Neues Geistliches Lied

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Konzert mit neuen geistlichen Liedern

Mit Neues Geistliches Lied (NGL) wird ein musikalisches Genre bezeichnet, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkam und folgende charakteristische Merkmale aufweist:

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als erstes Neues Geistliches Lied gilt Seigneur, mon ami von Père Aimé Duval, erschienen 1955.

1956 führte der Kirchenmusiker Helmut Barbe sein Musical Hallelujah Billy auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main auf. In diesem Werk verwendete er erstmals Elemente aus der Jazz-Musik. Das Echo auf diese Aufführung war – vor allem bei jungen Menschen – sehr positiv.

Père Maurice Cocagnac sang 1962 auf dem deutschen Katholikentag seine religiösen Chansons.

Die Künstlergruppe TAKT ab 1947[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textautoren und Komponistentagung der Künstlergruppe TAKT auf dem Knivsberg (1988)

Die Gruppe TAKT (für Textautoren- und Komponisten-Tagung) ist eine Künstlergruppe von Autoren und Komponisten, die nach ihrer Gründung 1947 maßgeblich an der Entstehung der Musikgattung Neues Geistliches Lied beteiligt war. Viele von Mitgliedern der Gruppe TAKT geschaffene Lieder haben Eingang in die verschiedenen Liederbücher der christlichen Kirchen gefunden. Eine eigene Auswahl hat die Gruppe zum Kirchentag in Köln 2007 herausgegeben. Das Liederbuch Singen, um gehört zu werden ist im Strube-Verlag erschienen und umfasst 119 TAKT-Lieder aus drei Jahrzehnten.

Wettbewerbe ab 1962[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richtungsweisend in der Geschichte des Neuen Geistlichen Liedes waren die vier Wettbewerbe der Evangelischen Akademie in Tutzing. Zum ersten, vom evangelischen Studentenpfarrer von München Günther Hegele initiierten Wettbewerb wurden 996 Beiträge eingesandt, die „dem von Jazz und Unterhaltungsmusik geprägten musikalischen Resonanzvermögen der Jugend entsprechen“ sollten.

1. Wettbewerb 1962
1. Preis: Danke für diesen guten Morgen, Text und Musik: Martin Gotthard Schneider
2. Preis: Zeig uns den Weg
Auszeichnung: Uns ist ein Kind geboren
2. Wettbewerb 1963
1. Preis: Weil du „Ja“ zu mir sagst, Text: Christine Heuser, Musik: Oskar Gottlieb Blarr
2. Preis: Bleibe bei uns Herr! („Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“), Text und Musik: Martin Gotthard Schneider
3. Preis: Lass uns spüren, Text und Musik: Alfred Hans Zoller
1. Preis Chorlieder: Gott ist unsre Zuversicht von Heinz W. Zimmermann
2. Preis Chorlieder: Von guten Mächten, Text: Dietrich Bonhoeffer, Musik: Herbert Breuer
Weitere Lieder: Gott meint es gut mit dir von Martin Gotthard Schneider; Der Teufel von Dietrich Mendt; Ich zieh meine dunkle Straße von Klaus Kleinau; Funde am Weg von Ernst Fröhlich; Der Weg der Barmherzigkeit („Zwischen Jericho und Jerusalem“) von Martin Gotthard Schneider; Im Garten von Gethsemane von Jacqueline Jürgens; Wehr dich nicht von Martin Gotthard Schneider

1963 wurde die Dominikanerin Jeanne-Paule Marie Deckers als Sœur Sourire mit Dominique weltberühmt.

1965 wurde der Euphorie vieler Kirchenmusiker und Chöre zunächst Einhalt geboten. Der Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings untersagte die Verwendung von Jazz, Negro Spirituals und „geistlichen Schlagern“ in der Kirche. Wenig später, im Mai 1966, sprach sich auch die Deutsche (katholische) Bischofskonferenz gegen diese Art der Kirchenmusik aus.

