0 2:0 1:0 0:0 2:1 1:1 0:0 2:0 2:1 0:2 2:1
OSC Lille 1:0 0:2 1:0 2:1 0:0 1:1 2:0 1:1 1:1 0:0 1:1 2:2 0:0 0:0 0:0 2:3 1:0 2:2 1:2
Olympique Lyon 1:1 2:3 1:0 1:1 3:1 1:3 2:2 1:1 0:0 2:1 0:2 0:1 1:1 0:2 3:1 2:2 1:1 1:0 2:1
Olympique Marseille 2:0 0:0 2:1 1:1 2:0 4:1 2:1 3:2 1:0 1:1 0:1 6:1 3:1 1:0 2:0 5:0 5:2 2:1 2:1
FC Metz 0:1 1:1 1:0 2:3 1:2 0:0 2:0 2:1 1:0 1:1 4:0 3:0 2:1 2:2 5:1 3:0 0:0 1:1 0:0
AS Monaco 4:0 0:0 4:2 2:0 2:1 3:0 2:1 1:0 2:0 0:0 3:1 3:1 3:1 1:0 1:0 2:1 4:0 4:0 2:1
HSC Montpellier 1:0 2:0 2:0 2:0 1:2 3:0 0:2 1:1 1:0 0:0 1:0 1:0 0:0 1:2 1:0 1:1 1:1 0:1 1:3
FC Nantes 2:1 1:0 1:1 5:2 3:2 4:0 1:0 0:2 0:0 1:0 6:0 2:0 1:0 0:0 1:1 2:2 0:0 4:1 3:1
Olympique Nîmes 1:2 0:0 1:2 0:2 1:1 0:0 2:3 1:3 2:2 0:1 0:0 1:1 0:1 1:1 1:1 2:6 0:1 1:1 2:1
Paris Saint-Germain 2:0 5:0 2:0 1:0 1:1 3:0 1:1 0:1 5:1 1:0 1:0 1:0 2:3 3:1 2:0 1:1 2:0 0:0 2:0
AS Saint-Étienne 1:0 2:1 1:1 0:0 0:0 0:0 0:0 0:2 2:0 0:0 1:0 1:0 1:0 1:2 2:0 1:2 2:0 3:2 4:2
FC Sochaux 0:3 0:1 1:0 3:2 1:1 1:0 1:0 2:2 2:0 1:2 1:1 0:1 1:1 1:3 1:0 0:0 2:1 1:0 2:1
Racing Strasbourg 1:1 0:1 1:1 3:1 4:1 2:0 2:1 2:2 1:1 3:0 3:1 2:4 1:1 0:4 2:2 6:1 1:1 0:0 0:0
Sporting Toulon 1:2 0:0 1:1 1:2 2:2 1:0 0:0 0:0 1:0 4:5 1:0 1:3 1:0 0:2 0:0 0:4 0:2 2:0 1:2
FC Toulouse 2:1 2:0 1:1 1:0 0:0 0:0 0:0 3:1 0:0 0:2 1:3 2:0 3:0 2:2 0:0 1:0 1:1 1:1 1:2
US Valenciennes-Anzin 3:3 1:0 3:2 4:1 0:2 0:1 0:0 (a) 0:2 1:1 1:3 1:1 1:1 1:1 0:0 1:0 1:2 3:1 1:1
(a) Das Spiel zwischen Valenciennes und Marseille wurde für beide Mannschaften mit 0:0 Toren als verloren gewertet und ist so auch in die Tabelle hierunter eingeflossen.
Pl. Mannschaft Sp G U V Tore Tor-
diff.
Pkte.
1. Olympique Marseille (TV) 38 22 9 7 71:36 53:23
2. Paris Saint-Germain 38 20 11 7 61:29 +32 51:25
3. AS Monaco 38 21 9 8 56:29 +27 51:25
4. Girondins Bordeaux (A) 38 18 12 8 42:25 48:28
5. FC Nantes 38 17 11 10 54:39 45:31
6. AJ Auxerre 38 18 7 13 57:44 +13 43:33
7. AS Saint-Étienne 38 13 17 8 34:26 +8 43:33
8. Racing Strasbourg (A+) 38 12 16 10 58:57 +1 40:36
9. Racing Lens 38 12 16 10 36:41 –5 40:36
10. HSC Montpellier 38 12 12 14 36:41 36:40
11. SM Caen 38 13 9 16 55:54 +1 35:41
12. FC Metz 38 11 13 14 44:45 –1 35:41
13. FC Toulouse 38 9 16 13 36:45 34:42
14. Olympique Lyon 38 9 15 14 40:45 –5 33:43
15. Le Havre AC 38 11 11 16 42:53 –11 33:43
16. FC Sochaux 38 11 10 17 33:50 32:44
17. OSC Lille 38 7 16 15 26:48 30:46
18. US Valenciennes-Anzin (A) 38 9 11 18 42:56 29:47
19. Sporting Toulon 38 6 13 19 31:57 25:51
20. Olympique Nîmes 38 3 16 19 32:66 22:54

