Anastasia-Bewegung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Anastasia-Bewegung ist eine neureligiöse Bewegung im rechtsesoterischen Spektrum,[1] die auf der Anastasia-Buchreihe basiert.

Sie breitet sich seit 1997 von Zentralrussland aus und besitzt inzwischen weltweite Vertreter.[2] Die Bewegung wird als Neopaganismus[3][4] oder Rodismus[3][5] dem New Age[6][7] zugeordnet.

Ein Blick auf einige Gebäude der Korenskiye Rodniki („Wurzelquellen“), einer Anastasia-Siedlung im Bezirk Shebekinsky, Oblast Belgorod, Russland.

Die Bücherreihe und die daraus gebildete Ideologie, der Anastasianismus,[8] stehen immer wiederkehrend für seine teils verschwörungsideologischen, rassistischen und antisemitischen Inhalte in der Kritik.[1][9][8][10]

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ideologie der Bewegung beruht auf dem 10-bändigen Romanwerk Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands des russischen Esoterikers Wladimir Megre.

Gründer der Bewegung ist der Esoteriker und Geschäftsmann Wladimir Megre

Werke und Anastasianismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Werken Megres finden sich Ideen und Ansichten zu sämtlichen Bereichen der Lebensführung. Der Mensch im Verhältnis zur Natur, zu Gott und dem Universum wird thematisiert, ebenso wie ein Schöpfungsmythos und konkrete Ausrichtungen zum Geschlechterverhältnis und zur Kindererziehung.[11] Es wird das urbane, hoch technisierte Leben dem Ideal eines naturnahen, angeblich spirituell hochstehenden Daseins gegenübergestellt.[8] Die damit einhergehende Kritik an der modernen Welt, transportiert immer wieder antisemitische und kulturell rassistische Vorstellungen,[9] und basiert teils auf verschwörungstheorethischen und antidemokratischen Ansätzen.[8]

In der Anastasia-Ideologie mischen sich verschiedene parawissenschaftliche, esoterische und neureligiöse Vorstellungen. Die Religionen insgesamt, aber vor allem das Judentum, gelten dabei als negative, manipulative Systeme.[8] Anastasia, als gottesähnliche Schlüsselfigur, wird als allwissende junge Frau beschrieben, die übernatürliche Fähigkeiten aufweist, die der moderne Mensch weitestgehend verloren habe.[8][10] Sie betont, dass jeder Mensch ihren vollkommenen Zustand erreichen könne, wenn er sich an ihre Lehren hält.[10] Außerdem seien die Schlüsselfiguren bestehender Weltreligionen lediglich ältere Brüder Anastasias und haben nie ihre Vollkommenheit erlangt.[8]

Des Weiteren bedient sich Megres in seinen Werken der in der Neuen Rechten feststellbaren Russland-Begeisterung, die Wladimir Putin als starken Herrscher feiert.[8] So findet sich in den Romanen die auch „Rusdevismus“ genannte These, des „wedrussischen Ideals“ wieder, nachdem die russischen, europäischen, asiatischen und amerikanischen Völker eigentlich einer russischen Urkultur abstammen.[1][8] In dem Zuge wird die für ihren „wedrussischen“ Nationalismus und ihre Militarismusaffinität kritisierte Schetinin-Schule detailliert thematisiert.[1] Parallel dazu stützt sich die Bewegung im Entstehungsraum Russland auch deutlich stärker auf antiwestliche Gefühle als im deutschsprachigen Raum.[10]

Die von Megre entworfene „Lehre“ ist dabei in sich nicht stringent. Sie verändert sich von Band zu Band.[8]

Resultierende Kulte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach wachsender Popularität in Russland, der Ukraine und Weißrussland entstanden auch in Deutschland und Österreich Kommunen der Bewegung.[12] In Deutschland hat die Bewegung stand 2019 etwa 800 Anhänger in landwirtschaftlichen Siedlungen.[13] Die fortgeschrittenste Sektensiedlung Goldenes Grabow entstand 2014,[14][9] im Jahre 2022 existierten bereits über 20 Ableger in ganz Deutschland.[10]

Die Anhänger der Bewegung versuchen, gemäß den Ideen Anastasias zu leben, vorwiegend durch Schaffung von Familienlandsitzen und der Selbstversorgung.[8] Die Bewegung ist auch politisch aktiv und hat sich in einer Reihe lokaler oder regionaler Organisationen konstituiert, die locker zusammenarbeiten.

