Mercedes-Benz W 112

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Der Mercedes-Benz W 112 ist das in Sachen Ausstattung und Technik aufwendigste Modell der sogenannten Heckflossen-Baureihen von Mercedes-Benz.

Die offizielle Bezeichnung des Wagens lautet Mercedes-Benz 300 SE, es gibt ihn in zwei Limousinenvarianten sowie als Coupé und Cabriolet.

Alle 112er-Modelle basieren auf den praktisch identischen Karosserien ihrer jeweiligen Pendants der W 111-Baureihe und unterscheiden sich äußerlich nur durch eine umfangreichere Chromverzierung (breite Zierleiste in der Mittelsicke vom Scheinwerfer bis zur Rückleuchte, Radlaufchromleisten sowie eine breite Chromblende, die den gesamten Außenschweller verdeckt), außerdem bei den Limousinen durch eine deutlich höherwertige Innenausstattung (Echtholzrahmungen, edlere Stoffe in speziellen Dessins).

Mercedes-Benz
Mercedes-Benz "300 SE lang" (W112.015).jpg
W 112
Verkaufsbezeichnung: 300 SE
Produktionszeitraum: 1961–1965
Klasse: Oberklasse
Karosserieversionen: Limousine
Motoren: Ottomotor:
3,0 Liter
(118–125 kW)
Länge: 4875–4975 mm
Breite: 1795 mm
Höhe: 1455 mm
Radstand: 2750–2850 mm
Leergewicht: 1565–1615 kg
Vorgängermodell: Mercedes-Benz W 189
Nachfolgemodell: Mercedes-Benz W 108, Mercedes-Benz W 109

Limousine[Bearbeiten]

Heckansicht eines frühen 300 SE mit Ein-Rohr-Auspuff und schmalem Tür-Fensterchrom
Nachbau eines Mercedes-Benz 300 SE in weitgehend originalgetreuem Werks-Renntrimm

Allgemeines[Bearbeiten]

Der 300 SE (W 112.014) entstand von Februar 1961 bis Juli 1965 genau 5202 Mal. Parallel erschien etwas später der 300 SE lang (W 112.015) mit einem 10 cm längeren Radstand, und von dieser Variante wurden ab März 1963 (= Serienstart; 1 Vorserienwagen stellte Daimler-Benz im Dezember 1962 her) bis Juli 1965 in nur 1546 Exemplaren gebaut. Verglichen mit den Stückzahlen der anderen Heckflossenmodelle der Reihen W 110 (gesamt 628.282 Stück) und W 111 (gesamt 338.003 Stück) waren die 112er-Heckflossen also schon zur Zeit ihrer Entstehung eher selten anzutreffen.

Die Limousine mit „kurzem" Radstand hat markante, zusätzliche 300-SE-Schriftzüge an den C-Säulen-Blenden. Bei der Langversion jedoch befinden sich an dieser Stelle nur dezente, durchgehende Blenden – ohne die typische Chromsichel und ohne Schriftzüge – und daran lassen sich diese beiden 300-SE-Limousinen auf Anhieb auseinanderhalten.

Ein besonderer Unterschied zu allen anderen zuvor oder nachher gebauten Mercedes-Benz-Typen ist auf dem Kofferraumdeckel zu erkennen: Der 300-SE-Schriftzug wurde mit einer Chromumrahmung versehen (siehe Bild) und bildet somit das „Sahnehäubchen“ der ohnehin damals wie heute nicht unumstrittenen Menge an Zierrat beim W 112. Dieses spezielle, gerahmte Emblem ziert alle W-112-Limousinen von 1961 bis 1965, doch schon bald danach war es nicht mehr als Ersatzteil lieferbar und wurde im Bedarfsfall durch den von Anfang an rahmenlosen 300-SE-Schriftzug der Coupés und Cabriolets ersetzt.

Der 300 SE war in der Zeit zwischen der Einstellung des „Adenauer“ 300ers (W 189) Anfang 1962 und dem Erscheinen des Mercedes 600 (W 100) Ende 1963 die edelste (und als 300 SE lang die größte) Limousine, die Mercedes-Benz seiner Kundschaft zu bieten hatte.

Langversion[Bearbeiten]

Die Langversion entstand dabei in Handarbeit: Eine 300-SE-Karosserie wurde vom Band genommen, auf Höhe des Fonds quer durchgeschnitten und durch Einsetzen von strukturierten Blechstreifen um 10 cm verlängert. Auch die Fondtürstrukturen wurden auf diese Weise gestreckt. Nur die Dachhaut und die Fondtürhäute wurden jeweils als lang-spezifische Blechteile in einem Stück gepresst. Dieses Verfahren war aufgrund der kleinen Stückzahlen wirtschaftlicher als das gesonderte Pressen von Lang-Karosserieteilen (Werkzeugkosten) und wurde z. B. auch bei BMW E3-Limousinen der 1970er Jahre angewendet.