Ergänzungshefte neben dem Evangelischen Kirchengesangbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ablehnung des Evangelischen Kirchengesangbuches von 1950 durch jüngere und progressive Milieus führte in den Evangelischen Kirchen allerdings "zur Forderung nach neuem Liedgut und zur Produktion einer Flut Neuer Geistlicher Lieder, die zunächst (weithin ohne Kontrolle durch die Kirchenleitungen) hektographiert wurden und als Kopien Verbreitung fanden"[1].

Verschiedene evangelische Landeskirchen reagierten nun aber konstruktiv auf die Kritik. Sie gaben Sammlungen mit neuen Liedern für die liturgische Arbeit in den evangelischen Gottesdiensten frei. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern erschien 1982 das Ergänzungsheft "Silberpfeil", das im Jahr 2011 durch das Heft "Kommt, atmet auf"[2] mit weiteren 176 Liedern weitergeführt wurde. Auch die Evangelische Landeskirche in Württemberg reagierte ähnlich. Sie publizierte "im Lutherjahr 1983" (so das Vorwort) für ihre Gemeinden das Heft "Neue Lieder - ein Angebot für die Gemeinden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg herausgegeben vom Evangelischen Oberkirchenrat Stuttgart"[3], das starke Verbreitung fand und 112 der Neuen geistlichen Lieder in den Gottesdiensten etablieren half. Hier tauchten im Notenbild auch Gitarrengriffe auf, die signalisierten, dass die Liedbegleitung nicht nur der Kirchenorgel anvertraut sein sollte.

Liederbücher und Gesangbücher im katholischen und ökumenischen Bereich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Musikgruppe Habakuk ist bis heute ein wichtiger Multiplikator auf Kirchentagen, wenn es um das Neue Geistliche Lied geht

Im katholischen und ökumenischen Bereich erschienen in dieser Zeit erste Liederbücher mit Beiträgen zu Lobpreis und Anbetung, etwa Jericho, herausgegeben von Karl Natiesta und Tom Runggaldier (1970) oder Schalom – Ökumenisches Liederbuch (1971).

Ein wichtiger Beitrag zur Verbreitung neuer geistlicher Lieder war das Liederbuch Das Lob, das 1979 von Josef Mittermair (Pettenbach) erstmals aufgelegt wurde. Das Liederbuch sammelte die gesamte Bandbreite des vorhandenen neuen geistlichen Liedgutes: die in „Beatmessen“ verwendeten deutsch textierten Spirituals, Chansons von Maurice Cocagnac, Alfred Flury, Aimé Duval und Sœur Sourire, von Tonträgern und aus dem Radio „heruntergehörte“ Lieder wie Vater unser von Giorgio Moroder und viele andere Lieder. Die Gen-Rosso-Messe fand durch dieses Liederbuch Verbreitung, ebenso wie die Tiroler Jugend- und Kindermessen von Raimund Kreidl und die auch heute noch gerne bei Erstkommunionen gesungene Pfälzer Kindermesse von Hartmut Wortmann. Im April 2013 erschien dieses Liederbuch in der 14. Auflage.[4]

In der Zeit der DDR ab 1975 – und auch noch nach der Wende – konnte ein jährlich erscheinendes Liedheft der Jugend zum Dreifaltigkeitssonntag etabliert werden. Diese Liedersammlungen erscheinen auch heute noch jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt. Herausgeber ist inzwischen die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der deutschen Bischofskonferenz.

Musicals und Pop-Oratorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neue Hoffnung schöpften die Reformer, als 1968 das Musical Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat von Andrew Lloyd Webber veröffentlicht wurde. Als dann 1970 dessen Musical Jesus Christ Superstar aufgeführt wurde, setzten sich die Bemühungen nach zeitgemäßer Kirchenmusik fort.