Auch die von Schtschetinins Konzept inspirierten LAIS-Lerngruppen, die sich im deutschsprachigen Raum vor allem in Österreich ausbreiten, werden vielfach der Anastasia-Bewegung zugerechnet.[1][15][16]

Der Anastasianismus ist eine weitverzweigte Bewegung, die esoterisches und parawissenschaftliches, aber auch antidemokratisches und antisemitisches Gedankengut vertritt. Damit fügt er sich hierzulande gut in bereits vorhandene alternativ-ökologische und spirituelle Bewegungen ein, womit sich vielfältige Schnittmengen und personelle Vernetzungen ergeben, die für den Außenstehenden kaum zu durchschauen sind.[8]

So bestehen personelle und strukturelle Verbindungen in rechtsradikale Szenen, wie die Identitären oder Reichsbürger,[1][9][17] zu Verschwörungstheoretikern[1] und zu Sekten wie die „Organische Christus GenerationIvo Sarseks.[8]

Die zentralen Akteure der rechtsesoterischen Bewegung richteten 2019 und 2020 zur Gewinnung von Mitstreitern dezentrale Treffen aus (statt Großevents wie den bundesweiten Anastasia-Festspielen), beispielsweise Herbstfeste an verschiedenen Wochenenden im September.[18]

Auseinandersetzung und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während sich einige Politiker zu einzelnen Aspekten positiv äußerten, wie etwa der seinerzeitige russische Präsident Medwedew „die Idee der Familienlandsitze [… als] absolut positiv“ wertete,[19] wird die Bewegung im Ganzen von Historikern und Religionswissenschaftlern sowie Vertretern der Russisch-Orthodoxen Kirche als „totalitäre, destruktive Sekte[20] oder „neuheidnische Bewegung, die sich unter dem Deckmantel ökologischer Lösungen an ihren Anhängern betrügerisch bereichern will“,[21] kritisiert. Der Autor Wladimir Megre reagierte auf die Sektenvorwürfe mit einer Kurzgeschichte, in der sich einzelne Menschen und Familien jeweils als eigene „Ich-Sekte“ bezeichnen.[22]

Von Sektenbeauftragten, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern wird die Bewegung aufgrund der rechtsesoterischen, verschwörungsideologischen und antisemitischen Inhalte sowie der rechtsextremen, nationalistisch-völkischen Blut-und-Boden-Ideologie kritisiert.

InfoSekta, eine schweizerische Fachstelle für Sektenfragen, stuft die Bewegung als problematisch ein. Sie besitze eine stark nationalistische, verschwörungstheoretische und rechtsesoterische Ausrichtung. Zahlreiche ihrer zentralen Protagonisten verträten Verschwörungstheorien und verkehrten in rechtsnationalistischen Kreisen. Kritisiert wird zudem der dezidierte Antisemitismus in den Verschwörungstheorien Megres.[1] Der steirische ESO-Jahresbericht 2015 beschreibt, wie sich rechtsextreme und nationalistische Kräfte, die ihre Ansichten „esoterisch verbrämt verbreiten“, unter den eher linksliberalen Mainstream der Szene mischen, und kritisiert das rege kommerzielle Geschäft, das sich rund um den Kult entwickelt habe.