TV = Titelverteidiger, A = direkter Aufsteiger, A+ = Aufsteiger dank Relegationssieg

Erfolgreichste Torschützen[Bearbeiten]

Pl. Spieler Verein Tore
1 KroatienKroatien Alen Bokšić Marseille 23
2 Xavier Gravelaine Caen 20
3 DeutschlandDeutschland Jürgen Klinsmann Monaco 19
4 DeutschlandDeutschland Rudi Völler Marseille 18
5 Joël Tiéhi Le Havre 14
LiberiaLiberia George Weah Paris 14
7 Nicolas Ouédec Nantes 13
Bernard Ferrer Toulouse 13
9 Youri Djorkaeff Monaco 12
Frank Lebœuf Strasbourg 12
Franck Sauzée Marseille 12
12 Anthony Bancarel Toulouse 11
TschechienTschechien Luboš Kubík Metz 11
KamerunKamerun François Omam-Biyik Lens 11
15 ArgentinienArgentinien Jorge Burruchaga Valenciennes 10
TschadTschad Japhet N’Doram Nantes 10
Lionel Prat Sochaux 10
Zinédine Zidane Bordeaux 10

Mit insgesamt 886 Treffern in 380 Matches ergab sich ein Mittelwert von 2,3 Toren pro Partie.

Die „Affäre OM-VA“[Bearbeiten]

Olympique Marseille, das zu diesem Zeitpunkt die Tabelle mit vier Punkten Vorsprung anführte, musste am drittletzten Spieltag bei Valenciennes-Anzin antreten, das jeden Punkt gegen den Abstieg dringend benötigte.[6] Sechs Tage danach hatte OM das Champions-League-Finale gegen den AC Mailand zu bestreiten und beantragte deshalb eine Verlegung des Punktspiels; dies war vom Verband jedoch abgelehnt worden. Daraufhin telefonierte Marseilles Mittelfeldspieler Jean-Jacques Eydelie im Auftrag von Generaldirektor Jean-Pierre Bernès mit drei Spielern des Gegners, die er aus früheren gemeinsamen Jahren persönlich kannte. Jorge Burruchaga, Jacques Glassmann und Christophe Robert stimmten schließlich zu, für je 250.000 Francs (etwa 38.000 Euro) das Ihre dazu beizutragen, dass OM im Stade Nungesser nicht verlieren werde; Glassmann bezeichnete das später mit einem Terminus aus dem Radsport als „die Füße hochnehmen“ (lever les pieds).[5] Das Geld wurde im Marseiller Mannschaftshotel bar an eine der Spielerfrauen übergeben, und tatsächlich verlor Valenciennes die Begegnung mit 0:1. Allerdings hatte Glassmann Gewissensbisse bekommen und den Bestechungsversuch noch vor dem Spiel seinem Trainer Boro Primorac und dem Vereinspräsidenten gebeichtet; diese legten daraufhin in der Halbzeitpause gegenüber dem Schiedsrichter Protest ein, und auch Journalisten hatten von dem Vorgang noch während des Spiels erfahren.

