Zofia Potocka

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Anton Graff: Zofia de Witte, ca. 1781.

Zofia Potocka, ukrainisch Софія Костянтинівна Потоцька Sofija Kostjantyniwna Potozka, russisch София Константиновна Потоцкая Sofija Konstantinowna Potozkaja, geborene Glavani, geschiedene de Witte (* 12. Januar 1760 in Bursa; † 24. November 1822 in Berlin) war eine Femme fatale, die es von der minderjährigen Kurtisane in Istanbul zur Gattin des reichsten Magnaten Russisch-Polens brachte.

Mit ihrer außergewöhnlichen Schönheit und ihrem abenteuerlichen Leben als Geliebte Prominenter in der promiskuitiven Aristokratie des Ancien Régime wurde sie wie ihre Zeitgenossinnen Madame du Barry und Lady Hamilton Gegenstand semifiktionaler und populärwissenschaftlicher Literatur. Bedingt durch die konfliktreiche Geschichte Polens und die ungünstige Quellenlage, reichte die Bandbreite des Hinzugedichteten bzw. Hineininterpretierten dabei von der Dämonisierung bis zur Idealisierung ihrer Person.

Herkunft, erste Liaison (1760–1779)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean-Baptiste Hilaire: Hafen von Istanbul, um 1780.

Zofia Glavani soll im bithynischen Bursa, 150 Kilometer südlich von Istanbul, als Tochter des griechischen Viehhändlers Konstantin Glavani und seiner Frau Maria geboren worden sein. 1772 scheint sich die Familie in Istanbuls Stadtteil Pera niedergelassen zu haben, wo italienische Kaufleute und die ausländischen Botschafter wohnten. Dort starb anscheinend der Vater.

Als Zofia 17 Jahre alt war, soll die Mutter sie an Karol Boscamp-Lasopolski verkauft haben, der 1777/78 außerordentlicher Internuntius und bevollmächtigter Minister des Königs und der Republik von Polen bei der Hohen Pforte war.[1] Dabei wurde sie offenbar fälschlich als Angehörige der vornehmen Familie Celice de Maurocordato ausgegeben. Boscamp soll sie zu seiner Mätresse gemacht und ihr Unterricht in seiner Muttersprache Französisch verschafft haben, in der die Diplomatie und der europäische Hochadel verkehrten. Nach seiner Rückkehr nach Warschau scheint sie als Kurtisane gearbeitet zu haben.

Erste Ehe, Europareise (1779–1787)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1779 soll Zofia dem inzwischen verwitweten Boscamp auf dessen Aufforderung hin nach Polen gefolgt sein. Sie heiratete aber nicht ihn, sondern in der polnischen Grenzstadt Kamjanez-Podilskyj den Major der königlichen Artillerie Józef de Witte (1739–1815), der – aus dem Porträt des gemeinsamen Sohnes Jan zu schließen – um Größenordnungen attraktiver war als der inzwischen verabschiedete Diplomat. Schwiegervater Jan de Witte war nicht nur Kommandant der Festung Kamjanez im Rang eines Generalmajors, sondern auch ein bedeutender Architekt, dessen Dominikanerkirche in Lwiw zum UNESCO-Welterbe zählt. Józef soll das Kriegshandwerk als Stückjunker in Wien erlernt und sich danach in Frankreich weitergebildet haben.

1781 ließ sich Zofia von ihm nach Warschau begleiten, wo sie Gäste König Stanisław Poniatowskis waren. Dann ging es weiter nach Berlin, Brüssel, Paris und Wien. Die „Schöne Bithynierin“ scheint zur Ikone der Türkenmode geworden zu sein (Mozarts Entführung aus dem Serail datiert von 1782) und Affären in den allerhöchsten Kreisen gehabt zu haben. 1781 gebar sie in Paris den erwähnten ersten Sohn, 1784 in Kamjanez einen zweiten, früh verstorbenen. Als der Schwiegervater 1785 starb, wurde ihr Gatte im Rang eines Obersten dessen Nachfolger als Kommandant von Kamjanez.

Türkenkrieg, Potjomkin (1787–1791)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Schütz: Übergabe von Bender (Moldawien) an Potjomkin, 1789.

Nach Ausbruch des Russisch-Österreichischen Türkenkriegs sollen die Wittes für Russland spioniert haben. 1788/89 wurde Zofia in Warschau von Giovanni Battista Lampi porträtiert. Nachdem dieser die Köpfe seiner Modelle gemalt hatte, vollendete er die Gemälde in Wien. Frau de Witte erscheint darauf einmal als keusche Vestalin, einmal als Siegreiche Venus.[2] Im Verlauf des Krieges gelangte sie ins Hauptquartier des russischen Oberkommandierenden Grigori Potjomkin, der sich mit schönen Frauen umgab, und soll dessen Mätresse geworden sein. Ihr Gatte wurde 1789 zum Generalmajor ernannt, aber im selben Jahr als Generalleutnant verabschiedet. Darauf trat er als Kommandant von Cherson (Ukraine) in russische Dienste.

Als Potjomkin 1791 im Triumph nach Sankt Petersburg zurückkehrte, befanden sich die Wittes in seinem Gefolge. Zofia machte als „Sultana“ des Helden Furore. Der Verfasser einer populärwissenschaftlichen Potjomkin-Biografie beschreibt sie als „now twenty-five years old, with blonde curls, a noble Grecian face and violet eyes“.[3] In Wirklichkeit war sie sechs Jahre älter, und die meisten Porträts widersprechen der zitierten Beschreibung. Auch verdankte sie den gesellschaftlichen Erfolg wohl auch anderen Qualitäten als ihrem Aussehen.

Untergang Polens, Potocki (1791–1795)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hotel Potocki, Hamburg, 1793/94, zerstört 1867 (Foto um 1860).

Nach Potjomkins plötzlichem Tod liierte sich Frau de Witte mit dem reichsten Magnaten Polens, Stanisław Szczęsny Potocki (1751–1805). Dieser lebte meist auf seiner Herrschaft Tultschyn (Ukraine) und soll von seiner Gattin, die dem Hofstaat Katharinas II. angehörte, betrogen worden sein. Den Verlust seiner Privilegien befürchtend, lehnte er die liberale Verfassung Polens vom 3. Mai 1791 ab. 1792 beteiligte er sich als Marschall der Konföderation von Targowica an der Planung der Intervention Russlands in Polen, die er mit seinen Anhängern auch militärisch unterstützte.

Nachdem sich Frau de Witte noch 1786 in eine Intrige gegen die Magnatenpartei hatte einspannen lassen,[4] zog sie nun in den klassizistisch-kalten Palast ein, den Potocki in Tultschyn hatte errichten lassen. Von der zweiten Teilung Polens 1793 bis zur endgültigen dritten 1795 lebte das Paar dann in Hamburg, wo sich Potocki eigens ein (etwas weniger pompöses) Palais bauen ließ.[5] Nach dem Kościuszko-Aufstand von 1794 wurde er in Polen als Verräter zum Tode verurteilt, sein Vermögen konfisziert. Zofias erster Liebhaber Boscamp-Lasopolski fiel als angeblicher russischer Agent der Lynchjustiz zum Opfer.

Zweite Ehe, Sofijiwka (1796–1805)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ukrainische Briefmarke zum 200-Jahr-Jubiläum des Sofijiwka-Parks.

Auf seine nunmehr zu Russland gehörenden Besitzungen zurückgekehrt, nannte Potocki seinen Palast bei Uman Sofijiwka. Der Landschaftspark, den er dort ab 1794 nach Zofias Wünschen anlegen ließ, zählt heute wie die Festung Kamjanez zu den touristischen Sehenswürdigkeiten der Ukraine. Wittes Einwilligung in die Scheidung ließ sich erkaufen. 1798 war auch Potocki geschieden und konnte seine Mätresse heiraten. Die Hochzeitsreise führte die beiden nach Italien, wo von Frankreich unterstützte Revolutionäre gerade den Kirchenstaat und das Königreich Neapel in Republiken umzuwandeln suchten.

Józef de Witte schloss 1801 eine zweite Ehe mit Karolina Ostroróg. Diese erhob schwere Vorwürfe gegen ihre Vorgängerin, als Potocki 1805 starb. Zofia soll namentlich auch ihren zweiten Gatten – selbst mit dessen eigenem Sohn Szczęsny Jerzy (1776–1809) – betrogen und schließlich in den Wahnsinn getrieben haben.

Nachkommen, Tod (1805–1822)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Potocki-Palast, Tultschyn (Ukraine), 1780er Jahre.

Der älteste ihrer Söhne, Jan de Witte (1781–1840), wurde russischer Militärgouverneur von Warschau. Von den acht Kindern, die Zofia mit Potocki hatte, überlebten nur die fünf ehelich geborenen: Aleksander (1798–1868), Mieczysław (1799–1878), Zofia (1801–1875), verheiratet mit Pawel Dmitrijewitsch Kisseljow, Olga (1803–1861), verheiratet mit Lew Alexandrowitsch Naryschkin, und der offenbar von Szczęsny Jerzy gezeugte Bolesław (1806–1875). Dass Zofia erklärte, Mieczysław sei das Ergebnis einer in Italien erfolgten Vergewaltigung, hing wohl damit zusammen, dass ihr dieser Sohn die Erbberechtigung streitig machte.

1822 soll sie geplant haben, sich in Paris einen Tumor im Unterleib entfernen zu lassen, an dem sie seit Langem gelitten hatte. Sie schaffte es aber nur noch bis Berlin, wo sie mit 62 Jahren starb.

Porträts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liebhaber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karol Boscamp-Lasopolski: Moje przelotne miłostki z młodą Bitynką. Opowieść prawdziwa, czyli malowniczy życiorys sławnej piękności grecko-azjatyckiej... Całość wyjęta z dziennika byłego ministra przy Porcie Ottomańskiej... (Meine flüchtige Affäre mit einer jungen Bithynierin. Wahre Geschichte, oder pittoreske Biografie der berühmten griechisch-asiatischen Schönheit … Ganz aus dem Tagebuch eines ehemaligen Ministers bei der Pforte entnommen …). Hrsg. v. Jerzy Łojek, Wydawnictwo Literackie, Kraków 1963, darin Originaltext: Mes amours éphémères avec une jeune Bithynienne. Roman véritable, ou bien biographie pittoresque de la fameuse beauté gréco-asiatique... Le tout tiré du journal d’un ancien ministre près la Porte... (S. 97–142).
  • Jerzy Łojek: Dzieje pięknej Bitynki […] (Geschichte der schönen Bithynierin […]). Wydawnictwo Pax, Warszawa 1970 (Maßgebliche Biografie).
  • Jerzy Łojek: Potomkowie Szczęsnego […] (Szczęsnys Nachkommen […]). Wydawnictwo Lubelskie, Lublin 1983.
  • Jerzy Łojek: Dzieje zdrajcy (Geschichte eines Verräters). Wydawnictwo Śląsk, Katowice 1988, ISBN 83-222-0119-2 (Biografie Stanisław Szczęsny Potockis).

Fiktionales[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Zofia Potocka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Władysław Konopczyński: Karol Boscamp-Lasopolski. In: Polski Słownik Biograficzny, Polska Akademia Nauk, Kraków 1936, Band 2, S. 373.
  2. Fernando Mazzocca, Roberto Pancheri, Alessandro Casagrande (Hrsg.): Un ritrattista nell’Europa delle corti: Giovanni Battista Lampi, 1751–1830, Provincia Autonoma di Trento, Trento 2001, S. 230 f. (Vestalin), S. 276 f. (Siegreiche Venus).
  3. Sebag Montefiore: Prince of Princes: The Life of Potemkin. Weidenfeld & Nicolson, London 2000, ISBN 0-312-27815-2, S. 461.
  4. Marquis d’Aragon: Un paladin au XVIIIe siècle : le prince Charles de Nassau-Siegen, d’après sa correspondance originale inédite de 1784 à 1789. E. Plon, Nourrit et Cie, Paris 1893, S. 95–97 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttps%3A%2F%2Farchive.org%2Fdetails%2F8MSUP411%2Fpage%2Fn108%2Fmode%2F1up~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  5. Theodor Schrader: Hotel Potocki. In: Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte. 11. Band, 33/1913, S. 417–427, 450–453 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttps%3A%2F%2Fwww.deutsche-digitale-bibliothek.de%2Fitem%2FHJMU3725ZIFUAV63OYZIONXPLDLSUAM5~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).