Sacropop[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Sacropop“ – neue Kirchenmusik mit Stilmitteln moderner Popmusik – wurde 1971 von Peter Janssens geprägt. Dabei geht es nicht nur um gottesdienstliche Gebrauchsmusik, sondern auch um konzertante Großformen wie Musicals und Pop-Oratorien, die aber das Neue Geistliche Lied mitprägen sollten.

Peter Janssens ging es beim Neuen Geistlichen Lied immer auch um eine Erneuerung der Liturgie "aus dem Geist des 2. Vatikanischen Konzils". So lautet ein Titel seiner Lieder: "Andere Lieder wollen wir singen ... der Herr führt uns auf neues Land". Diese Textzeile von 1972 aus der Hand von Alois Albrecht geriet im Vorwort zu seiner großen Liedersammlung aus dem Jahre 1992 zu einem bestimmenden Motto seiner Bemühung um das Neue Geistliche Lied[9]

Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg ab 1971[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1971 wurde der Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg gegründet. Die Gründer sahen sich herausgefordert, der Zeit entsprechend den Gemeinden zu neuem Liedgut zu verhelfen. Der Arbeitskreis hatte ein umfangreiches Fortbildungsprogramm, um zur Verbreitung der neuentstandenen Lieder und zu Qualifizierungsmaßnahmen für Chöre, Bands und Gemeinden beizutragen.[10]

Die prägenden Mitglieder waren die Texter und Komponisten Eugen Eckert, Dietmar Fischenich, Winfried Heurich, Joachim Raabe, Horst Christill, Peter Reulein und der langjährige Vorsitzende Patrick Dehm. Ein Merkmal für das produktive Schaffen sind die über 25 erschienenen Chor- und Liederbücher. Nachfolgend eine Auswahl:

  • 1994 Chorbuch „Vom Leben singen“ mit 188 Liedern
  • 1999 Chor- und Bandbuch* „die Zeit färben“ mit 161 Liedern
  • 2003 Chorbuch „Lass dein Licht leuchten“, mit 103 Liedern
  • 2008 Liederbuch „Weil du da bist“ – Kinder-Gotteslob mit 380 Liedern
  • 2009 Chor- und Bandbuch „Weil der Himmel uns braucht“ mit 200 Liedern
  • 2011 Junges Gotteslob „Ein Segen sein“ mit 720 Liedern

Siehe hierzu auch: InTAKT

AK SINGLES[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Arbeitskreis SINGLES im BDKJ im Erzbistum Köln (gegründet 1971) betrieb jahrzehntelange Aufbauarbeit. Die Mitglieder (Wolfgang Bretschneider, Peter Deckert, Johannes Fromm, Heinz Martin Lonquich, Raymund Weber, später Christoph Seeger, Gregor Linßen und Thomas Quast) veranstalten Workshops, publizieren das „SINGLES Liedblatt“ mit kritisch ausgewählten neuen geistlichen Liedern in Partiturform, und trugen so viel zur Verbreitung von jeweils aktuellem Liedgut bei. SINGLES ist ein Akronym: „Singen Internationaler Neuer Geistlicher Lieder. Ein Serviceangebot“.[11]

Orte und Kontexte des Neuen Geistlichen Liedes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wesentlich für die Verbreitung, Gestalt und Thematik der Neuen Geistlichen Lieder sind die neuen Kontexte, in denen dieses Liedschaffen steht. Bis dahin in der Kirche ungewohnte, aber auch große Veranstaltungsformate und ein entsprechend nachgefragter Markt nach Liederbüchern, Noten und Medien fördern das Aufkommen des Neuen Geistlichen Liedes entscheidend.

Alternative Gottesdienstprojekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Anfang standen alternative Gottesdienstprojekte, wie etwa der Cannstatter Kinogottesdienst, der von Pfarrer Kurt Rommel ins Leben gerufen wurde. Dieser spezielle Ort benötigte eine Musik jenseits des Evangelischen Kirchengesangbuches[12].