Der Ligaverband Ligue de Football Professionnel (LFP) annullierte das Spielergebnis relativ kurzfristig – es wurde für beide Mannschaften als Niederlage gewertet –, und der Bundesrat der Fédération Française de Football beschloss im September die Aberkennung des Meistertitels. Im weiteren Verlauf des Jahres 1993 klärte die Staatsanwaltschaft von Valenciennes den Tathergang auf; sie bezeichnete den Betrug als eine „Manipulation aus der Macht der Gewohnheit heraus“.[7] Dabei rückten insbesondere OM-Präsident Bernard Tapie, ein erfolgreicher Unternehmer und bis März 1993 französischer Minister, und das finanzielle Gebaren des Klubs in den Mittelpunkt der Untersuchungen. Der Bericht stellte fest, dass sich bei einem Defizit von rund 400 Mio. Francs Ausgaben in der Höhe zwischen 110 und 160 Mio. nicht belegen ließen.[8] Außerdem soll Tapie im Juni 1993 versucht haben, Valenciennes' Trainer Primorac mit einer hohen Summe zu einer falschen Zeugenaussage zu veranlassen.[9] Nachdem die neue Spielzeit bereits in vollem Gange war, wurde Marseille von der LFP erst zur Saison 1994/95 strafweise in die zweite Division versetzt. Valenciennes war in den Barrages sportlich ohnehin abgestiegen und nicht weitergehend sanktioniert worden. Auch der europäische Fußballverband bestrafte den Champions-League-Sieger von 1993, der weder das Endspiel um den Super Cup bestreiten noch an der Champions League 1993/94 teilnehmen durfte.

Strafrechtlich ergingen im Mai 1995 vor dem Tribunal correctionnel von Valenciennes die Urteile gegen die Beteiligten. Tapie wurde zu zwei Jahren Haft, davon ein Jahr auf Bewährung (in der Berufung nur geringfügig reduziert), 20.000 Francs Strafe und dreijährigem Funktionsverbot verurteilt; eine Kombination aus Bewährungs- und Geldstrafen wurde auch gegen Bernès (zwei Jahre, 15.000 FF), Eydelie (ein Jahr, 10.000 FF), Burruchaga und Robert (jeweils sechs Monate, 5.000 FF) verhängt, und Roberts Ehefrau erhielt als „Geldbotin“ drei Monate auf Bewährung.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sophie Guillet/François Laforge: Le guide français et international du football éd. 2009. Vecchi, Paris 2008, ISBN 978-2-7328-9295-5
  • Jean-Philippe Rethacker/Jacques Thibert: La fabuleuse histoire du football. Minerva, Genève 2003², ISBN 978-2-8307-0661-1

Anmerkungen und Nachweise[Bearbeiten]

  1. Pierre Minier: 1943-2003 – Football Club de Nantes, le doyen de l’élite. Cahiers intempestifs, Saint-Étienne 2003, ISBN 2-911698-23-1, S. 357–360
  2. Guillet/Laforge, S. 205
  3. Jean-Philippe Rethacker: La grande histoire des clubs de foot champions de France. Sélection du Reader’s Digest, Paris/Bruxelles/Montréal/Zurich 2001, ISBN 2-7098-1238-X, S. 39
  4. Rethacker/Thibert, S. 684f.
  5. a b Hubert Beaudet: Le Championnat et ses champions. 70 ans de Football en France. Alan Sutton, Saint-Cyr-sur-Loire 2002, ISBN 2-84253-762-9, S. 170
  6. Die Darstellung der Affäre folgt Alain Pécheral: La grande histoire de l’OM. Des origines à nos jours. Éd. Prolongations, o.O. 2007, ISBN 978-2-916400-07-5, S. 316–318, sofern nicht anders angegeben.
  7. Rethacker/Thibert, S. 687
  8. Rethacker/Thibert, S. 688
  9. Dossier zum 20. Jahrestag des Spiels in France Football vom 14. Mai 2013, S. 43
  10. siehe den Bericht in den Nachrichten auf Antenne 2 vom 15. Mai 1995 bei ina.fr