Burkhard Körner, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz, stellte in einem TV-Beitrag des Bayerischen Rundfunks fest, dass man wegen der völkischen und antisemitischen Elemente ihrer Ideologie den Versuchen der Anastasia-Bewegung, Schulen zu gründen, „mit allen Mitteln entgegenwirken“ müsse.[23]

Zugeordnete Siedlungsgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Siedlungsprojekte ohne offizielle Benennung in Steinreich und Liepe (Brandenburg).[28]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Hildebrandt: Die Aussteigerin. Rubrik „Glauben & Zweifeln“. In: Die Zeit. Nr. 25, 13. Juni 2019, S. 46.
  • Andrea Röpke, Andreas Speit: Völkische Landnahme: Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos. Ch. Links Verlag, Berlin, 2019, ISBN 978-3-86153-986-5.
  • Mattias Greuter: Arier sind die besseren Aliens. In: Schaffhauser AZ, 1. Mai 2018.
  • Silvio Duwe: Anastasia – ein völkisch-esoterischer Siedlungskult. In: Matthias Pöhlmann (Hrsg.): Verborgene Wahrheit? Verschwörungsdenken und Weltanschauungsextremismus (= EZW-Texte 269). Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin, 2020, ISSN 0085-0357.

Fernsehberichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Audios[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Einordnung der Anastasia-Bewegung im rechtsesoterischen Spektrum. (pdf; 424 kB) In: infoSekta.ch. 10. November 2016, abgerufen am 16. Dezember 2020.
  2. James R Lewis: Handbook of Nordic new religions. 2015, ISBN 978-90-04-29244-4, S. 441–456 (worldcat.org [abgerufen am 25. Juni 2022]).
  3. a b Yashin, Vladimir Borisovich; Kostin, Boris Ilyich (2018). "Неоязыческий компонент в движении почитателей Анастасии: кейс поселения родовых поместий 'Имбирень' (Омская область)" Minin Universität.
  4. Gaidukov, Aleksey (2015). "Русскоязычный Интернет и Родноверие" [Russian-language Internet and Rodnovery]. Donetsk National Technical University.
  5. Kaarina Aitamurto: Paganism, Traditionalism, Nationalism: Narratives of Russian Rodnoverie. Routledge, 2016, ISBN 978-1-317-08442-6 (google.co.id [abgerufen am 25. Juni 2022]).
  6. Andreeva, Julia Olegovna (17 Oktober 2019). "'Traditional' in the Russian New Age Community of Ecovillagers". New Age in Russia — Ideologies, Networks, Discourses. Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
  7. Chernishkova, Zoya E. (2014). "Religions of 'New Age': Religious Studies' Analysis". Journal of the Siberian Federal University. Humanities.
  8. a b c d e f g h i j k l m Matthias Pöhlmann: Die Anastasia-Bewegung verbreitet antisemitisches Gedankengut. In: Herder. Juli 2018, abgerufen am 25. Juni 2022.
  9. a b c d Matthias Quent, Oliver Noffke: Fragen und Antworten zur Anastasia-Bewegung. In: Tagesschau. 29. Oktober 2020, abgerufen am 25. Juni 2022.
  10. a b c d e f Anastasia-Bewegung: Grüne Wiesen, braune Gedanken. In: Moskauer Deutsche Zeitung. 8. April 2022, abgerufen am 25. Juni 2022 (deutsch).
  11. Rasa Pranskevičiūtė: The “Back to Nature” Worldview in Nature-based Spirituality Movements: The Case of the Anastasians. In: James R. Lewis, Inga Bårdsen Tøllefsen: Handbook of Nordic New Religions. S. 441–456, doi:10.1163/9789004292468.
  12. Roman Schweidlenka: ESO Jahresbericht 2015. Logo ESO.Info, Juli 2015.
  13. Grüner Garten, brauner Boden. In: Kontraste. Das Erste, 11. April 2019, abgerufen am 25. Juni 2022.