Nach dem Zweiten Weltkrieg blühten hier und dort Jazzgottesdienste mit neuer Musikkultur auf.

Auch das Politische Nachtgebet in Köln ab 1968 ist an der Stelle zu nennen.

Christliche Popkonzerte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Ort entstand neben den Gottesdiensten in christlichen Popkonzerten, was für die Kirche damals eine neue Form darstellte. Hinzu kamen christliche "Liedermacher", die entweder allein oder mit ihren Musikgruppen in Gemeinden unterwegs waren.

Verlage und Medienhäuser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Verlage und Medienhäuser entdeckten die Gattung und zugleich einen entsprechenden Markt. Sie produzierten neue Chorhefte und Liederbücher mit dazu gehörenden Tonträgern. Die moderne Medienwelt entdeckte das Neue Geistliche Lied, es wurde auch zu einem Wirtschaftsfaktor.

Zu den Verlagen, die eine Sortimentsschwerpunkt beim Neuen Geistlichen Lied pflegen, gehören unter anderem

Christliche Großveranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der christliche Liedermacher Albert Frey mit der Gitarre auf einer christlichen Großveranstaltung 2013 (ProChrist)

Auch christliche Großveranstaltungen leben von der neuen christlichen Liedkultur und begünstigen diese. Open-Air-Formate fordern keine Orgel, sondern eher das Instrumentarium von Popkonzerten. Große Veranstaltungshallen leben von moderner Veranstaltungskultur. Dazu gehört die Bühnentechnik, die bei großdimensionierten Verstärkeranlagen beginnt und bis zu eindrücklichen Lichteffekten reicht. Beispielhaft zu nennen sind Formate wie

Evangelische Gesangbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Judy Bailey, hier in einem Open-Air-Konzert in Karlsruhe, ist als Liedermacherin mit Werken auch in den neueren Gesangbüchern vertreten. „Danke, Vater, für das Leben“ fand Eingang ins Liederbuch „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder - plus“

Evangelisches Gesangbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Endgültig etabliert hat sich das Neue Geistliche Lied in der Evangelischen Kirche durch die Aufnahme einzelner Lieder ins Evangelische Gesangbuch, das 1996 das Evangelische Kirchengesangbuch der Nachkriegszeit abgelöst hat.

Jetzt waren Lieder von Ernst Arfken, Fritz Baltruweit, Herbert Beuerle, Paul Bischoff, Clemens Bittlinger, Oskar Gottlieb Blarr, Siegfried Fietz, Detlev Jöcker, Thomas Knodel, Johannes Nitsch, Kurt Rommel, Martin Gotthard Schneider, Manfred Siebald, Peter Strauch, Dieter Trautwein, Jürgen Werth und Christoph Zehendner zumindest aus dem Regionalteil der offiziellen Gesangbücher nicht mehr wegzudenken.

Das Evangelische Gesangbuch ist, gerade durch die Hinzunahme des Neuen Geistlichen Liedes, deutlich ökumenischer geworden. Katholische Autoren und Musiker wie etwa Ludger Edelkötter, Winfried Heurich, Peter Janssens, Huub Oosterhuis und Lothar Zenetti stehen selbstverständlich neben den Exponenten evangelischer Spiritualität.

Im Bereich der evangelischen Kirchenmusik ist die Gattung des Neuen Geistlichen Liedes die zur Zeit produktivste Musikrichtung. Die Dichtung und Verbreitung immer neuer Stücke dieser Musikrichtung wird besonders durch den alle zwei Jahre stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag vorangetrieben.

Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2005 neu hinzugetreten ist das Liederbuch Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder, das vom Strube-Verlag für die evangelischen Kirchen in Baden, Württemberg, Pfalz und der Églises Réformée et Luthérienne d'Alsace et de Lorraine herausgegeben wird. Es wurde 2018 noch einmal deutlich erweitert und umfasst inzwischen 224 neue geistliche Lieder[13], die das Evangelische Gesangbuch ergänzen. Das neue Liederbuch wird in einem Zusammenhang gesehen mit dem Liederfrühling nach 1960 in den christliche Kirchen, der viele neue Texte und Melodien mitbrachte, die musikalisch beeinflusst sind durch Jazz-Elemente, durch Spirituals und Chansons.[14]

Freikirchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Tendenz, dem Neuen Geistlichen Lied größeres Gewicht zu verleihen, steht auch das Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche von 2002.

Bildergalerie zu den Liedermachern des Neuen Geistlichen Liedes (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neue Geistliche Lieder im Gotteslob[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neue Geistliche Lieder im Stammteil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Artikel „Liste der Gesänge im Stammteil des Gotteslobs“ sind 37 Lieder mit „NGL“ gekennzeichnet; darunter sind acht Lieder von Peter Janssens. Zusätzlich befinden sich noch 21 Lieder aus Taizé im Stammteil.

Neue Geistliche Lieder in den Eigenteilen des Gotteslobes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Eigenteilen ist der Anteil an Neuen Geistlichen Liedern in der Regel größer. Im Eigenteil der (Erz-)Diözesen Österreichs gibt es beispielsweise 53 Neue Geistliche Lieder (von ca. 200 insgesamt) und vier weitere Taizé-Lieder.

Neue Geistliche Lieder in der Ökumene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da auf Friedhöfen kaum Gesangbücher verschiedener Konfessionen gleichzeitig in Gebrauch sein können, hat die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland für den ökumenischen Gebrauch bei Gottesdiensten anlässlich von Trauerfällen ein gemeinsames Liederbuch herausgegeben. Es ist vor allem die Neuausgabe von 2016 zu nennen: Denn du bist bei mir – Ökumenisches Liederbuch zur Bestattung[15]. Diese Neuausgabe enthält erstmals einen angemessenen Anteil von Liedern aus dem Bereich des NGL. Lieder von Fritz Baltruweit, Eugen Eckert, Hella Heizmann, Siegfried Fietz, Albert Frey, Winfried Heurich, Huub Oosterhuis, Winfried Pilz, Manfred Siebald, Peter Strauch und Lothar Zenetti sind damit in den Kasualgottesdiensten rund ums Begräbnis ebenfalls eine Option.

Kritik am Neuen Geistlichen Lied[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik innerhalb der römisch-katholischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlagzeug, Gitarre und Keyboard, typisches Instrumentarium des Neuen Geistlichen Liedes, spielten, trotz aller Vorbehalte von Benedikt XVI. gegen das Genre, eine Rolle beim Papstbesuch in Deutschland 2011 in Berlin

Innerhalb der römisch-katholischen Kirche kommt es immer wieder zur Kritik am Neuen Geistlichen Lied. Gegner dieser Gattung werfen dem sogenannten „NGL“ eine Profanierung des Mysteriums des römisch-katholischen Glaubens vor. Lieder wie Ins Wasser fällt ein Stein, Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer oder ähnliche Stücke entsprechen nach der Auffassung mancher katholischer Theologen nicht Charakter und Würde der katholischen Liturgie. Viele Lieder seien zwar für Katechesen geeignet, jedoch lasse sich aufgrund ihrer oftmals unliturgischen Texte für sie kein Platz im Gottesdienst finden.

Auch Papst Johannes Paul II., Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus[16] haben wiederholt vor einer Banalisierung der Liturgie gewarnt. Allerdings sei diese Banalisierung nicht per se dem Neues Geistlichen Lied anzulasten, sondern einer oft gedankenlosen Liedauswahl, jedoch oft auch einer minderwertigen Qualität vieler Neuer Geistlicher Lieder. Papst Johannes Paul II. beschrieb 2003 die Anforderungen an liturgische Musik wie folgt: „Was nun die liturgischen Musikkompositionen angeht, so mache ich mir das ,allgemeine Gesetz‘ zu eigen, das der hl. Pius X. folgendermaßen formulierte: ,Eine Komposition für die Kirche ist in dem Maße dem Heiligen angemessener und liturgischer, als sie sich in Rhythmus und Aufbau und Klang dem gregorianischen Gesang nähert, und sie ist umso weniger für das Gotteshaus geeignet, als sie sich von jenem obersten Modell entfernt.‘ Selbstverständlich geht es nicht darum, den gregorianischen Gesang einfach zu kopieren, sondern vielmehr darum, sicherzustellen, daß die neuen Kompositionen von demselben Geist durchdrungen sind, der jenen Gesang hervorbrachte und nach und nach Gestalt gab.“[17]

Nach Joseph Ratzinger darf gottesdienstliche Musik „keine banalisierte Massenmusik“, sondern müsse „geschichtlich bewährte Musik“ sein.[18] Sie müsse sich sowohl an den liturgischen Texten orientieren als auch am gregorianischen Choral und an Palestrina messen lassen können.[19] Daraus ergaben sich für Papst Benedikt XVI. weitreichende normative Vorgaben für die Musica sacra. Er betonte, „dass die Musik, die der Anbetung ,in Geist und Wahrheit‘ dient, nicht rhythmische Ekstase, nicht sinnliche Suggestion oder Betäubung, nicht subjektive Gefühlsseligkeit, nicht oberflächliche Unterhaltung sein kann“.[20] Kirchliche Rock- oder Popmusik wurden von ihm daher vehement zurückgewiesen und Rock- und Popfestivals als „Antikult“ beschrieben.[21] Diesen Musikformen liege eine Ideologie der Selbstbefreiung zugrunde, die dem christlichen Menschenbild zutiefst widerspreche. „Es handelt sich um Erlösungspraktiken, deren Form der Erlösung dem Rauschgift verwandt und dem christlichen Erlösungsglauben von Grund auf entgegengesetzt ist.“[21]

Andererseits hat sich das Neue Geistliche Lied in der katholischen Kirche als gültige Ausdrucksform des Glaubens etabliert. Einige Diözesen unterhalten eigene Stellen zur Pflege des Neuen Geistlichen Liedes als eine Variante der Kirchenmusik. Bereits im Gotteslob (1975) und vor allem in dessen Diözesanteilen gab es neue geistliche Lieder, im Gotteslob (2013) hat deren Anteil beträchtlich zugenommen.

Kritik im Umfeld der Evangelischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Vorwurf, den sich das Neue Geistliche Lied von Anfang an im evangelischen Bereich gefallen lassen musste, war, dass gegen das abstrakte künstlerische Qualitätskriterium (nur was wirklich gut ist, soll gesungen werden) das Erfolgskriterium gesetzt wird. Es gilt damit: "Was ankommt, ist gut!"[22].

Zunächst war beispielsweise das Lied Danke für diesen guten Morgen in Kreisen der evangelischen Kirche sehr umstritten. „Kitsch, lauer Abschaum moderner Reklamemethoden, primitiv, Gotteslästerung, Poesie für Gartenzwerge, Einbruch unterschwelliger Sexualität in die Kirche, miese Süßigkeit, kommunistische und nationalsozialistische Tonart und Musik für liturgische Playboys,“ wurde in den Medien dieses Siegerlied des Tutzinger Preisausschreibens 1961 tituliert[23].

Konrad Klek und Werner Schrade stellten fest: Statt poetischer Hochsprache zeigt sich symbolarme, eindeutige, stellenweise plakative Alltagssprache in den Texten, .... um Verständnisprobleme zu vermeiden. Dem entspricht die Tendenz zu einfachen Melodien. Die zum Teil heftigen Auseinandersetzungen zwischen Protagonisten des Neuen Liedes und den Hütern von Qualität und Tradition füllen Bände.

Standortbestimmung im 21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die breite Aufnahme des Neuen Geistlichen Liedes in fast allen neueren Gesangbüchern christlicher Konfessionen zeigt, dass dieses Genre mitten in der Kirche angekommen ist. Dies wird auch deutlich an der Errichtung von Arbeitsgruppen und Werkstätten für das Neue Geistliche Lied in Ämtern und Referaten für Kirchenmusik.[24]

„Die Begeisterung für Neue Geistliche Lieder, die wir seit Jahrzehnten im gesamten deutschsprachigen Raum erleben, macht deutlich, dass diese neue Art der Kirchenmusik von Menschen gesucht und angenommen wird“, stellt Patrick Dehm fest.[25]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das NGL ist ein begeisternder, etablierter,
pastoral bedeutsamer und liturgisch wertvoller Teil der Kirchenmusik.“

Impulspapier von Tobias Lübbers, Klaus Brantl, Thomas Wiegelmann und Stefanie Lübbers[26]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Hahnen: Das Neue Geistliche Lied als zeitgenössische Komponente christlicher Spiritualität. 2. Auflage. LIT-Verlag, Münster 2003, ISBN 3-8258-3679-7.
  • Peter Hahnen: Liederzünden! Theologie und Geschichte des Neuen Geistlichen Liedes. Lahn-Verlag/Haus Altenberg, Kevelaer/Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-7840-3433-1.
  • René Frank: Das Neue Geistliche Lied – Neue Impulse für die Kirchenmusik. Tectum, Marburg 2003, ISBN 3-8288-8573-X.
  • Dorothea Monninger (Red.): Neue Geistliche Lieder. Töne – Texte – Temperamente. Arbeitsstelle Gottesdienst der EKD, Informations- und Korrespondenzblatt, 16. Jg. Heft 2 (2002).
  • Peter Deckert: DIE NGL-LITERATURLISTE. Bücher, Zeitschriftenartikel, Examensarbeiten zum Thema „Neues Geistliches Lied (NGL) - Sacro-Pop - Religiöse Popularmusik“. Köln 1975–2017 (online; PDF; 678 KB).
  • Bernward Hofmann (Zusammenstellung): Troubadour für Gott – Neue Geistliche Lieder. 6. Auflage. Kolping-Bildungswerk Diözesanverband Würzburg e.V., Würzburg 1999.
  • Peter Bubmann: Das „Neue Geistliche Lied“ als Ausdrucksmedium religiöser Milieus. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 7 (2010), S. 460–468 (online).
  • Alex Stock: Andacht. Zur poetischen Theologie von Huub Oosterhuis, St. Ottilien 2011.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Bubmann, Zeithistorische Forschungen, Heft 3/2010, DAS „NEUE GEISTLICHE LIED“ ALS AUSDRUCKSMEDIUM RELIGIÖSER MILIEUS. Abgerufen am 26. Februar 2019.
  2. "Kommt, atmet auf" - Liederheft für die Gemeinde, Hrsg. Gottesdienst-Institut Nürnberg 2011
  3. Neue Lieder - ein Angebot für die Gemeinden, 1983 als Sonderausgabe für den Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hergestellt durch den Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart, ISBN 3-7751-0839-4
  4. Liederbuch DAS LOB. In: daslob.tk. Josef & Maria MITTERMAIR GnbR, abgerufen am 7. März 2017.
  5. Herausgegeben vom Erzbischöflichen Jugendamt Bamberg (Alois Albrecht), Cantabo Verlag Nürnberg, ISBN 3-9803205-1-0.
  6. Herausgegeben von der Werkstatt Neues Geistliches Lied und dem Erzbischöflichen Jugendamt Bamberg, ISBN 978-3-89889-119-6.
  7. Kindergotteslob – Weil du da bist In: neuesgeistlicheslied.de, abgerufen am 7. März 2017. (PDF; 1 MB)
  8. Junges Gotteslob – Ein Segen sein In: neuesgeistlicheslied.de, abgerufen am 7. März 2017. (GIF-Grafik, 616 × 1128 Pixel)