Es taucht beim 300 SE lang jedoch kein „L“ in der Typbezeichnung auf, weder auf dem Kofferdeckel noch in den Prospekten. Die Bezeichnung „300 SEL“ wurde erst beim Nachfolgemodell vom Typ W 109 eingeführt. Daher ist es falsch, einen langen Heckflossen-300 SE als „SEL“ zu bezeichnen.

Mit Erscheinen der Langversion im Frühjahr 1963 erhielten die 112er Limousinen schließlich sogar nochmals mehr Chromzierrat: Die Scheibenrahmen der Türen wurden konstruktiv abgeändert und mit breiten Chromrahmenblenden komplett abgedeckt – als weitere Maßnahme, eine optische Abgrenzung zur deutlich günstigeren 111er-Limousine zu schaffen, welche weiterhin mit den dünnen Chromstäben an den Fenstern gebaut wurde.

Technik, Antrieb[Bearbeiten]

Mercedes-Benz M189

Alle W 112 sind serienmäßig mit speziellen technischen Merkmalen ausgestattet, die damals als „Stand des Machbaren“ bezeichnet wurden und teils noch heute konstruktive Besonderheiten darstellen. Sie machen den eigentlichen, prestigesichernden Unterschied zu den W 111-Modellen aus:

  • Sechszylindermotor mit mechanischer Saugrohreinspritzung und zunächst 118 kW (160 PS), ab Februar 1964 mit 125 kW (170 PS)
  • neuentwickeltes Daimler-Benz-Viergang-Automatikgetriebe
  • neuentwickelte Luftfederung für konstantes Fahrzeugniveau in allen Situationen
  • Scheibenbremsen vorn und hinten
  • Servolenkung
  • Differentialsperre
  • Bremsniederhaltung an der Hinterachse für konstanten Radsturz

Der W 112 wird angetrieben vom Mercedes-Benz M 189, einem sehr aufwendig gefertigten Reihen-Sechszylindermotor mit drei Litern Hubraum. Der Motor wiegt aufgrund seiner Leichtmetall-Legierung (Kopf und Block) rund 40 kg weniger als die Vorläufer aus Grauguss, die im 300 SL („Flügeltürer" und Roadster) sowie im 300 (W 189, „Adenauer-Limousine“) zum Einsatz kamen. Durch diese Verringerung der vorderen Achslast wurde ein verbessertes Fahrverhalten (geringeres Untersteuern) erzielt.

In zeitgenössischen Testberichten (z.B. auto motor und sport, Heft 14, 1962) wurde bemängelt, dass die Schaltstufen der Automatik im Verhältnis zur Motorcharakteristik ungünstig angeordnet seien, es aber keine Alternative in Form eines optionalen Schaltgetriebes gibt. Daimler-Benz reagierte auf die Kritik und bot ab Frühjahr 1963 gegen Minderpreis von 1400 DM ein Viergang-Schaltgetriebe an. Auch ein ZF-Fünfgangschaltgetriebe wurde für Rennzwecke homologiert, gelangte aber nicht in den offiziellen Verkauf. Dennoch war der 300 SE auch mit den serienmäßigen Antriebsversionen durchaus leistungsfähig: die Höchstgeschwindigkeit liegt je nach gewählter Achs- und Getriebekombination bei bis zu 200 km/h – damals ein respektabler Sportwagenwert.

Preise[Bearbeiten]

Der 1963er Grundpreis für den 300 SE war 24.500 DM, beim 300 SE lang betrug er 27.800 DM. Je nach gewünschter Sonderausstattung konnte der Endpreis auch weit über 35.000 DM liegen. Zum Vergleich: ein VW-Käfer „Export“ kostete etwa 5400 DM, und ein Angestellter verdiente etwa 800 DM im Monat. Bemerkenswert ist an dieser Stelle zudem, dass der günstigste W 111 (220b) 1963 ab 12.160 DM zu haben war, und auch der schon recht gediegene 220 SEb „nur“ genau 15.450 DM (1962) kostete. Und das bei fast gleicher äußerer Erscheinung und identischem Platzangebot (die Langversion jeweils außer Acht gelassen). Letzteres gilt sogar für die gleich mehrere Stufen niedriger angesiedelten Typen der Baureihe W 110, die für gut 10.000 DM angeboten wurden.

Sonderausstattungen[Bearbeiten]

Eine spezifische Sonderausstattung für die 300-SE-Limousine war z. B. eine separate Fondraumheizung. Eine Zentralverriegelung, edle Velours- oder Feincordpolsterung sowie eine Trennwand mit elektrisch betätigter Scheibe waren indes nur für die Langversion lieferbar. Dazu gab es noch viele weitere, übliche Extras wie z. B. mechanisches Stahlschiebedach, Becker-Radio, Klimaanlage, Koffersatz, Colorglas, Gurte, Nackenstützen („Schlummerrollen“) etc. zu ordern. Die damals neuen Metallic-Lackierungen waren, was die Heckflossen-Limousinen angeht, ebenfalls allein den beiden 300er-Versionen vorbehalten. Es gab auf Wunsch für beide Typen auch Zweifarblackierungen (d. h. Dach und Radkappen in anderem Farbton als der Rumpf), jedoch bei der Langversion war eine Zweifarblackierung laut Preislisten-Fußnote „nicht empfehlenswert“. Dies hatte aber weniger mit der tatsächlichen Wirkung als vielmehr mit dem herstellerseitig gewollten Auftritt der Lang-Limousinen zu tun, um den die Marketingabteilung besorgt war: die anderen Heckflossentypen konnten mit jeder beliebigen Zweifarbkombination bestellt werden, aber die Langversion sollte immerhin den „Adenauer“-300d ersetzen und somit auch farblich möglichst gedeckt/seriös auftreten.