  14. a b Andreas Speit: Rechtsesoterische Anastasia-Bewegung: Steuergeld für rechte Siedlung. In: taz.de. 29. Oktober 2020, abgerufen am 16. November 2020.
    Silvio Duwe, Lisa Wandt: Siedler-Bewegung Anastasia – Grüner Garten, brauner Boden. In: RBB/Das Erste, Sendung „Kontraste“. 11. April 2019, abgerufen am 15. Dezember 2020.
  15. Werner Reisinger: Lais-Lerngruppen – Grüne Schule, brauner Anstrich. In: wienerzeitung.at. 17. Juni 2017, abgerufen am 16. Dezember 2020.
  16. Werner Reisinger: Lais-Schulen: „Seid doch alle ein wenig natürlicher!“ In: wienerzeitung.at. 10. Juni 2017, abgerufen am 16. Dezember 2020.
    Ina Weber: Markhof: „Da machen wir nicht mit“. In: wienerzeitung.at. 23. Mai 2017, abgerufen am 16. Dezember 2020.
  17. Sebastain Leber: Wo die Anhänger der Rassenlehre am Lagerfeuer feiern. In: Tagesspiegel. 20. Dezember 2020, abgerufen am 25. Juni 2022.
  18. Petra Korn, Ingo Kugenbuch: Protest: Nur ein Früchte-Fest? In: mz-web.de. 7. September 2020, abgerufen am 19. September 2020 (Artikelanfang abrufbar).
  19. Владимир Мамонтов (Wladimir Mamontow): Интернет-конференция с Дмитрием Медведевым. In: d-a-medvedev.ru. 28. Februar 2012, abgerufen am 16. Dezember 2020 (russisch).
  20. Тоговый документ международной научно-практической конференции “Тоталитарные секты – угроза XXI века”, проходившей в нижнем новгороде 23 – 25 апреля 2001 г. In: iriney.ru. Zentrum für Religionswissenschaft im Namen des Heiligen Märtyrers Irenäus von Lyon, 25. April 2001, archiviert vom Original am 18. Februar 2007; abgerufen am 16. Dezember 2020 (russisch, Abschlussdokument der Konferenz „Totalitäre Sekten – Bedrohung des 21. Jahrhunderts“).
  21. Александр Ярков (Alexander Jarkow): Босоногая девица Настя. In: Nesawissimaja Gaseta. 2. Juli 2008, archiviert vom Original am 5. Februar 2009; abgerufen am 16. Dezember 2020 (russisch).
  22. Wladimir Megre: Die Ich-Sekte. In: Weda Elysia. 2003, archiviert vom Original am 6. März 2016; abgerufen am 16. Dezember 2020 (Übersetzung von Heidt; auch in: Taiga. 1/2004, Verlag Silberschnur).
  23. Silvio Duwe, Jens Kuhn: Die Story: Braune Ideologie hinter grüner Fassade. In: BR-Sendung „Kontrovers – Das Politikmagazin“. 21. November 2018, abgerufen am 15. Dezember 2020 (Video auf YouTube; 16:32 Minuten).
  24. Christoph Richter, Susanne Betz: Anastasia-Bewegung spaltet Dorf: Esoterik und Rassismus. In: br24. 12. Dezember 2021, abgerufen am 24. Juni 2022.
  25. Sebastian Lipp: Esoterik und Rechtsextremismus: Rechte Oase in Bayern. Die Zeit, 22. Oktober 2021, archiviert vom Original am 23. Oktober 2021; abgerufen am 23. Oktober 2021.
  26. a b c Silvio Duwe: Naturliebe und Menschenhass. Hrsg.: Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen e.V. Anastasia-Siedler*innen in Deutschland, S. 35–40 (boell.de [PDF]).
  27. a b Ameli Uhlig: Anastasia-Bewegung: Rechts-esoterische Siedler*innen im ländlichen Raum. 20. Juli 2020, abgerufen am 12. Oktober 2021.
  28. Manfred Rey: Unterschätzte Gefahr? Anhänger der Anastasia-Bewegung siedeln sich in Brandenburg an. In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 15. November 2020, abgerufen am 25. Juni 2022.
  29. "Anastasia"-Siedlungen: Vermeintliche Ökoparadiese mit rechtem Einschlag. Abgerufen am 11. Oktober 2021 (österreichisches Deutsch).