  9. Peter Janssens, Meine Lieder - 200 Lieder, Peter Janssens Musik Verlag, Telgte-Westfalen 1992, Vorwort S. 6
  10. Begeisterung für neue Kirchenmusik. (Nicht mehr online verfügbar.) In: bistumlimburg.de. 3. Mai 2012, archiviert vom Original am 2. April 2016; abgerufen am 7. März 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bistumlimburg.de
  11. www.ak-singles.de
  12. so Konrad Klek und Werner Schrade, Zur Geschichte des Kirchenliedes, in: Siegfried Bauer, Probieren und Studieren. Lehrbuch zur Grundausbildung in der Evangelischen Kirchenmusik, Strube-Verlag (Edition 9024), München 1996, S. 262, ISBN 3-921946-29-8
  13. Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder - plus, München 2018, Strube Verlag VS 4111, ISBN 978-3-89912-211-4
  14. Vorwort von Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder, Strube-Verlag München 2005, ISBN 3-89912-083-3
  15. Denn du bist bei mir - Ökumenisches Liederbuch zur Bestattung, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg, Schwabenverlag Ostfildern 2018, 4. Auflage, ISBN 978-3-7966-1665-5
  16. Artikel: Mit allen Sinnen Gottes Geheimnis wahrnehmen. 50 Jahre Instruktion „Musicam sacram“: Ansprache des Heiligen Vaters an die Teilnehmer des Internationalen Treffens für Kirchenmusik in der Sala Clementia – 4. März 2017 und Kommentar: Grundlegende Kurskorrektur. In: Die Tagespost Nr. 28, Würzburg 7. März 2017, S. 7.
  17. Chirograph von Papst Johannes Paul II. zum 100. Jahrestag der Veröffentlichung des Motu Proprio „Tra le Sollecitudini“ Über die Kirchenmusik, 22. November 2003, Zugriff am 6. März 2014.
  18. Peter Bubmann: Papst Benedikt XVI. als Musiktheologe. In: Musik und Kirche, Heft 4/5, Jahrgang 2005, Bärenreiter-Verlag Kassel
  19. Joseph Ratzinger: Das Welt- und Menschenbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 11, Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz, 2. Aufl., Hrsg. von Gerhard L. Müller, Freiburg i. B.: Herder, 2008, S. 527–548, hier S. 545; Erstveröffentlichung: 1995.
  20. Joseph Ratzinger Das Welt- und Menschenbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 11, Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz, 2. Aufl., Hrsg. von Gerhard L. Müller, Freiburg i. B.: Herder, 2008, S. 527–548, hier S. 538.
  21. a b Joseph Ratzinger: Das Welt- und Menschenbild der Liturgie und sein Ausdruck in der Kirchenmusik. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 11, Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz, 2. Aufl., Hrsg. von Gerhard L. Müller, Freiburg i. B.: Herder, 2008, S. 527–548, hier S. 541.
  22. so Konrad Klek und Werner Schrade, Zur Geschichte des Kirchenliedes, in: Siegfried Bauer, Probieren und Studieren. Lehrbuch zur Grundausbildung in der Evangelischen Kirchenmusik, Strube-Verlag (Edition 9024), München 1996, S. 262, ISBN 3-921946-29-8
  23. Arnim Juhre (Hrsg.): Singen um gehört zu werden. Lieder der Gemeinde als Mittel der Verkündigung, Jugenddienst-Verlag Wuppertal 1976, S. 25, ISBN 978-3-7795-7511-5
  24. Werkstatt NGL Bamberg
  25. Vorwort auf der Homepage www.neuesgeistlicheslied.de von Patrick Dehm, abgerufen am 2. März 2019
  26. www.ngl-heute.de, Impulspapier zum Neuen Geistlichen Lied von Tobias Lübbers, Klaus Brantl, Thomas Wiegelmann und Stefanie Lübbers, S. 17, abgerufen am 3. März 2019