Motorsport[Bearbeiten]

Der Wagen wurde mit Normalradstand auch sehr erfolgreich in der Tourenwagen-Europameisterschaft und bei internationalen Rallye-Wettbewerbsfahrten eingesetzt, dort teilweise mit Direkteinspritzung wie beim 300-SL-Flügeltürer und weit über 150 kW. Im Mercedes-Benz-Museum ist ein 300 SE im originalgetreuen 60er-Jahre Werks-Renntrimm ausgestellt, siehe Bild oben. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eines der original eingesetzten Fahrzeuge, sondern um einen Nachbau (siehe Mercedes-Benz Classic, 3/2009, Seiten 54-60, "Nummer 617 lebt"), welcher technisch eher seriennah belassen wurde, und auch sonst mit gewissen Abweichungen vom Renn-Original daherkommt - als besonders auffällig sind hierbei das Vorhandensein eines Stahlschiebedaches und neuzeitlicherer Felgen zu nennen.

Coupé und Cabriolet[Bearbeiten]

Mercedes-Benz
300SECoupe.jpg
W 112
Verkaufsbezeichnung: 300 SE
Produktionszeitraum: 1962–1967
Klasse: Oberklasse
Karosserieversionen: Coupé, Cabriolet
Motoren: Ottomotor:
3,0 Liter
(118–125 kW)
Länge: 4880 mm
Breite: 1845 mm
Höhe: 1395 mm
Radstand: 2750 mm
Leergewicht: 1590–1690 kg
Vorgängermodell: Mercedes-Benz W 128/W 180 II
Nachfolgemodell: Mercedes-Benz C 107
Mercedes-Benz C 126
Mercedes-Benz 300 SE Cabriolet

Sie entsprechen technisch den Limousinen, debütierten im Februar 1962, also erst ein Jahr nach der Limousine (und den 111er Coupés und Cabriolets), und blieben bis Dezember 1967 im Programm, also 2 Jahre länger als ihre viertürigen Schwestermodelle (aber 4 Jahre kürzer als die 111er Coupés und Cabriolets). Sie haben im Gegensatz zu den Limousinen keine modischen Heckflossen, eine niedrigere Dachlinie, und wirken dadurch insgesamt eleganter und zeitloser, was ihnen schon viel früher einen Klassikerstatus bescherte. Diese Zeitlosigkeit ermöglichte es auch, dass sie praktisch unverändert parallel zu den Nachfolgern der 112er-Limousinen, den S-Klassen der W 108/W 109-Reihen, gebaut werden konnten. Es entstanden dennoch nur insgesamt 2419 Coupés (W 112.021) und 708 Cabriolets (W 112.023).

Die Karosserieformen beider Modelle wurden in der W 111-Baureihe weiter produziert bis 1971, ein Nachfolgemodell auf Basis der vor der Premiere stehenden S-Klasse-Limousine W 116 wurde jedoch nicht aufgelegt. Statt dessen entwickelte Daimler-Benz ein Coupé auf Basis des ebenfalls zu dieser Zeit vorgestellten neuen SL-Roadsters (R 107), dessen Proportionen (stark verlängerter Radstand) bis heute umstritten sind. Es wurde als Sportcoupé vom Typ SLC der Baureihe C 107 präsentiert. Ein echtes S-Klasse-Coupé wurde erst wieder mit dem Nachfolger des C 107 gebaut, nämlich mit dem 1981 vorgestellten SEC (C 126). Ein S-Klasse-Cabriolet gab es allerdings bis heute nicht mehr. Das gelungene E-Klasse-Cabriolet der Baureihe 124 (A 124) konnte zwar auch erstmals wieder vier vollwertige Sitzplätze bieten und ist sehr schnell zum Liebhaberstück gereift, aber an Eleganz und Prestige der Heckflossen-Coupés und -Cabriolets konnte auch dieses (Mittelklasse-)Modell nicht anknüpfen.

Heutige Situation[Bearbeiten]

Lange Zeit wegen der komplexen Technik etwas stiefmütterlich be- und gehandelt, sind die W 112 heute nunmehr gerade deshalb und wegen ihrer Seltenheit begehrte Oldtimer.

Rezeption[Bearbeiten]

Auf dem Cover des Albums Autobahn der Elektropop-Band Kraftwerk ist eine Mercedes-Benz W 112-Limousine abgebildet.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mercedes-Benz W 112 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien